Letzte generation und Energiewende Rocken

Einleitung:

Im Fokus stehen die Webseite „Energiewende Rocken“ und die Klimaschutzgruppe „Letzte Generation“. Wir analysieren, ob ihre Kommunikation und Aktionen unbeabsichtigt das Gegenteil ihrer Klimaschutzziele bewirken – oder gar bewusst Angst und Unmut schüren, um mittels reflexiver Kontrolle eine bestimmte Reaktion zu provozieren. Dabei betrachten wir Sprache und Rhetorik, genutzte Strategien, Finanzierung sowie die politischen und gesellschaftlichen Folgen.

1. Rhetorik & Sprache

Dramatische Begriffe und Narrative: Beide Akteure verwenden eindringliche Sprache, um Dringlichkeit zu vermitteln. Die Letzte Generation betont, dass ein Klimanotstand herrsche – es drohe sogar das „Aussterben der Menschheit“ – und man die „letzte Generation“ sei, die dies noch verhindern könne . Entsprechend rechtfertigen sie zivilen Ungehorsam (Straßenblockaden, Hungerstreiks) als Notwehrmaßnahme. Diese apokalyptische Rhetorik soll die Ernsthaftigkeit der Klimakrise unterstreichen, wirkt aber auf manche überzogen oder alarmistisch. Auch Energiewende Rocken scheut keine klaren Worte: Der Blog spricht offen von drohendem „Klimakollaps“ und bezeichnet Klimawandelleugner direkt als „Klimaleugner“. Durch diese Wortwahl zieht er eine harte Linie zwischen wissenschaftsbasiertem Klimaschutz und dessen Gegnern. Die Seite entlarvt etwa „leise PR“ und „Meinungsbeeinflussung durch Think Tanks“, die hinter vermeintlich spontaner Kritik an Energiewende und Gewerkschaften stecken . Diese schonungslose Sprache („rechte Bubble“, „leise Lügen“) nennt Akteure beim Namen und soll Desinformation sichtbar machen , kann aber ebenfalls polarisierend wirken.

Angst vs. Fakten: Beide Akteure greifen auf drastische Szenarien zurück, die bei Unterstützern Bewusstsein und Handlungswillen wecken sollen – aber bei Gegnern als Panikmache ankommen. Energiewende Rocken untermauert seine Narrative meist mit wissenschaftlichen Quellen oder Beispielen historischer Lobbystrategien (z.B. ExxonMobil’s Desinformation) und versucht, Fakten gegen Klimaverharmlosung zu setzen . Dennoch vermittelt auch diese Seite implizit: Ohne schnelle Wende drohen katastrophale Folgen. Die Letzte Generation stützt sich in ihrer Kommunikation auf den breiten wissenschaftlichen Konsens zur Klimakrise, dramatisiert ihn aber bewusst, um moralischen Druck aufzubauen. Sätze wie „uns bleiben nur noch wenige Jahre“ oder das Heraufbeschwören künftiger Hungersnöte und Naturkatastrophen sollen Alarm schlagen. Solche Angst-Narrative können zweischneidig sein: Studien zeigen, dass „Angst-Storys“ einerseits wachrütteln und Problembewusstsein schaffen können, andererseits aber auch Überforderung, Abwehr oder Verdrängung auslösen . Manche Menschen reagieren auf allzu düstere Zukunftsbilder mit Resignation oder blocken das Thema ab – ein Effekt, der kontraproduktiv für die Klimabewegung wäre.

Übertreibung oder Emotionalisierung: Kritiker werfen insbesondere der Letzten Generation eine alarmistische und moralisch aufgeladene Rhetorik vor. Cicero beispielsweise charakterisiert ihre Haltung als „naiv“ und betont, dass sie bereit seien, Gesetze zu brechen, weil sie eine beispiellose Katastrophe erwarten . Auch Begriffe wie „Klimaterroristen“ oder „Klima-RAF“ kursieren in der politischen Debatte, was die extreme Emotionalisierung verdeutlicht – diese stammen zwar von Gegnern, sind aber Reaktionen auf die provokanten Aktionen und die Endzeit-Rhetorik der Gruppe. Energiewende Rocken wiederum greift Gegner der Energiewende teils scharf an (etwa indem sie deren Argumente als „Slogans der rechten Bubble“ verspottet ). Diese konfrontative Sprache kann Fronten verhärten: Klimaskeptiker fühlen sich diffamiert und Anhänger bestätigt – ein gemäßigter Dialog wird schwieriger. Insgesamt lässt sich festhalten, dass beide Akteure starke, teils angstbesetzte Narrative einsetzen, um Aufmerksamkeit und Dringlichkeit zu erzeugen. Dies kann einen Beitrag zur Klimadebatte leisten, birgt aber das Risiko, Teile der Bevölkerung durch permanente Alarmstimmung oder harschen Ton zu entfremden.

