Dossier: Der Baum der Erkenntnis – Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens (Maturana & Varela)

Mahnung zur erkenntnistheoretischen Demut (nach Marc Aurel)

“Alles, was wir hören, ist Meinung, nicht Tatsache. Alles, was wir sehen, ist Perspektive, nicht die Wahrheit.” – Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen

Diese stoische Einsicht des römischen Kaisers Marcus Aurelius mahnt uns, in Bescheidenheit auf unser eigenes Wissen zu blicken. Erkenntnis ist stets an den Erkennenden gebunden – jede Beobachtung erfolgt aus einer bestimmten Perspektive. Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela greifen eben diese Haltung der erkenntnistheoretischen Demut auf: Alles Gesagte ist von jemandem gesagt.
Mit anderen Worten, es gibt keine absolute, beobachterunabhängige Wahrheit – jede Wirklichkeitsbeschreibung ist das Ergebnis unserer eigenen kognitiven Aktivitäten.
Diese Einsicht fordert uns auf, voreilige Gewissheiten loszulassen.
So wie Marc Aurel in seinen Meditationen betont, dass unser Verständnis der Welt immer begrenzt und subjektiv ist, laden Maturana und Varela uns ein, unsere Wahrnehmungen und Überzeugungen stets zu hinterfragen.

Eine solche epistemische Bescheidenheit bedeutet jedoch keine Verzweiflung am Wissen, sondern im Gegenteil:
Sie öffnet den Blick für die Bedingungen unseres Erkennens.
Wir lernen, dass Wahrnehmen auch Verkennen heißen kann – nicht aus Fehler, sondern aus der naturgegebenen Begrenztheit und Geschlossenheit unseres biologischen Erkenntnisapparats.
Diese demütige Haltung bildet das Fundament, auf dem Der Baum der Erkenntnis seine weitreichenden Thesen über das Leben, das Wissen und das menschliche Bewusstsein entfaltet.

Kurzzusammenfassung (Klappentext-Stil)

Der Baum der Erkenntnis entführt die Leserschaft auf eine Reise zu den biologischen Wurzeln unseres Wissens. Die Autoren – der Biologe Humberto Maturana und sein Schüler Francisco Varela – entwickeln ein faszinierendes neues Verständnis des Lebens und des Erkennens. Ausgehend von einfachen Wahrnehmungsexperimenten bis hin zu den komplexen Phänomenen von Sprache und Bewusstsein, zeigen sie: Lebende Systeme sind keine passiven Abbilder einer Außenwelt, sondern erschaffen aktiv ihre Wirklichkeit. In anschaulichen Beispielen und mit grundlegenden Konzepten wie Autopoiesis (Selbsterzeugung) und strukturelle Koppelung zeichnen Maturana und Varela ein Bild des Lebens als netzwerkartige Selbstorganisation, in dem Kognition als wirkungsvolles Handeln im Dienste der Lebensfähigkeit erscheint. Dieses Buch verbindet Biologie, Erkenntnistheorie und sogar Ethik zu einer fesselnden Gesamtschau, die unsere Sicht auf die Natur des Lebens und die Art und Weise, wie wir Wirklichkeit konstruieren, revolutioniert. Ein inspirierendes Werk für alle, die verstehen möchten, wie wir verstehen – und was das für uns Menschen bedeutet.

Politische und ideengeschichtliche Einordnung

Der Baum der Erkenntnis erschien erstmals 1984 (span. El árbol del conocimiento) und auf Deutsch 1987. Ideengeschichtlich steht das Werk an der Schnittstelle von Biologie, Kybernetik und Erkenntnistheorie.
Maturana und Varela gelten – ähnlich wie Heinz von Foerster und Ernst von Glasersfeld –
als Mitbegründer des Radikalen Konstruktivismus.
(Am Ende des Textes noch genaueres zum R. K.)
Ihre Systembiologie bricht mit dem traditionellen, objektivistischen Weltbild der Naturwissenschaften.
In der klassischen, von Darwin geprägten Biologie galt ein Organismus nur dann als erfolgreich, wenn er sich optimal an eine objektive Umwelt anpasste – das Lebewesen erschien als sklavisch abhängig von äußeren Bedingungen. Dem setzen Maturana und Varela ein anderes Paradigma entgegen:
Organismus und Umwelt entstehen gemeinsam in einem histor. Koorientierungsprozess.
Es gibt für sie kein objektives “Gesetz des Dschungels” im Sinne absoluter Konkurrenz; vielmehr betonen sie Kooperation und Ko-Evolution.
Ihre Theorie der Autopoiese (Selbsterschaffung lebender Systeme) und der strukturellen Koppelung liefert damit auch implizit eine andere politische Philosophie:
weg vom Bild des zwangsläufig egoistischen Individuums, hin zu einem Verständnis von Leben als vernetztem Miteinander, in dem Autonomie und Verantwortung Hand in Hand gehen.

Diese Neuorientierung hatte zur Folge, dass Der Baum der Erkenntnis weit über die Biologie hinaus Beachtung fand.
Es ist ein Grundlagenwerk, das “den gesamten Bereich des Lebendigen abdeckt” – von Zellchemie über Evolution bis zu Gesellschaft und Ethik. Entsprechend vielseitig ist sein Einfluss:
In der Philosophie und Kognitionswissenschaft wurde es als bahnbrechende Abkehr vom kartesianischen Dualismus gefeiert.
Pädagogen und Psychotherapeuten (insbesondere der systemischen Therapie) ließen sich von den Ideen der strukturellen Koppelung und der Autonomie der Lernenden inspirierenpedocs.de.
Selbst in den Sozialwissenschaften griff man den Autopoiesis-Begriff auf (etwa bei Niklas Luhmanns Systemtheorie), um soziale Systeme als sich selbst erzeugende Kommunikationen zu verstehen.

Gleichzeitig wurde die Frage gestellt, wie realitätsnah und wirksam Maturana und Varelas Ansatz ist. Kritiker monierten gelegentlich einen Mangel an empirischer Überprüfbarkeit – ihre “Biologie der Erkenntnis” operiere mit abstrakten Begriffen und Metaphern (“Blinder Fleck”, “strukturelle Determination”), die sich einer klassischen experimentellen Falsifikation entziehen (Pseudoempirie wurde als Schlagwort gebraucht).
Dennoch hat sich vieles von dem, was die Autoren vorschlugen, als fruchtbar erwiesen: Insbesondere die
Einsicht, dass ein Nervensystem keine objektiven Informationen abbildet,
sondern interne Zustände korreliert, wurde durch neuere Neurowissenschaften untermauert.
Und in der Praxis der Organisationsentwicklung und Ökologie betont man heute – ganz im Sinne von Maturana/Varela – die Selbstorganisationskräfte von Systemen.

