Prolog – kleine Ermahnung vorweg
Wir wissen sehr wenig, und wir nehmen selektiv wahr. Wer urteilt, sollte das mit „Weltklugheit“ tun – nüchtern, prüfend, lernbereit. Marcus Aurelius erinnert: „Prüfe, was geschieht. Du wirst sehen: Es ist immer so gewesen und wird immer so sein.“ In diesem Sinne folgt die Analyse – mein Ziel ist Neugier, nicht Gewissheit; Prüfung, nicht Vorurteil.
Politische Einordnung, Publikum, Nähe zur Realität
Rick Reillys Buch Der Mann, der nicht verlieren kann. Warum man Trump erst dann versteht, wenn man mit ihm golfen geht (dt. 2020; Orig. Commander in Cheat, 2019) ist ein scharf zugespitztes, stark trumpkritisches Sachbuch an der Schnittstelle von Sportreportage und politischer Charakterstudie. Es steht politisch klar im liberal-aufklärerischen Lager: Regelbindung, Fair Play und Institutionenvertrauen werden hochgehalten; Populismus, Lüge und Regelbruch werden angeprangert. Verlegerische Zielgruppen: politikaffine Leser*innen, investigativer Journalismus, Sport- und Medienbeobachter, Entscheidungsträger, die Charakterfragen für politisch relevant halten. Nähe zur Realität: Reilly arbeitet mit Anekdoten, Namenszeugnissen, Presseepisoden und Beobachtungen aus der Golfszene. Der Ton ist polemisch-satirisch, doch viele Details sind quellennah (etwa zum Handicap-Streit, zu Caddy-Berichten, zu Turnberry/Aberdeen, zum Women’s U.S. Open). Es bleibt ein parteiischer Zugang – aber reich an überprüfbaren Episoden. Die deutsche Ausgabe erschien bei Hoffmann und Campe; die Originalausgabe 2019 bei Hachette.
Kapitelweise Dossier
Kapitel 1 – Die Mutter aller Lügen (S. 5–15)
Kernthese: Wie jemand Golf spielt, verrät seinen Charakter – bei Donald Trump: Regelbruch, Eigenmythos, „gefühlte“ statt faktischer Werte. Reilly setzt die Analogie: Trumps Golf = Trumps Politik. O-Ton/Leitmotiv: „Wenn du den wahren Charakter eines Menschen herausfinden willst, spiele Golf mit ihm.“ (P. G. Wodehouse, S. 5).
Narrativ & Argumente: Trump überhöht seine Leistungen, fabuliert (etwa die McDonald’s-Karte „wie Mutter Teresa“), und behandelt Zahlen wie dehnbare Kulisse. Reillys Brücke: „Fakten und Wahrheit [sind] für Trump dasselbe wie Golfergebnisse und Zuschauerzahlen – ‚gefühlte Werte‘“ (S. 15).
Zitat: „Man könnte glatt ein Buch darüber schreiben, was Trumps Golfspiel über ihn verrät. Hier ist es.“ (S. 16).
Kapitel 2 – Du bist keine Ballerina! (ab S. 16)
Kernthese: Präsidenten und Golf – der Kontext. Golf als relativ sicherer Raum der Macht; wer, wie, wo und wie oft spielt, sagt viel aus. Epigraph: „Golf ist tödlich.“ (Theodore Roosevelt, S. 16).
Leitmotiv: Vom Weißen Haus als „Gefängnis mit Butler“ zur präsidialen Entlastung durch Golf; historischer Abriss von Taft bis Wilson, um Trump später zu kontrastieren (S. 16–17).
Kapitel 3 – Der Knabe mit der fetten Kohle (ab S. 26)
Kernthese: Sozialisation im Imperativ „Gewinne!“ – Wettkultur als Charakterprägung. Von Fred Trumps Drill zur Zocker-Atmosphäre öffentlicher Plätze wie Cobbs Creek. „Sieh dir die Typen in Cobbs Creek genau an. Die ziehen dich aus bis aufs Hemd.“ (Donald J. Trump). Einstieg S. 26; frühe Anekdoten und Zockformate (Nassau, „Pig and Wolf“) S. 28.
