Emotionen prägen die Geopolitik: Moïsi stellt die provokante These auf, dass globale Politik und internationale Beziehungen nicht allein durch rationale Interessen bestimmt werden, sondern wesentlich von kollektiven Emotionen wie Hoffnung, Angst und Demütigung beeinflusst sind. Er argumentiert, man könne die Welt nur verstehen, wenn man ihre vorherrschenden Gefühle mit berücksichtigt. Diese „Geopolitik der Emotionen“ dient als neuer Deutungsrahmen für weltpolitische Entwicklungen.
Hoffnung, Angst und Demütigung als Schlüssel-Emotionen: Moïsi konzentriert sich auf drei zentrale Emotionen – Hoffnung, Angst und das Gefühl der Demütigung – weil sie eng mit dem Blick auf Gegenwart und Zukunft verknüpft sind. Hoffnung steht für Zuversicht und Vertrauen in eine bessere Zukunft, Angst für die Furcht vor Bedrohungen, und Demütigung für wahrgenommene Ohnmacht und verlorenes Selbstvertrauen. Alle weiteren kollektiven Gefühlslagen lassen sich in Beziehung zu diesen drei Grundemotionen setzen.
Emotionen wie „gutes“ und „schlechtes“ Cholesterin: Moïsi vergleicht Emotionen mit Cholesterin – es gibt positive und negative Varianten. Hoffnung wirkt konstruktiv, während Angst und Demütigung destruktiv sein können. Keine Emotion ist per se nur schlecht: Ein gewisses Maß an Angst schützt vor Leichtsinn, und sogar Demütigung kann in kleinen Dosen als Ansporn dienen. Entscheidend ist das richtige Gleichgewicht: Übermäßige Angst und Demütigung bei zu wenig Hoffnung bilden die gefährlichste Mischung.
Globale Verteilung der Emotionen: Bereits zu Beginn skizziert Moïsi die Leitthese des Buches, dass sich die drei Emotionen geographisch konzentrieren: Eine Kultur der Hoffnung dominiert in weiten Teilen Asiens, eine Kultur der Demütigung in der arabisch-islamischen Welt, und eine Kultur der Angst im Westen. Diese Verteilung ist nicht starr, aber hilfreich, um die unterschiedlichen Reaktionen von Regionen auf globale Ereignisse zu verstehen.
Mythen und Narrative
„Geopolitik ist rein rational“: Moïsi widerspricht dem traditionellen Narrativ, Geopolitik folge nur kühler Vernunft. Das sei ein Mythos – tatsächlich beeinflussen kollektive Gefühle das Verhalten von Nationen maßgeblich. Indem er Emotion und Geopolitik verknüpft, stellt er einen neuen Narrativ-Ansatz vor, der anfangs vielen als Widerspruch erscheint, den er jedoch mit historischen Beispielen untermauert (z.B. Jubel und Versöhnung 1989 vs. fanatische Massen in Nürnberg).
„Kampf der Kulturen“ vs. Kampf der Emotionen: Moïsi greift Huntingtons einflussreiche These vom Clash of Civilizations kritisch auf. Er erzählt ein alternatives Narrativ: Nicht unveränderliche Kulturen, sondern dominante Emotionen stoßen weltweit zusammen. Diese Emotionen können kulturübergreifend sein und Konflikte entweder anheizen oder entschärfen. Moïsi zeigt, wie das Narrativ vom angeblich unvermeidlichen Kulturkampf selbst Angst schürt und so zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden kann. Sein eigenes Gegen-Narrativ betont menschliche Gestaltungsfähigkeit: Welche Emotionen wir fördern, entscheidet über zukünftige Konflikte oder Kooperation.
Symbole und Geschichten als emotionale Treiber: Die Einleitung macht deutlich, wie stark historische Mythen und Erinnerungen Emotionen nähren. So weinte Reverend Jesse Jackson vor Freude über Obamas Sieg 2008 – ein Bild, das Hoffnung verkörpert. Umgekehrt riefen islamistische Attentäter in Mumbai 2008 die Zerstörung der Babri-Moschee (1528) und das Massaker von Godhra (2002) in Erinnerung, um Rache zu rechtfertigen. Diese Beispiele illustrieren das Narrativ, dass demütigende Erinnerungen über Generationen weiterwirken und Gewalt treiben. Moïsi zeigt damit, wie Narrative von „historischer Demütigung“ oder „neuer Hoffnung“ die Gegenwart beeinflussen.
Wichtige Argumente und Beispiele
Emotionale Dimension aktueller Ereignisse: Moïsi untermauert seine Thesen, indem er große Ereignisse von 2008/09 emotional deutet. Etwa stellte Obamas Wahlsieg 2008 einen weltweiten Sieg der Hoffnung über die Angst dar – rassistische Barrieren fielen und viele Amerikaner schöpften neuen Stolz. Wenige Wochen später schlug in den Terroranschlägen von Mumbai die aufgestaute Demütigung in blinde Gewalt um. Gleichzeitig demonstrierte Russlands militärisches Vorgehen in Georgien 2008 ein trotziges „Imperiales Russland ist zurück“ – ein Akt, der die postsowjetische Erniedrigung abschütteln und die Angst anderer zur Grundlage der eigenen Hoffnung machen sollte. China wiederum suchte 2008 durch die glanzvolle Olympiade in Peking internationale Anerkennung und bestätigte seinen Aufstieg – ein emotionales Einfordern von Respekt nach langer Demütigung. Diese Beispiele zeigen laut Moïsi, dass politische Entwicklungen ohne Berücksichtigung ihrer emotionalen Komponente unvollständig verstanden werden.
Historische Beispiele positiver vs. negativer Emotionen: Moïsi erinnert an kontrastierende Bilder: die fanatisierten Massen der Nürnberger Reichsparteitage als Beispiel destruktiver, angstgetriebener Emotionen, denen Deutschland in Barbarei folgte – und dem gegenüber Willy Brandts Kniefall von Warschau 1970, eine demütige Geste der Reue, die mehr zur Versöhnung beitrug als mancher Vertrag. Solche Symbole belegen, dass Emotionen Völker spalten oder verbinden können. Brandts Demutsgeste entfachte Hoffnung und Heilung, wo zuvor Misstrauen herrschte. Damit begründet Moïsi, warum das „richtige“ emotional-symbolische Handeln geopolitisch hochwirksam ist.
Genese der Buch-These: Die Einleitung erläutert, wie Moïsi seine Theorie entwickelte. Ausgangspunkt war ein 2006 verfasster Essay („The Emotional Clash of Civilizations“), der auf positive Resonanz stieß. Angesichts der rapiden Weltveränderungen bis 2009 – exponentielles Anwachsen von Hoffnung (durch Ereignisse wie Obamas Aufstieg) und Angst (durch die globale Wirtschaftskrise), während Demütigung weiterhin schwelt – erweiterte Moïsi seine Analyse zum vorliegenden Buch. Die zentrale These blieb jedoch gleich: Ohne Verständnis der dominierenden Emotionen ist das Wesen unserer Welt nicht zu begreifen. Diese Überzeugung, gespeist auch aus Moïsis persönlicher Erfahrung als Sohn eines Auschwitz-Überlebenden, bildet das argumentative Fundament des gesamten Werkes.
Zentrale Namen und Orte
Barack Obama (USA): Sein Präsidentschaftssieg 2008 dient Moïsi als Symbol eines globalen Hoffnungsschubs. Obamas Erfolg zeigte, dass sich ein vom „Yes We Can“-Geist getragenes Amerika zumindest zeitweise von Angst und Ressentiments lösen konnte.
Reverend Jesse Jackson (USA): Bürgerrechtler, der in Chicago bei Obamas Siegesfeier Tränen der Freude weinte. Moïsi deutet Jacksons Freudentränen als Zeichen, dass Hoffnungen früherer Generationen sich erfüllten und historisches Unrecht emotional überwunden wurde.
Mumbai (Indien): Schauplatz islamistischer Terroranschläge im November 2008. Moïsi zitiert den Dialog zwischen einem verzweifelten Geiselnehmer und den Terroristen („Weshalb tut ihr uns das an?“ – „Erinnerst du dich an Babri Masjid? Godhra?“) als Beispiel, wie historische Kränkungen (Demütigungen) in blindwütigen Hass umschlagen. Mumbai symbolisiert hier den Ort, an dem die „falschen Emotionen“ – Hass aus Demütigung – eskalierten.
Babri-Moschee & Godhra (Indien): Historische Konfliktorte, die von den Mumbai-Attentätern beschworen wurden. Die Babri-Moschee in Ayodhya (1992 von hindunationalistischen Gruppen zerstört) und das Massaker von Godhra/Gujarat (2002) stehen als emotionale Chiffren für Demütigung und Rachsucht, die noch Jahrzehnte später morden lassen.
Wladimir Putin & Dmitri Medwedew (Russland): Russlands Führung 2008, die laut Moïsi mit dem Krieg gegen Georgien der Welt eine klare emotionale Botschaft sandte: Nach Jahren der Schwäche fordert Russland wieder Respekt ein und kompensiert seine frühere Erniedrigung durch demonstrative Stärke. Russland baut damit seine neue Hoffnung selbstbewusst „auf dem Fundament eurer Angst“.
Willy Brandt (Deutschland): Sein Kniefall 1970 am Warschauer Ghetto-Mahnmal wird als machtvolles emotionales Symbol zitiert. Brandts demütige Bitte um Vergebung verkörperte positive Emotion (Scham und Empathie) und trug wesentlich zur Versöhnung Deutschlands mit der Welt bei – ein Lehrstück für die kraftvolle Wirkung „richtiger“ Emotionen in der Politik.
Ifrane (Marokko) und London (Großbritannien): Zwei Orte, die Moïsi als Momentaufnahmen der vorherrschenden Emotionen nennt: In Ifrane begegnete er im Jahr 2000 resignierten marokkanischen Studenten, die sich als „weder Westler noch Asiaten“ von der Globalisierung abgehängt fühlten – ein Beispiel für Demütigung und Hoffnungslosigkeit in der arabischen Welt. Dem steht das „Angst-Klima“ in einem westlichen Zentrum wie London gegenüber (z.B. nach Terroranschlägen), das Misstrauen schürt. Diese Szenen illustrieren anschaulich Moïsis emotionale Weltkarte: Demütigung in Teilen der arabischen Welt, Hoffnung in aufstrebenden Regionen (wie dem genannten Mumbai), Angst im Westen.
Dominique Moïsi (Frankreich): Der Autor selbst tritt als erfahrener außenpolitischer Experte und Zeitzeuge auf. Er verweist in der Einleitung auf seine persönliche Motivation: Als Sohn eines Holocaust-Überlebenden („Nummer 159721 in Auschwitz“) hat er die Extreme von Angst und Demütigung im familiären Gedächtnis und zugleich die Weitergabe von Hoffnung erfahren. Diese Biographie prägt seine optimistische Überzeugung, dass Geschichte zum Besseren gewendet werden kann, wenn Menschen sich von den richtigen Emotionen leiten lassen.
Schlüsselzitate
„Man kann die Welt, in der wir leben, nicht wirklich verstehen, wenn man nicht ihre Emotionen berücksichtigt.“ (S. 13) – Moïsi über die Notwendigkeit, Gefühle in der Geopolitik ernst zu nehmen.
„Emotionen [sind] wie Cholesterin, sowohl nützlich als auch schädlich.“ (S. 14) – Über die duale Natur von Hoffnung (nützlich) vs. Angst/Demütigung (schädlich) und die Bedeutung des richtigen Gleichgewichts.
„Angst gegen Hoffnung, Hoffnung gegen Demütigung, Demütigung, die zu blanker Irrationalität und gelegentlich sogar zu Gewalt führt – man kann die Welt, in der wir leben, nicht verstehen, wenn man sich nicht mit den Emotionen befasst, die sie mitgestalten.“ (S. 19) – Die Kernaussage der Einleitung, dass kollektive Emotionen die treibende Kraft hinter globalen Entwicklungen sind.
Kapitel 1: Globalisierung, Identität und Emotionen
Zentrale Thesen
Globalisierung verändert die emotionale Weltordnung: Moïsi zeigt, dass die Ära der Globalisierung nicht nur eine ökonomische und technologische Verflechtung gebracht hat, sondern auch die emotionale Lage der Welt in neue Extreme treibt. Die globale Vernetzung macht die Welt „flacher“ (nach Thomas Friedman) und gleichzeitig verwundbarer für Leidenschaften als je zuvor. Nationale Identitäten werden durch die Globalisierung herausgefordert, was zu Unsicherheit und neuen emotionalen Reaktionen führt.
Amerikanisierung vs. asiatischer Aufstieg – eine doppelte Dynamik: Entgegen dem verbreiteten Mythos, Globalisierung bedeute einfach kulturelle Amerikanisierung, betont Moïsi eine zweite, gegenläufige Entwicklung: den wirtschaftlichen Aufstieg Asiens. Faktisch ist die globale Verflechtung in den letzten Jahrzehnten „eine Verflechtung zu amerikanischen Bedingungen“ gewesen, da die USA nach 1991 als einzige Supermacht ihre kulturellen und ökonomischen Modelle weltweit verbreiteten. Gleichzeitig jedoch erlebt die Welt eine Machtverschiebung nach Osten – China und Indien werden zur neuen ökonomischen Kraft, die das westliche Monopol bricht. Diese gleichzeitige Allgegenwart westlicher (amerikanischer) Kultur und der Siegeszug asiatischer Wirtschaft erzeugen eine komplexe Gefühlslage: Stolz und Hoffnung in Asien, gemischt mit Angst und Abwehrreflexen im Westen.
„Asymmetrische Multipolarität“ und unterschiedliche Weltbilder: Die Machtverteilung wird multipolar, aber nicht symmetrisch – und die Großmächte folgen unterschiedlichen emotionalen Leitbildern. Während Europa und Amerika ihre Außenpolitik noch auf den Glauben an universelle Werte stützen (idealistisch-hoffnungsvoll), sind China, Indien und das postkommunistische Russland stärker von pragmatischer Machtpolitik und nationaler Selbstbehauptung getrieben. Diese ungleiche Multipolarität führt zu gegenseitigem Unverständnis: Der Westen fürchtet den Werteverfall und Verlust seiner Vormacht, die aufstrebenden Mächte dagegen fühlen sich endlich ermächtigt und zum Teil immer noch durch vergangene Demütigungen motiviert.
Identitätssuche in der globalisierten Welt: Moïsi erläutert, dass Globalisierung die klare Zuordnung von Kulturen zu geographischen Räumen erschwert. Identitäten werden fluider – manche Regionen wählen quasi ihre Zugehörigkeit zur „Kultur der Hoffnung“ oder „Angst“. Beispielsweise gehören die Vereinigten Arabischen Emirate geographisch zum Nahen Osten, emotional und ökonomisch aber eher zur optimistischen Aufsteiger-Region Asien, da sie bewusst ein Modell der Hoffnung (à la Singapur) verfolgen. Israel wiederum liegt im Nahen Osten, empfindet sich aber oft als Teil des Westens – wäre geografische Verlegung möglich, würden viele Israelis lieber nach Europa gehören. Dieses Auseinanderfallen von geografischer und emotionaler Landkarte ist eine Hauptthese: Emotionale Grenzen verlaufen nicht deckungsgleich mit physischen Grenzen.
