Dossier: Chronische Beschwerden des Bewegungsapparates bei Patient (44 Jahre)

Ergänzung zur Erstbehandlung 31.03.2025 J. M.: Fußfaszie und Wade als funktioneller Ausgangspunkt

Im Rahmen der ersten physiotherapeutischen Behandlung wurde gezielt die rechte Plantarfaszie, die Wadenmuskulatur (M. triceps surae) sowie das Sprunggelenk mobilisiert – u. a. durch manuelle Techniken, Schröpfung und intensive Triggerpunktbehandlung. Diese Vorgehensweise erwies sich trotz hoher Schmerzintensität als strategisch fundierter und ganzheitlicher Therapieeinstieg.

Angesichts der umfassenden rechtsseitigen Beschwerden entlang der hinteren myofaszialen Kette (Plantarfaszie – Wade – Oberschenkelrückseite – ISG – BWS – Schulter – Nacken) ist der gewählte Behandlungsansatz biomechanisch sinnvoll. Er orientiert sich an Modellen wie der „Superficial Back Line“ nach Thomas Myers sowie an Prinzipien des Tensegrity-Modells, wonach Spannungen im unteren Segment (Fuß, Wade) funktionelle Kompensationen und Überlastungen in weiter proximal gelegenen Körperregionen auslösen können.

Das primäre Ziel dieser Maßnahme war die Wiederherstellung der Sprunggelenksbeweglichkeit, die Verbesserung der faszialen Gleitfähigkeit sowie die Reduktion von pathologischer Spannung, die möglicherweise reflektorisch bis ins Becken und die Wirbelsäule hineinwirkt. Darüber hinaus kann eine chronische Tonuserhöhung im Soleus oder Gastrocnemius myofasziale Triggerzonen mit Ausstrahlungen in Knie, Oberschenkel oder ISG-Bereich bedingen – was mit dem bisherigen Schmerzbild des Patienten übereinstimmt.

Die Wahl, zunächst an der „Basis“ des Körpers zu arbeiten, ist aus funktioneller Sicht besonders relevant bei einem Patienten mit:

  • langjähriger rechtsseitiger Bewegungsmusterstörung,
  • struktureller BWS-Skoliose,
  • anteriorer Beckenverwringung rechts,
  • eingeschränkter tiefer Rumpf- und Fußmuskulatur (Core/Arch-Instabilität),
  • sowie unzureichender propriozeptiver Kontrolle im Stand und Gangbild.

Diese Vorgehensweise deutet auf einen systemischen, ganzheitlich-biomechanischen Therapieplan hin, der nicht rein symptomatisch, sondern kausal orientiert ist. Aufbauend auf diesem Fundament sind in den folgenden Einheiten gezielte Stabilisations-, Mobilisations- und Integrationstrainings (z. B. für Core, Hüftstabilisatoren, Atemmuster) geplant.

Zwischenfazit: Die Initialbehandlung folgt einem nachvollziehbaren funktionellen Konzept, das den Grundstein für eine nachhaltige Reorganisation der Körperstatik legen kann. Die Aktivierung der sensomotorischen Kette „von unten nach oben“ entspricht modernen therapeutischen Prinzipien der strukturellen Integration, wie sie u. a. in der Faszienarbeit, funktionellen Neurologie und präventiven Orthopädie Anwendung finden.


Dossier: Chronische Beschwerden des Bewegungsapparates bei Patient (44 Jahre)

1. Chronologischer Verlauf der Beschwerden und Therapieversuche

Jugend und Diagnose (Teens bis ca. 20 Jahre): Bereits im frühen Jugendalter traten erste Rückenschmerzen auf. Im Alter von etwa 14 Jahren wurde die Diagnose Morbus Scheuermann gestellt, nachdem ein ausgeprägter Rundrücken (Hyperkyphose) der Brustwirbelsäule (BWS) auffiel. Röntgenaufnahmen zeigten keilförmige Wirbelkörper in der BWS – typisch für Scheuermann – sowie eine begleitende Skoliose (Seitabweichung der Wirbelsäule) (Morbus Scheuermann: Symptome, Diagnose, Therapie | Gelenk-Klinik.de). Der Orthopäde verordnete konservative Maßnahmen: Physiotherapie mit Haltungsschulung und krankengymnastischen Übungen zur Kräftigung der Rumpfmuskulatur. Ziel war es, muskuläre Dysbalancen auszugleichen – bekanntlich sind bei Scheuermann die Brustmuskeln oft verkürzt, während die Rückenstrecker gedehnt und geschwächt sind (Morbus Scheuermann: Symptome, Diagnose, Therapie | Gelenk-Klinik.de). Durch regelmäßige Übungen sollte das Ungleichgewicht zwischen Bauch- und Rückenmuskulatur korrigiert werden (Morbus Scheuermann: Symptome, Diagnose, Therapie | Gelenk-Klinik.de). Der Jugendliche führte diese Therapie phasenweise zuhause durch, jedoch ließ die Compliance im Verlauf nach. Ein Korsett wurde aufgrund nur moderater Kyphose und des Alters nicht eingesetzt. In der späten Teenager-Zeit besserten sich die akuten Schmerzen zunächst; es blieb jedoch eine eingeschränkte BWS-Beweglichkeit und eine auffällige Haltung bestehen.

Frühes Erwachsenenalter (20–30 Jahre): In den frühen 20ern begann der Patient mit Kraftsport (Fitnessstudio) in der Annahme, dadurch die Haltung und Stabilität zu verbessern. Allerdings erfolgte das Training ohne professionelle Anleitung. Überlastungen und Fehlbelastungen traten auf: Insbesondere schwere Grundübungen (z. B. Kniebeugen, Kreuzheben) wurden mit unzureichender Rumpfstabilität ausgeführt. Es kam wiederholt zu schmerzhaften Blockierungen im Bereich der Wirbelsäule und des Iliosakralgelenks (ISG) rechts. Retrospektiv ist anzunehmen, dass die bestehenden Statikprobleme (Scheuermann-Kyphose und Skoliose) zusammen mit verkürzten Hüftbeugern die Körperhaltung ungünstig beeinflussten, sodass beim Heben hoher Lasten kompensatorische Bewegungen auftraten. Erste Episoden von akuten Lumbalgien („Hexenschuss“) und ausstrahlenden Schmerzen ins Gesäß oder Bein wurden berichtet. Um das ISG zu entlasten, suchte der Patient gelegentlich einen Chiropraktiker auf; Manipulationen führten zu kurzfristiger Linderung. Eine ärztliche Abklärung in den späten 20ern ergab keinen Bandscheibenvorfall, aber funktionelle Störungen: Ein Orthopäde äußerte den Verdacht auf ein Psoas-Syndrom bzw. muskuläre Dysbalance im Beckenbereich. Dieser Verdacht basierte auf klinischen Tests – z.B. war der FABER-Test (Flexion, Abduktion, Außenrotation der Hüfte) rechts schmerzhaft positiv, was eine ISG-Beteiligung nahelegt (ISG-Syndrom: Schmerzen im Iliosakralgelenk | Gelenk-Klinik.de) (ISG-Syndrom: Schmerzen im Iliosakralgelenk | Gelenk-Klinik.de). Empfohlen wurden Dehnübungen für den Musculus iliopsoas sowie Kräftigung der Rumpfmuskulatur. Gegen Ende der 20er nahm der Patient diese Ratschläge nur sporadisch wahr; die Rückenschmerzen wurden allmählich chronisch und traten nun fast täglich in wechselnder Intensität auf.