Zitat: „Auf diese Weise lernte das Millionärssöhnchen das Spiel … ‚Alles Ganoven da draußen … Ich habe eine Menge gelernt da draußen.‘“ (S. 28).
Kapitel 4 – Pele (ab S. 37)
Kernthese: Systematisches Schummeln als Gewohnheit – Spitzname „Pele“ in Winged Foot, weil der Ball „gekickt“ wird. „Er bescheißt ohne Ende.“ (Suzann Pettersen). Ab S. 37.
Argumente & Mythen: Vom erfundenen Top-Handicap über „unsichtbare Chips“ bis Balltausch und „Aufklauben & Einsacken“ – eine Trickliste, die Reilly anführt (z. B. „unsichtbarer Ball“; die MSNBC-Szene, S. 48–49).
Zitat: „Trump schummelt … wie ein Hütchenspieler … In Winged Foot … verpassten [Caddys] ihm … den Spitznamen: ‚Pele‘.“ (S. 38).
Kapitel 5 – Kaufen, Lügen, Jammern (ab S. 53)
Kernthese: Die „18 Clubmeisterschaften“ – ein Mythos als Selbstvermarktung. Reilly zeigt auf, wie Siege zusammenphantasiert bzw. aus Sonderformaten gezählt werden; GHIN-Einträge und Handicap-Pose (2,8) als Fiktion. Vgl. Score-Block & Handicap-Diskussion S. 36–37.
Zitat: „Warum die ganze Mühe, um das Märchen von einem verlogenen Handicap 2,8 in die Welt zu setzen?“ (S. 36–37).
Kapitel 6 – Die Rückkehr des Düffeldoffels (ab S. 72)
Kernthese: Markenpolitik vs. Öffentlichkeit – von Windrädern in Aberdeen bis Turnberrys Rebranding. Reilly verweist auf Klagen, Niederlagen und Trotz; zugleich: reale Qualitätsverbesserungen in Turnberry – aber der Name „Trump“ schadet. (S. 82–84).
Zitate & Orte: „Die Windkraftanlagen produzieren inzwischen jede Menge Energie …“ (S. 82); „‚Trump Turnberry‘ … den Schotten kommt das Kotzen …“ (S. 83); Leuchtturm-Suiten, Ankunft 2018, Sicherheitsapparat (S. 84).
Kapitel 7 – Du bist, was du tust (ab S. 87)
Kernthese: Etikettebruch als Signatur – Mütze auflassen, „First to hit“, Wagen aufs Grün, schlechter Verlierer. „Unter 10 von 10 mach ich’s nicht.“ (Donald J. Trump, Kapitel-Motto). Ab S. 87–88.
Zitat: „Es gibt ein Video … Bedminster … Mit dem Wagen aufs Grün … das ist, als würden Sie Ihre Wäsche in der Sixtinischen Kapelle zum Trocknen aufhängen.“ (S. 88).
Kapitel 8 – Ein Tag in Trumpland (ab S. 104)
Kernthese: Ethos der Caddys – Loyalität, Angst, Komplizenschaft. Die zwei inoffiziellen Regeln: „Wenn du für Trump Caddy bist, tu alles, damit er gewinnt“; „Wenn du für den Gegner caddyst, sieh zu, dass du verlierst“ (S. 115). Geschichten vom „roten X am Baum“ bis zum „Forecaddy im Sprint“.
Zitat: „Donald Trump bescheißt nie.“ – Zwinkern. – „Ach so! Er lässt den Caddy für ihn bescheißen?“ (S. 113).