2. Mechanismen & Strategien

Provokation und Aufmerksamkeit: Die Letzte Generation verfolgt eine bewusste Provokationsstrategie. Durch spektakuläre Regelbrüche – etwa das Festkleben auf Straßen oder das Beschädigen von Kunstwerken – erzwingt sie mediale Aufmerksamkeit. Diese Schocktaktik folgt der Logik: Erst wenn genügend Unmut entsteht, sieht sich die Politik zum Handeln veranlasst. Die Gruppe kalkuliert dabei ein, dass ihre Aktionen Wut hervorrufen. Die Idee dahinter ist, das Thema Klimakrise aus der Gleichgültigkeit herauszureißen, frei nach dem Motto: „Wenn wir nicht nerven, ändert sich nichts.“ Ein solches Aufrütteln durch Regelbruch kann kurzfristig das Problem sichtbar machen, läuft aber Gefahr, langfristig Widerstand statt Zustimmung zu erzeugen. Auch Energiewende Rocken nutzt Mechanismen, um Wahrnehmung zu beeinflussen: Der Blog deckt gezielt Manipulationskampagnen der fossilen Lobby auf (z.B. Astroturfing, Desinformations-Netzwerke) und nutzt investigativen Duktus, um Leser für verborgene Einflussnahme zu sensibilisieren . Diese Strategie der Demaskierung soll das Vertrauen in vermeintlich unabhängige Kritik an der Energiewende untergraben, indem sie deren finanzielle Strippenzieher offenlegt. Dadurch möchte der Autor die öffentliche Meinung im Sinne der Energiewende steuern – gewissermaßen eine Gegen-PR gegen die Anti-Klima-PR. Beide Akteure setzen somit bewusst Kommunikationsstrategien ein, um Reflexe in der Gesellschaft auszulösen: Empörung, Alarm, moralischen Druck – alles, um das Verhalten oder die Haltung der Menschen indirekt zu beeinflussen.

Psychologische Effekte: Die Kommunikation der Gruppen kann starke Gefühle hervorrufen – mit teils unerwünschten Nebenwirkungen. Angst und Schuld: Indem die Letzte Generation betont, dass jeder zusätzliche fossile Tag zukünftige Generationen schädigt, erzeugt sie bei vielen ein Gefühl von Dringlichkeit, bei manchen aber auch Schuldgefühle oder Angst. Psychologisch kann dauernde Angstkommunikation zwei Reaktionen bewirken: Handlungsbereitschaft oder Abwehrhaltung. Einige Bürger reagieren auf Klimaproteste mit Trotz (“Jetzt erst recht Autofahren”), was als psychologischer Reaktanz-Effekt bekannt ist – man lehnt Forderungen ab, weil man sich bevormundet oder bedroht fühlt. Spaltung und Polarisierung: Die Aktionen führen oft zu einer “Wir gegen Ihr”-Dynamik. Unterstützer sehen die Aktivisten als mutige Mahner, Gegner als rücksichtlose Störer. So spalten die Aktionen die Öffentlichkeit in Lager, was sich in heftigen Debatten und auch aggressiven Gegenreaktionen zeigt. Es kam bereits zu Situationen, in denen wütende Autofahrer Aktivisten von der Straße zerrten oder beschimpften. In sozialen Medien befeuern Bilder von festgeklebten Demonstranten ideologische Scharmützel zwischen Klimaschützern und -skeptikern. Diese Polarisierung kann zu weiterer Radikalisierung führen – auf beiden Seiten: Einige Klimaaktivisten fühlen sich angesichts der harten Kritik erst recht bestätigt, noch drastischere Schritte zu erwägen. Umgekehrt radikalisieren sich auch Gegner, indem sie etwa laut über härtere Strafen, Gefängnis oder sogar den „Schusswaffeneinsatz“ fabulieren. Solche extremen Gegenreaktionen hat es zwar nur vereinzelt in rechten Kreisen gegeben, sie illustrieren aber die aufgeheizte Stimmung.