Mittleres Erwachsenenalter (30–40 Jahre): Mit fortschreitendem Alter manifestierten sich multiple chronische Beschwerden im gesamten Bewegungsapparat. Durch die Jahre an Fehlbelastung entwickelten sich muskuläre Verspannungen und Schmerzsyndrome entlang bestimmter Körperzüge, vor allem rechtsseitig. Der Patient klagte über persistierende Schmerzen zwischen den Schulterblättern (BWS-Bereich), im Nacken rechts sowie über Schulterbeschwerden rechts. Gleichzeitig bestanden immer wieder ISG-Blockaden rechts mit ausstrahlenden Schmerzen in die rechte Gesäß- und Beinrückseite. Dieses Muster passt zu einer langfristigen einseitigen Belastung und könnte mit der Skoliose sowie dominanter Nutzung der rechten Körperseite zusammenhängen. Die Brust- und Lendenmuskulatur zeigten eine deutliche Dysbalance: verkürzte Brust- und Hüftbeugemuskulatur, geschwächte Rücken- und Gesäßmuskulatur – ein Bild, das teilweise an Janda’sches Upper-/Lower-Crossed Syndrome erinnert. Zudem wurde in diesem Jahrzehnt ein Zwerchfellbruch (Hiatushernie) diagnostiziert, nachdem der Patient vermehrt an Sodbrennen und epigastrischen Schmerzen litt. Diese Refluxbeschwerden strahlten mitunter bis in den Rücken zwischen die Schulterblätter aus. Zwar sind Rückenschmerzen kein typisches Leitsymptom einer Hiatushernie, doch in Einzelfällen können Schmerzen vom Magen-/Zwerchfellbereich in den Rücken projizieren (Zwerchfellbruch: Rückenschmerzen als typisches Symptom?). Der Zusammenhang von Viszeralbeschwerden und Rückenschmerz verunsicherte den Patienten zusätzlich.

In diesem Zeitraum suchte der Patient zahlreiche Therapien auf: Physiotherapie über mehrere Verordnungsserien, fokussiert auf Mobilisierung der BWS und LWS sowie Triggerpunktbehandlung in den verspannten Bereichen; osteopathische Behandlungen, bei denen wiederholt Blockaden im Becken und der Wirbelsäule gelöst wurden; Massagen und Fango-Wärmetherapie, die zwar kurzfristig Entspannung brachten, aber keine dauerhafte Besserung. Zeitweise wurde ein schmerzpsychotherapeutischer Ansatz erwogen, da sich eine starke Fixierung auf das Schmerzempfinden entwickelte. Der Patient zeigte Anzeichen einer Hyperalgesie: Reize, die früher nur Unbehagen verursachten, wurden nun als heftiger Schmerz interpretiert. Dieses Phänomen wurde dem Patienten erklärt – Chronischer Schmerz kann zu einer zentralen Sensibilisierung führen, bei der anhaltende neuronale Erregung die Schmerzschwelle senkt und auch normale Signale als Schmerz wahrgenommen werden ( Central Sensitization: A Generator of Pain Hypersensitivity by Central Neural Plasticity – PMC ). Trotz dieses Wissens fiel es dem Patienten schwer, aus dem Kreislauf auszubrechen; er achtete stark auf jedes Schmerzsignal seines Körpers, was wiederum die Lebensqualität beeinträchtigte.

Aktuelle Phase (40–44 Jahre): In den letzten Jahren intensivierte der Patient die Suche nach neuen Ansätzen und erzielte Teilerfolge mit verschiedenen Methoden aus der Schul- und Alternativmedizin. Positiv hervorzuheben sind folgende Erfahrungen:

  • Radiale Stoßwellentherapie: Zur Behandlung myofaszialer Schmerzpunkte ließ der Patient mehrmals eine extrakorporale Stoßwellentherapie (RSWT) durchführen, insbesondere am rechten Ansatz der Nacken- und Rückenmuskulatur. Dies führte jeweils zu einer spürbaren, wenn auch temporären Schmerzlinderung. Die Wirkung deckt sich mit Studien, die einen Nutzen von Stoßwellen bei myofaszialem Schmerzsyndrom zeigen – vermutlich durch Verbesserung der lokalen Durchblutung und Modulation der Schmerzrezeptoren ( Usefulness of Extracorporeal Shockwave Therapy on Myofascial Pain Syndrome – PMC ) ( Usefulness of Extracorporeal Shockwave Therapy on Myofascial Pain Syndrome – PMC ).
  • Bewegung im Wasser (Pool-Therapie): Wöchentliche Aquatherapie-Einheiten (Bewegungsübungen im warmen Wasser) erzielten eine Reduktion der Schmerzen und eine Entspannung der Muskulatur. Der Auftrieb im Wasser erleichterte insbesondere der Wirbelsäule die Bewegung ohne hohe Belastung. Der Patient berichtet, nach Schwimm- und Aquagymnastik-Einheiten für mehrere Stunden nahezu schmerzfrei gewesen zu sein. Wissenschaftliche Evidenz stützt diesen subjektiven Eindruck: Eine aktuelle randomisierte Studie fand, dass therapeutisches Aquatraining die Schmerzen, Funktion, Lebensqualität und sogar den Schlaf bei chronischem Rückenschmerz stärker verbessern kann als konventionelle Physiotherapie ( Efficacy of Therapeutic Aquatic Exercise vs Physical Therapy Modalities for Patients With Chronic Low Back Pain: A Randomized Clinical Trial – PMC ).
  • Vitamin-D-Substitution: Ein Laborcheck ergab einen Vitamin-D-Mangel (25-OH-Vitamin D deutlich <30 ng/ml). Unter Anleitung seines Hausarztes nahm der Patient daraufhin Vitamin-D_3-Präparate ein. Nach einigen Monaten berichtete er über eine allgemeine Besserung des Befindens: weniger diffusen Muskelschmerz und mehr Belastbarkeit. Möglicherweise trug die Korrektur des Vitamin-D-Spiegels zur Schmerzreduktion bei, denn schwere Vitamin-D-Defizite sind mit erhöhtem Risiko für ausgedehnte muskuloskelettale Schmerzen assoziiert (Vitamin D Deficiency Linked to Increased Risk for Chronic Widespread Pain). Zumindest können niedrige Spiegel zu Muskelschwäche und Knochenschmerzen (Osteomalazie) führen ( Recognizing the musculoskeletal manifestations of vitamin D deficiency – PMC ). In diesem Fall war die Substitution also ein sinnvoller Baustein.
  • DHEA: Auf eigeninitiative ließ der Patient seinen Hormonstatus überprüfen, wobei ein relativer Mangel an Dehydroepiandrosteron (DHEA) auffiel (für das Alter niedriger Normbereich). Ein expertenkundiger Mediziner initiierte daraufhin einen vorsichtigen Therapieversuch mit DHEA-Supplementation. In den Wochen danach fühlte sich der Patient energiegeladener, und subjektiv gingen Schmerzen leicht zurück. Zwar ist die Datenlage limitiert, doch einige Studien weisen darauf hin, dass niedrige DHEA(S)-Spiegel mit chronischen Schmerzzuständen und reduzierter körperlicher Vitalität einhergehen ( Precipitous Dehydroepiandrosterone Declines Reflect Decreased Physical Vitality and Function – PMC ) ( Precipitous Dehydroepiandrosterone Declines Reflect Decreased Physical Vitality and Function – PMC ). Die Einnahme von DHEA wurde fortgeführt, da keine Nebenwirkungen auftraten und der Patient einen Nutzen verspürte.
  • Faszientherapie: Der Patient entdeckte zudem die Faszientherapie für sich. Durch Einsatz einer Schaumstoffrolle (Foam Roller) und gezielte Faszientechniken (z.B. myofasziale Selbstmassage mit einem Ball) behandelte er täglich verhärtete Areale, insbesondere entlang der rechten Rückenstrecker, dem Tractus iliotibialis rechts und der Plantarfaszie. Ergänzend absolvierte er Dehnübungen in schwingender („federnder“) Ausführung, inspiriert von Konzepten des Faszientrainings. Diese Maßnahmen brachten zeitweise spürbare Erleichterung in Form von verbesserter Beweglichkeit und geringerer Steifigkeit am Morgen. Die Wirkungsweise lässt sich durch die Anatomy-Trains-Theorie erklären, die der Patient in populärwissenschaftlicher Literatur kennengelernt hat: Durch das Lösen von Verklebungen und Spannungen in einer Faszienlinie kann sich das Gleichgewicht im ganzen System verbessern. Der Patient hatte den Eindruck, dass z.B. das Bearbeiten der Fußsohle und Wadenmuskulatur (Teil der sogenannten hinteren Muskel-Faszien-Kette) zu Entlastung im Rücken führte.