Insgesamt haben Maturana und Varela “wichtiges Neuland erschlossen”.
Ihr Werk gehört ideengeschichtlich zur zweiten Welle der Kybernetik (die den Beobachter in das System einbezieht) und zum Aufbruch des konstruktivistischen Denkens in den 1980ern

Entscheider in Bildung, Politik und Technik, die dieses Buch verlegen oder rezipieren, könnten an dessen transdisziplinärer Perspektive Interesse haben:
Es liefert eine Theorie des Lebens als vernetzter Prozess ohne zentralen Dirigenten – eine attraktive Vision in Zeiten, wo klassische Top-Down-Modelle an Überzeugungskraft verlieren. Die Wirksamkeit von Maturana und Varelas Ideen zeigt sich weniger in konkreten Technologien als in einem Paradigmenwechsel:
weg von der Suche nach Wahrheiten da draußen, hin zur Reflexion unserer Beteiligung an dem, was wir als Wirklichkeit erfahren.
Ihre zentrale Botschaft – die Erkenntnis der Erkenntnis verpflichtet – ist letztlich ein Appell an unsere ethische Verantwortung als Beobachter und Mitgestalter der Welt.


Kapitel 1: Erkennen und Verkennen – Was ist wirklich?

Zusammenfassung:
Gleich zu Beginn des Buches stellen Maturana und Varela unsere naive Gewissheit einer objektiven Außenwelt radikal infrage. Durch anschauliche Experimente führen sie vor, dass Wahrnehmung nicht bloßes Abbilden einer “Welt da draußen” ist, sondern ein aktiver Vorgang des Gehirns. Ein klassisches Beispiel ist der blinde Fleck im Auge: Unsere Netzhaut hat eine Stelle, an der wir nichts sehen – doch wir merken es nicht, da das Gehirn die Lücke unbewusst füllt.
“Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen”, lautet die pointierte Erkenntnis.
(Evtl. erklärt das Hans Peter Dürrs Satz: „wir sehen den langsam wachsenden Wald nicht, der uns trägt“)
Ebenso demonstrieren farboptische Experimente (etwa das mit unterschiedlich gefärbten Schatten) und visuelle Paradoxien wie M.C. Eschers “Zeichnende Hände”, dass unser Wahrnehmungsapparat aktiv interpretiert und ergänzt. Die Autoren nutzen solche Beispiele, um den Leser zum Nachdenken zu bringen:
Wenn schon unsere Alltagserfahrung konstruiert ist, wie steht es dann um das, was wir Wissen nennen?

In diesem ersten Kapitel – einer Art Einleitung in die Erkenntnistheorie der Lebewesen – führen Maturana und Varela zentrale Begriffe ein, die den gesamten weiteren Verlauf prägen.
Vor allem betonen sie die Rolle des Beobachters: Jede Beobachtung ist eine Aktivität eines Lebewesens und kein passives Spiegeln.
“Alles Gesagte ist von jemandem gesagt.” Dieses oft wiederholte Axiom macht deutlich, dass Objektivität im strengen Sinne eine Illusion ist – oder freundlicher formuliert: eine nützliche Fiktion unseres Sprachgebrauchs. Was wir für “wirklich” halten, entsteht erst im Akt des Erkennens. Daher ist jedes Erkennen untrennbar mit einem möglichen Verkennen verbunden; es gibt kein absolut sicheres Wissen, sondern nur Viabilität (Gültigkeit unter den jeweiligen Bedingungen unseres Lebens).

Zentrale Thesen & Begriffe:

  • Wirklichkeit als Konstruktion: Es gibt keine von unserem Wahrnehmungsapparat unabhängige Welt, die wir objektiv abbilden. Vielmehr bringen wir in unserem Erkennen eine Welt hervor. Wahrnehmung ist ein aktiver, schöpferischer Vorgang.
  • Blinder Fleck (Sehexperiment): Die Autoren erläutern anhand des blinden Flecks im Auge, dass das Gehirn fehlende Information ergänzt. Dieses Experiment symbolisiert, dass wir Unvollständigkeit unbewusst überspielen. Es ist eine Metapher dafür, wie unser Geist Wissenslücken füllt und somit eine kohärente (aber nicht unbedingt objektive) Welt erzeugt.
  • “Keine Welt da draußen”: Maturana und Varela provozieren mit der Aussage, es gäbe keine fertige Welt “da draußen” unabhängig von uns. Was wir “Welt” nennen, entsteht in der Interaktion unseres Nervensystems mit sich selbst – nicht durch Abbildung externer Dinge. Dieses Konzept steht im Gegensatz zum naiven Realismus.
  • Beobachter: Der Beobachter wird explizit in die Theorie einbezogen. Wir erkennen stets als jemand, mit einem Körper und einer Geschichte. Diese Reflexivität – dass wir uns selbst beim Erkennen erkennen können – ist eine der tiefen Einsichten des Buches und bildet den Grundstein für das spätere Kapitel über Erkennen zweiten Grades (Reflexion über das eigene Erkennen).
  • Sprache als Ko-Konstruktion: Bereits im ersten Kapitel deuten die Autoren an, dass sogar unsere Sprache Teil dieses konstruktiven Prozesses ist.
    Begriffe und Narrative (z.B. wissenschaftliche Modelle) sind nicht Wahrheitsabbilder, sondern Werkzeuge, um in unserer lebensweltlichen Praxis zu bestehen.

Originalzitat: “Alles Gesagte ist von jemandem gesagt. Denn jede Reflexion bringt eine Welt hervor und ist als solche menschliches Tun…” (S. 32). Dieses zentrale Zitat unterstreicht, dass Erkennen immer ein Tun eines konkreten Menschen (oder allgemeinen: eines Lebewesens) ist – es gibt keinen Gott-Standpunkt frei von Perspektive.

Kapitel 2: Die Organisation des Lebendigen (Autopoiesis)

Zusammenfassung: In Kapitel 2 richten die Autoren den Blick auf die grundlegende Eigenschaft, die alle Lebewesen auszeichnet – ihre besondere Organisation. Hier führen Maturana und Varela den Schlüsselbegriff Autopoiesis ein, der wörtlich “Selbsterzeugung” bedeutet. Sie argumentieren, dass ein System genau dann lebendig ist, wenn es sich selbst als Einheit erzeugt und erhält. Lebende Zellen beispielsweise sind Netzwerke chemischer Prozesse, die ständig ihre eigenen Bestandteile (Proteine, Membranen, usw.) produzieren und dadurch ihre Struktur aufrechterhalten. Ein Bakterium baut die Moleküle auf, die es zum Leben braucht, und ersetzt sie kontinuierlich – es ist ein sich selbst herstellendes System. Diese innere dynamische Geschlossenheit unterscheidet Lebendiges von Unbelebtem. Die Autoren betonen dabei, dass Autopoiesis nicht im Widerspruch zu bekannten biochemischen Fakten steht, sondern sie in einen neuen Kontext stellt: “Das Konzept der Autopoiese… schlägt explizit vor, [die empirischen Erkenntnisse] aus einem spezifischen Blickwinkel zu interpretieren, der die Tatsache betont, dass [Lebewesen] autonom sind.”.