Mythen und Narrative
Mythos „Globalisierung = Amerikanisierung“: Moïsi widerlegt die vereinfachte Gleichsetzung der Globalisierung mit einer vollständigen Amerikanisierung der Welt. Zwar ist der globale kulturelle Einfluss der USA unbestreitbar (Hollywood, Konsumgüter, Lebensstil), doch ignoriert der Mythos vom totalen Amerikanisierungsschub die parallele Verschiebung ökonomischer Macht nach Asien. Die westliche Welt wird wirtschaftlich von China und Indien überholt – ein Prozess, der gängigen westlichen Narrativen von Dauerhegemonie widerspricht. Moïsi ersetzt das einseitige Narrativ durch ein duales: „McWorld“ trifft „Asia Rising“.
Narrativ des zyklischen Machtwandels: Das Kapitel bettet den aktuellen Wandel in das historische Narrativ ein, dass Imperien zyklisch aufsteigen und fallen. Der Westen dominierte die Welt seit dem 18. Jahrhundert (britische und später amerikanische Vorherrschaft) – ein Zyklus, der nun ende. Historiker sehen hierin keine Katastrophe, sondern einen zu erwartenden Zyklus. Dieses Narrativ relativiert die westliche Angst: Der „Niedergang des Westens“ ist in Moïsis Darstellung nicht Ausnahme, sondern historische Normalität – was allerdings emotional verarbeitet werden muss (oft in Form von Zukunftsangst oder Trotz).
Narrative der Identität in der Globalisierung: Moïsi erzählt von einer globalen Identitätskrise. In Europa z.B. lebte lange das Narrativ, Asien sei „der Inbegriff der Poesie“ und Europa „der Inbegriff der Moderne“ – heute ist es fast umgekehrt: Asien steht für Zukunft und Dynamik, Europa droht zum „Freilichtmuseum“ zu werden. Dieses neue Narrativ – „Europa gehört die Vergangenheit, Asien die Zukunft“ – beeinflusst das Selbstbild ganzer Gesellschaften (Europäer verfallen in kulturpessimistischen Fatalismus, während Asiaten mit Selbstbewusstsein auftreten). Moïsi warnt vor solchen vereinfachenden Narrativen, die leicht zu self-fulfilling prophecies werden, und plädiert für eine nuancierte „emotionale Kartografie“.
Wichtige Argumente und Beispiele
Amerikanische Kultur, asiatische Wirtschaftskraft: Das Kapitel untermauert mit Fakten die doppelte Dynamik der Globalisierung. Einerseits exportieren die USA seit Jahrzehnten ihre Kulturmodelle – etwa sieht der französische Ökonom Daniel Cohen sogar einen Zusammenhang zwischen US-Serien und sinkenden Geburtenraten im globalen Süden, weil das Ideal der Kleinfamilie weltweit verankert wurde. Andererseits schwindet die wirtschaftliche Dominanz des Westens rapide zugunsten Asiens. Moïsi verweist auf Chinas und Indiens Wachstumsraten und prognostiziert die Verlagerung des ökonomischen Zentrums der Welt nach Osten. Das emotionale Resultat: asiatischer Optimismus vs. westliche Verunsicherung.
Pragmatisches Asien vs. idealistischer Westen: Als Beispiel für die differierenden Weltbilder schildert Moïsi Chinas Lernen am Beispiel Singapurs. Singapur, so Moïsi, kombinierte konfuzianische Werte mit aufgeklärtem Despotismus und wurde zum Entwicklungsmodell für Deng Xiaoping. China übernahm pragmatisch marktwirtschaftliche Elemente, behielt aber autoritäre politische Strukturen – mit durchschlagendem Erfolg, jedoch ohne westliche Demokratie. Im Gegensatz dazu entwertete der inflationäre Gebrauch des Demokratie-Begriffs durch die US-Regierung (Bush-Ära) das Ideal im Rest der Welt. Dieses Beispiel unterstreicht, warum westliche und östliche Akteure emotional aneinander vorbeireden: der Westen pocht auf universelle Werte (aber leidet an Glaubwürdigkeitsverlust), während aufstrebende Mächte wie China demonstrativ ihre eigenen Wege gehen und damit Stolz und Hoffnung im eigenen Land stärken.
Identitätskonflikte und geopolitische Grauzonen: Moïsi zeigt, dass Globalisierung hybride Identitäten schafft und emotionale „Grenzfälle“ hervorbringt (worauf Kapitel 5 näher eingeht). Schon hier nennt er Beispiele: Die Golfstaaten – geografisch arabisch, aber emotional näher an der Hoffnungskultur Asiens aufgrund von Wohlstand und Fortschritt. Er beschreibt Dubai als strahlenden Ort des Optimismus inmitten einer sonst von Unterlegenheitsgefühlen und Gewalt geprägten Region. Der Preis dieses importierten Hoffnungsglanzes ist zwar soziale Ungleichheit (ausgebeutete Fremdarbeiter), doch für Moïsi beweist das Beispiel Emirate, dass Islam und Moderne durchaus vereinbar sind, wenn eine positive Vision verfolgt wird. Ebenfalls diskutiert er Israel: physisch im Nahen Osten, kulturell dem Westen verbunden – das Land ist zerrissen zwischen Hoffnungsstreben (Integration in die Wohlstandssphäre) und permanenter Angst um die eigene Existenz, was zu Abwanderung und Braindrain führt. Diese Fälle illustrieren das Argument, dass geographische Kategorien allein heutige geopolitische Realitäten nicht mehr erklären – man muss die emotionalen Zugehörigkeiten mitdenken.
Emotionaler „Flächenbrand“ durch Globalisierung: Das Kapitel betont schließlich, dass Globalisierung emotionale Ansteckung bewirkt. Konflikte und Radikalisierungen lassen sich nicht mehr lokal begrenzen. Moïsi beschreibt z.B., wie der Nahostkonflikt Emotionen exportiert: Die „Arabisierung“ des südasiatischen Islams hat etwa in Indonesien oder Pakistan zu stärkerer Intoleranz geführt. Finanzielle Unterstützung für Extremismus fließt grenzüberschreitend (z.B. von reichen Golfstaaten nach Südostasien), zugleich mobilisieren Empörung über Palästina oder Anti-USA-Ressentiments Muslime weltweit. Umgekehrt dringt asiatischer Einfluss nach Westen vor: China und Indien investieren in Afrika und Lateinamerika und nähren dort Hoffnung – oder Konkurrenzängste. Moïsis Punkt ist: globale Emotionen vermischen sich, was das einfache Schema „jedes Land eine Emotion“ erschwert. Globalisierung kann so zur Verstärkung von Angst (Terror als globales Phänomen) ebenso beitragen wie zur Verbreitung von Hoffnung (Inspirationswirkung asiatischer Erfolge auf andere Entwicklungsländer).
Zentrale Namen und Orte
Thomas L. Friedman: US-Journalist, dessen Metapher von der „flachen Welt“ (aus „The World Is Flat“) Moïsi zitiert. Friedman steht hier für das Konzept der hypervernetzten Globalisierung. Moïsi ergänzt Friedmans Bild: Die flache Welt ist emotional aufgewühlt – nicht nur homogenisiert, sondern auch den Stürmen der Gefühle ausgesetzt.
Daniel Cohen: Französischer Ökonom, angeführt mit seiner These, dass US-Popkultur weltweites Verhalten beeinflusst (Beispiel Geburtenrückgang durch TV-Ideale). Cohen untermauert Moïsis Argument einer subtilen Amerikanisierung auf kultureller Ebene.
Deng Xiaoping & Lee Kuan Yew: Deng, Chinas Reformarchitekt, und Lee, der Gründer des modernen Singapur, symbolisieren die Verknüpfung asiatischer Hoffnung mit autoritärem Pragmatismus. Moïsi schildert Dengs Besuch in Singapur 1978: Aus dem „Moskito-Loch“ vergangener Tage war binnen Kurzem eine prosperierende Stadt geworden. Lee Kuan Yews Ratschlag – die Mandarine Chinas würden im Kapitalismus noch erfolgreicher sein – nahm Deng sich zu Herzen. Diese Episode zeigt, wie das Narrativ vom westlichen Modell durch ein asiatisches Erfolgsnarrativ herausgefordert wurde.
Singapur: Der Stadtstaat wird als emotionales Vorbild für China genannt – eine Verbindung von konfuzianischer Disziplin und Moderne, die Hoffnung auf Wohlstand ohne westliche Demokratie verkörpert. Singapur steht in Moïsis Darstellung für einen dritten Weg jenseits von westlicher Liberalität und Chaos – was Chinas Führung emotional Zuversicht gab, einen eigenen Weg zu gehen.
Russland (postsowjetisch): In diesem Kapitel noch kurz gestreift, tritt Russland als frühes Beispiel einer Nation auf, die Demütigung in aggressives Selbstbehauptungsstreben ummünzt. Das Moskauer Regime unter Putin demonstrierte 2008 in Georgien, dass es die „Erniedrigung der postsowjetischen Ära“ abschütteln will. Russland verkörpert das Trotz-Narrativ: „Jetzt sind wir wieder wer – und ihr solltet Angst vor uns haben.“ Die ausführliche Analyse Russlands folgt in Kapitel 5.
Vereinigte Arabische Emirate (Dubai/Abu Dhabi): Beispiel für eine arabische Region, die Hoffnungskultur importiert hat. Moïsi beschreibt Dubais futuristische Skyline und kühne Bauprojekte als „unverhohlenes Bekenntnis“ zum Glauben an Fortschritt und als visuellen Beweis, dass Moderne nicht allein westlich sein muss. Dubai ist damit ein emotionaler Außenposten der Hoffnung in einer sonst von Angst und Demütigung geprägten Gegend – ein Grenzfall, der zeigt, wie politische Führung (hier der Golf-Eliten) Emotionen bewusst steuern kann.
Israel: Das Kapitel erwähnt Israel als Beispiel für die freien Identitätswahlen in der Globalisierung. Israelis hätten – so ein zitiertes Bonmot – gern die geographische Option, dem Nahen Osten zu entfliehen (etwa „nach Europa zurückzukehren“). Die Anekdote einer israelischen Professorin in Berlin, die ihren deutschen Pass als „Lebensversicherung“ bezeichnete, unterstreicht die ambivalente Gefühlslage: Hoffnung auf Sicherheit vs. Angst vor der unsicheren Heimat. Israel steht hier stellvertretend für Nationen, die nicht eindeutig einer Emotionskategorie zuordenbar sind – ein Thema, das in Kapitel 5 (Grenzfälle) vertieft wird.
Schlüsselzitate
„Die Globalisierung mag die Welt »flach« gemacht haben, … aber sie hat die Welt auch den Leidenschaften stärker preisgegeben als je zuvor.“ (S. 26) – Moïsi über die Kehrseite der vernetzten Welt: globale Verwundbarkeit durch Emotionen.
„Die weltweite Vormachtstellung des Westens … scheint an ein Ende zu kommen.“ (S. 28) – Zur historischen Verschiebung der Macht und dem Ende eines 250-jährigen westlichen Zyklus, der nun neue Emotionen (u.a. Angst im Westen, Stolz in Asien) freisetzt.
„Wo endet ihr Imperium? Tief im Innern bleiben sie überzeugt davon, dass die Ukraine oder auch Weißrussland eigentlich zu Russland gehören.“ (S. 37) – Früh bereits angedeutet: Russlands unklare Identitätsgrenzen nähren emotionale Unsicherheit und Revisionsbestrebungen, ein Spannungsfeld der Globalisierung, das später ausführlich behandelt wird.
Kapitel 2: Die Kultur der Hoffnung
Zentrale Thesen
Verlagerung der Hoffnung nach Osten: Moïsi diagnostiziert einen epochalen Stimmungswechsel: Die traditionelle Hoffnungskultur des Westens hat sich in den Osten (vor allem nach Asien) verlagert. In Asien herrscht heute eine Aufbruchsstimmung und Zuversicht, wie sie früher für Amerika oder Europa typisch war. Viele Asiaten – Chinesen, Inder, Südostasiaten – glauben fest daran, dass es ihnen selbst und ihren Gesellschaften künftig besser gehen wird als in der Vergangenheit. Diese weltliche, materialistische Hoffnung basiert auf sichtbaren Fortschritten im Hier und Jetzt, nicht mehr (wie früher in religiösen Kontexten) auf dem Jenseits oder ferne Verheißungen.
Hoffnung als säkulares Vertrauen und Teilhabe: Der Begriff Hoffnung wird im modernen Kontext neu definiert: nicht spirituelle Erlösung, sondern Vertrauen in die eigene Fähigkeit und Identität, mit der Welt erfolgreich zu interagieren. Hoffnung heißt hier Selbstvertrauen und aktiver Glaube an Verbesserung durch eigene Anstrengung. Moïsi betont, dass Hoffnung heute vor allem ökonomische und gesellschaftliche Teilhabe meint – und im Osten weit verbreitet ist. Während viele Westler durch Sättigung oder Krisen mutlos geworden sind, zeichnen sich asiatische Gesellschaften durch Optimismus und Zukunftsglauben aus, vergleichbar mit der einstigen „protestantischen Arbeitsethik“ im Westen.
Positive Rückkopplung von Hoffnung und Erfolg: Moïsi zeigt, wie die Kultur der Hoffnung zu realen Erfolgen beiträgt, die wiederum die Hoffnung bestärken. Asiatische Nationen wachsen wirtschaftlich rasant, was breiten Schichten Aufstiegschancen gibt. Diese Erfolge nähren Stolz und weiterer Zuversicht – ein emotionaler Kreislauf, der sich selbst verstärkt. Allerdings warnt Moïsi auch implizit, dass Hoffnung nicht naiv oder unbegrenzt bleiben darf: Sie braucht auch stabile Rahmenbedingungen, sonst kann sie in Enttäuschung umschlagen (ein Thema für spätere Kapitel). Insgesamt präsentiert er aber Asien als Beispiel, wie kollektive Hoffnung ein ungeheurer gesellschaftlicher Motor sein kann.
Mythen und Narrative
„Der Westen hat das Monopol auf Hoffnung“: Dieses implizite Narrativ – gespeist aus der Zeit der Aufklärung und des „American Dream“ – wird widerlegt. Moïsi zeichnet das neue Bild: Die Fahne der Hoffnung wird inzwischen in Peking, Mumbai oder Singapur getragen. So zitiert er etwa den indischen Autor Edward Luce („In Spite of the Gods“), der Indiens Aufstieg trotz aller Widrigkeiten schildert. Der Mythos, nur christlich-abendländische Kulturen könnten progressive Hoffnungskulturen hervorbringen, ist obsolet. Stattdessen wird die Narrative propagiert, dass Asien Hoffnungswerte wie Fleiß, Bildungsstreben und Innovationsfreude verkörpert, während der Westen teilweise in Selbstzweifeln steckt.
Das Narrativ vom „asiatischen Jahrhundert“: Kapitel 2 stärkt die Erzählung, dass das 21. Jahrhundert Asien gehört – nicht in aggressiver Machtmanier, sondern als Motor positiven Wandels. Die Beschreibung der spektakulären Skyline Pudongs (Schanghai) – futuristische Wolkenkratzer als Symbole von Modernität, Selbstbewusstsein und Optimismus – dient Moïsi dazu, ein Narrativ der asiatischen Moderne zu illustrieren. Diese Architektur feiert die Verknüpfung zweier Wege in die Moderne, des westlichen und des asiatischen. Das Narrativ lautet: Asien vereint das Beste beider Welten und ist damit Inbegriff der Zukunft.