Kapitel 9 – Viel Trump, viel Trouble (ab S. 120) – zehn „Runden“
Übersicht: Zehn Fallvignetten zu Konflikten rund um Schulen, Patriotismus (Megaflagge), Wäscheleinen/Bäume, Gedenken, Wohnungen, Time Magazine, Finanzamt, Pete Dye, Charity, Frauen (S. 125–137).
- Runde 2 – Patriotismus: Streit um überdimensionierten Fahnenmast; politisches Framing als „Rechteverletzung eines Patrioten“. Stadtrat Steve Wolowicz: „… genau die Art von Publicity, die er braucht.“ (S. 128–129).
- Runde 3 – Wäscheleinen/Bäume: Ficus-Hecke vor Häusern – Meerblick versperrt; Behördengang, Lokaltermin (S. 129ff.).
(Weitere Runden sind im Buch analog verdichtet; das Kapitel dient als Kaleidoskop von PR-, Rechts- und Reputationsgefechten.)
Kapitel 10 – Ein einziger guter Schlag (ab S. 139)
Kernthese: Die Ökonomie der Inszenierung – Deals, Drohkulissen, Vertragsdehnung. Beispiel „Eine-Million-Dollar-Challenge“ von Andy Batkin: Sekunden vor der Pressekonferenz will Trump „die Hälfte“ – Drucktaktik als Muster (S. 151–152).
Zitat: „Halbe-halbe – oder Sie können sich die Sache von der Backe schmieren.“ (S. 152).
Kapitel 11 – Trump vs. Obama (ab S. 154)
Kernthese: Doppelmoral beim Golfen: Trump attackiert Obamas Golf, spielt selbst wesentlich mehr – mit erheblichen Kostenfolgen. Reilly zitiert Summen und Zeitanteile (z. B. 30 % der Tage in den ersten 19 Monaten auf Golfanwesen; hohe Steuerzahlerkosten) und kontrastiert dies mit Trumps eigener Rhetorik (vgl. S. 226).
Zitat: „Erinnern Sie sich, wie Trump … Obama vorwarf …? Inzwischen sind es eher noch mehr geworden … 109 Mio. $ …“ (S. 226).
Kapitel 12 – Die professionelle Pest (ab S. 163)
Kernthese: Profizirkus & Politik: Wie Turniere, Sponsoren und Verbände (USGA/LPGA) zwischen Sport und Trump-Marke lavieren; mediale Überblendung verdrängt den Sport. Exemplarisch die Dynamik rund um Frauen-Profigolf. (Kontext wird u. a. im Übergang zu Kap. 14 sichtbar.)
Kapitel 13 – Iiiiiiih! (ab S. 179)
Kernthese: Boulevardeske, peinliche und misogyne Kontexte um Trump und sein Umfeld; Reilly nimmt den Tonfall („Iiiiiiih!“) als Überschrift. Kapitel führt auch zur Frage, warum Trumps Plätze trotz Qualität keine großen Open bekommen (Namenstoxizität; R&A-Ablehnung, S. 178–179).
Zitat (Kapitel-Motto): „Es kommt nicht darauf an, was [die Leute] schreiben, Hauptsache, du hast immer ein junges und knackiges Häschen in Reichweite.“ (Donald J. Trump; S. 179).
Kapitel 14 – Wer sind deine Caddys? (ab S. 190)
Kernthese: Loyalität, Furcht, Patronage – Caddys als „engste Mitarbeiter“. A. J., Ex-Marine, als hyperloyaler Caddy; Konflikte bei der Senior PGA 2017; Women’s U.S. Open 2017 in Bedminster wird vom Trump-Bohei überstrahlt (S. 190–191).
Zitat: „Der loyalste Mitarbeiter … ist sein Caddy … A.J.“ (S. 190); „Danke an alle Fans, die viel zahlreicher waren als die Gegendemonstranten …“ (Trumps Tweet; S. 190).