Ein wesentliches Merkmal der autopoietischen Organisation ist ihre Autonomie:
Solange die Autopoiesis anhält, grenzt sich das Lebewesen als Einheit von seiner Umgebung ab.
Maturana und Varela erläutern dies am Beispiel der Zellmembran: Diese ist nicht nur eine Hülle, sondern integraler Teil des autopoietischen Netzwerks – sie entsteht durch die Zelle selbst und ermöglicht zugleich, dass das Netzwerk als Einheit existiert. Die Membran schafft also die Grenze, die definiert, was zum System gehört und was nicht. Somit ist jedes Lebewesen durch seine Organisation zugleich geschlossen (gegenüber direkten Eingriffen von außen) und doch offen für Stoff- und Energieaustausch.
Diese Spannung zwischen Organisationsgeschlossenheit und Interaktion mit der Umwelt wird im Konzept der operationalen Geschlossenheit gefasst:
funktional bleibt das System in sich geschlossen, auch wenn es materiell eingebettet ist.

Maturana und Varela gehen in diesem Kapitel auch auf die Frage ein: Wann und wie könnte Leben entstanden sein? Sie schildern, wie sich unter den Bedingungen der Urerde autopoietische Systeme herausgebildet haben könnten. Sobald Moleküle vorhanden waren, die flexible, semipermeable Membranen bilden konnten (z.B. Lipidvesikel), war der entscheidende Schritt getan – eine Zelle konnte entstehen. Das Auftauchen solcher primitiven Zellen markiert den Ursprung der biologischen Phänomenologie, so die Autoren: Mit den ersten autopoietischen Einheiten begann eine neue Klasse von Phänomenen, die wir “das Lebendige” nennen. Wichtig dabei: Diese biologischen Phänomene lassen sich nicht einfach aus den physikalischen Eigenschaften der Moleküle erklären, sondern nur aus der Organisation des Netzwerks, das sie bilden. So bestimmt beispielsweise die Art und Weise, wie eine Zelle ein Molekül einbezieht – wie sie es “sieht” – den Effekt, den dieses Molekül auf sie hat. Eine Zuckerart mag für zwei Bakterien physikalisch dieselbe sein; ob sie “Nahrung” oder “Gift” ist, hängt von der jeweiligen Organisation der Bakterien ab. Hier zeigen die Autoren bereits den Grundsatz der strukturellen Determination:
Was in einem Lebewesen geschieht, wird durch dessen eigene Struktur bestimmt, nicht durch einen unabhängigen äußeren Einfluss.

Zentrale Begriffe:

  • Autopoiesis (Selbsterzeugung): Lebende Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Bestandteile, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und erneuern. Maturana und Varela definieren eine Zelle als autopoietisches System, wenn “deren Wirkungen das sie erzeugende Netzwerk nicht überschreiten” – d.h. alle Prozesse bleiben im Dienst des Erhalts des Systems.
    Ein gern zitiertes Motto lautet: “Leben ist Leben machen.” Lebewesen sind autonom, weil sie die Bedingungen der eigenen Existenz innerhalb gewisser Grenzen selbst schaffen.
    Beispiel: Ein Einzeller stellt aus Nährstoffen eigene Biomoleküle her und teilt sich; er braucht keinen externen “Bauplan”, sondern trägt die Organisation in sich.
  • Organisation vs. Struktur: Die Organisation eines Systems meint die Beziehungen und Abläufe, die es als Einheit definieren (bei allen Zellen z.B.: ein geschlossener Produktionskreislauf, der sich erhält). Die Struktur sind die konkreten materiellen Komponenten und Ausprägungen, die diese Organisation umsetzen (etwa welche Moleküle genau beteiligt sind). Zwei Systeme können die gleiche Organisation haben (z.B. alle autopoietischen Zellen), aber unterschiedliche Strukturen (eine Bakterienzelle vs. eine Pflanzenzelle unterscheiden sich in Bestandteilen, nicht aber darin, dass sie jeweils autopoietisch organisiert sind).
  • Grenze und Einheit: Die Entstehung einer abgrenzenden Membran ist wesentlich, damit eine autopoietische Einheit existieren kann. Diese Grenze ist nicht von außen vorgegeben, sondern das Resultat der Autopoiesis.
    Dadurch definiert sich ein Innen (System) und ein Außen (Umwelt). Die Einheit – etwa die Zelle – ist operational geschlossen, aber stofflich offen (sie muss z.B. Nährstoffe aufnehmen und Abfall abgeben können).
  • Biologische Phänomenologie: Damit bezeichnen die Autoren die Gesamtheit der Erscheinungen, die in autopoietischen Systemen auftreten. Sobald Leben da ist, gelten eigene Gesetzmäßigkeiten (z.B. Stoffwechsel, Reproduktion, Evolution), die auf der Organisation des Lebendigen beruhen. Diese Phänomene sind mit physikalischen Begriffen allein nicht adäquat zu fassen, obwohl sie physikalisch realisiert sind.
  • Strukturelle Determination: Ein wichtiges Prinzip, das hier angelegt wird: Lebewesen reagieren auf Einflüsse der Umgebung nicht beliebig, sondern gemäß ihrer eigenen Struktur.
    Jede Perturbation (Störung/Einwirkung von außen) löst nur die Änderungen aus, die das System aufgrund seines Aufbaus zulässt. (Dieses Konzept wird in späteren Kapiteln ausführlicher erklärt, wenn es um Anpassung und Lernen geht.)

Originalzitate: “Lebende Systeme produzieren aufgrund ihrer Organisation die Bestandteile, aus denen sie selbst bestehen.”
Zudem: “Die innere Architektur und die zelluläre Dynamik sind … Aspekte desselben Phänomens: der Selbsterzeugung.”. Diese Zitate bringen auf den Punkt, dass Autopoiesis ein durchgehender Prozess der Selbstproduktion ist – Leben ist ein ständiges Sich-selbst-Hervorbringen.

Kapitel 3: Geschichte des Lebendigen – Fortpflanzung und Vererbung

Zusammenfassung: Nachdem die Autoren die zeitlose Grundorganisation lebender Systeme dargelegt haben, wenden sie sich nun der historischen Dimension des Lebens zu. Kapitel 3 behandelt die Frage, wie Lebewesen Geschichte erzeugen. Zwei zentrale Prozesse stehen hier im Mittelpunkt: Fortpflanzung und Vererbung. Maturana und Varela stellen klar, warum diese zwar für die Evolution bedeutsam, aber nicht konstitutiv für die Definition des Lebens sind: Ein Organismus kann lebendig sein, ohne sich je fortzupflanzen (etwa ein Maultier) – Autopoiesis findet auf der Ebene des einzelnen Lebewesens statt, Reproduktion ist ein zusätzlicher historischer Mechanismus. Dennoch ist Fortpflanzung entscheidend, um über die einzelne autopoietische Einheit hinauszukommen: Durch Fortpflanzung entstehen Abstammungslinien, in denen Variation und Selektion wirken können.