Hoffnung vs. Resignation: Moïsi erzählt die Geschichte vom Sieg der Hoffnung über jahrzehntelange Resignation in Ländern wie China oder Indien. Ein Motto des Kapitels – „Wenn wir unser Bestes geben und hart arbeiten, erwartet uns eine schöne Zukunft“ – entstammt einem chinesischen Bauarbeiter in Angola und verkörpert das neue Selbstbewusstsein gewöhnlicher Asiaten. Dieser Narrative des Selbstermächtigung („Wir schaffen es aus eigener Kraft“) kontrastiert er mit der früher verbreiteten Resignation etwa in Teilen Afrikas oder der arabischen Welt. Hoffnung ist hier kein abstraktes Konzept mehr, sondern eine gelebte gesellschaftliche Erzählung vom Aufstieg aus der Armut zur Prosperität, die Millionen Menschen antreibt.
Wichtige Argumente und Beispiele
Definition von Hoffnung: Moïsi klärt zunächst semantisch den Begriff. Im Westen bedeutete „Hoffnung“ lange vorwiegend religiöse Hoffnung (Heilserwartung, jenseitiges Paradies). Im 21. Jahrhundert dominiert aber die säkulare Bedeutung: Hoffnung als Vertrauen in sich selbst und die Gesellschaft, in der man lebt. Die Worte des chinesischen Arbeiters in Angola zu Kapitelbeginn verdeutlichen diesen Säkularisierungsprozess – es geht nicht mehr um Himmelreich oder Ideologie, sondern um Häuser bauen, Geld verdienen und gemeinsam vorankommen. Moïsi argumentiert, dass diese weltliche Hoffnung besonders in Asien tief verwurzelt ist, wo spirituelle Aspekte (Pantheismus, Säkularismus) den Fortschritt nicht bremsen.
Hoffnung als Gegensatz zur Angst und Resignation: Das Kapitel arbeitet heraus, dass Hoffnung das Gegenteil von Resignation ist und Menschen offen auf andere zugehen lässt. Wo Hoffnung herrscht, gibt es Vertrauen statt Furcht – eine für die Globalisierung zentrale Haltung, um von ihr zu profitieren. Moïsi betont zudem, wie Hoffnung die Bereitschaft fördert, Risiken einzugehen und Veränderung zu akzeptieren. Diese Mentalität unterscheidet Asiens Bevölkerung von etwa Europas, wo vielerorts Angst vor Wandel und Verlust um sich greift. Hoffnung schafft also ein völlig anderes gesellschaftliches Klima – eines von Zuversicht und Offenheit, das Innovation und Wachstum begünstigt.
Beispiel China – materialisierte Hoffnung: Moïsi widmet besondere Aufmerksamkeit China als Musterbeispiel der neuen Hoffnungskultur. Die phänomenale Entwicklung Schanghais (Pudong) in nur zwei Jahrzehnten – von Reisfeldern zur glitzernden Megacity – liefert den sichtbaren Beweis für „Hoffnung in Stein und Stahl“. Die Skyline Pudongs mit Jin Mao Tower, World Financial Center und Oriental Pearl Tower illustriert Chinas Selbstvertrauen und Zukunftsglauben. Moïsi beschreibt diese Architektur des 21. Jahrhunderts voller Bewunderung: ein atemberaubendes, futuristisches Panorama, das kühn und erfinderisch die Gleichsetzung von Moderne und Westen aufbricht. Chinas bewusste Modernität zeige, dass Fortschritt universell erreichbar ist – ein Kernargument, warum China als Zentrum der globalen Hoffnung wahrgenommen wird.
Beispiel Indien – Fortschritt trotz Göttern: Auch Indien wird als Hoffnungsquelle genannt. Trotz seiner religiösen Vielfalt und Vergangenheit habe Indien bewiesen, dass wirtschaftlicher Aufschwung möglich ist, „den Göttern zum Trotz“ (Anspielung auf den Buchtitel von Edward Luce). Moïsi verweist auf zweistellige Wachstumsraten in China und Indien über fast zwei Jahrzehnte, wodurch hunderte Millionen Menschen aus der Armut kamen – etwas, das enormes kollektives Selbstbewusstsein erzeugt hat. So prägte der indische Politiker Jairam Ramesh den Begriff „Chindia“, um den gemeinsamen Aufstieg Chinas und Indiens zu betonen. Moïsi nutzt solche Beispiele, um zu zeigen, dass das Narrativ des wirtschaftlichen Erfolgs in Asien real ist – und dieser Erfolg wiederum emotional die Hoffnung nährt.
Kontrast zum Westen – Davos 2008: Ein eindrücklicher Vergleich findet auf dem Weltwirtschaftsforum 2008 in Davos statt. Dort trafen düstere Untergangsstimmung bei westlichen Vertretern und heitere Zuversicht bei den Asiaten aufeinander. Moïsi zitiert diese Beobachtung, um zu illustrieren, wie deutlich die emotionale Kluft inzwischen ist: Während westliche Eliten von Finanzkrisen, Überalterung und politischen Sorgen gebeugt sind, strahlen asiatische Delegierte Optimismus und Gewinnermentalität aus. Dieses Beispiel stützt sein Argument, dass Hoffnung mittlerweile ein geokulturelles Gefälle aufweist – mit Asien als emotionalem Gewinner der Globalisierung und dem Westen als Verlierer (eine Entwicklung, die allerdings nicht irreversibel sein muss, wie er in späteren Kapiteln ausführt).
Zentrale Namen und Orte
Xuebao Ding (chinesischer Arbeiter): Zitiert als authentische Stimme der neuen Hoffnungskultur: „Wenn wir hart arbeiten, erwartet uns eine schöne Zukunft… Vor dreißig Jahren stand China dort, wo Angola heute ist; es war trostlos, aber jetzt ist es viel schöner.“. Seine Aussage – gesammelt in der Financial Times – symbolisiert das Selbstbewusstsein chinesischer „kleiner Leute“: Sie suchen Chancen selbst in Afrika und glauben an beiderseitigen Fortschritt.
Edward Luce: Autor des Buches „In Spite of the Gods: The Rise of Modern India“. Moïsi zitiert Luces Titel als Beleg, dass Indiens Aufstieg trotz religiöser Traditionen und aller Hindernisse gelingt. Luce steht hier für die analytische Untermauerung von Indiens Hoffnungsgeschichte.
Pudong (Schanghai): Das neue Finanzdistrikt Schanghais wird ausführlich beschrieben – Jin Mao Tower, Shanghai World Financial Center, Oriental Pearl Tower, in Bau das 580 Meter hohe Shanghai Center. Diese Orte nennt Moïsi als Wahrzeichen der asiatischen Hoffnung. Sie verkörpern Modernität, Selbstvertrauen und Optimismus so anschaulich, dass Moïsi sie fast poetisch würdigt. Pudong ist für ihn die städtebauliche Chiffre einer ganzen Kultur der Zuversicht.
Oriental Pearl Tower (Schanghai): Eines der genannten Gebäude – mit seinen markanten Kugeln an drei Säulen – sticht als Symbol heraus. Moïsi erwähnt es, um die Kreativität und den futuristischen Gestaltungswillen der Chinesen zu betonen. Anders als alte imperiale Architektur (etwa die schwelgerischen Bauten im Putin’schen Russland) signalisieren diese Bauten etwas radikal Neues und Feierliches: das bewusste Zusammenführen westlicher und östlicher Wege in die Moderne.
Mumbai (Indien): In der Einleitung schon als hoffnungsvolle Stadt erwähnt, taucht Mumbai auch hier als Beispiel eines Ortes auf, der Hoffnung „ausstrahlt“. Der indische Schriftsteller Suketu Mehta wird zitiert, um Mumbais Lebensgefühl zu erklären – vermutlich in Hinblick auf die Energie und Chancen, die die Stadt verspricht. Mumbai repräsentiert damit die indische Variante der urbanen Hoffnung (trotz aller Probleme wie Slums), analog zu Schanghai in China.
ASEAN-Staaten (Südostasien): Moïsi zählt Südostasien zur „Region der Hoffnung“. Im Buch wird erwähnt, dass die Kultur der Hoffnung sich auch über die Mitgliedsländer der ASEAN erstreckt. Länder wie Vietnam, Thailand, Indonesien etc. haben in den letzten Jahrzehnten wirtschaftliche Fortschritte gemacht und eine junge, optimistische Bevölkerung – auch sie Teil des emotionalen Aufbruchs Asiens.
Davos (Schweiz): Der Austragungsort des Weltwirtschaftsforums steht sinnbildlich für globale Stimmungsbarometer. Der Kontrast zwischen westlichen und asiatischen Teilnehmern 2008 in Davos wird hervorgehoben. Hier in den Alpen zeigte sich, wie Angst (vor Rezession) und Hoffnung (auf weiteres Wachstum) unmittelbar aufeinanderprallten – mit den Asiaten als Trägern der Hoffnung.
Schlüsselzitate
„Hoffnung ist das Gegenteil von Resignation, eine Form des Vertrauens, das uns auf andere zugehen lässt und uns erlaubt, ihre Andersartigkeit ohne Furcht anzunehmen.“ (S. 35) – Definition der säkularen Hoffnung, die Offenheit statt Abgrenzung fördert.
„Im 21. Jahrhundert basiert Hoffnung darauf, dass es einem in dieser Welt, im Hier und Jetzt, besser gehen wird, und nicht auf dem Glauben an eine zukünftige bessere Welt.“ (S. 36) – Über den säkular-materialistischen Charakter der modernen Hoffnung, wie sie besonders in Asien gelebt wird.
„Hoffnung bezieht sich heute auf ökonomische und gesellschaftliche Teilhabe, und sie ist vor allem im Osten verbreitet.“ (S. 37) – Kernaussage zur regionalen Verortung der Hoffnungskultur.
„Dies ist die Architektur des 21. Jahrhunderts – … immer wagemutig. … Sie stellt etwas Neues dar, das bewusst die Verknüpfung zweier Wege in die Moderne … feiert.“ (S. 40) – Moïsi über Schanghais Skyline als Symbol einer stolzen, selbstbewussten asiatischen Moderne, die Hoffnung ausdrückt.
„Wenn der Glaube ‚eine Hoffnung ist, die sich auf das Unsichtbare richtet‘, dann lässt die asiatische Welt diese Art Glauben langsam, aber sicher hinter sich: Denn immer mehr Asiaten setzen ihre Hoffnung in den materiellen Fortschritt, den sie … sehen, fühlen, hören, schmecken und erleben können.“ (S. 36) – Ein Zitat, das den Pragmatismus und die Sinnlichkeit der asiatischen Hoffnungskultur hervorhebt.
Kapitel 3: Die Kultur der Demütigung
Zentrale Thesen
Demütigung als Gefühl der Ohnmacht: Moïsi definiert das Gefühl der Demütigung als das Empfinden, die Kontrolle über das eigene Schicksal verloren zu haben – sei es als Individuum oder als Teil einer Gruppe/Nation. Wer gedemütigt ist, blickt voller Bitterkeit in die Zukunft, die als von „Anderen“ diktiert wahrgenommen wird. Demütigung geht meist mit der Vorstellung einher, dass gegenwärtige und zukünftige Chancen geraubt wurden, insbesondere im Vergleich zu einer idealisierten, vermeintlich glorreichen Vergangenheit. In Moïsis Bildwelt steht Demütigung damit der Hoffnung direkt entgegen: „Wenn Hoffnung Selbstvertrauen ist, ist das Gefühl der Demütigung Ohnmacht.“.
„Gute“ vs. „schlechte“ Demütigung: Analog zum Cholesterin-Vergleich unterscheidet Moïsi zwei Formen der Demütigung. Eine „produktive Demütigung“ kann als Ansporn wirken: das gekränkte „Jetzt erst recht“-Gefühl, das etwa Individuen motiviert, sich zu beweisen („Ich zeige es euch“). In Maßen erlebt, kann diese Kränkung die Leistungsbereitschaft und den Wettbewerbsgeist stärken. So interpretiert Moïsi z.B. das Wirtschaftswunder Ostasiens in den 1980ern teilweise als stolze Trotzreaktion ehemals von Japan erniedrigter Nationen (Südkorea, Taiwan). Die andere Form ist die „vergiftete Demütigung“, die in Verzweiflung, Opferdenken und letztlich zerstörerischen Rachewunsch umschlägt. Wo keine Hoffnungsschimmer und Selbstwert mehr vorhanden sind, will man die vermeintlichen Unterdrücker wenigstens mit herunterziehen („Ich werde ihnen zeigen, wie es ist, wenn man leidet.“). Diese negative Kultur der Erniedrigung ist äußerst gefährlich und laut Moïsi derzeit vor allem in weiten Teilen der arabisch-islamischen Welt verbreitet.
Die arabisch-islamische Welt im Zeichen der Demütigung: Moïsi macht klar, dass kein Kulturkreis monolithisch nur eine Emotion kennt – doch diagnostiziert er für die Mehrheit der arabisch geprägten Länder ein überwältigendes Gefühl kollektiver Demütigung. Jahrhunderte des Niedergangs (vom Fall des Osmanischen Reiches über Kolonialismus bis zu Niederlagen und Fremdherrschaft im 20. Jh.) haben hier ein tiefes Trauma hinterlassen. Verstärkt wird dieses durch die Unfähigkeit oder Unwilligkeit der eigenen Eliten zur Selbstkritik: Statt Reformen zu wagen, hätten Generationen von Führern nach außen gezeigt und Sündenböcke gesucht. Das Resultat ist eine Opfer-Narrativ, in dem „der Westen“, Israel, Christen und Juden zu Schuldigen an der Misere stilisiert werden. Diese weit verbreitete Demütigungskultur erklärt laut Moïsi vieles: von der Attraktivität radikaler Heilsversprechen über die Wut auf westliche Dominanz bis zur Gewaltbereitschaft im Extremfall (Terrorismus als „Waffe der Erniedrigten“).
Mythen und Narrative
Mythos der monolithischen „islamischen Welt“: Moïsi warnt gleich zu Beginn davor, „den Islam“ als Einheit zu betrachten – das gibt es nicht. Die islamische Welt ist vielfältig (Sunniten vs. Schiiten, Araber vs. Nicht-Araber, Radikale vs. Gemäßigte etc.), und es gibt ebenso wenig „die Araber“ als geeinte Kraft. Dieser Hinweis ist wichtig, um einen möglichen westlichen Mythos zu zerstreuen: die pauschale Betrachtung von 1,5 Milliarden Muslimen als monolithischer Block. Allerdings anerkennt Moïsi, dass trotz aller Vielfalt gewisse gemeinsame Emotionen existieren – insbesondere ein vages arabisches Identitätsgefühl und eine geteilte Kränkung gegenüber der westlichen Welt.
Narrativ der historischen Demütigung: Das Kapitel zeichnet ausführlich das Narrativ vom Glanz und Fall der islamischen Zivilisation. Von der schnellen Expansion des Kalifats im 7./8. Jh. (Symbol einer glorreichen Vergangenheit mit Bagdad und Damaskus als Zentren) über die Blüte unter den Osmanen bis zum langen Niedergang ab dem 18. Jh.. Dieses Narrativ – „wir waren einst groß, jetzt sind wir schwach und gedemütigt“ – bildet den emotionalen Hintergrund vieler aktueller Konflikte. Moïsi skizziert, wie die Erinnerung an verlorene Größe (z.B. das Ende des Kalifats, Kolonialzeit) und einzelne Schocks (Gründung Israels 1948, Niederlage 1967) das kollektive Gedächtnis prägen und eine Chronik der Kränkungen ergeben. Das verbreitete Narrativ in vielen arabisch-islamischen Gesellschaften lautet: Wir sind durch fremde Einmischung und Verschwörungen in unseren gerechten Ansprüchen gedemütigt worden. Dieses Geschichtsbild wird von radikalen Predigern und Politikern immer wieder bemüht, um Wut und Zusammenhalt zu schüren.
