„Nichts Elenderes als ein Mensch, der alles wie im Kreise durchläuft, die Tiefen der Erde ergründen will, wie Pindar sagt, der um alles und jedes sich kümmert, auch um das, woran sonst niemand denkt, der nicht aufhört über die Vorgänge in der Seele des Nächsten seine Gedanken zu machen und nicht begreifen mag, dass es genug ist, für den Gott in der eignen Brust zu leben und ihm zu dienen, wie sich´s gebührt.
Das aber ist sein Dienst:
Ihn rein zu erhalten von Leidenschaft von Unbesonnenheit und von Unlust über das, was von Göttern und Menschen geschieht.
Denn die Handlungen der Götter zu ehren, gebietet die Tugend, und mit denen der Menschen sich zu befreunden die Gleichheit der Abkunft, obwohl die letzteren allerdings auch zuweilen etwas Klägliches haben, weil so viele nicht wissen, was Güter und was Übel sind, — eine Blindheit, nicht geringer als die, wenn man Schwarz und Weiß nicht unterscheiden kann.“
Auszug aus
Selbstbetrachtungen
Marcus Aurelius Augustinus
https://www.projekt-gutenberg.org/antonius/selbstbe/chap002.html
- Was dem Schwarm nicht zuträglich ist, taugt auch nichts für die einzelne
Biene. - Tue nichts mit Unwillen, nichts ohne Rücksicht aufs Gemeinwohl, nichts übereilt, nichts in Zerstreuung. Kleide deine Gedanken nicht in zierliche Worte, sei nicht weitschweifig in deinen Reden, noch tue vielgeschäftig.
Vielmehr sei der Gott in dir der Führer eines gesetzten, erfahrenen, staatsklugen Mannes, eines Römers, eines Kaisers, eines Soldaten auf seinem Posten, der das Signal erwartet, eines Menschen, bereit ohne Bedauern das Leben zu verlassen, und dessen Wort weder eines Eidschwurs noch der Zeugenschaft anderer bedarf. Dann findet man die Heiterkeit der Seele, wenn man sich gewöhnt, der Hilfe von außen her zu entbehren und zu unserer Ruhe anderer Leute nicht zu bedürfen.
Man soll aufrecht stehen, ohne aufrecht gehalten zu werden. - Liebe immerhin die Kunst, die du gelernt hast, und ruhe dich aus in ihr.
Doch gehe durchs Leben nicht anders wie einer, der alles, was er hat von ganzem Herzen den Göttern weiht, niemandes Tyrann und niemandes Knecht. - Ist die Welt etwas Wohlgeordnetes oder ein zufälliges Durcheinander, das man aber doch Weltordnung nennt?
Wie? In dir ist Ordnung, und im Weltganzen wäre alles Gewirr und Unordnung?
Und das bei der so harmonischen Verknüpfung aller möglichen Kräfte, die einander widerstreiten und zerteilt sind - Der Mensch, das uns am nächsten stehende Wesen, insofern wir ihm wohltun und ihn ertragen sollen; insofern aber einer mich an Erfüllung meiner Pflichten hindert, wird er für mich zu einem der gleichgültigen Dinge ebenso gut wie die Sonne, der Wind oder ein Tier
- Also sind auch der Rachen des Löwen, das Gift, alles Schädliche, wie Dornen und Sümpfe, ein Zubehör der prachtvollen und schönen Welt. Fort also mit dem Wahne, als stünden sie mit dem Wesen, das du verehrst, in keiner Verbindung, beachte vielmehr die wahre Quelle aller Dinge.
- Beschränke deine Tätigkeit auf weniges, sagt Demokritos, wenn du in deinem Innern ruhig sein willst. Vielleicht wäre es besser, zu sagen:
Tu das, was notwendig ist und was die Vernunft eines von Natur zur Staatsgemeinschaft bestimmten Wesens gebietet und so, wie sie es gebietet; dies verschaft uns nicht nur die Zufriedenheit, die aus dem Rechttun, sondern auch diejenige, die aus dem Wenig tun entspringt. In der Tat, wenn wir das meiste, was in unserem Reden und Tun unnötig ist, wegließen, so würden wir mehr Muße und weniger Unruhe haben.
Frage dich also bei jeglicher Sache: Gehört diese etwa zu den unnötigen Dingen? Man muß aber nicht nur die unnützen Handlungen, sondern auch die unnützen Gedanken vermeiden; denn die letzteren sind auch die Ursache der überflüssigen Handlungen. - …daß man nicht nach der Anerkennung der Menge, sondern nach der Achtung derjenigen, die der Natur gemäß leben, trachten müsse.[…]
Lob solcher Leute, die mit sich selber nicht zufrieden sein können, achtet er für nichts. - Bei jeder Handlung eines anderen, Frage dich: worauf zielt er damit hin, fange damit bei dir selbst an.