Die Autoren erklären zunächst, dass Fortpflanzung begrifflich etwas anderes ist als bloßes Wachstum einer Autopoiesis. Sie definieren Reproduktion als den Vorgang, bei dem aus einer Einheit zwei (oder mehr) neue Einheiten hervorgehen – klassischerweise bei der Zellteilung (Mitose). Wichtig: Bei solcher Teilung bleibt die Organisation der Nachkommen identisch mit der der Eltern (sie sind wieder autopoietische Zellen), aber es können Strukturunterschiede auftreten (Mutationen, Rekombinationen etc.). Fortpflanzung schafft also die Möglichkeit, dass Ähnliches mit Abweichungen weitergegeben wird. Maturana und Varela zeigen, dass durch wiederholte Fortpflanzung ein Netz von Phylogenese (Stammesgeschichte) entsteht: Eine Reihe von miteinander verwandten Einheiten, in der sich im Laufe vieler Generationen Unterschiede anhäufen.

Besonderen Nachdruck legen die Autoren darauf, das gängige
Missverständnis zu korrigieren, Fortpflanzung sei für das einzelne Lebewesen ein Ziel oder eine Voraussetzung. Aus ihrer Sicht ist Fortpflanzung lediglich ein Nebenprodukt erfolgreicher Autopoiesis:
Wenn die Bedingungen es erlauben, kann eine Zelle sich teilen – aber nicht, um einem äußeren Zweck zu dienen, sondern als Konsequenz ihres Struktur dynamischen Potenzials. Ähnlich verhält es sich mit der Vererbung (Transmission von Merkmalen). Hier machen Maturana und Varela einen wichtigen Punkt: Vererbung bedeutet nicht, dass Merkmale als solche übertragen werden, sondern dass die Nachkommen unter bestimmten strukturellen Einschränkungen entstehen, die Ähnlichkeit gewährleisten. Sie diskutieren zum Beispiel die Rolle der DNS (Gene): Diese tragen wesentlich zur Konstanz der Merkmale über Generationen bei, doch betonen die Autoren, dass Gene letztlich Teil des autopoietischen Systems sind und keine außerhalb stehende “Baupläne”. Vererbung ist zuverlässig genug, um Linienkontinuität zu ermöglichen (Ähnlichkeit der Nachkommen), aber variabel genug, um Diversität hervorzubringen.

Im letzten Abschnitt des Kapitels wenden sich die Autoren einem scheinbaren Paradox zu: der sexuellen Fortpflanzung. Sie erläutern, dass Sex (die Verschmelzung zweier halber genetischer Beiträge) kein grundsätzlich neues Organisationsprinzip einführt – auch hier bleibt die Autopoiesis der Zellen erhalten –, aber zu einer sprunghaften Erhöhung der Kombinationsmöglichkeiten führt. Sexuelle Fortpflanzung ist somit eine evolutionäre Innovation, die den strukturellen Variantenreichtum verstärkt und den Austausch zwischen Stammeslinien erlaubt (durch Kreuzung).

Durch Fortpflanzung und Vererbung entsteht letztlich ein Geflecht des Lebendigen, das bis in die Gegenwart reicht: eine ununterbrochene Kette sich teilender Zellen seit den ersten Urzellen. Dadurch sind wir – jeder Organismus – historisch mit allen anderen Lebewesen verbunden.

Zentrale Thesen & Begriffe:

  • Reproduktion vs. Autopoiesis: Reproduktion (Fortpflanzung) ist nicht Teil der Definition des Lebendigen, sondern ein optionaler Prozess, der eine zweite Ebene einführt: die Historie von Populationen. Autopoiesis erhält ein Individuum am Leben; Reproduktion erzeugt neue Individuen. Die Autoren betonen, dass wir uns nicht von unserer Gewohnheit täuschen lassen sollen, Fortpflanzung als Zweck des Lebens anzusehen – aus autopoietischer Sicht ist das Leben selbst der Zweck (Selbsterhaltung), Fortpflanzung ist ein mögliches Ergebnis davon.
  • Vererbung: Die Weitergabe von Strukturen an Nachkommen. Hier wird klar, dass “Erbinformation” (Gene) im Rahmen der Autopoiesis zu verstehen ist. Gene sind Trigger für die Entwicklung des Nachkommens, aber sie wirken nur im Kontext der lebenden Zelle. Vererbung sorgt für Strukturkonstanz (ähnliche Organisation in der Nachkommenschaft) bei gleichzeitiger Möglichkeit struktureller Variationen (Mutationen, Neukombinationen).
  • Phylogenie (Stammesgeschichte): Die Kette von Organismen von Generation zu Generation bildet eine historische Linie. Veränderungen (Variationen) kumulieren über viele Fortpflanzungszyklen als Evolution. Wichtig: Diese Geschichte ist kein zielgerichteter Prozess, sondern ein natürliches Driften (im nächsten Kapitel ausführlicher) – also eine ungerichtete, aber durch Struktur und Selektion begrenzte Entwicklungsbahn.
  • Einheiten erster und zweiter Ordnung: Hier taucht implizit schon die Unterscheidung auf:
    Erste Ordnung sind einzellige autopoietische Einheiten;
    zweiter Ordnung sind zusammengesetzte Lebewesen (Vielzeller), die durch gekoppelte Zellen entstehen. In diesem Kapitel wird angedeutet, dass mit der Entstehung von Metazellern (Mehrzellern) eine neue Ebene ins Spiel kommt – diese wird aber im nächsten Kapitel richtig thematisiert.
  • Neuheit durch Sex: Sexuelle Fortpflanzung wird als Mechanismus dargestellt, der Rekombination ermöglicht. Variation wird dadurch breiter gefächert, weil Nachkommen nicht identische Kopien, sondern Mischungen elterlicher Strukturen sind. Außerdem betonen die Autoren, dass Sex die Vorstellung eines einzigen “Stammbaums” kompliziert – es erlaubt Netzwerke, weil Gene horizontal (zwischen Linien) fließen können.

Originalzitat: “Fortpflanzung kann nicht Teil der Organisation eines Lebewesens sein; sie ist ein historischer Prozess.” (vgl. sinngemäß). Zudem schreiben Maturana und Varela prägnant: “Jede Ontogenese findet innerhalb eines Mediums statt … Da wir … gewohnt sind, Fortpflanzung als notwendig anzusehen, kann dies schockierend erscheinen. Dennoch ist es einfach: Fortpflanzung ist keine Voraussetzung für Leben, sondern ermöglicht Geschichte.” Diese Aussagen unterstreichen die Relativierung von Fortpflanzung – sie ist wichtig für die Evolution, aber nicht für die Existenz eines einzelnen Organismus.