Narrativ der Märtyrer und Vergeltung: Im Umfeld dieser Demütigungskultur entsteht das Narrativ vom heilbringenden Kampf gegen die Unterdrücker. Osama bin Laden stilisierte sich z.B. durch gezielte Symbolik (Kleidung, Rhetorik) zum Personifikations-Mythos aller gedemütigten Muslime. Sein Leben in Verzicht und das erlittene Unrecht gaben ihm – in der Mythologie seiner Anhänger – das „Recht“, Rache stellvertretend auszuüben. Solche Narrative (vom heiligen Rächer, der die Ehre wiederherstellt) sind in gedemütigten Gesellschaften besonders wirkmächtig. Moïsi zeigt auch, wie charismatische Figuren wie Irans Präsident Ahmadinedschad diese Story bedienen: Durch das Leugnen von Israels Existenzrecht und aggressive Provokationen bedient er das Narrativ „Bald wird Gerechtigkeit geschehen – wir werden die Demütigung tilgen“. Diese Geschichten emotionalisieren die Massen und rechtfertigen in ihren Augen extreme Mittel.
Wichtige Argumente und Beispiele
Historische Ursachen des Demütigungsgefühls: Moïsi geht analytisch der Frage nach: „Woher kommt die in jüngster Zeit wiederauflebende muslimische Identität – und welche Bedeutung hat sie?“. Er führt die Demütigung auf mehrere Ursachen zurück. Erstens den historischen Bedeutungsverlust: die islamische Welt erlebte ab dem 18. Jh. eine beispiellose politische, militärische und wirtschaftliche Schwächeperiode gegenüber dem Westen, die bis heute anhält. Zweitens der Kolonialismus und seine Nachwirkungen: Die Aufteilung der arabischen Welt nach dem Ersten Weltkrieg, Fremdherrschaft und künstliche Grenzen hinterließen tiefe Wunden und Identitätskrisen. Drittens die demütigenden Niederlagen in der Moderne: Besonders der israelisch-palästinensische Konflikt wirkt als permanenter Stachel. Moïsi merkt an, dass die Gründung Israels 1948 für Araber ein „symbolträchtiger Schock“ war, der ihre Schwäche bewies. Die wiederholten militärischen Niederlagen gegen Israel (1948, 1967) verstärkten das Gefühl der Schande. Viertens die gefühlte kulturelle Überlegenheit des Westens: Viele Muslime empfinden es als demütigend, vom Westen Belehrungen über Demokratie oder Menschenrechte zu erhalten, während ihre eigene Geschichte und Leistungen geringgeschätzt würden. Diese vielfältigen Faktoren addieren sich zu einem kollektiven Gedächtnis der Erniedrigung. Moïsi argumentiert, dass ohne diese historischen Kränkungen weder der Aufstieg islamistischer Ideologien noch die Wut auf den Westen verständlich sind.
Demütigung als politisches Werkzeug: Das Kapitel zeigt, wie autokratische Regime und radikale Bewegungen das Demütigungsgefühl bewusst instrumentalisieren. Moïsi spricht von Generationen von Führern, die unfähig zur Selbstkritik waren und stattdessen Sündenböcke definierten. So haben viele arabische Regierungen Misserfolge und Missstände externalisiert: Schuld seien immer „die Anderen“ – Kolonialisten, Zionisten, Amerikaner. Dieses Ablenkungsmanöver hält die Bevölkerung in einem Dauerzustand der Empörung, lenkt aber von inneren Problemen ab. Das populäre Bild vom „von Feinden umzingelten Islam“ schafft einen emotionalen Schulterschluss, aber verhindert zugleich Aufarbeitung eigener Fehler. Moïsi liefert dafür empirische Indizien: etwa Umfragen des Ibn-Khaldun-Zentrums in Kairo, wonach ausgerechnet Hardliner wie Ahmadinedschad oder Hisbollah-Chef Nasrallah in Ägypten (einem sunnitischen Land) als Helden verehrt werden – weil sie das Gefühl vermitteln, endlich spricht jemand unsere gekränkte Ehre an. Selbst die Tatsache, dass diese Idole keine Araber sind (Perser oder Schiiten), irritiert wenige, solange sie lautstark den westlich-israelischen „Erzfeind“ herausfordern. Dieses Argument belegt: Die Politik der Demütigung folgt nicht primär religiösen oder ethnischen Grenzen, sondern emotionalen Linien – wer das Gefühl der gedemütigten Massen anspricht, gewinnt ihre Unterstützung.
Radikalisierung und Gewaltspirale: Moïsi legt dar, dass aus verbreiteter Demütigung leicht Gewalt erwächst, wenn keine Hoffnung auf Besserung vorhanden ist. Das Kapitel beschreibt die Zunahme des islamistischen Radikalismus als zugleich Ursache und Folge der Demütigungskultur. In zahlreichen Ländern – vom Maghreb (Algerien, Marokko) über den Nahen Osten (Libanon, Saudi-Arabien) bis Süd- und Südostasien (Pakistan, Indonesien) – hat sich eine „Kultur der Erniedrigung“ ausgebreitet, die Extremisten nährt. Wo immer Menschen glauben, nichts mehr zu verlieren zu haben und permanent missachtet zu werden, ist der Schritt zur Gewalt klein: Terrorgruppen rekrutieren gezielt unter jenen, die verzweifelt sind und Rache wollen. Moïsi illustriert dies mit drastischen Folgen: In Pakistan etwa führte die anhaltende Demütigung nach seiner Schilderung dazu, dass schließlich ein dschihadistisches Regime an die Macht kommen könnte (eine Gefahr, die er in Kapitel 6 für 2025 schildert). Sein Argument ist eindeutig: Ohne Hoffnungsschimmer schlägt Demütigung in destruktive Aggression um – lokal wie global. Dies gilt es zu durchbrechen, indem man entweder Hoffnung zurückbringt oder den Kreislauf der Demütigung (durch Verständigung und Anerkennung) unterbricht.
Zentrale Namen und Orte
Osama bin Laden: Verkörpert in Moïsis Analyse den modernen Mythos des „Rächers der Gedemütigten“. Obwohl Bin Laden real auf der Flucht und isoliert war, wurde er durch gezielte Inszenierung (asketisches Exil in Afghanistan, Kampf gegen Sowjets, radikaler Bruch mit den USA) zur Projektionsfigur vieler gedemütigter Muslime. Moïsi zitiert den Journalisten Lawrence Wright: „Auf der realen Ebene war Bin Laden marginalisiert … doch innerhalb des Mythos, den er um sich selbst gesponnen hatte, wurde er zu einer Verkörperung aller verfolgten und gedemütigten Muslime.“. Bin Ladens Erfolg speiste sich aus dem Narrativ, im Namen aller Erniedrigten zurückzuschlagen.
Mahmud Ahmadinedschad: Irans früherer Präsident steht exemplarisch für Politiker, die die Demütigungsrhetorik offensiv nutzen. Moïsi erwähnt etwa Ahmadinedschads Leugnung des Existenzrechts Israels, quasi mit der Botschaft: „Wir wurden so lange gedemütigt, aber wartet nur – bald gibt es Israel nicht mehr.“. Dass ein persischer, schiitischer Politiker in weiten Teilen der sunnitisch-arabischen Öffentlichkeit gefeiert wird, unterstreicht Moïsis Punkt: Entscheidend ist nicht die konfessionelle oder nationale Zugehörigkeit, sondern dass jemand das Gefühl der Demütigung artikuliert und scheinbar mutig Konsequenzen zieht.
Hassan Nasrallah: Führer der libanesischen Hisbollah, ebenfalls im Buch als populäre Identifikationsfigur genannt. Nasrallah und seine Miliz haben 2006 Israel die Stirn geboten – was vielen Arabern Genugtuung verschaffte. Moïsi führt seine Beliebtheit (selbst in Ländern, die Hisbollah fremd sind) als Beispiel für die grenzüberschreitende Kraft der Demütigungs-Narrative an.
Ibn-Khaldun-Zentrum, Kairo: Diese ägyptische Denkfabrik führte die zitierte Umfrage durch, die Ahmadinedschad und Nasrallah als beliebtesten ausländischen Führer in Ägypten auswies. Die Nennung des Instituts verleiht Moïsis Argument empirisches Gewicht. Ibn Khaldun selbst war ein arabischer Philosoph, bekannt für seine Theorie von Aufstieg und Fall von Dynastien – eine ironische Parallele zu Moïsis eigener Theorie über Aufstieg der Hoffnung und Fall in Demütigung.
Bab al-ʿAzab (Kairo) / Mekka 1979 / etc.: Es gibt Hinweise im Buch (etwa Quellenverweise), dass Moïsi auf weitere historische Demütigungserlebnisse eingeht, z.B. die Besetzung der Großen Moschee von Mekka 1979 oder andere Krisen. Diese spezifischen Beispiele illustrieren die Traumata, die Fundamentalisten ausnutzen. (Im Text werden sie eher gestreift und in den Endnoten belegt – daher hier nicht einzeln ausgeführt.)
Palästina / Israel: Obgleich Moïsi betont, es gebe nicht „die arabische Außenpolitik“, identifiziert er den ungelösten israelisch-palästinensischen Konflikt als Dauerquelle der Demütigung. Palästina ist zum Symbol geworden: für Araber/Muslime der lebende Beweis ihrer Ohnmacht und Demütigung durch den Westen (verkörpert durch Israels Existenz), für Israelis wiederum die ständige Erinnerung an die Feindschaft ihrer Nachbarn. Dieses Thema zieht sich durch das Buch (und findet in Kapitel 6 einen Auflösungsversuch im Hoffnungsszenario). Im Kontext von Kapitel 3 ist Palästina vor allem als Emotionsmotor relevant – unzählige Male beschworen von Populisten, um Zorn zu entfachen.
Nahost (generell): Die arabischen Nationen, von denen Moïsi spricht, erstrecken sich vom Nordafrika (Maghreb) bis Westasien. Er betont jedoch, dass es trotz Arabischer Liga keine echte Einheit gibt – nur ein vages „arabisches Grundgefühl“. Dieses Grundgefühl ist unspezifische Unsicherheit und Verbitterung, das Araber von Nicht-Arabern abgrenzt. Der Nahe Osten wird somit im Buch eher als emotionaler Raum verstanden denn als handlungsfähige Einheit.
Schlüsselzitate
„Wenn Hoffnung Selbstvertrauen ist, ist das Gefühl der Demütigung Ohnmacht.“ (S. 57) – Moïsi auf den Punkt gebracht: Demütigung bedeutet den Verlust von Kontrolle und Zukunftsperspektive.
„Die schlimmste Erniedrigung empfindet man, wenn eine andere Person in die eigene Privatsphäre eindringt und einen völlig von sich abhängig macht.“ (S. 57) – Definition der persönlichen Dimension von Demütigung, übertragbar auf ganze Völker (Fremdherrschaft als kollektive Demütigung).
„Ein gewisses Maß an erlebter Demütigung kann einen Anreiz darstellen, durch harte Arbeit gesellschaftlich aufzusteigen: ‚Ich werde euch zeigen, was ich kann.‘ … Man kann sagen, dass das erste asiatische Wirtschaftswunder … zum Teil eine siegreiche Reaktion auf nationale Gefühle der Demütigung war.“ (S. 59) – Moïsi über die produktive Umwandlung von Demütigung in Leistungswillen, hier am Beispiel Ostasiens.
„Ohne [Hoffnung] führt das Gefühl der Erniedrigung zu Verzweiflung und zu einem Verlangen nach Rache, das leicht in einen zerstörerischen Impuls umschlagen kann. … Heute macht sich diese Kultur der ‚schlechten‘ Erniedrigung am stärksten in großen Teilen der arabisch-islamischen Welt bemerkbar.“ (S. 60) – Warnung vor der giftigen Form der Demütigung, die Moïsi insbesondere in Nahost sieht.
„Als solche werden dann ‚Andere‘ identifiziert, die man als die Schuldigen dafür anprangert, dass sie sich gegen den Islam, die muslimische Welt und die Araber verschworen haben. So werden die Vereinigten Staaten, Israel, die westliche Welt und auch … ‚Christen und Juden‘ – ‚Kreuzritter und Zionisten‘ in der Sprache von Al Qaida – verteufelt.“ (S. 64) – Beschreibung, wie das Demütigungsnarrativ von Verschwörungstheorien und Feindbildern lebt.
„Der zunehmende Radikalismus in der islamischen Welt ist sowohl eine Ursache als auch ein Beispiel für dieses Phänomen [der Demütigung]… Er ist mittlerweile überall … fest verwurzelt.“ (S. 66) – Moïsi über die Verbreitung des Extremismus als Symptom und Treiber der Demütigungskultur in der gesamten islamischen Welt.
Kapitel 4: Die Kultur der Angst
Zentrale Thesen
Angst im Westen als Reaktion auf Wandel: Moïsi stellt fest, dass Europa und Nordamerika von einer Kultur der Angst erfasst sind – einer kollektiven Verunsicherung, die vor allem aus dem Gefühl resultiert, die gewohnte Vormachtstellung und Kontrolle über die eigene Zukunft zu verlieren. Er betont, dies sei eine neue Erfahrung für den Westen: Erstmals seit Jahrhunderten geben nicht mehr Europa oder die USA den Ton an, sondern müssen sich als „verwundbar“ und überholt wahrnehmen. Diese Identitätskrise äußert sich in diffusen Ängsten – vor dem wirtschaftlichen Abstieg (durch Asiens Aufstieg), vor äußeren Bedrohungen (Terrorismus aus der islamischen Welt) und vor inneren Veränderungen (Migration, kultureller Wandel).
Gemeinsame Angst und transatlantische Unterschiede: Obwohl die USA und Europa unterschiedliche Ängste haben, sind sie im Kern durch eine gemeinsame Verlustangst verbunden: Beide müssen akzeptieren, nicht länger uneingeschränkte Herren der Globalisierung zu sein. Diese gemeinsame Quelle der Angst – Kontrollverlust über die Zukunft – eint den Westen. Allerdings warnt Moïsi, dass die Wege auseinandergehen könnten: Die USA könnten dank neuer Führung (Obama) ihre traditionelle Hoffnungskultur wiederfinden, während Europa immer tiefer in Pessimismus versinkt. Somit droht aus der gemeinsamen Kultur der Angst eine emotionale Spaltung: Hoffnung in Amerika, Angst in Europa. Dieses Szenario (das Moïsi 2009 vor dem Hintergrund von Obamas Amtsantritt entwirft) unterstreicht, dass Angst und Hoffnung auch innerhalb des „Westens“ um die Vorherrschaft kämpfen.
Die doppelte Natur der Angst: Moïsi betont, dass Angst nicht nur negativ ist. Im individuellen wie kollektiven Bereich kann Angst eine sinnvolle Schutzfunktion erfüllen – sie schärft die Aufmerksamkeit gegenüber Gefahren und kann präventives Handeln auslösen. So war z.B. die Furcht vor einem erneuten deutsch-französischen Krieg nach 1945 ein positiver Antrieb für die Gründung der Europäischen Union. Eine gewisse Grundangst bewahrt vor Übermut und zwingt zur Problemlösung (etwa die aktuelle Furcht vor Klimawandel, die globales Handeln erforderlich macht). Diese produktive Angst muss jedoch in Balance gehalten werden – zu viel Angst führt zu Lähmung, Misstrauen und Abschottung. Moïsi argumentiert, dass der Westen an dieser Schwelle steht: berechtigte Sorgen (z.B. um Sicherheit) drohen in irrationale Panik und Abschottung umzuschlagen, wenn nicht gegengesteuert wird.