Trotz dieser positiven Ansätze besteht weiterhin ein Wunsch nach nachhaltiger Selbstregulation. Der Patient möchte nicht mehr im „Therapiehamsterrad“ gefangen sein, sondern eigenständig seinen Körper ins Gleichgewicht bringen. Aktuell (mit 44 Jahren) sind die Schmerzen zwar etwas besser beherrschbar als noch vor einigen Jahren, aber ohne tägliche Übungen und regelmäßige physikalische Unterstützung treten die Beschwerden schnell wieder in den Vordergrund. Dies zeigt die Notwendigkeit eines strukturierten, langfristigen Ansatzes, der alle Aspekte – von körperlichen Dysbalancen bis zur Schmerzwahrnehmung – adressiert.

2. Funktionelle und strukturelle Zusammenhänge der Beschwerdebilder

Im Folgenden werden die vermuteten funktionellen und strukturellen Zusammenhänge erläutert, um ein Verständnis für die komplexe Symptomatik zu schaffen. Dabei spielen sowohl klassische anatomische Wechselwirkungen als auch neuere Konzepte (Faszienketten, Tensegrity-Modell) eine Rolle.

  • Wirbelsäulenstatik bei Morbus Scheuermann und Skoliose: Die kyphotische Fehlstellung durch Morbus Scheuermann hat zu einer dauerhaften Veränderung der Biomechanik geführt. Durch die Keilwirbel in der BWS besteht ein fixer Rundrücken, der nicht vollständig aktiv aufgerichtet werden kann. Diese Hyperkyphose bewirkt, dass der Körperschwerpunkt nach vorne verlagert ist. Als Kompensation entwickelt sich häufig eine Hyperlordose in der Lendenwirbelsäule (Hohlkreuz), um den Blick nach vorne zu richten und das Gleichgewicht zu halten. In diesem Fall liegt zusätzlich eine Skoliose in der BWS vor, d.h. eine seitliche Verbiegung und Rotation der Wirbel. Tatsächlich kann Scheuermann durch ungleichmäßiges Wirbelwachstum mit einer Seitverbiegung einhergehen (Morbus Scheuermann: Symptome, Diagnose, Therapie | Gelenk-Klinik.de). Die Kombination aus Rundrücken und Skoliose führt zu asymmetrischer Belastung: Muskeln und Bänder auf der einen Seite der Wirbelsäule werden verkürzt und überlastet, auf der Gegenseite überdehnt und geschwächt. Bereits in jungen Jahren zeigte sich z.B. eine verkürzte Brustmuskulatur und schwache Rückenmuskulatur (Morbus Scheuermann: Symptome, Diagnose, Therapie | Gelenk-Klinik.de). Dieses Muster – vorne Zug, hinten Schwäche – entspricht einem Teil des Upper Crossed Syndromes nach Janda und begünstigt Nacken- und BWS-Schmerzen. Mit zunehmendem Alter können solche Fehlhaltungen zu degenerativen Veränderungen führen: Ungleichmäßiger Druck auf Bandscheiben und Wirbelgelenke beschleunigt Verschleiß (Spondylarthrose) und kann das Risiko für Bandscheibenvorfälle erhöhen (Morbus Scheuermann: Symptome, Diagnose, Therapie | Gelenk-Klinik.de). Im vorliegenden Fall ist zwar kein akuter Bandscheibenschaden bekannt, doch die chronischen Rückenschmerzen (Post-Scheuermann-Syndrom) sind eine häufige Spätfolge dieser Wachstumsstörung (Morbus Scheuermann: Symptome, Diagnose, Therapie | Gelenk-Klinik.de).
  • Muskuläre Dysbalancen und Faszienzüge: Aus der Haltungsproblematik haben sich über die Jahre spezifische muskuläre Dysbalancen entwickelt. Besonders auffällig ist die Dominanz der rechten Körperhälfte in Bezug auf Verspannungen und Beschwerden (rechter Nacken, rechte BWS-Flanke, rechtes ISG, rechtes Bein hinten). Mögliche Erklärung: Die rechtskonvexe Skoliose (angenommen) würde rechtsseitig eine Verkürzung der autochthonen Rückenmuskulatur bedeuten. Ferner könnte eine Schonhaltung aufgrund von früheren Schmerzen dazu geführt haben, dass immer wieder die rechte Seite stärker belastet wurde. In der Konzeptsprache der Faszienlinien nach Thomas Myers lässt sich vermuten, dass insbesondere die spirale und laterale Faszienlinie auf der rechten Seite dysfunktional sind. Die Spirallinie verläuft schräg über den Rumpf und verbindet z.B. die rechte Schulter über diagonale Bauchmuskeln mit der linken Hüfte und dem rechten Bein. Bei Skoliosen kommt der Spirallinie eine stabilisierende Funktion zu, da sie rotationsbedingte Kollapsneigungen ausgleichen soll (The Spiral Line I’m starting here because this line is … – Instagram). Ist diese Balance gestört – etwa durch dauerhafte einseitige Verkrampfungen – können weiträumige Symptome entstehen. Die laterale Faszienlinie wiederum zieht beidseits entlang der Körperflanke von den peronealen Muskeln am Unterschenkel über die seitlichen Oberschenkel (Tractus iliotibialis), die seitliche Rumpfmuskulatur (M. obliquus externus, M. quadratus lumborum) bis hoch zum M. scalenus im Hals. Eine Verkürzung dieser Kette rechts könnte das rechte Becken nach oben ziehen und die Wirbelsäule in Seitneigung versetzen. Tatsächlich wurden beim Patienten immer wieder Beckenverwringungen diagnostiziert – eine häufige Ursache für ISG-Schmerzen. Asymmetrische Belastungen (z.B. humpelnder Gang, Schonhaltung) und sogar minimale Beinlängendifferenzen können mechanisch zu ISG-Blockaden führen (ISG-Syndrom: Schmerzen im Iliosakralgelenk | Gelenk-Klinik.de) (ISG-Syndrom: Schmerzen im Iliosakralgelenk | Gelenk-Klinik.de). Hier sieht man das Prinzip, wie lokale Dysbalancen (z.B. ein verspanntes Bein oder verkürzte seitliche Hüftmuskeln) sich in fernliegenden Gelenken ausdrücken können.
  • Psoas-Muskel und Beckenfunktion: Ein zentrales Element in der Problematik scheint der Musculus iliopsoas (Lenden-Darmbeinmuskel) zu sein. Dieser tiefe Hüftbeuger verbindet die Lendenwirbelsäule mit dem Oberschenkelknochen und spielt eine Schlüsselrolle für die Stabilität und Beweglichkeit des Beckens. Bei unserem Patienten besteht der Verdacht auf eine funktionelle Psoas-Störung. Ein chronisch verspannter oder verkürzter Psoas kann vielfältige Folgen haben: Er zieht das Becken in eine Vorwärtskippung (Hyperlordose) (Iliopsoas Syndrom – Lumedis – Ihre Psoas-Spezialisten), verstärkt damit das Hohlkreuz und belastet die unteren Facettengelenke der Wirbelsäule. Zugleich kann er durch seinen Ansatz an den Wirbeln eine Seitneigung und Rotation der LWS provozieren, wenn die Verspannung einseitig ist (Beckenstörungen / Psoassyndrom | Carpesana – Manuelle Medizin und Ärztliche Osteopathie). Im beschriebenen Fall würde ein verkürzter rechter Psoas das rechte Darmbein nach vorn-unten ziehen und das Kreuzbein in Gegenrotation versetzen – das deckt sich mit den festgestellten rechtsseitigen ISG-Blockierungen. Hinzu kommt: Der Psoas durchdringt den Zwerchfellbereich. Anatomisch gesehen läuft er direkt neben dem Zwerchfell durch die Bauchhöhle; beide Strukturen sind im tiefen myofaszialen Netzwerk verbunden. Myers bezeichnet diese durchgehende Linie als tiefe Frontallinie (Deep Front Line), die vom Fußgewölbe über die Adduktoren, den Psoas und das Zwerchfell bis zum Kopf reicht (The Deep Front Line – Anatomy Trains Video Subscription). Eine Dysfunktion in diesem Kernsystem beeinflusst Atmung, Haltung und Organe. So kann ein verspannter Psoas reflektorisch auch das Zwerchfell und den Beckenboden in Mitleidenschaft ziehen (Beckenstörungen / Psoassyndrom | Carpesana – Manuelle Medizin und Ärztliche Osteopathie). Bei unserem Patienten ist durchaus denkbar, dass der Psoas-Spasmus eine Kettenreaktion ausgelöst hat: asymmetrische Verspannung des Zwerchfells, Fehlspannung der umliegenden Muskeln (Beckenboden, tiefe Rückenmuskeln) und sogar Reizung der angrenzenden Organe. Interessanterweise hat der Patient eine Hiatushernie – man kann spekulieren, dass chronischer Zug am Zwerchfell (durch Psoas-Verkürzung und Hyperlordose) die anatomische Barriere am Hiatus oesophageus beeinträchtigt hat. Umgekehrt können Schmerzen durch den Zwerchfellbruch wiederum eine Schutzspannung im Psoas aufrechterhalten. Hier greifen also viszerale und muskuloskelettale Faktoren ineinander.
  • Core-Stabilität und Tensegrity: Ein übergeordnetes funktionelles Konzept ist die Core-Stabilität – also die Stabilität der Körpermitte – und das Tensegrity-Modell des Körpers. Die Wirbelsäule an sich ist eine eher instabile Konstruktion aus übereinander gestapelten Wirbeln. Stabilität entsteht erst durch das Zusammenspiel der umliegenden Strukturen, insbesondere der Muskeln und Faszien, die wie Spanndrähte (Guywires) die Wirbelsäule aufrichten. Nach Prof. Stuart McGill bedeutet Core-Stabilität vor allem, ausreichend Rumpfmuskel-Steifigkeit zu erzeugen, um die Wirbelsäule unter Belastung zu schützen (The McGill Big 3 For Core Stability – Squat University) (The McGill Big 3 For Core Stability – Squat University). Bei unserem Patienten ist anzunehmen, dass lange Zeit eine ungenügende tiefe Rumpfaktivität vorlag – beispielsweise schwache tiefe Bauchmuskeln (M. transversus abdominis) und multifidäre Wirbelmuskeln. Dadurch kam es bei Alltags- und Sportbelastungen zum „Wegknicken“ in bestimmten Segmenten, was Verletzungen und Schmerzen verursachte. Hier setzt das Tensegrity-Prinzip an: Der Körper lässt sich als ein System aus Zug- und Druckelementen verstehen, das durch dauerhafte Spannung in den weichen Strukturen (Muskeln/Faszien) und dynamische Druckverteilung in den harten Strukturen (Knochen) stabil bleibt ( A Review of the Theoretical Fascial Models: Biotensegrity, Fascintegrity, and Myofascial Chains – PMC ). Die Knochen „schwimmen“ dabei in einem Netzwerk aus gespannten Faszien und Muskeln und werden von diesem in Position gehalten (Tensegrity in the Body Webinar – Continuing Education Units). Übertragen heißt das: Wenn wichtige Spannungsgeber (z.B. Bauch-/Rückenmuskulatur) zu wenig Spannung liefern, müssen andere Strukturen die Last übernehmen – etwa passive Bänder oder einzelne Muskeln verspannen sich kompensatorisch übermäßig. Genau dies sehen wir im Beschwerdebild: mangelnde zentrale Stabilität führt zu Überlastung peripherer Strukturen. Beispielsweise könnte das Fehlen von tiefer Bauchspannung dazu geführt haben, dass der M. iliopsoas eine statische Haltearbeit übernimmt, für die er nicht primär gedacht ist – er verkrampft und löst die genannten Kettenreaktionen aus. Ebenso mussten evtl. die langen Rückenstrecker mehr Haltearbeit leisten und wurden chronisch überansprucht. Das Tensegrity-Modell betont auch, dass Änderungen in einem Teil des Systems sich auf andere Teile übertragen: Ein Ungleichgewicht kann sich global manifestieren. Wenn man dieses Prinzip versteht, wird klar, warum die Therapie ganzheitlich ansetzen muss, um dem Patienten nachhaltig zu helfen.
  • Schmerzverarbeitung (Neuromuskulär und psychisch): Jahrzehntelange Schmerzen haben beim Patienten zu einer veränderten Schmerzverarbeitung geführt. Zentralnervöse Anpassungen – Stichwort zentrale Sensibilisierung – bewirken, dass Schmerzreize stärker empfunden werden als normal (Hyperalgesie) und manchmal sogar nicht-schmerzhafte Reize Schmerz auslösen (Allodynie) ( Central Sensitization: A Generator of Pain Hypersensitivity by Central Neural Plasticity – PMC ). Diese Überempfindlichkeit ist nicht „eingebildet“, sondern Ergebnis echter neuroplastischer Veränderungen in Rückenmark und Gehirn, die die Schmerzschwelle absenken. Zudem spielt die psychische Komponente eine Rolle: Der Patient richtet sehr viel Aufmerksamkeit auf körperliche Empfindungen, in Erwartung des nächsten Schmerzes. Dieses Phänomen der Schmerzhypervigilanz kann ein Teufelskreis sein – Angst vor Schmerz führt zu Verspannung und Vermeidungsverhalten, was wiederum Schmerz begünstigt. Auch hier bestehen funktionelle Zusammenhänge: Hohe Muskelspannung durch Stress und Angst (ggf. erhöhter Sympathikotonus) verschlimmern die muskulären Probleme. Insbesondere der Zwerchfell- und Psoasbereich reagieren empfindlich auf psychischen Stress („Bauchgefühl“). Insgesamt muss daher sowohl auf physischer Ebene (Haltung, Muskeln, Faszien) als auch auf neuronaler Ebene (Schmerzwahrnehmung, Entspannung) angesetzt werden, um die Chronifizierung zu durchbrechen.