Kapitel 4: Das natürliche Driften der Lebewesen (Evolution ohne Ziel)

Zusammenfassung: Kapitel 4 führt den Begriff des natürlichen Driftens ein – Maturana und Varelas alternative Sicht auf die Evolution. Hier positionieren sie sich deutlich gegenüber der gängigen Neo-Darwinistischen Interpretation der Evolution als zielgerichtete Optimierung durch Selektion. Sie schlagen statt “natürlicher Auslese” den Begriff natürliches Driften vor. Damit meinen sie, dass Populationen von Lebewesen im Laufe der Zeit strukturelle Veränderungen anhäufen, die zwar unter den Randbedingungen der Umwelt passend (viabel) bleiben müssen, aber keinem festen Ziel und keiner äußeren Steuerung folgen. Evolution wird also als historischer Wandlungsprozess verstanden, der durch zwei Faktoren begrenzt wird: die interne Dynamik der Organismen und die kontinuierliche Strukturanpassung an die Nische.

Die Autoren argumentieren, dass Selektion kein aktives Prinzip ist, sondern eine Beobachterbeschreibung für das, was passiert, wenn Organismen nicht mehr in ihre Umwelt passen und aussterben.
Es gibt in ihrer Sicht keine “treibende Kraft” von außen, die die Evolution vorplant – kein unsichtbarer Züchter in der Natur. Stattdessen: Solange Lebewesen sich erfolgreich autopoietisch erhalten (Anpassung wird erhalten), driften ihre Nachkommen in vielfältige Richtungen. Manche Varianten werden viabel sein, andere nicht; die nicht-viablen verschwinden einfach. So ergibt sich im Rückblick der Eindruck einer Auswahl (Selektion), aber tatsächlich hat niemand ausgewählt, es sind lediglich nicht alle Linien erhalten geblieben. Maturana und Varela ziehen hierfür den Vergleich mit einer logischen Buchhaltung: In jedem Moment muss die Bilanz stimmen – die Organismen müssen hier und jetzt überleben können – und diese lokale “Buchhaltung” summiert sich zur globalen Evolution.

Wichtig in diesem Kapitel ist der Begriff Strukturelle Koppelung zwischen Organismen und Umwelt. Er beschreibt den laufenden Anpassungszusammenhang: Organismus und Lebensraum beeinflussen einander wechselseitig und passen sich im Verlauf der Evolution miteinander an. Wenn sich etwa das Klima verändert, verändern sich auch die in diesem Klima lebenden Organismen – aber welche Veränderungen möglich sind, hängt von ihrer Struktur ab. Evolution ist daher kein Anpassen an die Umwelt im Sinne eines formbaren Tons (wo die Umwelt als Form wirkt), sondern ein gegenseitiges Einspielen. Die Umwelt “selektiert” nicht aktiv, sondern liefert die Bedingungen, unter denen nur bestimmte Variationen bestehen bleiben können. Der Organismus wiederum verändert durch seine Aktivitäten (z.B. Fressen, Bauen von Nestern) auch seine Umweltbedingungen im Kleinen. Das Bild des “Driftens” betont, dass es kein festes Ziel gibt (keine Perfektion, zu der hin optimiert wird), sondern einen offenen Verlauf im Raum der Möglichkeiten, begrenzt durch die Notwendigkeit der momentanen Lebensfähigkeit.

Die Autoren illustrieren natürliches Driften unter anderem am Beispiel ausgestorbener Linien wie der Trilobiten: Diese Meerestiere verschwanden, als sich die Umweltbedingungen änderten, auf die sie strukturell festgelegt waren – nicht, weil “bessere” Organismen sie aktiv verdrängten, sondern weil ihr eigener Möglichkeitsraum ausgeschöpft war. Die Ko-Evolution unterschiedlicher Arten wird ebenfalls thematisiert:
Etwa die Evolution von Blütenpflanzen und Insekten, die nur im Zusammenspiel verstanden werden kann (jede Änderung der einen Gruppe beeinflusst die Überlebenschancen der anderen, was zu gekoppeltem Drift führt).

Ein weiterer Aspekt dieses Kapitels ist die Betrachtung von Vielzellern (metazellulären Systemen) im evolutionären Kontext. Maturana und Varela diskutieren, wie aus einzelnen Zellen komplexere Einheiten entstanden – einerseits durch Symbiosen (Zusammenfall der Grenzen, z.B. Entstehung der eukaryotischen Zelle aus prokaryotischen Symbionten), andererseits durch Verbundbildungen, bei denen Zellen ihre Individualität behalten, aber als Verband eine neue Einheit bilden (Entstehung von Vielzellern, die sie als “metazellulare Einheit” bezeichnen). Sie zeigen ein Diagramm, das diese beiden Möglichkeiten schematisch zusammenfasst. Die Entstehung eines Vielzellers (Option b im Diagramm) ist für sie ein Spezialfall des Driftens: Zellen schließen sich zusammen und driften von nun an gemeinsam strukturell durch ihre Umwelt, was neue Phänomene (Zellkooperation, Arbeitsteilung) erlaubt, aber weiterhin den Regeln der Autopoiesis und strukturellen Koppelung gehorcht. Dabei bleibt selbst im Vielzeller jede Zelle autopoietisch, ordnet sich jedoch der Autopoiesis der höheren Einheit unter. Hier wird also der Bogen gespannt von der Evolution einzelner Zellen zur Evolution komplexer Organismen.

Zentrale Begriffe:

  • Natürliches Driften: Dieser Begriff ersetzt bewusst “natürliche Selektion” im Vokabular der Autoren. Er betont, dass Evolution keine zielgerichtete Auswahl ist, sondern ein fortlaufendes Abirren innerhalb der Grenzen der Lebensfähigkeit. Veränderung geschieht, weil Organismen sich fortpflanzen und variieren; was überlebt, ist zufällig das, was nicht gestorben ist. Die Umwelt eliminiert keine Organismen mit Absicht, sie stellt nur Bedingungen dar. Damit rücken die Autoren das Prozesshafte und Kontingente der Evolution in den Vordergrund.
  • Erhaltung der Anpassung: Statt zu sagen, die am besten Angepassten überleben, sprechen Maturana und Varela davon, dass Organismen ihre Anpassung aufrechterhalten müssen, um nicht auszusterben. Anpassung ist dabei kein Perfektionsmaß, sondern bedeutet schlicht: die Übereinstimmung zwischen den Erfordernissen der Organisation und den Angeboten des Milieus. Solange diese Kompatibilität gegeben ist, kann die Linie weiter bestehen (driften). Sobald eine Veränderung (sei es intern oder extern) die Kompatibilität zerstört, endet die Linie.