Mythen und Narrative
Narrativ vom Kontrollverlust: In einem fiktiven inneren Monolog lässt Moïsi die westliche Welt fragen: „Was geschieht mit uns? … Jetzt hat es den Anschein, als würden wir von Kräften drangsaliert, die sich unserer Kontrolle entziehen.“. Dieses Narrativ – „Wir verlieren die Kontrolle über unser Schicksal“ – ist im Westen allgegenwärtig. Es speist sich aus realen Entwicklungen (Globalisierung, Migration, Terror) und verstärkt die kollektive Angst. Moïsi nimmt es ernst, zeigt aber auch, wie es zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden kann: Wer nur noch um Kontrolle ringt, riskiert, Freiheit und Offenheit zu opfern. Das Kapitel hinterfragt also das Narrativ, dass alle Veränderungen Bedrohungen seien, und plädiert dafür, dem westlichen Angst-Diskurs wieder Hoffnungsnarrative entgegenzusetzen.
Mythos der absoluten Sicherheit: Implizit entlarvt Moïsi die Illusion, man könne durch Abschottung und Härte völlige Sicherheit erreichen, als trügerisch. Er skizziert in Gedanken das westliche Verlangen, Mauern gegen die Außenwelt zu errichten und so die Gefahr „auszusperren“. Dieses Narrativ vom „Fortress West“ (einer uneinnehmbaren Festung) taucht im Buch in düsterer Zuspitzung im Negativszenario 2025 auf – mit geschlossenen Grenzen, dauerndem Notstand und Überwachungsstaat. Die zugrundeliegende Idee, dass man Angst durch Isolation besiegen könne, wird von Moïsi als fataler Trugschluss entlarvt. Stattdessen erzählt er ein Gegen-Narrativ: Wer sich von Angst regieren lässt, verliert am Ende genau die Freiheit und Stärke, die er schützen wollte.
Transatlantische Gegenerzählungen: Moïsi beschreibt, wie nach 2003/2004 zwei Narrative auf beiden Seiten des Atlantiks einander hochschaukeln: Amerikaner sahen die Europäer als verweichlichte „Feiglinge“ ohne Mut, während Europäer die Amerikaner als grobschlächtige „Cowboys“ oder naiv-messianische Krieger schmähten. Diese Stereotypen – „Old Europe“ vs. „Wild West“ – schufen ein Narrativ vom „Zusammenprall der Kulturen“ zwischen USA und Europa, insbesondere im Zuge des Irakkriegs. Moïsi deutet dies als gefährliche Entwicklung, bei der Angst voreinander erzeugt wurde: Die USA ängstigten sich vor europäischer Schwäche (etwa im Anti-Terror-Kampf), die Europäer wiederum vor amerikanischer Rücksichtslosigkeit. Glücklicherweise, so impliziert er, war dieses transatlantische Zerwürfnis reparabel (und Obamas Wahl 2008 bot die Chance dazu). Das Beispiel zeigt jedoch, wie Angstnarrative selbst zwischen Verbündeten Gräben ziehen können.
Wichtige Argumente und Beispiele
Innere Monologe des Westens: Moïsi illustriert die westliche Angstkultur mit einem eindringlichen fiktiven Zitat, das die Gemütslage auf den Punkt bringt: „Wir hatten unser gesellschaftliches Leben und unsere Identitäten im Griff… Jetzt scheint es, als würden wir von Kräften bedrängt, die sich unserer Kontrolle entziehen. Asien überholt uns wirtschaftlich. Fundamentalisten wollen uns vernichten. Wir werden von Immigranten überschwemmt. Wie können wir wieder Herr unseres Schicksals werden?“. Diese Aufzählung konkreter Ängste – wirtschaftlicher Abstieg, Terrorismus, Migration – unterstreicht Moïsis Argument: Der Westen fühlt sich in die Defensive gedrängt. Das Beispiel schafft Empathie für die Angst, die Bevölkerungen in Europa und Nordamerika umtreibt, liefert aber auch die Agenda, diese Punkte anzugehen.
Unterschiedliche Angstprofile USA vs. Europa: Das Kapitel vergleicht die Arten der Angst: Die USA erlebten nach 9/11 eine Phase akuter Sicherheitsangst, gepaart mit einer aggressiven Gegenreaktion (Krieg gegen den Terror). Europa hingegen leidet an einer diffusen Zukunftsangst – erkennbar an politischer Lähmung, Pessimismus und dem Aufstieg populistischer Strömungen, die mit Ängsten vor Globalisierung oder Überfremdung spielen. Moïsi weist z.B. auf den demographischen Faktor: In Amerika hält unterschwelliger Optimismus (auch dank jüngerer Bevölkerung) länger an, während Europa mit Überalterung und geringer Geburtenrate seine Zukunftsfähigkeit anzweifelt. Auch symbolische Ereignisse nennt er: die ablehnenden Referenden gegen den EU-Verfassungsvertrag (2005 in Frankreich, Niederlande; 2008 in Irland) sind für Moïsi Ausdruck europäischer Verzagtheit und Vertrauensverlust in die eigene Vision. In den USA hingegen keimte 2008 neue Hoffnung durch Obamas „Yes we can“-Euphorie. Dieses Nebeneinander belegt sein Argument, dass Angst zwar beide „Zweige“ des Westens prägt, aber die Möglichkeit besteht, sie unterschiedlich zu überwinden oder zu verstärken.
Positive Funktion der Angst: Moïsi bringt Beispiele, wie Angst historisch zu positivem Wandel führte. Er erwähnt explizit die europäische Integration nach 1945: Die Furcht vor einem weiteren verheerenden Krieg zwischen Frankreich und Deutschland zwang die Staatsmänner zum Umdenken – das Ergebnis war die Montanunion und später die EU. Ebenso deutet er an, dass die wachsende Angst vor Klimakatastrophen heute endlich zu gemeinschaftlichem Handeln motivieren könnte. Diese Argumentation soll die allzu einseitige Verteufelung der Angst korrigieren: Nicht die Angst an sich sei das Problem, sondern wie man mit ihr umgeht. Richtig dosiert und kanalisiert kann Furcht den Willen fördern, Lösungen zu finden und Schlimmeres zu verhindern. Dieses Plädoyer ist vor allem für westliche Leser gedacht: Statt Angst zu verdrängen oder zu eskalieren, sollte man sie konstruktiv nutzen – als Wachruf und Motor für Innovation (etwa in Klimapolitik oder Sicherheitstechnologien) und internationale Zusammenarbeit (gemeinsame Bedrohungen erkennen).
Gefahr der Angstübersteigerung: Das Kapitel warnt jedoch eindringlich vor dem Kippen der westlichen Angst in Paranoia und Abschottung. Moïsi erinnert etwa an die McCarthy-Ära der 1950er in den USA – eine Zeit, in der Angst (vor Kommunisten) zu Massenhysterie, Denunziation und gesellschaftlicher Spaltung führte. Er zieht diese Parallele, um deutlich zu machen: Auch heutige berechtigte Ängste (vor Terror oder radikalem Islam) können außer Kontrolle geraten und liberale Gesellschaften deformieren, wenn man sie nicht im Zaum hält. In Europa sieht er die Gefahr an Zeichen wie dem Ruf nach harten Abschottungsmaßnahmen, Diskriminierung von Zuwanderern oder dem Erstarken extremistischer Parteien. All dies thematisiert er ausführlicher in seinem Negativszenario 2025, wo er beschreibt, wie Europa zum xenophoben Polizeistaat werden könnte, wenn die Angstpolitik obsiegt. Dieser Ausblick dient als drastische Veranschaulichung dessen, was er hier theoretisch darlegt: Der Umgang mit Angst entscheidet, ob der Westen seine offenen Gesellschaften bewahrt oder aus Furcht vor dem Chaos selbst ins Chaos (von Illiberalität und Isolation) abrutscht.
Zentrale Namen und Orte
William Shakespeare: Zu Kapitelbeginn zitiert Moïsi eine Zeile aus Maß für Maß: „Zweifel sind Verräter; sie rauben uns, was wir gewinnen könnten, wenn wir nur einen Versuch wagten.“. Dieses Motto macht den Leser auf das Thema aufmerksam: Lähmt uns unsere Angst vor dem Scheitern? Shakespeare wird hier als kulturelle Autorität bemüht, um zu sagen: Übermäßige Zweifel (Angst) verhindern Erfolge, die möglich wären. In Moïsis Argumentation soll das dem Westen ins Stammbuch geschrieben sein.
Barack Obama: Der frischgewählte US-Präsident (2009) erscheint als Hoffnungsträger in einer von Angst geprägten Zeit. Moïsi widmet Obama in diesem Kapitel besondere Aufmerksamkeit: Er nennt ihn „einen jungen Präsidenten, der die Kultur der Angst abschütteln will, um Amerikas traditionelle Kultur der Hoffnung zurückzugewinnen“. Obama verkörpert somit die mögliche Trendwende – seine Wahl wird als Indikator interpretiert, dass die USA sich ihrer Ängste (Kriege, wirtschaftliche Krise) aktiv stellen und wieder Zukunftsglauben schöpfen könnten. Moïsi bleibt zwar vorsichtig („noch lässt sich nicht sagen, ob es gelingt“), doch Obama steht eindeutig als positive Figur gegen die vorherrschende Angst (in Abgrenzung zur vorherigen Administration, die als angstgetrieben gesehen wurde).
„Nein“-Referenden in Europa: Namentlich erwähnt werden das irische „No“ zu Europa (Referendum 2008 über den Lissabon-Vertrag) und zuvor die französischen und niederländischen „Neins“ 2005. Diese Ereignisse stehen symbolisch für Europas Identitäts- und Vertrauenskrise. Indem Moïsi sie aufzählt, ruft er ins Bewusstsein, wie die Angst vor Souveränitätsverlust und Überforderung Europas Integration gebremst hat. Sie sind Marker einer europäischen Angstkultur, die politische Fortschritte verhindert – ein direkter Kontrast zu den Gründungsjahren der EU, die ja von konstruktiver Angst getrieben waren (Angst vor Krieg führte zu mehr Integration, während jetzt Angst vor Überforderung zu weniger Integration führt).
9/11 und der „Krieg gegen den Terror“: Zwar nicht im Detail im Kapitel ausgeführt, schwingen diese Begriffe im Hintergrund stets mit. Der 11. September 2001 wird als historischer Angstmoment für die USA vorausgesetzt, und der anschließende War on Terror als Beispiel, wie Angst zu Überreaktionen führte (Irakkrieg 2003). Moïsi erwähnt etwa, dass 9/11 die Völker diesseits und jenseits des Atlantiks kurzzeitig einte (gemeinsame Angst), diese Solidarität aber rasch wieder verflog. Auch wird angedeutet, wie antiamerikanische Ressentiments in Europa zunahmen (die USA als angstgetriebener, rücksichtsloser Hegemon), was Teil der gegenseitigen Entfremdung war. Orte wie Guantánamo oder Bagdad tauchen nicht direkt im Text auf, sind aber sinnbildlich präsent als Folge westlicher Angst-Politik.
Grenzen und Mauern: Moïsi erwähnt konkret „die Mauern“, die Europäer plötzlich errichtet sehen wollen. Hier schwingt die Erinnerung an reale und geplante Barrieren mit: etwa die befestigte EU-Außengrenze (gegen Migranten), Zäune in Spanien (Ceuta/Melilla) oder Osteuropa, Diskussionen um Grenzzäune in den USA (an der mexikanischen Grenze) etc. Diese Orte der Abschottung stehen paradigmatisch für die Materialisierung der Angst. Moïsi greift sie später in seinem dystopischen Szenario auf (ein Neoprotektionismus mit befestigten Nordgrenzen der USA, lückenlos geschlossenen EU-Grenzen etc.). Schon in Kapitel 4 will er damit vor Augen führen, wie Angst architektonisch und politisch konkrete Formen annimmt, die das Ideal der offenen Welt in Frage stellen.
Schlüsselzitate
„Sag mir, wovor du dich fürchtest und was du tust, um deine Furcht zu überwinden, und ich sage dir, wer du bist.“ (S. 72) – Diese Abwandlung eines Sprichworts nutzt Moïsi, um zu betonen, dass die spezifischen Ängste und Bewältigungsstrategien einer Kultur viel über ihr Wesen verraten. Für den Westen heißt das: Woran er seine Angst festmacht und wie er darauf reagiert, definiert seine Identität im 21. Jh.
„Zum ersten Mal seit über zweihundert Jahren gibt der Westen nicht mehr den Ton an.“ (S. 69) – Moïsi bringt den historischen Wendepunkt prägnant auf den Nenner und leitet daraus das westliche Verwundbarkeitsgefühl ab.
„Gibt es für uns überhaupt eine Möglichkeit, wieder Herr über unser Schicksal zu werden?“ (S. 69) – Aus dem inneren Monolog des Westens: die zentrale angstgetriebene Frage, die die westliche Sinnsuche umreißt.
„Könnte es sein, dass die Vereinigten Staaten und Europa … sich in emotionaler Hinsicht so weit auseinanderleben, dass sie in zwei gegensätzliche emotionale Kulturen zerfallen: Hoffnung für Amerika, Angst für Europa?“ (S. 71) – Moïsi warnt vor einer potenziellen transatlantischen Kluft, falls die USA ihre Optimismus-Tradition erneuern und Europa in Pessimismus verharrt.
„Angst ist eine Kraft der Selbsterhaltung in einer Welt, die von Natur aus gefährlich ist. … Furcht steigert die Aufmerksamkeit… sie fungiert als Warnung und ist damit Teil eines natürlichen Schutzinstinkts.“ (S. 73) – Moïsi anerkennt die nützliche Seite der Angst und argumentiert für einen vernünftigen Umgang statt blinder Verteufelung.
Kapitel 5: Grenzfälle
Zentrale Thesen
Komplexe Fälle jenseits der Dreiteilung: Moïsi betont, dass seine Einteilung der Welt in drei Emotionskulturen (Hoffnung, Demütigung, Angst) zwar hilfreich, aber nicht überall trennscharf ist. Es gibt wichtige Länder, die alle drei Emotionen in sich vereinen oder in einem ungewöhnlichen Mix enthalten. Solche „Grenzfälle“ passen nicht ins einfache Schema, sind aber geopolitisch äußerst bedeutsam. Kapitel 5 widmet sich exemplarisch einigen dieser Fälle, um zu zeigen, wie gemischte emotionale Verfassungen aussehen und wirken. Insbesondere nennt Moïsi Russland, den Iran und Israel als Staaten, in denen Hoffnung, Angst und Demütigung parallel stark präsent sind – was ihre Politik unvorhersehbar und ambivalent macht.
Russland: Stolz, Verunsicherung und Trotz: Russland ist laut Moïsi ein Prototyp eines Grenzfalles. In der postsowjetischen Seele kämpfen ausgeprägte Angst, tiefe Demütigung und neue Hoffnung miteinander. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR erlebten die Russen eine Phase extremer Demütigung (Verlust des Imperiums, wirtschaftliches Chaos), gepaart mit Ängsten (vor Zerfall, vor westlicher Ausnutzung) – zugleich keimt unter Putin wieder Hoffnung auf (durch relative Stabilisierung, Ölboom, nationales Revival). Diese Gemengelage erklärt Widersprüche der russischen Politik: mal aggressiv-trotzig (um Demütigung zu kompensieren und Ängste zu projizieren), mal selbstbewusst-optimistisch (wenn Hoffnungen auf Großmachtstatus genährt werden). Moïsi macht klar, dass Russlands Identität zwischen Ost und West zerrissen ist und dies extreme Gefühlswechsel erzeugt.