Fazit der Zusammenhänge: Das komplexe Beschwerdebild ist das Resultat eines Zusammenspiels aus strukturellen Veränderungen (Scheuermann, Skoliose, Hernie), muskulären Dysbalancen (verkürzter Psoas, schwacher Core etc.), faszialen Zuglinien und neurogenen Schmerzprozessen. Keiner dieser Faktoren allein erklärt alle Symptome – erst in der Summation und Wechselwirkung wird das Bild verständlich. Diese Erkenntnis leitet direkt über zur Therapieplanung: Erfolgreich kann nur ein Ansatz sein, der ganzheitlich und vernetzt an den Ursachen ansetzt.

3. Evidenzbasierte Trainingsmethoden und Mikro-Trainingspläne

Auf Basis der oben erläuterten Zusammenhänge werden nun Trainingsmethoden vorgestellt, die wissenschaftlich fundiert sind und auf die Bedürfnisse dieses Patienten zugeschnitten werden können. Dabei geht es um Core-Stabilisierung, Faszientraining sowie spezielle funktionelle Übungen unter Berücksichtigung von Tests (z.B. Faber-Test) und funktioneller Anatomie. Außerdem wird das Konzept des Mikro-Trainings eingeführt, d.h. kurze Übungseinheiten, die in den Alltag integriert werden.