    –>Adaptation ist also ein immer
    gerade ausreichendes Genug, kein maximales Optimal. <–
  • Strukturelle Koppelung: Dieser im Buch oft genutzte Begriff beschreibt die gegenseitige Verschränkung der Dynamik von Organismus und Umwelt. Wenn ein Lebewesen in einer bestimmten Nische lebt, “passt” es sich dieser an – aber gleichzeitig gestaltet das Lebewesen durch seine Anwesenheit die Nische mit. Über die Zeit kommen Organismen und Lebensraum zu einer Art Gleichklang der Veränderungen: Änderungen im Organismus erzeugen Änderungen im Milieu und umgekehrt, in einer rekursiven Weise. Wichtig: Strukturelle Koppelung bedeutet nicht, dass der Organismus Merkmale der Umwelt internalisiert (das wäre wieder die alte Anschauung). Vielmehr bleibt das System geschlossen und reagiert nur mit eigenen Strukturänderungen auf Umweltänderungen. Wenn diese Änderungen kongruent mit der Umwelt sind, bleibt das System intakt und die Kopplung besteht fort. Man könnte sagen: Organismen tanzen mit ihrer Umwelt einen improvisierten Tanz – kein Partner bestimmt allein den Schritt. (Selbiges schreibt Luhmann über Behördensysteme)
  • Determinismus vs. Zufall: Die Autoren betonen, dass es in der Evolution keinen absoluten Determinismus (Plan) gibt, aber auch keinen reinen Zufall im Sinne völliger Beliebigkeit. Vielmehr ist jede Veränderung strukturell determiniert – ein Organismus kann nur in bestimmter Weise auf Änderungen reagieren – doch der Gesamtverlauf ist unvorhersehbar, weil er aus der komplexen Wechselwirkung vieler Lebewesen mit vielen Umweltfaktoren entsteht (Kontingenz). Evolution ist somit nicht vollkommen vorhersehbar, aber rückblickend erklärbar durch das Zusammenspiel der Bedingungen und Strukturen.
  • Metazellulare Einheit: Hier taucht explizit die Betrachtung auf, wie aus Zellen komplexere Lebewesen wurden. Eine metazellulare Einheit (Vielzeller) ist eine autopoietische Einheit zweiter Ordnung – bestehend aus vielen Zellen, die selbst autopoietisch sind. Die Autoren erklären, dass auch solche Einheiten als Ganzes autopoietisch organisiert sein können (etwa wir Menschen), solange die Interaktionen der Komponenten (Zellen) zu einer neuen Kohärenz führen, die sich selbst erhält. Evolutionär gesehen erscheinen Vielzeller als Ergebnis von Drift, nicht als zielgerichtete “Höherentwicklung”. Ihre Entstehung eröffnet aber neue Drift-Möglichkeiten (z.B. größere Körper, Arbeitsteilung der Zellen etc.).

Originalzitate: “Mit anderen Worten: Jede Ontogenese … ist ein Driften von Strukturveränderung unter Konstanthaltung der Organisation und daher unter Erhaltung der Anpassung.” (S. 112). Ferner: “Die Strukturkoppelung ist immer gegenseitig; beide – Organismus und Milieu – erfahren Veränderungen.”. Diese Zitate bringen zum Ausdruck, dass Evolution kein einseitiger Prozess ist (weder bestimmt allein die Umwelt über das Schicksal der Organismen, noch umgekehrt), sondern ein kooperativer Wandel.
Der Begriff “natürliches Driften” findet sich implizit in der Diskussion, dass man die Nomenklatur ändern würde, wäre es nicht so eingeschliffen, von natürlicher Auslese zu sprechen.
Man kann sagen:
Maturana und Varela “überschreiben” Darwins Metapher der Selektion mit ihrer Metapher des Driftens.

Kapitel 5: Ontogenese – Entwicklung, Verhalten und Anpassung

Zusammenfassung: In Kapitel 5 rücken Maturana und Varela vom evolutionären Langzeitprozess wieder auf die Ebene des einzelnen Organismus und seiner Ontogenese (Individualentwicklung). Sie untersuchen, wie ein Lebewesen sich im Laufe seines Lebens verändert und dabei in ständiger Wechselwirkung mit seiner Umwelt steht. Zentral ist die Erkenntnis: Die Ontogenese eines Lebewesens ist seine individuelle Geschichte der strukturellen Veränderungen, die es durchläuft, ohne seine Organisation zu verlieren. Mit anderen Worten: Ein Organismus kann sich enorm wandeln (vom Embryo zum Erwachsenen, vom Frühstadium zum reifen Tier), bleibt aber derselbe Typus dank Erhalt seiner autopoietischen Organisation.

In dieser Entwicklung sind Verhalten und Anpassung zwei Seiten einer Medaille. Verhalten ist die Art und Weise, wie ein Organismus auf seine Umwelt reagiert und in ihr handelt. Anpassung bedeutet, dass diese Handlungen im Rahmen bleiben, der das Überleben ermöglicht. Das Kapitel legt dar, dass Verhalten kein eigenständiger Mechanismus (wie etwa ein Reflexapparat) ist, sondern emergiert aus der strukturellen Kopplung: Ein Lebewesen zeigt Verhalten, indem es Bewegungen oder Handlungen ausführt, die ein Beobachter als Antwort auf Umweltreize interpretiert. Aus Sicht des Systems gibt es jedoch keine Input-Output-Kausalität; es ändert sich intern strukturell in einer Weise, die wir als Anpassung an Reize deuten.

Maturana und Varela führen hier die wichtige Unterscheidung ein zwischen Perturbation und destruktiver Einwirkung. Perturbationen sind Einflüsse von außen, die im Organismus strukturale Veränderungen auslösen, welche mit der Autopoiesis verträglich sind – das System kann sie kompensieren und integriert die Änderungen, ohne zu zerfallen. Demgegenüber führen Einwirkungen, die nicht verträglich sind (zu stark, zu fremd), zum Zusammenbruch der Autopoiesis (Tod des Organismus) – das sind destruktive Interaktionen.
In jedem Moment seines Lebens erfährt ein Lebewesen unzählige Perturbationen (Temperaturschwankungen, Nahrung, Begegnungen mit anderen etc.) und passt seine Struktur minimal an – lernt, wächst, reagiert – behält aber seine Organisation bei. Diese Sicht lässt das klassische Konzept “Reiz und Reaktion” in neuem Licht erscheinen: Was wir als Reaktion sehen (z.B. ein Tier flieht vor einem lauten Geräusch), ist aus Sicht des Tieres eine strukturdeterminierte Veränderung, die aus seinem inneren Zustand resultiert, nicht ein mechanischer Reflex auf einen “Reiz” im isolierten Sinne.