- Laß dich nicht hin und her reißen. Bei allem, was du tust, denke an das, was recht ist, und bei allem, was du denkst, halte dich an das, was klar zu begreifen ist.
- Durch deine Geistesschärfe kannst du keine Bewunderung erlangen. Es sei! Allein es gibt vieles andere, wovon du nicht sagen kannst, dass du dazu nicht geeignet wärest. Zeige demnach das an dir, was ganz in deiner Macht steht, sei lauter, ehrbar, arbeitsam, nicht vergnügungssüchtig, zufrieden mit deinem Geschick, genügsam, wohlwollend, freimütig, einfach,
- Die Zeit ist ein Fluß, ein ungestümer Strom, der allesfortreißt. Jegliches Ding, nachdem es kaum zum Vorschein gekommen, ist auch schon wieder fortgerissen, ein anderes wird herbeigetragen, aber auch das wird bald verschwinden.
- Sei wie ein Fels, an dem sich beständig die Wellen brechen: Er steht fest und dämpft die Wut der ihn umbrausenden Wogen. Ich Unglückseliger, sagt jemand, dass mir dieses oder jenes widerfahren musste! Nicht doch! sondern sprich: Wie glücklich bin ich, dass ich trotz diesem Schicksal kummerlos bleibe, weder von der Gegenwart gebeugt noch von der Zukunft geängstigt
- Wer über die Menschen reden will, der muss, wie von einem höheren Standpunkte aus, auch ihre irdischen Verhältnisse ins Auge fassen, ihre Versammlungen, Kriegszüge, Feldarbeiten, Heiraten, Friedensschlüsse, Geburten, Todesfälle, lärmende Gerichtsverhandlungen, verödete Ländereien, die mancherlei fremden Völkerschaften, ihre Feste, Totenklagen, Jahrmärkte, diesen Mischmasch und diese Zusammensetzung aus den fremdartigsten Bestandteilen.
- Denn der Schein ist ein furchtbarer Betrüger, und gerade wenn man glaubt, sich mit den aller bedeutendsten Dingen zu beschäftigen, bezaubert er am meisten.
- Betrachte alles naturgemäße Reden und Tun als deiner würdig. Laß dich also durch keine darauf folgenden Vorwürfe oder das Gerede anderer beeinflussen, vielmehr, wenn etwas gut ist zu tun oder zu sagen, so halte es deiner nicht für unwürdig.
Jene haben eben ihren eigenen Sinn und folgen ihrer eigenen Neigung. Danach schaue dich nicht um, sondern gehe den geraden Weg und folge deiner eigenen und der gemeinsamen Natur. Beide haben nur einen Weg - Stelle dir stets die Welt als ein Geschöpf vor, das nur aus einer Materie und aus einem einzigen Geiste besteht
- Das höchste Gut ist auch das Nützliche. Ja das, was dem vernünftigen Geschöpfe nützlich ist, musst du dir bewahren; ist es dir aber nur als tierischem Wesen nützlich, so lasse es fahren und erhalte dein Urteil frei von Vorurteilen, damit du alles gründlich prüfen kannst
- Prüfe die Gemüter der Menschen, sieh, was die Weisen vermeiden und wonach sie trachten.
- Betrachte unaufhörlich, wie alles Werdende kraft einer Umwandlung entsteht, und gewöhne dich so an den Gedanken, dass die All Natur nichts so sehr liebt, wie das Vorhandene umzuwandeln, um daraus Neues von ähnlicher Art zu schaffen; denn alles Vorhandene ist gewissermaßen der Same dessen, was aus ihm werden soll. Du aber stellst dir nur das als Samen vor, was in die Erde oder in den Mutterschoß fällt. Das ist ganz oberflächlich gedacht.
- Wenn du des Morgens nicht gern aufstehen magst, so denke: Ich erwache, um als Mensch zu wirken.
Warum sollte ich mit Unwillen das tun, wozu ich geschaffen und in die Welt geschickt bin?
Bin ich denn geboren, um im warmen Bette liegen zu bleiben? – »Aber das ist angenehmer.« –
Du bist also zum Vergnügen geboren, nicht zur Tätigkeit, zur Arbeit? Siehst du nicht, wie die Pflanzen, die Sperlinge, die Ameisen, die Spinnen, die Bienen alle ihr Geschäft verrichten und nach ihrem Vermögen der Harmonie der Welt dienen?