Destabilisierung und reflexive Kontrolle: Reflexive Kontrolle bezeichnet in der Informationskriegführung die Technik, durch gezielte Informationen oder Provokationen den Gegner zu Reaktionen zu verleiten, die ihm letztlich schaden. Übertragen auf diese Thematik könnte man fragen: Verleiten die Klima-Aktivisten Politik und Gesellschaft durch ihre Provokationen zu Selbstschädigendem? Beispielsweise könnte eine Regierung überhart reagieren (etwa Grundrechte einschränken oder Klimaengagement kriminalisieren) und dadurch ihre eigene demokratische Legitimation untergraben – was autoritären Kräften in die Hände spielt. Tatsächlich agitieren einige Hardliner, als wäre die Letzte Generation Staatsfeind Nr.1: Es gab Razzien wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung“, Kontensperrungen und beschlagnahmte Spenden . Konservative Politiker überbieten sich mit Forderungen nach drakonischen Strafen . Dieser law-and-order-Reflex verschiebt den Diskurs: Statt über Klimaschutzmaßnahmen wird über innere Sicherheit und Ordnung diskutiert. Dadurch könnten eigentlich demokratische Institutionen destabilisiert oder in Richtung autoritärer Lösungen gedrängt werden – ein klassischer Effekt reflexiver Kontrolle, wenn er denn von jemandem so beabsichtigt wäre. Beabsichtigte Manipulation? Hierzu fehlen belastbare Hinweise. Weder bei Letzte Generation noch bei Energiewende Rocken gibt es Indizien, dass sie im Geheimen von Gegnern gesteuert werden, um eine Gegenreaktion zu provozieren. Vielmehr scheinen sie aus innerer Überzeugung zu handeln, nehmen aber in Kauf, dass ihre Vorgehensweise heftige Reflexe auslöst. Interessant ist, dass Energiewende Rocken selbst vor solchen Manipulationsmethoden warnt – allerdings mit Blick auf die fossile Lobby. Der Blog zitiert z.B. Forschung zu organisierten Klimaleugner-Netzwerken und empfiehlt aktiv den Dialog mit Andersdenkenden, um Echo-Kammern zu durchbrechen . Das deutet darauf hin, dass zumindest dessen Betreiber sich Spaltungseffekte bewusst sind und gegensteuern wollen. Insgesamt kann man sagen: Reflexive Kontrolle wird hier eher unbewusst ausgeübt – die Proteste bringen Regierung und Bevölkerung in eine Reaktionsspirale, die womöglich dem Klimaschutz eher schadet, doch es gibt keinen Beleg, dass dies von den Akteuren als Strategie gezielt geplant ist.

3. Finanzierung & Interessen

Wer steckt finanziell dahinter? Die Letzte Generation legt über einen Transparenzbericht offen, wie sie sich finanziert. Demnach sammelte die Bewegung 2022 über 900.000 € an Spenden ein . Viele Unterstützer sind Privatpersonen, die die Aktionen mit kleinen Beträgen fördern. Etwa 535.000 € wurden im selben Jahr ausgegeben – größtenteils für logistische Kosten (Mieten von Räumen für Treffen, Transport, Material wie Klebstoff, Warnwesten, Flyer) . Es fließt also Geld, um die Infrastruktur der Proteste aufrechtzuerhalten, doch Hinweise auf persönliche Bereicherung gibt es nicht – die Aktivisten erhalten nach eigener Aussage kein Gehalt, höchstens Erstattung von Aktionskosten. Zusätzlich zu den privaten Spenden erhielt die Gruppe eine Zuwendung von rund 50.000 € vom amerikanischen Climate Emergency Fund . Dieser Fonds wurde eigens gegründet, um weltweit Klima-Protestbewegungen zu unterstützen. Bemerkenswert: Unter den Geldgebern dieses Fonds ist z.B. Aileen Getty, eine Enkelin des Öl-Milliardärs Jean Paul Getty . Ebenso spendeten Hollywood-Figuren wie der Regisseur Adam McKay und die Disney-Erbin Abigail Disney an den Fonds . Manche Kritiker finden es ironisch, dass ausgerechnet Öl-Geld indirekt Klimaaktivismus fördert. Allerdings ist hier kein doppeltes Spiel nachweisbar – Aileen Getty etwa engagiert sich aus schlechtem Gewissen über das Ölvermögen für den Klimaschutz. Die finanzielle Unabhängigkeit der Letzten Generation von Staat oder Konzernen ist dennoch ein Streitpunkt: Gegner spekulieren immer wieder über dunkle Geldströme oder „Drahtzieher im Hintergrund“. Konkrete Belege dafür gibt es nicht. Die bisherigen bekannten Geldquellen stehen klar auf der Seite der Klimabewegung und haben ein Interesse an mehr Klimaschutz, nicht an Verzögerung.