Im Verlauf dieses Kapitels erklären die Autoren auch Lernen als einen Sonderfall von Ontogenese: Lernen ist strukturelle Koppelung. Wenn ein Organismus wiederholt Perturbationen erfährt und dabei seine interne Struktur so ändert, dass er künftig auf ähnliche Perturbationen anders (effektiver) reagiert, dann sagen wir, er hat gelernt. Hier betonen Maturana und Varela erneut, dass es nicht darum geht, dass der Organismus “Information aus der Umwelt aufnimmt”. Vielmehr bleibt das Nervensystem operativ geschlossen, es gleicht Störungen aus. Dem Beobachter erscheint es dann so, als habe der Organismus etwas aus der Umwelt übernommen, aber in Wahrheit hat er nur seine eigene Struktur reorganisiert in fortgesetzter Autopoiesis. So definieren sie: “Lernen ist nichts anderes als fortgesetzte strukturelle Koppelung; Leben ist Erkennen” – im Sinne von effektiver Handhabung der Umwelt durch strukturales Anpassen.

Zur Veranschaulichung des Zusammenhangs von Ontogenese, Verhalten und Wahrnehmung ziehen die Autoren etliche Beispiele heran. Eines davon ist das Beutefangverhalten eines Frosches: Frösche schnappen mit der Zunge nach kleinen sich bewegenden Objekten (potentiellen Insekten). Ein Frosch “sieht” keine unbewegten Fliegen – sein Nervensystem ist so strukturiert, dass nur Bewegungsreize eine Zungenschnellschuss-Reaktion auslösen. Dieses Verhalten ist hoch effektiv in der natürlichen Nische, kann aber in die Irre gehen (z.B. schnappen Frösche auch nach bewegten schwarzen Punkten auf einem Bildschirm). Hierdurch wird deutlich, dass das Nervensystem selektiv auf bestimmte Muster anspricht, keine “objektive” Abbildung der Umwelt macht. Der Frosch hat in seiner Ontogenese (bzw. stammesgeschichtlich) eine Struktur ausgebildet, die ihm dieses Nahrungs-Verhalten ermöglicht – gleichzeitig aber auch Grenzen setzt (er kann etwa eine reglose Fliege direkt vor sich übersehen). Solche Beispiele untermauern die Idee der operationellen Geschlossenheit des Nervensystems: Es verarbeitet nicht Merkmale der Außenwelt, sondern verändert sich entsprechend seiner eigenen Organisation, was jedoch zu adäquatem Verhalten in der Umwelt führen kann, solange die Kopplung intakt ist.

Im Kontext der Ontogenese erklären die Autoren auch den Begriff Anpassung neu. Anpassung ist kein separater Mechanismus, sondern beschreibt den Umstand, dass ein Organismus sich bereits in seiner Entwicklung nur in Richtungen verändern kann, die seine fortgesetzte Lebensfähigkeit zulassen. Jede Ontogenese ist somit ein Drift unter Erhaltung der Anpassung.
Stirbt ein Organismus vorzeitig, enden seine möglichen Entwicklungswege – die “Buchhaltung” schließt.
Überlebt er, dann waren seine Veränderungen stets im Einklang mit den Umweltbedingungen (auch wenn diese sich ändern mögen, passt er sich an oder er geht zugrunde).

Zentrale Begriffe:

  • Ontogenese: Die individuelle Entwicklungsgeschichte eines Organismus. “Die Ontogenese ist die Geschichte des strukturellen Wandels einer Einheit ohne Verlust ihrer Organisation.” Maturana und Varela heben hervor, dass diese Veränderungen immer im Kontext einer Umgebung stattfinden – es gibt keine Ontogenese im leeren Raum. Ontogenese umfasst Wachstum, Reifung, Lernen, Altern – all das bei Bewahrung der autopoietischen Einheit.
  • Perturbation: Ein Einfluss von außen, der eine Veränderung im Organismus hervorruft, die dieser aber verkraftet. Die Struktur ändert sich (z.B. man schwitzt bei Hitze, oder lernt bei einem Erfahrungsschock), doch die Autopoiesis bleibt intakt. Die Autoren schreiben: “Alle Interaktionen, die strukturale Veränderungen auslösen, welche mit der Erhaltung der Autopoiesis vereinbar sind, werden Perturbationen sein. Andere… werden destruktive Interaktionen sein.”. Das heißt, Perturbation = Störung, die der Organismus wegsteckt (vielleicht unter Anpassung), destruktiv = Störung, an der er zerbricht.
  • Strukturelle Anpassung: In der Ontogenese zeigt sich Anpassung als fortwährende Feinabstimmung der Struktur an die Umweltbedingungen. Wichtig: Die Umwelt instruiert den Organismus nicht; vielmehr führt der Organismus intern Änderungen durch, die ihn kohärent mit der Umwelt bleiben lassen. Diese laufende Passung ist lokal und gegenwärtig – es gibt kein Vorausplanen. Jeder Schritt der Ontogenese muss hier und jetzt funktionieren. Daraus ergibt sich eine Pfadabhängigkeit: die vergangenen strukturellen Veränderungen legen fest, welche zukünftigen Veränderungen möglich sind oder ausgeschlossen werden.
  • Operationale Geschlossenheit des Nervensystems: Das Nervensystem wird im Buch (besonders im nächsten Kapitel) detailliert betrachtet, aber schon hier ist der Begriff relevant. Operationale Geschlossenheit bedeutet, dass das NS nur innerhalb seiner eigenen Zustände und Signalzyklen operiert. Es empfängt von den Sinnesorganen keine “Bilder” der Umwelt, sondern lediglich Auslösungen, auf die es mit interner Aktivität reagiert. Diese interne Aktivität kann dann Bewegungen bewirken. Für den Beobachter sieht es so aus, als reagiere das Tier auf die Umwelt (was funktional stimmt), aber informatisch fließt keine Bedeutung von außen nach innen.
    Beispiel: Der Frosch reagiert auf einen schwarzen Punkt, der sich bewegt – aber das NS kennt weder “schwarz” noch “Fliege”; es gibt nur Neuronen, deren Zustandsänderungen korrelieren mit bestimmten Musterreizen. Es konstruiert daraus eine koordinierte Aktion (Zungenschnappen).
  • Lernen als Strukturkoppelung: Das Buch fasst Lernen konsequent als Veränderung der Struktur durch Erfahrung. Ein Organismus “lernt”, wenn er durch wiederholte Perturbationen in einen neuen stabilen Zustand übergeht, der ihn in ähnlichen Situationen anders handeln lässt. Da das Nervensystem plastisch ist (veränderbar in seinen Verknüpfungen), kann Lernen stattfinden – aber es findet nur innerhalb des Organismus statt. Was wir als Gedächtnis oder Erfahrung bezeichnen, ist nichts außer der aktuellen Struktur, die Ergebnis früherer Koppelungen ist.
    Ein drastisches Beispiel aus dem Buch ist ein Wolfskind: Ein menschliches Kind, das ohne Sprache und menschliche Sozialkontakte aufwächst, “lernt” nicht menschliches Verhalten – seine neuronale Struktur koppelt sich an das Wolfsrudel und entspricht einem anderen Verhaltensraum.
    So ein Mensch wirkt später fast wie ein anderes Wesen, weil seine Ontogenese ihn auf einen völlig anderen Pfad gebracht hat. Das unterstreicht, dass Lernen/Entwicklung und Umwelt untrennbar verbunden sind.