Iran: Revolutionäre Rhetorik vs. junges Potenzial: Der Iran teilt mit Russland einige Merkmale (starker Rohstoff-gestützter Nationalstolz, erlittene Fremdeinmischung wie der Sturz Mossadegh 1953 als nationales Trauma). Beide Länder sind überzeugt, dass „die Zeit für sie arbeitet“ und instrumentalisieren vergangene Demütigungen propagandistisch. Doch Moïsi hebt auch entscheidende Unterschiede hervor: Russland ist ein überalterndes Land mit ermatteter Bevölkerung, der Iran hingegen jung, dynamisch und voller ungenutzter Energie. Die herrschenden Kleriker Irans vertreten eine anachronistische Ideologie, während die Jugend nach Fortschritt strebt. Hier prallen die „schlechte Angst“ und Demütigung (der repressive, antiwestliche Reflex der Führung) auf eine unterschwellige Hoffnungskultur in der Bevölkerung, die sich nicht offen zeigen darf. Der Iran ist somit ein Land, das potentiell eher zu Hoffnung tendiert (aufgrund seines jugendlichen Elans), aber durch sein Regime in die Demütigungs-/Angstrolle gedrängt wird.
Israel: Zwischen existentieller Angst und unverwüstlicher Hoffnung: Israel ist ein weiterer Grenzfall, der laut Moïsi ein Gemisch aus Angst, Hoffnung und Demütigung aufweist. Israels Gesellschaft ist von tiefer Angst geprägt – verständlich durch die ständige Bedrohung (feindliche Nachbarn, Terror, demographische Perspektive, mögliche atomare Vernichtung durch Iran). Zugleich wurzelt Israel in einer unglaublichen Hoffnung: Die Staatsgründung selbst galt als „Sieg der Hoffnung über die Logik“ (Ben Gurion), und bis heute gibt es enormen Stolz auf die Errungenschaften in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Demütigung spielt ebenfalls hinein – historisch (Erinnerung an Holocaust, Exil) und aktuell (internationale Isolation, manchmal das Gefühl, nie fair behandelt zu werden). Moïsi’s These ist, dass Israels Identität von einem ständigen emotionalen Pendel bestimmt wird: Zwischen der Hoffnung auf Normalität und Frieden und der Angst vor Vernichtung schwankt die Stimmung, während der Umgang mit dem palästinensischen Konflikt teils auch von demütigenden Erfahrungen (für beide Seiten) überschattet ist.
Mythen und Narrative
Russlands „schwarzer Narzissmus“: Moïsi benutzt für die russische Neigung, sich auf eigene Tragödien und Unzulänglichkeiten zu fixieren, den Ausdruck „schwarzer Narzissmus“. Dieses Narrativ in Russland besagt: „Unsere Geschichte ist nun mal tragisch, wir sind zum Leid verdammt.“ Er illustriert es mit der Aussage russischer Freunde 1989, die erwarteten, Russlands Wandel werde blutig enden wie in Rumänien. Diese pessimistische Erzählung durchzieht laut Moïsi die russische Seele und rechtfertigt irgendwo auch autoritäre Härte („Uns kann nur eine harte Hand regieren, da wir sonst im Chaos versinken“). Der Mythos von der einzigartigen russischen Leidensfähigkeit und vom „eingekreisten Russland“ (Überzeugung, Ukraine/Weißrussland gehörten eigentlich zu Russland) stützt die Politik Putins, emotional untermauert durch nostalgische Symbole (wie Putins Verehrung für Zar Peter und General de Gaulle). Dieses russische Narrativ erklärt, warum Russland so schwer in Moïsis Kategorien passt: Es schwelgt in Vergangenheitsdemütigung und Stolz zugleich und ist getrieben vom Wunsch, die als ungerecht empfundene Weltordnung zu korrigieren.
Irans doppeltes Narrativ: Moïsi deutet an, dass es im Iran zwei konkurrierende Narrative gibt: das offizielle (Islamische Republik unter Khamenei/Ahmadinedschad) vs. das latente der Bevölkerung. Offiziell inszeniert sich Iran als Vorreiter der gedemütigten Muslime – etwa mit dem Narrativ „Ihr werdet uns nie wieder demütigen können!“ (Bezug auf Mossadegh 1953) und mit bizarren Drohgebärden (Ahmadinedschads ständige Ankündigung vom Ende Israels als Versuch, das „arabische Lager“ für sich zu gewinnen). Dieses Narrativ der Stärke und Vergeltung verdeckt jedoch ein anderes: Das Volk sehnt sich nach Normalität und Freiheit. Moïsi beschreibt es indirekt, wenn er die Jugend und Tatkraft des Iran hervorhebt und die Diskrepanz zur reaktionären Führung betont. Das latente Narrativ könnte lauten: „Unsere Zukunft liegt nicht im Kampf gegen Israel oder den Westen, sondern in unseren jungen Menschen, die endlich atmen wollen.“ Dieser innere Widerspruch prägt den Iran als Grenzfall – er ist zugleich revolutionär-herrisch und dynamisch-hoffnungsvoll, je nachdem, welches Narrativ obsiegt.
Israels Identitätsnarrativ: Israel vereint mehrere Narrative: das zionistische Hoffnungsnarrativ („ein Volk kehrt heim und lässt die Wüste blühen“), das Opfer-/Überlebensnarrativ (Holocaust und die Maxime „Nie wieder“ als Rechtfertigung für rigorose Sicherheitspolitik) und zunehmend ein Angstnarrativ („die demographische Uhr tickt, wir könnten unseren jüdischen Charakter verlieren oder vernichtet werden“). Moïsi schildert, wie die demographische Angst Israel umtreibt – die Vorstellung, auf Dauer von arabischen Bürgern im eigenen Land bzw. Palästinensern überflügelt zu werden. Dazu kommt die Sicherheitsangst durch Selbstmordattentäter, welche eine Mauer nötig erscheinen ließ. Gleichzeitig hält sich das Hoffnungsnarrativ („an Wunder glauben ist vernünftig“ – Ben Gurion), gespeist durch Israels Erfolge in High-Tech und Kultur, was Stolz und Zuversicht verleiht. Moïsi macht deutlich, dass Israels Zukunft davon abhängt, welches Narrativ stärker wird: die Verzweiflung und Abschottung oder der Glaube an Kompromiss und Innovation.
Wichtige Argumente und Beispiele
Russlands emotionale Widersprüche: Moïsi veranschaulicht Russlands Dreifach-Emotion mit zwei Anekdoten. Erstens der Vergleich von 1989 (friedliche Revolutionen in Osteuropa) und Russlands Erwartung eines eigenen blutigen Umbruchs: Hier sieht man Angst (vor Chaos) und eine gewisse düstere Selbstwahrnehmung (Demütigung, dass es in Russland immer schlimmer kommen muss). Zweitens Putins Antwort auf Moïsis Frage nach den Porträts in seinem Büro: Peter der Große (Symbol imperialer Hoffnung und Größe), Puschkin (Stolz der Kultur) und de Gaulle (der Gedemütigte, der Frankreichs Ehre wiederherstellte). Diese Auswahl spiegelt Russlands Emotionsmix perfekt: ambitionierte Hoffnung, Kulturbewusstsein, gekränkter Stolz gegenüber den USA (die de Gaulle demütigten). Moïsi argumentiert, dass Russlands Verhalten – etwa der Georgien-Krieg 2008 – nur verstehbar ist, wenn man diesen emotionalen Hintergrund kennt: Russland sagt damit „Ihr habt uns erniedrigt, aber jetzt fürchtet ihr uns wieder“. Die russische Politik kombiniert also Trotz (Demütigung) und Machtdemonstration (Angstverbreitung) mit echter Sehnsucht nach Anerkennung und Größe (Hoffnung).
Russlands demographisch-soziale Schwäche: Moïsi bringt auch harte Fakten, um Russlands Angst/Hoffnung-Kontrast zu unterstreichen: Ein rapides Schrumpfen und Verarmen der Bevölkerung (durch Alkoholismus, schlechtes Gesundheitssystem) steht dem dynamischen Unternehmergeist einer neuen Elite gegenüber. Bis zur Finanzkrise 2008 prosperierten die „neuen Russen“, was Hoffnung auf Aufstieg gab; doch gleichzeitig rottete Wodka wortwörtlich das Volks aus – eine existentielle Angstquelle für die Nation. Diese krasse Diskrepanz lässt verstehen, warum Russland unsicher und empfindlich reagiert: Es hat Objektives, wovor es sich fürchten muss (einen potentiellen Kollaps von innen), und projiziert diese Angst oft in außenpolitische Aggression. Moïsi nutzt diese Argumentation, um aufzuzeigen, wie verwoben innere und äußere Faktoren bei Grenzfällen sind.
Russlands historische Demütigung: Mit einem knackigen Vergleich fasst Moïsi Russlands Erlebnis 1989–91 zusammen: „Zwischen 1989 und 1991 machte Russland das Gleiche durch, was Frankreich zwischen der Französischen Revolution und dem Verlust seines Kolonialreichs erlebte – allerdings in nur zwei Jahren statt in fast zweihundert.“. Diese Verdichtung verdeutlicht das traumatische Ausmaß der postsowjetischen Demütigung: Werte wurden über Nacht umgekehrt, Weltmachtstatus ging verloren, Territorium schrumpfte drastisch. Moïsi führt das an, um Russlands extreme Reaktionslust – das „Jetzt sind wir wieder da!“ – plausibel zu machen. Es war gewissermaßen unmöglich, dass Russland nach so einem Schock nicht mit einer Mischung aus Trotz (Demütigung aufarbeiten), Angst (vor weiterer Zerfallsgefahr) und neuem Ehrgeiz (Hoffnung auf Wiederaufstieg) reagieren würde.
Iran: Parallelen und Unterschiede zu Russland: Moïsi argumentiert, dass sowohl Russland als auch Iran vergangene Demütigungen politisch ausschlachten (Zerfall UdSSR vs. Sturz Mossadegh) und eine gewisse historische Ungeduld teilen (das Gefühl, jetzt sei ihre Zeit gekommen, nachdem der Westen geschwächt erscheint). Er betont jedoch den Generationenunterschied: Russlands Bevölkerung „altert und verzweifelt“, Irans ist jung und energiegeladen. Daraus folgt für Moïsi, dass die Kultur der Hoffnung langfristig im Iran stärker durchbrechen könnte als in Russland – denn Irans Jugend will eine bessere Zukunft und könnte die verknöcherte Angstkultur der Ajatollahs überwinden. Dieser Aspekt wird gestützt durch reale Ereignisse kurz nach Erscheinen des Buches (die Proteste der „grünen Bewegung“ Iran 2009), die Moïsi in Ansätzen voraussah, als er auf die wachsende Unbeliebtheit der iranischen Regierung hinwies. Hier zeigt sich, wie seine Emotionen-Analyse konkrete Prognosekraft hat: Wo Hoffnung unterdrückt wird (Iran), entsteht Spannung, die sich entladen kann.
Israel: Demographie, Sicherheit, Stolz – ein Balanceakt: Moïsi führt mehrere Argumente an, warum Israel emotional ambivalent ist. Demographisch: Die schiere Zahlenunterlegenheit der Juden gegenüber Arabern weltweit und die hohen arabischen Wachstumsraten erzeugen eine existentielle Angst. Israel sieht die Mathematik der Zukunft gegen sich arbeiten, was Druck auf politische Lösungen erhöht (Grenzziehungen, Zwei-Staaten-Lösung). Sicherheit: Moïsi diskutiert, wie die zweite Intifada (2000–2005) Israels Gesellschaft traumatisierte. Die Angst vor Selbstmordattentätern – „Präzisionswaffen aus Fleisch“ – hat Israel zu drastischen Maßnahmen wie dem Bau der Sperrmauer veranlasst. Er nennt die Mauer „den konkretesten Ausdruck der begründeten Furcht Israels“. Diese Angst um’s Überleben ist nachvollziehbar, hat aber wiederum dem palästinensischen Alltag Demütigung hinzugefügt. Hoffnung und Stolz: Auf der anderen Seite listet Moïsi Israels Errungenschaften auf: florierende High-Tech-Wirtschaft, reiche Kultur, Nobelpreise etc., die ein kollektives Selbstwertgefühl nähren. Bis zu einem gewissen Grad kompensiert dieser Stolz die Frustration über die unfähige politische Elite und militärische Rückschläge (etwa der unentschiedene Libanonkrieg 2006). Moïsi zitiert scherzhaft die Stimmung: Die Israelis sind auf vieles stolz, aber mit ihrer Politik unzufrieden – was impliziert, dass im Volk der Wille nach einer hoffnungsvolleren Zukunft vorhanden ist, nur von der Führung enttäuscht wird. All diese Punkte untermauern seine These: Israel schwankt emotional, und seine Zukunft hängt davon ab, ob die Angstspirale (Demografie, Sicherheit) durchbrochen wird, bevor die Hoffnung erlischt.
Zentrale Namen und Orte
Moskau 1989: Moïsi berichtet von einem persönlichen Erlebnis in Moskau während der rumänischen Revolution 1989. Die russischen Freunde erwarteten Blutvergießen auch in Russland – was sich (vorerst) nicht bewahrheitete. Moskau 1989 symbolisiert somit einen Moment, in dem Hoffnung (auf friedliche Transformation) und Angst (vor Chaos) in Russland eng beieinander lagen. Dieser Ort und Zeitpunkt markieren für Moïsi den Auftakt der russischen Gefühls-Achterbahn nach dem Kalten Krieg.
Kiew, Tiflis, Minsk: Moïsi erwähnt diese Städte im Kontext russischer Hegemonieansprüche. Kiew (Ukraine) und Tiflis (Georgien) seien zwar nominell unabhängig, aber de facto von Moskau gelenkt, während Minsk (Belarus) bereits wieder ganz eingegliedert wurde. Diese Orte stehen für Russlands Wiedergutmachung historischer Demütigung – das Wieder-Ausdehnen auf Gebiete, die man als „eigentlich russisch“ betrachtet. Für das emotionspolitische Verständnis bedeutet das: Russlands Demütigungsgefühl speist sich auch daraus, ehemals zum Imperium gehörende Hauptstädte verloren zu haben – ihre (teilweise) Rückbindung mildert das Trauma und gibt Hoffnung auf restaurierte Größe, erzeugt aber bei Nachbarn und Westen wiederum Angst.
Putin in Paris (2000): Bei einem Bankett in Paris schildert Moïsi sein Gespräch mit Wladimir Putin, wo dieser die drei Porträts nannte. Paris 2000 steht hier als Bühne eines Schlüsselmoments: Der neue russische Präsident offenbart seine Idole und damit seine Vision für Russlands Zukunft. Diese Szene enthüllt, wie Geschichtsbilder und persönliche Bewunderungen (Peter der Große, de Gaulle) direkt in politische Zielsetzungen übersetzt werden – eine sehr wertvolle Erkenntnis für das Verständnis von Putins Emotionalpolitik.