Energiewende Rocken ist ein deutlich kleineres Projekt, praktisch ein Ein-Mann-Blog von Klaus Müller aus Kalefeld. Er betreibt die Webseite nach eigenem Bekunden aus Idealismus und bittet seine Leser um freiwillige Spenden zur Unterstützung seiner Arbeit . Zudem ist er offenbar im Umfeld der Europäischen Energiewende Community e.V. aktiv, möglicherweise als Mitglied dieses Vereins . Finanzierungshinweise auf der Seite zeigen Verbindungen zu gemeinnützigen Klimaschutzorganisationen: So ruft der Blog etwa dazu auf, den Solarenergie-Förderverein (SFV) mit Spenden zu unterstützen oder Vereinsmitglied zu werden. Dies legt nahe, dass Energiewende Rocken ideell und finanziell in die pro-Energiewende-NGO-Szene eingebettet ist. Eine institutionelle Großfinanzierung durch Industrie oder staatliche Stellen ist nicht ersichtlich – eher handelt es sich um Grassroots-Journalismus. Im Gegenteil: Müller richtet sich ja explizit gegen die finanzmächtigen Lobby-Netzwerke der fossilen Industrie. So beleuchtet er in Artikeln detailliert, wer hinter den Klimaleugner-Argumenten steckt, und nennt z.B. die Mercer Family Foundation als großen Geldgeber rechter Leugner-Plattformen . Damit schlägt er sich klar auf die Seite der Energiewende-Befürworter und stellt transparente Interessen dar: Sein Ziel ist 100 % Erneuerbare bis 2030, nicht Profit oder politischer Einfluss zu anderen Zwecken.

Interessenkonflikte und Profiteure: Die Frage, ob es Verbindungen zu Akteuren gibt, die von einer verzögerten Energiewende oder gesellschaftlicher Spaltung profitieren, ist brisant. Bei Letzter Generation wurden solche Verbindungen weder offen bekannt noch durch Recherchen belegt. Weder die fossile Industrie noch politische Extremisten finanzieren offiziell diese Gruppe – das würde dem erklärten Ziel (rascher Klimaschutz) fundamental widersprechen und wäre ein enormes Risiko, entdeckt zu werden. Allerdings profitieren gewisse Kreise indirekt von den Nebenwirkungen der Proteste. Zum Beispiel können klimaskeptische Parteien wie die AfD oder Hardliner in etablierten Parteien den Unmut über die Störungen für sich nutzen. Je mehr Teile der Bevölkerung verärgert sind, desto empfänglicher sind sie für Botschaften wie „Schluss mit der Klimahysterie“ oder „Härte gegen die Klimachaoten“. In dieser Hinsicht könnte man spekulieren, ob nicht z.B. die fossile Lobby oder rechtspopulistische Akteure ein Interesse an der Eskalation haben. Tatsächlich kennen wir aus Desinformationskampagnen das Muster, progressive Bewegungen zu diskreditieren, um eigene wirtschaftliche Interessen zu sichern – man denke an gezielte mediale Skandalisierung. Es gibt Hinweise, dass z.B. russische Staatsmedien und Trolle westliche Gesellschaften spalten wollen, indem sie kontroverse Themen hochkochen; die Klimadebatte ist da keine Ausnahme. Konkrete Finanzierung oder Steuerung der hiesigen Klimaaktivisten durch Russland oder Exxon & Co ist aber bisher nicht ans Licht gekommen. Transparenz: Positiv zu vermerken ist, dass Letzte Generation mit dem erwähnten Transparenzbericht sowie öffentlichen Stellungnahmen zu Spenden (etwa nach den Razzien in Bayern) um Offenlegung bemüht ist . Dadurch kann jeder nachvollziehen, woher Geld kam und wofür es ausgegeben wurde. Diese Transparenz soll Vertrauen schaffen und Gerüchten vorbeugen. Ähnliches gilt für Energiewende Rocken: Als Blog eines Einzelnen unterliegt es keiner Rechenschaftspflicht, doch Müller macht im Impressum und in Aufrufen klar, dass es sich um ein unabhängiges Projekt handelt, das auf Crowd-Unterstützung hofft . Sollte also tatsächlich eine „gelenkte Opposition“ vorliegen, wäre sie äußerst gut verschleiert – die derzeit verfügbaren Informationen deuten eher auf ehrliches Engagement hin, ohne versteckte Profiteure im Hintergrund.