Core-Stabilisation nach Stuart McGill: Professor Stuart McGill, ein führender Wirbelsäulen-Biomechaniker, hat evidenzbasierte Übungsprogramme für die Rumpfstabilität entwickelt. Sein Ansatz fokussiert darauf, die Ausdauer und Koordination der Rumpfmuskulatur zu verbessern, weniger auf maximales Krafttraining einzelner Muskeln. McGill betont, dass isometrische Übungen (Halteübungen) zur Verbesserung der Muskelausdauer der wirbelsäulennahen Muskulatur dynamsichen Kraftübungen überlegen sind, wenn es um die Stabilisierung der Wirbelsäule geht (The McGill Big 3 For Core Stability – Squat University). Konkret bekannt sind die „Big 3“-Übungen nach McGill, die auch hier zum Einsatz kommen sollten: (1) der Curl-Up (eine modifizierte Rumpfbeuge in Schonhaltung), (2) der Seitstütz (Side Plank) und (3) der Vierfüßler-Stand mit Arm-/Beinheben (Bird-Dog). Diese Übungen trainieren die vordere, seitliche und hintere Rumpfmuskulatur in einer Weise, die Wirbelsäulensteifigkeit erzeugt, ohne die Wirbel durch große Beuge-/Drehbewegungen zu belasten (The McGill Big 3 For Core Stability – Squat University) (The McGill Big 3 For Core Stability – Squat University). Wichtig ist, die Übungen mit korrekter Technik und moderater Dauer durchzuführen. Beispielsweise wird der Seitstütz anfangs nur wenige Sekunden gehalten, dafür in mehreren Serien, um die lokale Muskelausdauer aufzubauen. Studien zeigen, dass solche Stabilisationsübungen Schmerz und Funktion bei chronischem Rückenschmerz signifikant verbessern können (im Vergleich zu unspezifischem Training) (Effects of McGill stabilization exercises and conventional …). Für unseren Patienten sind McGills Prinzipien zentral: Durch tägliches Core-Training soll die Wirbelsäule wieder ein stabiles Fundament bekommen, sodass die peripheren Muskeln entlastet werden. Auch Bein- und Gesäßkräftigung gehören dazu (McGill zählt z.B. den M. gluteus medius zum erweiterten Core), etwa in Form von Glute Bridges oder Clamshells (Muschelübung) für die Hüftstabilität. Die Evidenzlage untermauert, dass ein solcher Ansatz sowohl präventiv gegen neue „Zwischenfälle“ wirkt als auch rehabilitativ Schmerzen reduziert (The McGill Big 3 For Core Stability – Squat University).

Faszientraining nach Tom Myers (“Anatomy Trains”): Tom Myers hat mit seinem Konzept der Anatomy Trains das Verständnis für myofasziale Zusammenhänge erweitert. Für den Patienten bedeutet dies, dass das Training nicht isoliert Muskel für Muskel betrachtet, sondern Bewegungsketten und Faszienlinien einbezieht. Praktisch umgesetzt wird dies durch ganzkörperliche Übungen und Dehnungssequenzen, die bestimmten Zuglinien folgen. Beispiel: Zur Ansprache der tiefen Frontallinie (inkl. Psoas und Zwerchfell) eignen sich Übungen wie der Ausfallschritt mit Armhebung und Seitneigung – hierbei wird vom Hüftbeuger über den Rumpf bis in die gegenüberliegende Rumpfseite eine Kette gedehnt. Auch Yoga-Übungen wie der Krieger oder Kamel können modifiziert genutzt werden, um Faszienketten zu dehnen und die Core-Muskulatur gleichzeitig zu aktivieren. Federnde Bewegungen („Cat Stretch“ der Faszien) fördern die elastischen Eigenschaften des Bindegewebes. Studien zum Faszientraining zeigen, dass z.B. Foam Rolling die Bewegungsreichweite kurzfristig erhöht und langfristig die Gleitfähigkeit der Faszien verbessern kann (Studie beweist: Faszien-Rollmassage steigert die Beweglichkeit) (Faszientraining – Wissenschaftliche Fakten und Mythen). Für den Patienten ist insbesondere eine Faszienstimulation der seitlichen Kette ratsam (etwa mithilfe der Faszienrolle an Iliotibialband/Oberschenkel außen) sowie der Rückenlinie (Rollen der Waden, Oberschenkelrückseite, Rückenstrecker). Das soll das verhärtete Gewebe lösen. Anatomy Trains liefert auch Ideen für Integrationstraining: z.B. das Spirallinien-Training, bei dem diagonale Bewegungen geübt werden (etwa Holzhacker-Übung oder diagonales Kabelziehen am Zuggerät), um die Rotationsstabilität zu verbessern. Wichtig ist, immer beide Seiten zu trainieren, aber die schwächere/verkürzte Seite (hier oft rechts) etwas mehr zu fokussieren, um Asymmetrien auszugleichen.

Funktionelle Übungen basierend auf Tests und Anatomie: Der positive FABER-Test rechts und die Befunde einer Psoas-Verspannung deuten auf bestimmte Defizite hin, die gezielt mit Übungen angesprochen werden können. Ein bewährter Test ist auch der Thomas-Test (Überprüfung der Hüftbeuger-Verkürzung). Hierbei zeigte sich beim Patienten wahrscheinlich eine Unfähigkeit, das rechte Bein flach auf der Liege zu halten – ein Zeichen verkürzten M. iliopsoas und Rectus femoris. Daraus folgt als Trainingsprinzip: Hüftbeuger-Dehnung hat hohe Priorität. Praktische Übungen sind etwa das Kniende Hüftbeuger-Stretch (im Ausfallschritt, hinteres Knie am Boden, Becken nach vorn schieben) und der Lunge Stretch mit Armhebung (verstärkt die Dehnung bis ins Zwerchfell). Diese sollten täglich, idealerweise mehrmals, durchgeführt werden, da gerade der Psoas eine „dauertrainierte“ Verkürzung aufweist (viel Sitzen im Alltag). Ergänzend dazu muss die antagonistische Muskulatur stärken, also die Hüftstrecker/Glutealmuskulatur. Hier empfehlen sich z.B. Beckenbrücken (Bridging) wie erwähnt, einbeinige Standübungen oder Step-ups auf eine erhöhte Stufe, um den großen Gesäßmuskel zu kräftigen.

Ein weiterer Fokus ist die obere Crossover-Problematik: Verkürzte Brustmuskeln, schwache Zwischenblattmuskeln. Daher gehören Brustdehnungen (z.B. im Türrahmen dehnen) und Kräftigung der Scapula-Stabilisatoren ins Programm. Übungen wie Rudern am Kabelzug oder mit Theraband, Face Pulls oder Y-T-W-Übungen für die Schulterblattmuskeln sind geeignet, um die Haltung im Schultergürtel zu verbessern. Dadurch wird der Nacken entlastet.

Wichtig bei allen Übungen ist die korrekte Bewegungsausführung und das Prinzip der Schmerzfreiheit: Die Übungen sollen im schmerzfreien Bereich stattfinden, um keine neuen Reize der Überlastung zu setzen. Kurze, dafür häufige Einheiten (Mikrotraining, siehe unten) sind hier sinnvoller als rare Marathon-Workouts, die dann evtl. zu Muskelkater oder Überlastung führen. Die Evidenz unterstützt einen solchen sanften, angepassten Ansatz – Programme zur Stabilisierung und funktionellen Kräftigung, die individuell auf Testbefunde abgestimmt sind, zeigen bessere Ergebnisse als generische „Rückenschulen“ (Effects of McGill stabilization exercises and conventional …) ([PDF] The McGill Approach to Core Stabilization in the Treatment of …).

Mikro-Trainingspläne: Unter Mikrotraining versteht man die Verteilung von Übungssequenzen in kleineren Portionen über den Tag. Für chronische Schmerzpatienten ist dies oft effektiver und besser tolerierbar als eine lange Session, da die Belastung dosiert wird und zwischendurch Regenerationsphasen liegen. Für unseren Patienten bietet sich ein tägliches Übungsprogramm an, das z.B. in drei Abschnitte gegliedert ist (Morgen – während der Arbeit – Abend). Eine mögliche Struktur ist in Tabelle 1 skizziert.