Teheran (Iran): In diesem Kapitel direkt nicht im Mittelpunkt, aber Teheran wird im Buch später (Kap. 6) als Ort genannt, wo Ahmadinedschad hofiert wurde (Columbia University-Auftritt 2007) und als Schaltzentrale des antiwestlichen Populismus in der muslimischen Welt. Teheran symbolisiert damit den Exportsitz der Demütigungsrhetorik an Araber (ein Umstand, der einige Araber wiederum kränkt, dass Perser ihre Sache vertreten). Außerdem ist Teheran (wie auch Tel Aviv im Gegenszenario) ein Schauplatz in Moïsis Zukunftsszenarien (Angst-Szenario: westliche Bombardements auf Teheran, Hoffnung-Szenario: Anwesenheit in Tel Aviv zur Friedensfeier). Die konkrete Nennung Teherans im Zusammenhang dieses Kapitels mag nicht ausführlich erfolgen, aber es steht stellvertretend für Irans Doppelseele: Hauptstadt eines repressiven Regimes, zugleich eine Metropole mit junger, hoffnungsfroher Bevölkerung.
Tel Aviv (Israel): Zwar eingehender erst in Kapitel 6 beschrieben (als Ort des Rabin-Gedenkens und der Friedensfeier in den Zukunftsszenarien), ist Tel Aviv auch in diesem Kapitel latent präsent als israelisches Lebenszentrum. Tel Aviv steht für das pulsierende, moderne Israel – das Tel Aviv des Startup-Nation-Images, der lebenslustigen Mittelklasse. Gleichzeitig ist nicht weit entfernt die Grenze zu den Palästinensergebieten, was Tel Aviv im Raketenradius hält (Angstdimension). Tel Aviv repräsentiert also Israels Normalität und deren Bedrohung zugleich. Wenn Moïsi Israelis zitiert, die vom alltäglichen Überlebenskampf sprechen, kann man sich Tel Avivs Cafés vorstellen, die mal boomten und mal leergefegt waren vor Angst.
Schlüsselzitate
„In diesem Land [Russland] sind Angst, Erniedrigung und Hoffnung allesamt in ungewöhnlich starker Ausprägung vorhanden, und die drei Emotionen verschmelzen zu einem wirkmächtigen Gemenge…“ (S. 106) – Moïsi über Russlands einzigartige emotionale Mischung, die es zum Paradebeispiel eines Grenzfalles macht.
„‚Der Wechsel in Russland wird nicht wie in Polen, sondern wie in Rumänien vonstattengehen. Es wird zu einem Blutbad kommen. So ist das nun mal in Russland.‘ – Sie sollten sich irren, zumindest fürs Erste.“ (S. 104) – Aussage russischer Freunde Moïsis 1989, illustriert den „schwarzen Narzissmus“: die pessimistische Selbstwahrnehmung der Russen, die Moïsi beobachtet.
„So vermittelte Russland mit dem Georgienkrieg im Sommer 2008 dem Westen klar und deutlich: ‚Ihr fürchtet mich, also bin ich.‘“ (S. 109) – Moïsi fasst Russlands emotionale Botschaft zusammen: aus erlittenem Respektverlust wird die Strategie, sich Furcht als neue respektbegründende Ressource zu verschaffen.
„Sowohl Russland als auch der Iran wissen, dass ihr Reichtum an fossilen Energieträgern gegenwärtig die hauptsächliche Quelle ihrer Macht … ist. Beide … haben in ihrer jüngeren Geschichte Demütigungen erlebt … und beide benutzen dieses Gefühl der Erniedrigung … als eine Propagandawaffe.“ (S. 111) – Parallele Darstellung Russlands und Irans: Moïsi zeigt Gemeinsamkeiten in ihrer Gefühlslage (Ressourcen als Macht und Demütigung als politisches Narrativ).
„Russland ist ein alterndes Land … Der Iran dagegen ist ein junges Land, dessen Elan und Tatkraft nichts mit der zutiefst anachronistischen Gesinnung der ‚bärtigen Kleriker‘ zu tun hat.“ (S. 112) – Kontrastierende Darstellung der inneren Verfasstheit Russlands vs. Iran, die ihre unterschiedlichen Zukunftschancen und Emotionsdynamiken erklärt.
„Es mag seltsam anmuten, dass ein großes, altes Imperium und ein kleiner, sehr junger Staat von ähnlichen Identitätsproblemen geplagt werden. Aber … beide fühlen sich in hohem Maße verwundbar, weil sie … von feindlichen Kräften umzingelt sind, und das, obwohl sie sich rühmen, die unangefochtenen wirtschaftlichen und militärischen Führungsmächte ihrer Regionen zu sein.“ (S. 117) – Moïsi zur Vergleichbarkeit Russlands und Israels: Trotz aller Unterschiede teilen beide die paranoide Verwundbarkeitswahrnehmung eines „belagerten Lagers“, was zu ihrer emotionalen Ambivalenz beiträgt.
„Die Sicherheitsmauer … ist der konkreteste Ausdruck der begründeten Furcht Israels.“ (S. 119) – Bildelement für Israels Kultur der Angst, die zugleich als rational begründet anerkannt wird; Moïsi zeigt hier plastisch, wie Angst physische Realität geschaffen hat.
„‚Es ist vernünftig, an Wunder zu glauben‘, pflegte David Ben Gurion … zu sagen.“ (S. 120) – Zitat des ersten israelischen Premierministers, das Moïsi anführt, um die hoffnungsgeladene Gründungsmentalität Israels zu veranschaulichen – ein Optimismus, der bis heute in Israels Stolz und Leistungen fortlebt.
Kapitel 6: Die Welt im Jahr 2025
Zentrale Thesen
Die Zukunft liegt in unserer Hand – Wahl zwischen Angst und Hoffnung: Moïsi betont im Schlusskapitel, dass die Entwicklung der Welt keine schicksalhafte Determinierung kennt, sondern maßgeblich davon abhängt, welche Emotionen wir kollektiv kultivieren. Er entwirft zwei gegensätzliche Zukunftsszenarien für 2025 – ein Negativszenario, in dem die Kultur der Angst weltweit Oberhand gewinnt, und ein Positivszenario, in dem die Kultur der Hoffnung triumphiert. Die Kernbotschaft lautet: „Euer Schicksal liegt in euren Händen. Ihr müsst euch entscheiden!“. Damit ruft Moïsi Regierende und Gesellschaften auf, aktiv den Pfad der Hoffnung einzuschlagen, statt in Angst und gegenseitige Feindbilder zu verfallen.
Negativszenario – Eine von Angst beherrschte Welt: Im pessimistischen Szenario schildert Moïsi eine Welt, die ab etwa 2010 Schritt für Schritt der Angst erliegt und in einen neuen „dunklen Zeitalter“ abgleitet. Terroranschläge (inkl. bio-terroristischer Massenmord) führen zu globaler Paranoia und Freiheitsverlust, die Staaten schotten sich ab und überreagieren repressiv, internationale Kooperation bricht zusammen, Konflikte eskalieren in vielen Regionen (Nahost, Asien, Europa). Die „Israelisierung“ des Alltags – ständige Sicherheitsmaßnahmen, Mauern, Misstrauen – greift weltweit um sich. Die Vereinten Nationen zerfallen, Multilateralismus stirbt, stattdessen regieren Notstandsregime und Nationalismus. Moïsi zeichnet dieses düstere Bild als Warnung, wohin es führt, wenn Angst Politik und Gesellschaft dominiert: zu einer selbst erfüllten Clash-of-Civilizations-Prophezeiung, in der die schlimmsten Alpträume wahr werden und ein globaler permanenter Konfliktzustand herrscht.
Positivszenario – Eine von Hoffnung geprägte Welt: Im optimistischen Gegenbild entwirft Moïsi eine Welt, in der Vernunft, Mut und gemeinschaftliche Hoffnung die Oberhand gewinnen. Schlüssel dazu sind kluge Führung und Lernfähigkeit: Die USA besinnen sich nach 2008 auf Kooperation und Umweltverantwortung, der West-Ost-Graben wird überbrückt, internationale Organisationen (UN, erweiterter Sicherheitsrat) werden gestärkt, und sogar langjährige Konflikte wie der israelisch-palästinensische werden gelöst. Dieses Szenario wirkt fast utopisch – Moïsi selbst nennt es einen Traum, der kaum in Reinform eintreten wird, aber dennoch eine Richtschnur bieten kann. Es zeigt, was möglich wäre, wenn Hoffnung die Weltpolitik leitet: Versöhnung im Nahen Osten, eine multipolare Weltordnung mit gemeinsam anerkannten Regeln (Rechtsstaatlichkeit, Klimaschutz), ein starkes UNO-System und ein Ende des Kulturkampf-Denkens. Die zentrale These ist, dass Hoffnung und Kooperation sich auszahlen – sie bringen Frieden und Stabilität, während Angst nur Zerstörung gebiert.
Mythen und Narrative
„Kassandra-Rufe“ und Prophezeiungen: Moïsi reflektiert, dass Untergangs-Propheten (Kassandras) notwendig sein können, um wachzurütteln, aber auch gefährlich, wenn man ihr Wort ungeprüft als Legitimation für Angstpolitik nimmt. Der Huntington-Mythos vom unvermeidlichen Kampf der Kulturen taucht im Negativszenario ausdrücklich als sich erfüllende Prophezeiung auf. Moïsi demaskiert dieses Narrativ – im Grunde ein Mythos – als mitverantwortlich für die Misere: Die Angst davor, Huntington könnte Recht haben, hat beigetragen, es wahr zu machen. Im Positivszenario hingegen dominieren neue Narrative: das Wunder eines Nahostfriedens (fast ein Messias-Narrativ: Frieden als Wunder, möglich durch Erschöpfung und Einsicht). Hier wird aus dem „unlösbaren Konflikt“-Narrativ ein „Frieden ist möglich“-Narrativ – möglich durch emotionalen Wandel (Erschöpfung der Feindschaft, Aufbau von Vertrauen). Der Kontrast zeigt, wie mächtig Narrative in der Weltgestaltung sind.
Narrativ des „finsteren Zeitalters“ vs. „neue Aufklärung“: Moïsi vergleicht die negative Zukunft mit dem europäischen Mittelalter nach dem Fall Roms, einer Ära von Gewalt und Chaos. Dieses Narrativ beschwört Bilder von Barbarenherrschaft und Niedergang der Zivilisation, übertragen auf das 21. Jh., um zu alarmieren. Dem könnte man das ungeschriebene positive Gegenstück entgegensetzen: eine neue Aufklärung oder Renaissance der internationalen Zusammenarbeit (er deutet das an mit dem neuen Mächtekonzert im multipolaren Gleichgewicht, oder mit der „Rückkehr zur Normalität“ aus europäischer Sicht). Zwar nennt er es nicht explizit „Neue Aufklärung“, aber sein Positivszenario atmet diesen Geist – Vernunft, Rechtsstaatlichkeit, universelle Werte werden gemeinsame Richtschnur. Damit steht das Narrativ: Die Welt kann aus Fehlern lernen und sich zum Besseren wenden, im Gegensatz zum dystopischen Narrativ: Die Welt verfällt zwangsläufig ins Chaos.
Narrativ der Selbstwirksamkeit: Ein zentrales Narrativ, das Moïsi dem Leser mitgibt, ist das der Eigenverantwortung: Nicht dunkles Schicksal oder unüberwindbare Kulturdifferenzen bestimmen die Zukunft, sondern die Entscheidungen der Menschen und Nationen. Das Zitat „Euer Schicksal liegt in euren Händen. Ihr müsst euch entscheiden!“ formuliert dieses empowernde Narrativ. Es ist im Grunde ein Gegenmythos zur Fatalismus-Erzählung. Es fordert aktive Gestaltung ein – gewissermaßen das Yes-we-can auf globaler Ebene. Dieses Narrativ zieht sich als roter Faden durch das ganze Buch, wird hier aber in aller Deutlichkeit ausgesprochen, um den Leser aus der Zuschauerrolle zu holen und als Handelnden in die Zukunft zu denken.
Wichtige Argumente und Beispiele
Angst-Szenario: Terror und Reaktionen: Moïsi konstruiert im Negativszenario konkrete Ereignisse: In den Jahren 2019/20 überziehen Terrornetzwerke zahlreiche Weltstädte (San Francisco, London, Paris, Prag, Tokio, Mumbai etc.) mit biologischen Anschlägen, töten ca. 30.000 Menschen. Diese Schockwelle führt zu drastischen Maßnahmen: Grenzschließungen, ständige Ausweiskontrollen, Verbote oppositioneller Gruppen, Massenverhaftungen von Ausländern (z.B. 2018 in Europa, 2013 in den USA gegen Latinos). Der Alltag der Menschen wird unerträglich – ein Spießrutenlauf durch Checkpoints, eine allgegenwärtige Atmosphäre von Misstrauen und Beklommenheit. Moïsi argumentiert hier faktenreich, was eine von Angst dominierte Politik konkret bedeuten würde: Verlust von Freiheit, humanitäre Katastrophen (Flüchtlinge, Deportationen), wirtschaftliche Isolation und kultureller Rückschritt. Ebenfalls zeigt er, wie Fehler und Überreaktionen des Westens selbst zur Verschlimmerung beitragen: z.B. fiktive US/Israel-Luftangriffe auf den Iran führen zum Sturz Ahmadinedschads, aber lösen eine Kettenreaktion aus (antiwestlicher Hass, Pakistan im Chaos, nukleares Wettrüsten im Nahen Osten). Damit untermauert er: Angstpolitik (Präventivschläge etc.) hat unintendierte, schlimme Folgen, die die globale Lage weiter eskalieren.
Niedergang der westlichen Führungsrolle im Negativszenario: Ein wichtiger Strang des Angst-Szenarios ist der Rückzug bzw. Fall des Westens. Moïsi beschreibt detailreich, wie die USA nach 2008 in einen neuen Isolationismus verfallen: außenpolitische Ernüchterung, schwere Rezession 2008–2014, dann Wahl eines ultranationalistischen Präsidenten 2013, der radikal abrüstet und die US-Armee an den eigenen Grenzen stationiert. Die einstige Supermacht wird zur müden, protektionistischen Nation, die sich aus Weltverantwortung stiehlt – was die internationale Ordnung weiter destabilisiert. Europa ergeht es nicht besser: Nationalistische Strömungen zersetzen die EU, Sezessionen (Schottland, Katalonien etc.) und neue Balkankriege (Kosovo 2015) treten ein. Schließlich zerfällt die EU fast vollständig, wird zumindest bedeutungslos – Europa mutiert zu einem „Groß-Schweizerischen Staatenbund“, friedlich aber alt, passiv, selbstbezogen. Moïsi argumentiert hier eindrücklich, dass Angst vor Souveränitätsverlust und Populismus in Europa dazu führen könnten, dass die historischen Errungenschaften der Union verlorengehen – was wiederum Europa wehrloser und irrelevanter macht (selbst ein Zerfall Belgiens 2010 und Austritt der Briten deutet er an, visionär im Hinblick auf reale Ereignisse ein Jahrzehnt später). Der Niedergang des Westens ist in Moïsis Negativwelt ein Kernelement: Die moralische und politische Führung fehlt, Multilateralismus stirbt, wodurch Konflikte ungebremst eskalieren.