4. Politische & gesellschaftliche Auswirkungen

Reaktionen der Öffentlichkeit: Die Aktionen der Letzten Generation stoßen nach Umfragen bei einer großen Mehrheit der Deutschen auf Ablehnung. In einer repräsentativen Befragung von 2023 gaben 85 % an, Straßenblockaden seien „nicht gerechtfertigt“; nur 13 % fanden sie gerechtfertigt . Ähnliche Werte zeigen andere Umfragen (SPIEGEL/Civey ermittelte 79 % Ablehnung ). Diese Zahlen machen deutlich, dass die Protestform enorm unpopulär ist und viele Menschen eher gegen die Methoden der Klimabewegung eingenommen werden. Das Ziel der Aktivisten – mehr Unterstützung für drastische Klimapolitik – scheint zumindest kurzfristig verfehlt, da ihre Mittel vor allem Widerwillen erzeugen. In der öffentlichen Debatte überlagert oft die Kritik an den Protesten das ursprüngliche Anliegen Klimaschutz. Selbst prominente Umweltpolitiker der Grünen distanzieren sich: Wirtschaftsminister Robert Habeck nannte die Klebe-Aktionen „politisch falsch“ , und auch andere Grüne betonen, dass solche Regelbrüche dem Anliegen eher schaden. Parteien der Mitte bis rechts nutzen die Gelegenheit, sich als Wahrer von Ordnung und Vernunft zu profilieren – was mitunter einen politischen Rechtsruck begünstigt. Beispielhaft dafür ist der CSU-Politiker Alexander Dobrindt, der vor einer „Klima-RAF“ warnte und härtere Strafen forderte . Die Ampel-Regierung insgesamt gerät unter Druck, Stärke zu zeigen, um nicht die konservative Narrative zu bedienen, sie würde Chaos dulden. Diese politische Abgrenzung isoliert die Letzte Generation weiter.

Erreichen sie ihre Klimaziele? Direkt betrachtet hat weder die Letzte Generation noch Energiewende Rocken bislang eine Beschleunigung der Energiewende in Deutschland bewirken können. Die Letzte Generation fordert z.B. Klimaneutralität bis 2030, ein Tempolimit 100 und ein dauerhaft günstiges Nahverkehrsticket – keine dieser Forderungen ist erfüllt. Im Gegenteil, manche Entwicklungen laufen rückwärts (Tempolimit ist politisch vom Tisch, Autobahnausbau geht weiter, Klimaziele 2030 sind akut gefährdet ). Es gibt Stimmen, die sagen, jeder Eklat der „Klimakleber“ treibe mehr Menschen in die Opposition gegen Klimaschutz . Damit würde die Gruppe ihrem Anliegen einen „Bärendienst“ erweisen. Allerdings ist das Bild nicht ganz schwarz-weiß: Eine Analyse des Soziologen Nils Kumkar weist darauf hin, dass es bislang kaum Anzeichen gibt, dass die Aktionen der Letzten Generation die generelle Zustimmung zu Klimaschutzmaßnahmen verringert hätten . Die Mehrheit der Bürger steht weiterhin hinter dem Ziel, den Klimawandel aufzuhalten – sie lehnt nur diese speziellen Protestformen ab. Mit anderen Worten: Die Bewegung verliert die PR-Schlacht, aber das Thema Klima bleibt wichtig. In Umfragen nennen die Deutschen den Klimawandel weiterhin als eines der größten Probleme und rund 44 % fordern sogar mehr Tempo beim Klimaschutz . Dieses Paradox – man will Klimaschutz, aber verurteilt die Klimaproteste – zeigt, dass die Gruppen zwar Aufmerksamkeit erzeugen, aber die Art und Weise viele vor den Kopf stößt.