Tabelle 1: Beispielhafter Mikro-Trainingsplan (täglich)

TageszeitÜbungen und DauerZiel und Fokus
Morgen (nach Aufstehen)Mobilisation (5 min): Katzenbuckel und Pferderücken im Vierfüßlerstand, sanfte Rumpfrotation im Liegen; Core-Aktivierung (5 min): McGill-Curl-Up (5×5 Sekunden), Bird-Dog wechselseitig (je 5×5 Sekunden halten), Side-Plank (modifiziert auf Knien, 3× je Seite, 5–10 Sekunden)Wirbelsäule beweglich machen; tiefe Rumpf- und Bauchmuskeln „aufwecken“ für den Tag (verbesserte neuromuskuläre Ansteuerung).
Tagsüber (Mikropausen)Stündliche Haltungspause (1–2 min): Aufstehen, Arme kreisen lassen, Schultern nach hinten unten ziehen (Brust dehnen), 5–10 Kniebeugen locker; Kurzübung alle 3 Stunden: im Stehen ein Bein auf einem Stuhl ablegen und Hüftbeuger dehnen (30 Sekunden je Seite)Durchblutung fördern, einseitigen Belastungen entgegenwirken (bes. bei sitzender Tätigkeit); Erhalt der Beweglichkeit über den Tag, Vermeidung von Daueranspannung.
Abend (nach Arbeit)Faszientraining (10 min): Selbstmassage mit Faszienrolle (Rückenstrecker beidseits je 1 min, Gesäß 1 min, seitlicher Oberschenkel 1 min, Waden 1 min; evtl. Fußsohle mit Ball); Dehnung (5 min): Hüftbeuger-Dehnung kniend (2×30 Sek je Seite), ischiokrurale Muskulatur im Langsitz dehnen (2×20 Sek); Entspannung (5 min): Diaphragma-Entspannung durch tiefe Bauchatmung im Liegen (5 Sek Ein-, 5 Sek Ausatmen, 10 Wiederholungen), ggf. progressive Muskelentspannung für Nacken/Schultern.Reduktion von Muskeltonus und Faszienspannung nach dem Tag; Verbesserung der Gewebeflexibilität; Übergang in einen parasympathischen, entspannten Zustand zur Schlafvorbereitung (wichtig zur Schmerzmodulation).

Anmerkung: Dieser Plan wird individuell angepasst, je nach Tagesform. Bei akuten Schmerzspitzen werden die Übungen modifiziert (z.B. nur Atemübungen und sanfte Dehnungen). Wichtig ist die Konstanz – lieber täglich 20 Minuten verteilt als einmal pro Woche 2 Stunden.

Die oben genannten Methoden basieren auf aktuellen Erkenntnissen und Best Practices. Sie vereinen Muskelkräftigung, Faszienpflege, Mobilitätstraining und Entspannung – genau jene Pfeiler, die in Leitlinien für chronische Rückenschmerzpatienten empfohlen werden. Entscheidend ist, dass diese Maßnahmen evidenzbasiert sind: Studien belegen die Wirksamkeit von Kernstabilisationsübungen (The McGill Big 3 For Core Stability – Squat University), Aquatherapie ( Efficacy of Therapeutic Aquatic Exercise vs Physical Therapy Modalities for Patients With Chronic Low Back Pain: A Randomized Clinical Trial – PMC ), myofaszialem Training und einer aktiven Lebensweise gegenüber rein passiven Therapien.

Durch die Mikro-Strategie soll der Patient lernen, seinen Körper über den Tag hinweg immer wieder „neu auszurichten“ und nicht in alte Muster zu verfallen. Zudem gibt ihm das häufige Üben Erfolgserlebnisse und Kontrolle zurück über den eigenen Zustand – ein wichtiger psychologischer Aspekt der Selbstwirksamkeit.

4. Konkreter Therapieansatz mit begleitender Supervision (3–6 Wochen-Rhythmus)

Aufbauend auf den Erkenntnissen und Methoden soll nun ein Therapieplan entworfen werden, der dem Patienten eine nachhaltige Selbstregulation ermöglicht. Zentrales Element ist ein eigenverantwortliches Übungsprogramm (siehe Mikro-Plan oben), das jedoch durch regelmäßige Überwachung und Anpassung durch einen qualifizierten Therapeuten unterstützt wird. Konkret wird ein Betreuungsrhythmus von anfangs 3-wöchentlich, später 6-wöchentlich vorgeschlagen.

Die wesentlichen Komponenten des Ansatzes:

  • Initiale Analyse und Planerstellung: Zu Beginn führt ein Physiotherapeut (mit Weiterbildung in funktioneller Therapie, McGill-Methode, Faszientherapie) eine gründliche Untersuchung durch. Hierbei werden u.a. Haltung, Beweglichkeit, Muskelfunktionen, Schmerzprovokationstests (FABER, Thomas-Test, Standing Flexion Test etc.) erhoben, um ein individuelles Profil zu erstellen. Gemeinsam mit dem Patienten werden klare Ziele formuliert (z.B. Schmerzreduktion von x auf y, Verbesserung der Beweglichkeit um z Grad, bestimmte Aktivitäten wieder schmerzfrei durchführen können). Anhand der Befunde wird der oben skizzierte Übungsplan auf den Patienten maßgeschneidert – ggf. andere Übungen gewählt, Intensitäten festgelegt, Kontraindikationen beachtet.
  • Tägliches Eigenübungsprogramm: Der Patient übernimmt Verantwortung für die tägliche Durchführung der Übungen. Wichtig ist hier Aufklärung und Schulung: Der Therapeut bringt dem Patienten exakt bei, wie jede Übung auszuführen ist (ggf. mittels Videoaufnahmen oder Spiegeltraining zur Korrektur). Es wird ein Trainingstagebuch empfohlen, in dem der Patient seine Übungen und eventuelle Beschwerden notiert. Dadurch kann der Fortschritt messbar gemacht werden und der Patient reflektiert seinen Umgang mit dem Körper. Gerade bei Hyperalgesie-Patienten ist es sinnvoll, zusätzlich subjektive Parameter zu tracken (z.B. morgendlicher Schmerz auf Skala 1–10, Stresslevel, Schlafqualität), um Zusammenhänge zu erkennen (etwa „nach Übung XY weniger Schmerzen“ oder „an stressigen Tagen mehr Verspannung“).
  • Therapeutische Begleitung alle 3–6 Wochen: Nach der initialen Phase von ca. 3 Wochen mit täglichem Üben findet der erste Follow-Up-Termin beim Therapeuten statt. Dort wird das Trainingstagebuch besprochen, Erfolge und Schwierigkeiten evaluiert. Der Therapeut führt erneut relevante Tests durch – z.B. Prüfung der Hüftbeweglichkeit (hat sich der Thomas-Test verbessert?), Kontrolle der Übungstechnik (wird der Seitstütz korrekt gehalten?) und ggf. Messung von Kraft/Koordination (kann der Patient länger halten als vorher?). Basierend darauf wird der Trainingsplan angepasst: Übungen werden progressiv gesteigert (z.B. längere Haltezeiten, schwierigere Variationen) oder modifiziert, falls etwas nicht vertragen wurde. Auch neue Elemente können hinzukommen, um Abwechslung zu schaffen und weitere Fortschritte anzuregen (bspw. Einführung eines Theraband-Zugprogramms für Rotation oder Integration instabiler Unterlagen für Propriozeption). Zudem kann der Therapeut in diesen Terminen gezielt manuelle Techniken anwenden, falls nötig, jedoch mit dem Ziel, die Eigenübungen zu unterstützen, nicht sie zu ersetzen. Beispiel: Findet sich trotz Übung eine persistierende Triggerzone im rechten Piriformis, könnte eine manuelle Triggerpunktbehandlung oder Stoßwelle dort erfolgen, um den Muskel nochmals „freizusetzen“, damit das Training effektiver greift. Auch Gelenkmobilisationen (sanfte Manipulationen am ISG oder an blockierten BWS-Segmenten) könnten in der Sitzung durchgeführt werden, falls der Patient akut blockiert ist. Der Unterschied zur früheren passiven Therapie ist aber: Diese Maßnahmen erfolgen nur noch gelegentlich und gezielt, nicht als Dauerlösung. Sie sind als Booster gedacht, während das Hauptaugenmerk auf dem aktiven Programm liegt.
  • Verlängerung der Intervalle: Wenn nach einigen Zyklen (z.B. 2–3 Nachsorgetermine im 3-Wochen-Abstand) deutliche Verbesserungen zu verzeichnen sind und der Patient sicher im Umgang mit seinem Übungsprogramm ist, können die Abstände auf 4–6 Wochen ausgedehnt werden. Letztlich könnte der Patient nur noch alle 6 Wochen einen Check-in benötigen, rein zur Prävention und Feintuning. Diese langfristige Betreuung stellt sicher, dass der Patient dran bleibt, ohne jedoch in Abhängigkeit zu geraten. Der Therapeut bleibt als Coach im Hintergrund verfügbar.
  • Interdisziplinäre Unterstützung: Parallel kann es sinnvoll sein, punktuell andere Fachrichtungen einzubeziehen. Beispielsweise könnte ein Schmerzpsychotherapeut oder Pain-Coach ein paar Sitzungen durchführen, um Techniken wie gezielte Entspannung, Achtsamkeit oder kognitive Strategien gegen Schmerwangst zu vermitteln. Auch eine Ernährungsberatung wäre denkbar, falls der Patient z.B. anti-inflammatorische Ernährung ausprobieren möchte (es gibt Hinweise, dass eine anti-entzündliche Diät Schmerzen günstig beeinflussen kann). Diese Dinge sind optional, aber können den Gesamterfolg fördern.
  • Notfallplan: Falls der Patient einen starken Schub erleidet (z.B. akuter Lumbalgie-Schmerz, „Aushebelung“ des ISG beim Bücken etc.), wird vorab ein Plan besprochen, wie er reagieren soll. In der Regel: zunächst Schmerzmanagement (Schonung, Wärme, leichte Bewegung soweit möglich, ggf. vom Arzt verordnete Kurzzeit-Medikamente), Kontaktaufnahme mit dem Therapeuten. Dieser könnte einen Zwischentermin anbieten, um durch manualtherapeutische Akuthilfe (Lösen einer Blockade, Tape-Anlage etc.) das Schlimmste abzufedern – jedoch immer mit anschließender Rückkehr zum aktiven Programm. Insgesamt soll der Patient aber lernen, dass er dank seines nun stärkeren „Korsetts“ im Körper solche Akutsituationen immer seltener erlebt.
  • Motivation und Selbstwirksamkeit: Ein essenzieller Aspekt des Ansatzes ist die Förderung der Motivation des Patienten. Durch die langfristige Begleitung wird dem Patienten regelmäßig gezeigt, welche Fortschritte er erzielt hat (z.B. verbesserte Haltung, geringere Schmerzskala, mehr Kraft). Das Biofeedback in Form von Testwiederholungen (z.B. „schau, vor 2 Monaten kamen Sie mit den Fingerspitzen kaum zum Knie, jetzt erreichen Sie die Mitte des Schienbeins“) ist wichtig, um die oft schleichenden Verbesserungen bewusst zu machen. Der Therapeut fungiert als positiver Verstärker, lobt Erfolge und hilft bei Rückschlägen mit konstruktiven Anpassungen. Das Ziel ist, dass der Patient ein immer stärkeres Vertrauen in den eigenen Körper entwickelt und die Angst vor Bewegung verliert. In diesem Sinne wird aus dem vormals passiven „Schmerzpatienten“ zunehmend ein aktiver Gestalter seiner Gesundheit.