Kapitel 15 – Kleiner Ball, großer Ball (ab S. 199)
Kernthese: Wenn Golf (kleiner Ball) Politik (großer Ball) verdrängt: Entscheidungsmuster, Ressentiments, Puerto-Rico-Fall als Beispiel – Geschäftsinteressen an Golfanlagen und politische Prioritäten verflechten sich (S. 199–200). Leitmotiv: „Erst der kleine Ball, dann der große Ball!“ – und bei Trump eben umgekehrt.
Zitat: „Zahllose Probleme … nahmen mit dem Golf ihren Anfang …“ (S. 199–200).
Kapitel 16 – Der Schandfleck (ab S. 217)
Kernthese: Die Marke als Bürde: Solange der Name „Trump“ auf der Anlage steht – keine Open in Sicht, obwohl Plätze (insb. Turnberry) technisch glänzen. Politik trifft Traditionsverbände (R&A), Etikette trifft Lautstärke – „der Schandfleck“ benennt die Diskrepanz zwischen Qualität und Reputation (vgl. S. 178–179).
Personen, Orte, Mini-Register (Auswahl)
- Winged Foot (NY): „Pele“-Spitzname, Etiquette-Brüche.
- Trump Turnberry (Schottland): Massive bauliche Verbesserungen; Rebranding-Gegenwind; Leuchtturm-Suiten; Demonstrationen 2018; Secret-Service-Kick-Anekdote. (S. 82–87).
- Aberdeen (Schottland): Windräder-Klage verloren; Publikumszorn vs. Platzqualität. (S. 82).
- Bedminster (NJ): Caddy-Haus, „Wagen aufs Grün“, Women’s U.S. Open. (S. 88; S. 190–191; S. 112–115).
- Ferry Point/Los Angeles (RPV): Fahnenmast-Streit; Wäscheleinen/Bäume. (S. 128–129).
Quintessenz des Buches
- These: Trumps Golf ist kein Nebenschauplatz, sondern ein Prisma: Regelbruch, Narzissmus, PR-Taktik, Loyalitätskult – all das materialisiert sich auf dem Platz. „Golf ist wie eine Radlerhose: Es verrät eine Menge über den Mann.“ (S. 15).
- Belege: Caddy-Zeugnisse, Handicap-Widersprüche, belegte Episoden (Aberdeen/Turnberry, Women’s U.S. Open), Etikette-Brüche, Video-/Pressehinweise.
- Einordnung: Der Ton ist spöttisch-anklagend, doch der Stoff ist konkret. Reillys Pointe – „Wie du eine Sache angehst, so gehst du alles an“ – bleibt die leitende Diagnose (S. 37–38).
Ausgewählte O-Töne (kurz, mit Seitenangaben)
- „Er bescheißt ohne Ende.“ (Suzann Pettersen, S. 37).
- „Donald Trump bescheißt nie.“ – Zwinker. (Caddys in Bedminster, S. 113).
- „Unter 10 von 10 mach ich’s nicht.“ (Trump, Kapitel 7, S. 87).
- „Halbe-halbe … oder Sie können sich die Sache von der Backe schmieren.“ (Trump zu Batkin, S. 152).
- „Ich will doch unter Par bleiben!“ (Trump, Schottland-Besuch, S. 86).
Schlussurteil – „Weltklugheit“ als Lesergewinn
Reilly liefert eine pointierte, anekdotenreiche Charakterstudie: Wer Golf und seine Ethik versteht, versteht Trumps Machttechnik besser. Das Buch ist kein neutrales Gutachten, sondern ein engagiertes Plädoyer für Regeln, Ehrlichkeit und Haltung – aus der Praxis eines Sportreporters gespeist. Für Leser*innen, die Politik an Handlungen statt an Worten messen wollen, ist es nützlich, denn es zeigt: Integrität ist keine rhetorische Kategorie, sondern eine Gewohnheit – auf dem Grün wie im Amt. Und genau diese Gewohnheit prüft Reilly, scharf, manchmal spöttisch, aber quellenstark. Marc Aurel hätte es nüchtern formuliert: Achte auf das, was einer tut – nicht nur auf das, was er sagt.