Gegenreaktion und gesellschaftliche Spaltung: Ein sichtbarer Effekt ist die Emotionalisierung und Verhärtung der Klimadebatte. Sachfragen (wie etwa die Ausgestaltung des Heizungsgesetzes oder der Kohleausstieg) werden zunehmend in einem aufgeheizten Klima diskutiert, oft vermischt mit dem Urteil über Protestaktionen. Talkshows, Zeitungskommentare und Stammtische drehen sich mehr um „Klebt da jemand fest und gehört der ins Gefängnis?“ als um die Frage „Wie erreichen wir 1,5-Grad?“. Dieses Abgleiten der Debatte in Kulturkampf-Terrain – Ordnung vs. Chaos, Jung vs. Alt, links vs. rechts – entgleist die eigentliche Sachdebatte. Politiker, die harte Linien fordern, fühlen sich bestätigt, moderatere Stimmen haben es schwerer. In Extremfällen führt die Polarisierung dazu, dass kompromissorientierte Klimapolitik blockiert wird: So wurde z.B. das Klimaschutzgesetz jüngst aufgeweicht, teils unter Verweis darauf, man brauche „realistische Lösungen statt Klima-Ideologie“ – ein Seitenhieb, der zwar primär die Grünen trifft, aber das von Aktivisten erzeugte Framing (Klimaschutz = Radikalität) mitnutzt. Gesellschaftlich sorgt das Thema für Streit zwischen Generationen (viele Ältere empfinden die Proteste als Zumutung, viele Jüngere die Untätigkeit der Alten als Verrat) und kann Vertrauen in Institutionen erschüttern. Wenn zum Beispiel die Justiz mit tausenden Verfahren gegen Sitzblockierer beschäftigt ist , während parallel große Klimaziele verfehlt werden, fragen sich manche, ob der Staat die Prioritäten richtig setzt. So gesehen, ja: Die Debatten werden emotionaler, polarisierter und teils destruktiv. Eine gesellschaftliche Spaltung entlang der Klimafrage wird wahrscheinlicher, je länger sich Aktionen und Gegenreaktionen hochschaukeln.

Ein interessanter Nebenaspekt: Die heftige Gegenreaktion könnte langfristig auch einen Backlash gegen die Gegenreaktion provozieren. Sobald nämlich Proteste zu stark kriminalisiert oder verteufelt werden, könnte ein Teil der bisher schweigenden Mitte dies als Übertreibung empfinden und wiederum mehr Sympathie für das Grundanliegen entwickeln. Dieser Effekt ist bislang aber wenig sichtbar – noch dominiert Unverständnis gegenüber den Formen des Protests. Die Letzte Generation hat angekündigt, 2024 verstärkt politisch mitmischen zu wollen (etwa durch Kandidatur bei der Europawahl und neue Versammlungsformen statt Straßenkleben ). Ob sie damit konstruktiver wirkt oder weiterhin Abwehrreflexe auslöst, wird sich zeigen.

Fazit: Bewusste „reflexive Kontrolle“ oder ungewollter Bumerang?