Zusammengefasst besteht der Therapieansatz aus einem kontinuierlichen Zyklus: Üben – Evaluieren – Anpassen, mit immer größerer Eigenständigkeit. Alle ~4–6 Wochen wird der Plan fortgeschrieben, bis die gesetzten Ziele erreicht oder angepasst sind. Langfristig könnte der Patient – wenn stabil und schmerzarm – in ein normales Fitness- oder Sportprogramm übergehen, das natürlich weiterhin rückenfreundlich gestaltet sein sollte (ggf. Teilnahme an Rückenschulungen, Faszienkursen etc., aber mit dem Vorteil, nun die eigenen Körperbesonderheiten zu kennen). Wichtig ist, dass dieser Ansatz nicht auf kurzfristige Schmerzlinderung ausgerichtet ist, sondern auf nachhaltige Funktionsverbesserung. Die Erfahrung zeigt, dass dadurch auch die Schmerzen dauerhaft reduziert werden können.

5. Literatur- und Quellenübersicht (Studien, Fachbücher, evidenzbasierte Quellen)

Im Folgenden eine Auswahl von relevanten Quellen zur weiteren Vertiefung, welche die in diesem Dossier besprochenen Aspekte wissenschaftlich untermauern oder praktisch erläutern:

Hinweis: Die obige Liste ist eine Auswahl. Weitere Quellen umfassen Lehrbücher der Orthopädie (zum Verständnis von Scheuermann und Haltungsschäden), Veröffentlichungen zu Schmerzbewältigung (z.B. von Lorimer Moseley, der Psychoedukation bei Schmerzstörungen untersucht hat) und praktische Manuals für Physiotherapeuten (z.B. „Muskelfunktionstest nach Janda“ oder „Therapeutic Exercise“ von Kisner & Colby für Übungsauswahl). Alle vorgeschlagenen Maßnahmen sind im Kontext der aktuellen evidenzbasierten Empfehlungen für chronische Rückenschmerzen zu sehen, welche Aktivität vor Passivität betonen.

6. Integration alternativmedizinischer Methoden

Bei aller Evidenzorientierung soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Patient alternative Methoden als hilfreich erlebt hat. Obwohl die wissenschaftliche Datenlage teils dünn ist, können solche Ansätze im individuellen Therapiekonzept Platz finden, solange sie dem Patienten nützen und nicht schaden.
Im vorliegenden Fall sind dies:

  • Radiale Stoßwelle: Bereits erläutert – als ergänzende Maßnahme zur Muskellockerung bei hartnäckigen Triggerpunkten. Die Studienlage ist vielversprechend, aber heterogen. In Maßen angewandt (z.B. 1× pro Monat auf einen Problem-Muskel) kann es die Übungen erleichtern.
  • Hydrotherapie und Bewegungsbad: Warmwasser, sei es im Rahmen von Physiotherapie oder eigeninitiativ (z.B. regelmäßiges Schwimmen, Thermalbad), hat deutliche subjektive Wirkung. Auch ohne Randomized Trial im Hintergrund gilt: Was entspannt und Bewegung fördert, ist willkommen.
  • Nahrungsergänzungen/Hormone: Vitamin D wird bei nachgewiesenem Mangel ohnehin schulmedizinisch empfohlen. Im Falle des Patienten war dies gegeben und der Nutzen spürbar. DHEA ist in Deutschland verschreibungspflichtig und umstritten – hier sollte ein Endokrinologe involviert sein. In USA gibt es Studien, die z.B. DHEA bei Fibromyalgie untersuchen. Sofern ein Mangel besteht und unter ärztlicher Kontrolle substituiert wird, kann ein individueller Therapieversuch gerechtfertigt sein.
  • Osteopathie/Chiropraktik: Strukturierte osteopathische Behandlungen haben dem Patienten phasenweise geholfen (z.B. Lösen von Psoas- und Zwerchfellspannungen, wie in Abschnitt 2 beschrieben (Beckenstörungen / Psoassyndrom | Carpesana – Manuelle Medizin und Ärztliche Osteopathie)). Dies lässt sich ins Konzept integrieren, indem der Therapeut manualtherapeutische Techniken aus der Osteopathie anwendet (sofern ausgebildet) oder gezielt ein Osteopath alle paar Monate zur „Justierung“ hinzugezogen wird. Wichtig ist aber, dass dies als Ergänzung zum aktiven Programm verstanden wird.
  • Akupunktur: Nicht explizit erwähnt, aber häufig von Patienten mit chronischen Schmerzen genutzt. Die Evidenz bei Rückenschmerz ist umstritten (Placeboeffekte schwer zu unterscheiden). Wenn der Patient Interesse hat, könnte Akupunktur in Hochphasen der Schmerzen versucht werden, um Erleichterung zu verschaffen – etwa als überbrückende Hilfe, bis das Training greift.
  • Mind-Body-Methoden: Darunter fallen Techniken wie Meditation, Feldenkrais, Qi Gong, Tai Chi etc. Einige davon haben durchaus evidenzbasierte positive Effekte auf Chronische Schmerzsyndrome und Haltung (z.B. Tai Chi bei Rückenschmerz). Der Patient profitierte bereits von Achtsamkeitsübungen (Bauchatmung). Solche Methoden fördern die Körperwahrnehmung ohne Leistungsdruck und können helfen, das Nervensystem zu beruhigen. Eine Integration – z.B. 10 Minuten tägliche Meditation oder ein wöchentlicher Yoga-Kurs – kann dem übererregten Schmerzsystem entgegenwirken.