Globale Konflikte und Krisen im Angst-Szenario: Moïsi entfaltet ein Panorama multipler Krisen 2020–2025: Der Nahostkonflikt verschärft sich zu einer vierten Intifada (2018) und massiver Abwanderung aus Israel/Palästina. Die arabischen Staaten rüsten atomar auf (Saudi-Arabien, Ägypten, Türkei). In Asien bricht 2014 ein Krieg um Taiwan aus, China und Indien geraten fast in offenen Nuklearkonflikt, Japan nuklearisiert sich ebenfalls. Die Wirtschaft Asiens kollabiert wegen Krieg und Umweltkatastrophen, fundamentalistische Strömungen (z.B. Taliban-Pakistan) schüren regionale Kriege. Afrika versinkt in Anarchie, alte Übel (Seuchen, Korruption, ethnische Gewalt) kehren mit aller Macht zurück. Lateinamerika verfällt in Populismus und Drogen-Kartell-Herrschaft. Diese schlüssige, wenn auch drastische Aufzählung zeigt: In einer Welt der Angst kippen alle Regionen in ihre jeweils schlimmsten Ausprägungen. Nichts bleibt verschont, alle anfangs im Buch identifizierten emotionalen Triebkräfte laufen Amok – Hoffnungsländer (Asien) werden wieder zu Kriegszonen, Demütigungsländer (arabische Welt) zu Pulverfässern, und Angstvölker (Westen) zu paralysierten, isolierten Gesellschaften. Moïsi nutzt dieses breite Spektrum, um den Leser mit der Fülle und Gleichzeitigkeit der möglichen Krisen zu konfrontieren – nach dem Motto: So sieht die Welt aus, wenn wir dem „Kampf der Emotionen“ freien Lauf lassen und die negativen gewinnen.
Hoffnung-Szenario: Nahost-Friedensschluss als Katalysator: Im Positivszenario wählt Moïsi gezielt den israelisch-palästinensischen Frieden als zentrales Symbol. 2020 wird – völlig überraschend – ein Nahost-Friedensabkommen unterzeichnet. Er beschreibt detailreich, wie es dazu kam: Aus reiner Erschöpfung und Aussichtslosigkeit erkennen beide Seiten, dass sie einander brauchen und Kompromisse unumgänglich sind. Die Arabische Welt gibt das Palästina-Thema als ewiges Druckmittel auf, erkennt, dass es ihrem eigenen Fortschritt im Wege stand. Die Israelis akzeptieren, dass dauerhafte Besatzung unrealistisch ist, und opfern schließlich Teile Jerusalems und das Westjordanland für den Frieden. Die Palästinenser wiederum verzichten auf das absolute Rückkehrrecht der Flüchtlinge und wechseln von einer Kultur der Unnachgiebigkeit zu einer Kultur des Kompromisses. Plötzlich wird ein Deal möglich – 2020 herrscht Frieden. Moïsi argumentiert damit: Hoffnung kann sogar die zähesten Konflikte lösen, wenn die emotionalen Voraussetzungen stimmen – hier: Erschöpfung der Feindschaft, Verlangen nach Normalität, wechselseitige Anerkennung der Realität (gegenseitige Existenz). Der Nahost-Frieden fungiert in seiner Erzählung als Wendepunkt, der signalisierte, dass mit gutem Willen scheinbar Unlösbares gelöst werden kann – ein Fanal für die internationale Gemeinschaft, dass Zusammenarbeit statt Konflikt möglich ist (entsprechend feiern Vertreter aller Großmächte das Ereignis gemeinsam in Tel Aviv 2025).
Wiedererstarken der USA und der internationalen Ordnung im Hoffnungsszenario: Moïsi führt aus, wie nach 2008 ein grundlegender Kurswechsel in den USA den Weg zum Positivszenario ebnet. Die USA akzeptieren ihren relativen Machtverlust mit Gelassenheit und verzichten auf hegemoniale Allüren. Stattdessen konzentrieren sie sich auf innere Erneuerung (Infrastruktur, Wirtschaftsreform) und globale Güter (Klimaschutz). Er malt aus, wie Amerika ab 2015 als weltweiter Ökologie-Champion agiert: strengere Abgasnormen, Emissionshandel, grüne Technologie-Offensive führen zu sinkenden CO₂-Emissionen und schaffen Millionen Jobs. Dadurch überwinden die USA die schlimme Rezession schneller als erwartet. Im Volk entsteht neue Weltoffenheit – massenhaft werden Pässe beantragt, man lernt Sprachen, beseitigt die frühere ignorante Arroganz. International rehabilitieren sich die USA moralisch: Sie erneuern ihr Bekenntnis zu Demokratie und Menschenrechten, treiben eine Aussöhnung mit der UNO voran, unterstützen sogar eine Reform (Erweiterung) des Sicherheitsrats. Mit US-Rückendeckung bekommt die UNO mehr Durchsetzungskraft: eine schlagkräftige Friedensarmee (Ghurka-Soldaten als „Söldner des Friedens“) wird geschaffen, was Aggressoren abschreckt. Die Doktrin der „Responsibility to Protect“ (Schutzverantwortung) wird behutsam wiederbelebt und institutionalisiert. Dies alles führt zu einer neuen multipolaren Ordnung, die Moïsi als informellen „Rat der Großmächte“ beschreibt – keine Blockkonfrontation, sondern ein Konzert, geeint durch gemeinsame Prinzipien: die Anerkennung des Rechtsstaats und das gemeinsame Interesse an der Rettung des Planeten (Klimaschutz). Moïsi argumentiert hier, dass Hoffnung und vernünftiges Eigeninteresse die Mächte tatsächlich zusammenschweißen könnten – ähnlich dem europäischen Gleichgewicht früherer Zeiten, aber globaler und auf Werten basierend statt auf dynastischen Prinzipien. Der Internationale Strafgerichtshof wird in diesem Bild auch zum anerkannten Pfeiler universeller Gerechtigkeit. Kurz: In der Hoffnungswelt reüssieren die Mechanismen gemeinsamer Sicherheit und Recht – es ist eine Vision, die an Kant’s „Zum ewigen Frieden“ erinnert, aber Moïsi begründet sie mit emotionalen Faktoren: Angst wurde überwunden, Vertrauen konnte wachsen.
Zentrale Namen und Orte
Tel Aviv 2025 (Yitzhak-Rabin-Platz): Moïsi wählt diesen Schauplatz als Symbol der divergenten Zukunftsmöglichkeiten. Im Angstszenario findet dort eine bedrückte Gedenkfeier zum 30. Jahrestag von Rabins Ermordung statt, im Schatten einer neuen Intifada und sich entleerenden Landes. Im Hoffnungsszenario hingegen versammeln sich auf eben jenem Platz die Weltführer zur Feier des 5. Jahrestags des Nahostfriedens. Dieselbe Stadt – Tel Aviv – sieht in einem Fall Verzweiflung, im anderen Jubel. Yitzhak Rabin (dessen Name der Platz trägt) verkörpert zudem selbst Hoffnung (sein Friedensplan, sein Opfer). Moïsi hat diesen Ort klug gewählt, um zu zeigen: Die Geschichte kann an ein und demselben Ort zwei völlig verschiedene Richtungen nehmen, je nach emotionalem Klima. Tel Aviv steht also sinnbildlich für Scheitern oder Gelingen von Koexistenz – stellvertretend für die ganze Welt.
„Weißer Tod“ (Terror-Kampagne 2019–20): Dies ist der Name, den Moïsi der fiktiven Anschlagsserie mit Biowaffen gibt. Der Name erinnert an realhistorische Kampagnen (z.B. „Schwarzer September“) und suggeriert tödliche Seuchen. Durch die Benennung schafft Moïsi einen beklemmenden Realismus – als wäre es ein bekanntes historisches Kapitel. Das verstärkt die Wirkung des Angstszenarios. Orte wie San Francisco, London, Paris, Prag, Tokio, Mumbai werden genannt als Opferstädte – eine globale Auswahl, um zu signalisieren, dass keine Region verschont bleibt.
USA 2013 (Präsident Taylor): Moïsi erfindet einen neuen US-Präsidenten 2013 (in der Angstzukunft), „ein Erzkonservativer mit ultranationalistischen Tendenzen“, der drastisch abrüstet und die Grenzen militarisiert. Obwohl fiktiv, lehnt diese Figur sich an reale politische Strömungen an. Der Name „Taylor“ fällt nicht, aber man erkennt Parallelen zu protektionistischen Ideen. Orte: mexikanische und kanadische Grenze (die in seinem Szenario stark befestigt werden) – auch das ein bemerkenswertes Bild, da man sich traditionell eher die Südgrenze gesichert vorstellt, aber hier werden alle Grenzen dicht gemacht. Diese Details illustrieren, wie Isolationismus den einst offenen Westen einfrieren würde.
Europa 2010–2015: Genannt werden Ereignisse an konkreten Orten: Belgien zerfällt 2010, Schottland, Wales, Katalonien erklären Unabhängigkeit kurz danach; Kosovo-Konflikt flackert 2015 wieder auf, eskaliert zu Gewalt, Straße von Gibraltar wird Krisenregion (vielleicht Konflikte um Migration). Diese Ortsangaben machen Moïsis Negativszenario für Europäer besonders greifbar, denn es spielt auf reale Spannungen an (Sezessionsbestrebungen in Belgien, UK, Spanien; latenter Balkan-Konflikt). Wenn man bedenkt, dass Belgien seit 2010 tatsächlich im Streit zwischen Flamen und Wallonen steckte, Schottland 2014 ein Referendum abhielt, Katalonien 2017 eine Krise erlebte – Moïsi lag mit diesen Orten erstaunlich nahe an wirklichen Entwicklungen. Das soll verdeutlichen: Die Saat der Angst und Desintegration war schon 2009 da – das Szenario extrapoliert nur.
China und Taiwan 2014: Im Angstszenario startet China aus innenpolitischer Not einen Krieg gegen Taiwan. Peking wird erwähnt als militaristische Führung, Taiwan als katalysierter Konfliktort. Hier verarbeitet Moïsi reale Sorgen aus 2008 (Taiwan hatte einen unabhängigkeitsfreundlichen Präsidenten bis 2008, China drohte stets mit Gewalt). Er spinnt es weiter: die Verzweiflung Chinas über einen Wirtschaftsabsturz und Umweltkollaps führt zur Flucht nach vorn via Krieg. Der Pazifikraum wird so zum Hauptschauplatz des globalen Albtraums (mit US nicht direkt eingreifend, aber indirekt verwickelt).
Nepalesische Gurkha-Regimenter (UNO-Friedenstruppe): Im Hoffnungsszenario nennt Moïsi diese berühmten Elite-Soldaten aus Nepal als Kern einer neuartigen, permanenten UNO-Eingreiftruppe. Die Wahl ist geschickt: Gurkhas gelten als furchtlos und diszipliniert, sind aber neutral (Nepal hat keine Großmachtagenda). Ein Ort wird indirekt erwähnt – Den Haag –, wo der Internationale Strafgerichtshof inzwischen als Schlüsselinstitution fungiert. Dieses Bild – ein gestärkter IGH in Den Haag – steht als Kontrast zu den Schauplätzen der Angstwelt (Tribunale vs. Gewalt). Moïsi zeigt so, dass im Hoffnungsszenario Institutionen wie Den Haag wichtig werden, während in der Angstwelt Orte wie Guantánamo oder improvisierte Lager dominieren.
Rückkehr des Vertrauens: Moïsi notiert, dass nach den 2008er Wahlen die USA „wieder Vertrauen zu sich fassten“ und das „moralische Trauma“ Irak überwanden. Dies verweist auf Washington 2008 (Obama) als Wendepunkt, auch wenn es so nicht beim Ort genannt wird. Im globalen Kontext sind wieder die UNO in New York, vielleicht Genf etc. relevant, aber der Fokus liegt mehr auf Konzepten als auf Orten im Hoffnungsteil.
Schlüsselzitate
„Euer Schicksal liegt in euren Händen. Ihr müsst euch entscheiden!“ (S. 131) – Moïsi appelliert direkt an die Verantwortung der Menschen, zwischen Angst und Hoffnung als Leitgefühl zu wählen.
„Leider ist Israel nicht das einzige Land, in dem die Fixierung auf Sicherheitsbelange die allgemeine Lebensqualität massiv beeinträchtigt. Tatsächlich ist es weltweit zu einer ‚Israelisierung‘ des öffentlichen Lebens gekommen.“ (S. 123) – Beschreibung der globalen Angstwelt: Was einst nur Israel kannte (permanenter Sicherheitsnotstand), breitet sich überall aus.
„Die Kultur der Angst ist mittlerweile praktisch weltumspannend, insbesondere nachdem terroristische Netzwerke in … der Kampagne des ‚Weißen Todes‘ biologische Waffen einsetzten.“ (S. 123) – Moïsi über den fiktiven Wendepunkt, der die Angst endgültig globalisiert und extreme Abwehrreaktionen auslöst.
„Der Multilateralismus ist tot und mit ihm die Hoffnung auf eine einträchtige, stabile Weltordnung auf der Basis von Konsens und Rechtsstaatlichkeit.“ (S. 124) – Fazit im Angstszenario: das gesamte Nachkriegsprojekt gemeinsamer Sicherheit bricht unter der Herrschaft der Angst zusammen.
„Vielleicht ließe sich der entscheidende Faktor folgendermaßen beschreiben: Der Kampf der Kulturen ist von einer provozierenden Hypothese zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung geworden.“ (S. 126) – Moïsi’s Analyse, dass aus lauter Angst vor dem „Clash of Civilizations“ dieser tatsächlich Realität wurde (im Negativszenario).
„Die Furcht davor, dass sich Huntingtons Vorhersage als zutreffend erweisen könnte, war gerade eine der Triebkräfte des Chaos.“ (S. 126) – Hier benennt Moïsi den Teufelskreis: Angst (vor dem Kulturkampf) hat den Kulturkampf befeuert.
„Die muslimischen Nationen hatten erkannt, dass das Schicksal der Palästinenser … zu einem unheilvollen Dauerthema geworden war, das Fortschritte verhinderte. Die Israelis hatten sich damit abgefunden, dass die dauerhafte Anwesenheit der Palästinenser … eine Tatsache ist.“ (S. 134) – Schlüsseldetails aus dem Hoffnungsszenario über die emotionalen Lernprozesse, die Frieden ermöglichten (Arabische Welt löst sich vom Opfer-Narrativ Palästinas, Israelis akzeptieren Realitäten).
„Die Kultur der Hoffnung entspricht dem Naturell der Amerikaner im Grunde weit mehr als die Kultur der Angst.“ (S. 135) – Moïsi über die Rückbesinnung der USA auf ihre hoffnungsgestützte Identität nach 2008, als Gegenentwurf zur Angstjahre nach 2001.
„Binnen weniger Jahre hatte Amerika seine einzigartige soft power … weitgehend wiederhergestellt.“ (S. 135) – Das Ergebnis im Hoffnungsszenario: durch Wandel und Demut gewinnen die USA ihren guten Ruf und Einfluss zurück.
„Befreit von der selbstauferlegten Mission, die Welt durch den Export der Demokratie zu transformieren, verschrieb sich Amerika dem Umweltschutz mit einer Leidenschaft, die sich nur durch das puritanische Element in der amerikanischen Kultur erklären lässt.“ (S. 136) – Moïsi über die Neukanalisation amerikanischer Ideale: von missionarischem Demokratisierungsdrang hin zu missionarischem Klimaschutz – ein konstruktiver Wandel, der Hoffnung schafft.
„Diese ‚Söldner des Friedens‘ … übten eine stark abschreckende Wirkung auf potenzielle Aggressoren aus.“ (S. 137) – Über die etablierte UN-Friedenstruppe im Positivszenario: ein visionäres Element, das zeigt, wie institutionalisierte Hoffnung (Friedenssicherung) Gewalt verhindern kann.
„Noch wichtiger aber ist die Tatsache, dass Emotionen veränderbar sind. Angst kann Hoffnung weichen.“ (S. 49) – Bereits im früheren Kapitel festgestellt, wird diese Überzeugung im Schlusskapitel praktisch demonstriert: Das Blatt kann sich wenden, Emotionen sind nicht statisch – was 2025 sein wird, hängt davon ab, ob es gelingt, Angst in Hoffnung zu verwandeln.