Insgesamt deuten die recherchierten Fakten darauf hin, dass weder „Energiewende Rocken“ noch die „Letzte Generation“ absichtlich eine gegenteilige Wirkung ihrer Ziele herbeiführen wollen. Ihre Rhetorik ist zwar alarmierend und emotional, zielt aber erkennbar darauf ab, mehr Klimaschutz zu erreichen – nicht weniger. Reflexive Kontrolle im Sinne einer strategischen Manipulation (à la „wir schüren Panik, damit die Leute aus Trotz das Gegenteil tun“) ist von ihnen selbst wohl kaum beabsichtigt. Eher handelt es sich um einen Kommunikationsansatz mit Risiko: Man überzeichnet Gefahren und provoziert Konflikte in der Hoffnung, die Gesellschaft „wachzurütteln“. Dabei nehmen sie in Kauf, dass kurzfristig Ablehnung und Unmut entstehen. Dieses Kalkül kann aufgehen, wenn dadurch langfristig ein Umdenken erfolgt – es kann aber auch als Bumerang wirken, der die Fronten verhärtet. Zahlreiche Indizien sprechen dafür, dass letzteres derzeit passiert: Die Sprache der Klimakrise wird schriller, aber viele Menschen schalten auf stur. Die Bewegung bringt zwar Klimathemen in die Schlagzeilen, erntet jedoch enormen Gegenwind in der Bevölkerung und von Politikern bis hin zu Verbündeten . Es gibt Spaltungstendenzen und Radikalisierung in der Debatte, was am Ende den Fortschritt beim Klimaschutz bremsen kann – genau das, was die Aktivisten eigentlich vermeiden wollten.

Unbeabsichtigte Folgen: Sollte tatsächlich eine „reflexive“ Dynamik im Gange sein, dann eher in dem Sinne, dass Gegenspieler diese Proteste ausnutzen, um ihre eigene Agenda zu fördern. So dienen die Extremaktionen der Letzten Generation Fossil-Lobbyisten und populistischen Kräften als willkommenes Feindbild, an dem sie Ängste der Bevölkerung (etwa vor Verboten oder Chaos) festmachen können . Die Reflexe – Empörung, Härteforderungen, Ablehnung von Klimapolitik – werden von diesen Akteuren verstärkt, um die Energiewende zu verzögern. Das heißt: Die reflexive Kontrolle geht eher von den Gegnern aus, welche die Situation lenken, als von den Klimaschützern selbst. Letztere spielen ihnen ungewollt in die Hände, wenn ihre Kommunikationsstrategie die Massen nicht überzeugt.

Bewertung: Energiewende Rocken informiert engagiert über Hintergründe und versucht, Mythen zu zerstreuen – hier liegt keine bewusste Manipulation vor, sondern ein kämpferischer Informationsstil, der manche Gegner abschrecken mag, aber vor allem Aufklärung betreibt. Die Letzte Generation agiert bewusster mit Schock und Emotion; man könnte sagen, sie manipuliert die öffentliche Wahrnehmung durch kalkulierte Tabubrüche, doch eben um den Klimanotstand ins Zentrum zu rücken, nicht um Panik der Panik willen. Reflexive Kontrolle im strengen Sinn (gegnergesteuerte Selbstschädigung) ist nicht nachweisbar. Allerdings erfüllt die Situation teils die Merkmale davon – nämlich, dass durch die Kommunikation eine gegenteilige Reaktion hervorgerufen wird, die den ursprünglichen Zielen entgegenläuft. Diese Gefahr ist real: Wenn infolge der Proteste Klimaschutz politisch toxischer wird und verzögert, bewirken die Gruppen de facto das Gegenteil ihres Anspruchs. Ob das so bleibt, hängt davon ab, wie sich Strategie und öffentliche Meinung weiter entwickeln. Möglicherweise justieren beide Akteure nach: Letzte Generation sucht neue Protestformen und Dialog (z.B. Bürgerräte, politische Teilhabe), und Energiewende Rocken appelliert selbst an die Vernunft zum Diskurs . Das könnte helfen, aus der Eskalationsspirale auszubrechen.

Fazit in Kürze: Die Analysen ergeben kein Anzeichen für eine verschwörerische „reflexive Kontrolle“ durch diese Klimaschutz-Akteure – wohl aber das Bild einer kommunikativen Gratwanderung. Durch drastische Sprache und disruptive Aktionen wollen sie die Energiewende „rocken“, riskieren dabei aber, Teile der Bevölkerung zu verschrecken und Gegenkräfte zu stärken. Die Herausforderung wird sein, Alarm zu schlagen, ohne die Menschen in Angst oder Abwehr zu treiben. Nur dann erreichen sie ihre erklärten Ziele, statt unbeabsichtigt deren Gegenteil zu begünstigen.