Schließlich zählt, was dem individuellen Patienten hilft. Die oben genannten alternativmedizinischen Maßnahmen werden daher nicht ausgeschlossen, sondern bewusst eingebunden, sofern sie dem Ziel dienen, die Selbstregulation zu fördern. Durch die Kombination von Schulmedizin (Physiotherapie, evidenzbasiertes Training) mit komplementären Verfahren entsteht ein ganzheitlicher Ansatz. Dieser adressiert den Körper auf allen Ebenen: mechanisch, biochemisch, neuronal und psychosozial.


Kurzfassung für den behandelnden Physiotherapeuten (Übersicht)

  • Patientenprofil: 44 Jahre, chronisches Wirbelsäulensyndrom bei Morbus Scheuermann (BWS-Kyphose mit Keilwirbeln) und BWS-Skoliose, Folgestörungen:
    rezidivierende ISG-Blockaden rechts, myofasziale Schmerzpunkte (Nacken/BWS rechts, Piriformis), verkürzter Iliopsoas, Hyperlordose;
    zentrale Sensibilisierung mit Hyperalgesie.
    Z.n. Hiatushernie mit Reflux (Schmerzübertragung in BWS möglich).
    Psychische Komponente: hohe Schmerz vigilance, Wunsch nach Unabhängigkeit von Dauerbehandlung.
  • Bisherige Therapien mit Erfolg:
    Physiotherapie (Grundlagen bekannt), jedoch zu passiv;
    Stoßwellentherapie an Triggerpunkten (löste lokale Hartspannpunkte, temporäre Erleichterung);
    = Halluzination der KI, aber evtl. Option
    Aquatherapie (im Wasser deutlich weniger Schmerzen, Verbesserung von Beweglichkeit und Wohlbefinden) – sollte weiter genutzt werden;
    Vitamin-D-Substitution (bei Mangel Zustand gebessert);
    DHEA (bei niedrigem Spiegel subjektiv positiv – ärztlich überwachen); Faszientechniken (Foam Rolling, Dehnen) sehr hilfreich zur täglichen Selbstbehandlung.
    Pohl Therapie
  • Therapieschwerpunkte jetzt:
    Aktives Stabilisationstraining nach McGill – Fokus auf Core-Endurance (Transversus, Multifidi, schräge Bauchmuskeln) statt Heavy Lifting.

    McGills Big 3 (Curl-Up, Side Plank, Bird-Dog) täglich in moderater Dosierung, Steigerung nach Befund.
    Funktionelles Training nach Anatomy Trains – Faszienlinien berücksichtigen: insbesondere tiefe Frontallinie (Psoas/Zwerchfell) durch Hüftbeuger-Stretch + Atemübungen, sowie Laterallinie/Spirallinie rechts durch diagonale Dehn- und Kräftigungsübungen.
    Korrektur muskulärer Dysbalancen: Hüftstrecker/Gluteus kräftigen (Bridging, Clamshell), Brustmuskeln dehnen, Schulterblattfixatoren stärken (Rudern, Gesichtspullen).
    Mobilität: tägliche Mobilisation BWS (Rotation, Extension z.B. über Foam Roller) und LWS (Katzenbuckel).
    Neuromodulation: Schulung in entspannenden Atemtechniken (Zwerchfellatmung) und ggf. kurzen Achtsamkeitsübungen, um Parasympathikus zu aktivieren – wichtig gegen Hyperalgesie.
  • Behandlungsplan: Patient macht tägliches Übungsprogramm (s. Mikro-Plan) mit 2–3 kurzen Einheiten. Physio-Termine alle 4–6 Wochen zur Überprüfung und Progression. In der Sitzung: Re-Evaluation (Hüftbeweglichkeit, Krafttests), Feinkorrektur der Technik, ggf. manualtherapeutisches Lösen verbliebener Blockaden (vorsichtig, da Hypermobilitätsgefahr bei Übermanipulation) und gezielte Weichteilarbeit (Triggerpunkte, Faszien).

    Keine regelmäßige „Einrenk“-Serien mehr – Ziel: Selbstmanagement, Therapeut als Coach. Bei Bedarf Zwischentermin bei akuter Exazerbation (Plan in Hinterhand: z.B. einmalig Querfriktion oder Tape).
  • Ziele und Prognose: In 3 Monaten: Verbesserung der Rumpfkontrolle (Core) objektiv messbar, Schmerztagebuch zeigt Reduktion der Schmerzintensität, PAT kann Alltagsaktivitäten besser bewältigen. In 6–12 Monaten: weitgehend autonomes Training, nur noch Auffrischungstermine alle paar Monate. Erfolgskriterium: Patient fühlt sich kompetent im Umgang mit seinem Körper, Rückenschmerz episodisch und beherrschbar, keine Abhängigkeit mehr von dauerhaften Therapiebesuchen.


Bitte bei jeder Anpassung die Patientenziele im Blick behalten (Schmerzlinderung, Beweglichkeit, Lebensqualität) und weiterhin evidenzbasiert vorgehen.

Die Mischung aus McGill-Core, Myers-Faszienarbeit und individualisierter Betreuung bietet in diesem Fall die besten Erfolgsaussichten.

Vielen Dank für die kollegiale Zusammenarbeit im Sinne des Patienten.


Ergänzende psychotherapeutische Erfahrung (verhaltenstherapeutischer Ansatz)

Im Verlauf der jahrelangen Auseinandersetzung mit körperlichen Schmerzen und deren potenziellen psychischen Mitverursachungen wurde auch ein psychotherapeutischer Versuch unternommen. Dieser fand im Rahmen einer Verhaltenstherapie bei einem erfahrenen, ärztlich approbierten Therapeuten (Dr. C. M.) statt, der sich als Vertreter der klassischen Verhaltenstherapie mit medizinischem Hintergrund verstand. Der Patient zeigte sich von Beginn an skeptisch gegenüber dem interpersonellen Auftreten des Therapeuten, der in den ersten Sitzungen durch eine gewisse Selbstinszenierung auffiel und seine Autorität wiederholt betonte. Obwohl der Patient eine strukturierte Diagnostik einforderte, erhielt er lediglich die Rückmeldung, dass eine fundierte Diagnose in wenigen Minuten nicht möglich sei – was nachvollziehbar ist, jedoch im weiteren Verlauf nicht durch ein greifbares therapeutisches Konzept oder Zielsetzung kompensiert wurde.

Nach rund 25 Sitzungen kam es zum bewussten Therapieabbruch durch den Patienten, da keinerlei relevante Fortschritte im Umgang mit seinen körperlichen Beschwerden erzielt wurden. Rückblickend bestand der Eindruck, dass die somatischen Hauptsymptome – insbesondere die langjährig bestehenden strukturellen Probleme – vom Therapeuten nicht ausreichend differenzialdiagnostisch berücksichtigt wurden.
Der Fokus lag primär auf einer möglichen psychosomatischen Genese, obwohl deutliche körperlich-strukturelle Befunde (z. B. Scheuermann, Skoliose, Zwerchfellbruch) vorlagen.

Auffällig war zudem die therapeutische Haltung, in der der Patient mehrfach Äußerungen wahrnahm, die ihm autoritär oder gar potenziell grenzverletzend erschienen, insbesondere im Umgang mit anderen Klienten aus forensischen Kontexten. Diese Bemerkungen führten zu einem erheblichen Vertrauensverlust. Nichtsdestotrotz wurde dem Patienten im Rahmen eines schriftlichen Gutachtens durch denselben Therapeuten ein plausibles Muster familiärer Konflikte und elterlicher Beziehungsdynamiken gespiegelt, das in der Selbstreflexion hilfreich war. Elemente daraus nutzte der Patient später zur Analyse von Denk- und Handlungsmustern – etwa bei politischen Narrativen oder Investitionsentscheidungen. In Summe war die psychotherapeutische Erfahrung daher nicht gänzlich nutzlos, wenngleich sie weder zielführend noch adäquat auf die körperzentrierten Hauptprobleme zugeschnitten war. Aus heutiger Sicht wäre ein früherer Abbruch oder eine interdisziplinäre Weiterleitung (z. B. an einen psychosomatisch arbeitenden Orthopäden oder Schmerztherapeuten) wünschenswert gewesen.