Und du weigerst dich, deine Pflicht als Mensch zu tun, eilst nicht zu deiner natürlichen Bestimmung? »Aber man muß doch auch ausruhen?« Freilich muß man das. Indes hat auch hierin die Natur eine bestimmte Grenze gesetzt, wie sie im Essen und Trinken eine solche gesetzt hat. Du aber überschreitest diese Schranke, du gehst über das Bedürfnis hinaus.
Nicht so in den Äußerungen deiner Tätigkeit; hier bleibst du hinter dem Möglichen zurück.
Du liebst dich eben selbst nicht, sonst würdest du auch deine Natur und das, was sie will, lieben. Diejenigen, die ihr Handwerk lieben, arbeiten sich dabei ab, vergessen das Bad und die Mahlzeit. Du aber achtest deine Natur weniger hoch als der Erzgießer seine Bildformen, der Tänzer seine Sprünge, der Geizhals sein Geld, der Ehrgeizige sein bißchen Ruhm? Auch diese versagen sich den Gegenständen ihrer Leidenschaft zuliebe eher Nahrung und Schlaf, als daß sie es weiter zu bringen suchen in dem, was für sie so anziehend ist. Dir aber erscheinen gemeinnützige Handlungen geringfügiger und der Anstrengung nicht so wert. - Warum dich durch die Außendinge zerstreuen? Nimm dir Zeit, etwas Gutes zu lernen, und höre auf, dich wie im Wirbelwind umhertreiben zu lassen. Hüte dich noch vor einer anderen Verirrung, denn es ist auch Torheit, sich das Leben durch zwecklose Handlungen schwer zu machen; man muss ein Ziel haben, auf das sich alle unsere Wünsche, alle unsere Gedanken richten.
Zunächst eine kleine Klarstellung: Marc Aurel (121–180 n. Chr.) hat seine berühmten Selbstbetrachtungen (lateinisch oft als Meditationes bezeichnet) in insgesamt zwölf Büchern verfasst. Ein „Buch 22“ existiert in diesem Werk nicht. Vermutlich beziehst du dich auf eine bekannte Stelle, in der Marc Aurel über das „wenig Tun“ spricht, was häufig in späteren Ausgaben oder Zitaten fälschlich durchnummeriert wird oder missverständlich angegeben ist.
Eine sehr nahe Passage zum Thema „weniger tun“ findet sich im Vierten Buch, Abschnitt 24 (je nach Übersetzer/Edition manchmal auch als Abschnitt 25 geführt). Hier ein Zitat aus einer gemeinfreien deutschen Übersetzung:
„Willst du ein ruhiges Leben führen, so tue nur wenige Dinge.
demokrit
beschränke deine tätigkeit auf weniges
Doch prüfe zuvor sorgfältig, ob sie wirklich notwendig sind.
Denn mit dem Unnötigen verlierst du nur Zeit und innere Ruhe.
Unterlasse darum, was nicht nötig ist:
Dann wird dein Dasein stiller und heiterer sein.“
zufriedneheit di aus dem recht tun und aus dem wenig tun entspringt frage dich ist das hier so mehr musse und wenigrr unruhe
die unnützen gedanken sind auch die wo s die unruhe verschaffen
(Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, Buch 4, 24)
(Die Formulierung kann je nach deutscher Übersetzung leicht abweichen, da das Original auf Griechisch verfasst wurde. Obenstehende Fassung beruht auf einer älteren, mittlerweile gemeinfreien Übertragung.)
Kontext der Stelle
In diesem Abschnitt seiner Meditationes plädiert Marc Aurel für Konzentration auf das Wesentliche und Vermeidung von unnötigem Aktionismus. Er war überzeugt, dass wir unsere Energie oft auf zu viele – und teils unnötige – Aufgaben verteilen. Dies führe zu Rastlosigkeit und Unzufriedenheit. Wer dagegen „wenig, aber gut“ tut und stets den Kern der Dinge im Auge behält, findet zu innerer Ruhe und Gelassenheit.
Falls du also nach dem Zitat suchst, das oft mit „wenig tun“ oder „weniger, aber besser“ verbunden wird: Es stammt sehr wahrscheinlich aus Buch IV seiner Selbstbetrachtungen (oder einer durchnummerierten Ausgabe, die diese Stelle als „Kapitel 22“ o. Ä. aufführt). In den Originalhandschriften existiert jedoch nur die Einteilung in zwölf Bücher.