Originalzitate: “Leben ist Erkennen (Leben ist effektive Handlung im Existieren als Lebewesen).” Dieser aphoristische Satz fasst zusammen, dass alle Handlungen eines Lebewesens – sein Verhalten – letztlich Akte des Erkennens sind, verstanden als erfolgreiches Sich-Zurechtfinden. Weiter heißt es: “Mit anderen Worten: Jede Ontogenese … ist ein Drift von Strukturveränderung … unter Erhaltung der Anpassung.”. Hier wird Ontogenese als kontinuierlicher Lern- und Anpassungsprozess beschrieben. Und sehr wichtig: “Wenn wir … eine Abfolge von Perturbationen betrachten, die das Nervensystem auf mögliche Weisen ausgleicht, bekommen wir den Eindruck, dass es etwas aus dem Milieu verinnerlicht hat. Aber … eine solche Beschreibung wäre ein Verstoß gegen [die Idee der strukturellen Determination].” Dieses Zitat zeigt klar, dass der Schein des “Informationsaufnehmens” trügt – tatsächlich gleicht das System Störungen aus, und wir deuten es als Informationsverarbeitung.

Kapitel 6: Nervensystem und Erkenntnis – die neuronale Grundlage des Erlebens

Zusammenfassung: Kapitel 6 zoomt nun ins Innere des Organismus, speziell auf das Nervensystem (NS), und dessen Rolle im Erkenntnisprozess. Maturana selbst war Neurobiologe, und hier fließen seine empirischen Erkenntnisse ein. Die Kernthese lautet: Das Nervensystem erweitert dramatisch die Interaktionsbereiche eines Organismus, bleibt dabei aber ein operational geschlossenes, strukturdeterminiertes System. Es ermöglicht komplexes Verhalten und Kognition, allerdings funktioniert es grundsätzlich anders, als man es sich in trivial-kausalen Begriffen vorstellen mag.

Zunächst erklären die Autoren, dass Verhalten schon vor der Entstehung von Nervensystemen existierte (z.B. Bakterien bewegen sich zur Nahrungsquelle). Das Nervensystem ist keine “Erfindung” völlig neuer Art, sondern eine Erweiterung der Plastizität und Koordination: “Wir haben bereits gesehen, dass Verhalten keine Erfindung des Nervensystems ist”. Was macht also ein Nervensystem? Es schafft ein internes Netzwerk von Zellen (Neuronen), das Korrelationen herstellt zwischen vielen verschiedenen Zuständen. Sinnesorgane erregen Neuronen, diese erregen andere, usw., und am Ende werden Muskeln erregt – so entsteht eine Reiz-Reaktions-Schleife, allerdings ohne dass irgendwo “Bedeutung” eingespeist wird. Das NS macht es möglich, dass ein Organismus flexibel auf unterschiedliche Kombinationen von Einflüssen reagieren kann, weil es viele interne Zustandsmuster unterscheiden kann (hohe Differenzierungsfähigkeit). Beispielsweise kann ein Tier mit Nervensystem je nach Kontext anders handeln: Eine Schildkröte mag schnell ins Wasser flüchten, wenn sie an Land einen Feind sieht, bleibt aber still, wenn derselbe Feind bereits sehr nah ist (vielleicht in Hoffnung auf Tarnung). Diese kontextabhängigen Reaktionen beruhen darauf, dass das Nervensystem verschiedene sensorische Inputs integriert und ein passendes motorisches Muster auswählt, ohne dass ein externer “Dirigent” eingreift.

Ein zentrales Konzept in diesem Kapitel ist die operationale Geschlossenheit des Nervensystems: Das NS ist wie ein Kreisverkehr von Erregungen – Neuronen beeinflussen Neuronen. Zwar stehen Sinneszellen am Anfang der Kette und Muskelzellen am Ende, aber im Gehirn selbst gibt es keinen Input/Output in dem Sinne; alles ist rekurrent verschaltet. Dadurch konstruiert das Gehirn eine Welt aus eigenen Zuständen, was Maturana und Varela als “interne Korrelationen” bezeichnen. Was wir bewusst erleben (Farben, Töne, Bilder) sind nicht die Dinge an sich, sondern Zustandsmuster unseres Nervensystems, die in Korrelation mit sensorischen Triggern stehen. So entsteht eine innere Welt, die aber nicht isoliert ist: Durch strukturelle Koppelung ist sie über den Körper mit der Umwelt verknüpft, so dass sie viabel ist (d.h. erfolgreich im Umgang mit der Umwelt).

Die Autoren illustrieren diese Ideen unter anderem am Phänomen der Repräsentation. In der klassischen Auffassung würde man sagen: Das Gehirn repräsentiert z.B. einen Baum da draußen – es hat ein Abbild oder eine Vorstellung davon. Maturana und Varela lehnen dieses Konzept ab. Sie argumentieren, dass im Nervensystem keine Bilder oder Symbole umhergeschoben werden, sondern nur Zustandsänderungen. Die Vorstellung, es gäbe “Repräsentationen”, führe direkt in ein erkenntnistheoretisches Dilemma (nämlich wie das Repräsentationsbild mit der Realität verglichen werden kann – man bräuchte wieder einen Beobachter im Kopf). Stattdessen schlagen sie eine radikale Wendung vor: Das Nervensystem kennt keine Außenwelt, es kennt nur seinen eigenen Zustand – daher kann man sagen, Wahrnehmung ist nicht Abbilden, sondern Tun. Ein Tier verhält sich adäquat in seiner Nische nicht, weil es sie repräsentiert, sondern weil sein Nervensystem im Laufe der Ontogenese so strukturiert wurde, dass bestimmte interne Korrelationen regelmäßig zu erfolgreiches Verhalten führen. Das ist eine Formulierung des sogenannten Solipsismus-Problems, der sie aber entgegnen: Es ist kein Solipsismus im Alltag relevant, weil wir durch Sprache und soziale Interaktion einen gemeinsamen Konsensraum schaffen (dazu im nächsten Kapitel mehr).

Ein besonderer Teil dieses Kapitels behandelt das Thema Bewusstsein (im Sinne von Basalerfahrung, noch nicht reflexives Selbstbewusstsein). Die Autoren bleiben hier vorsichtig: Sie sprechen eher von kognitiven Zuständen und Erleben. Ein Wesen mit Nervensystem hat zweifelsohne einen reicheren Erfahrungsraum als ein einfaches Bakterium, da es z.B. über Sinnesvielfalt verfügt (Sehen, Hören etc.). Aber auch hier betonen sie: Qualität und Qualia (das Wie des Erlebens) entstehen aus den Organisationsmustern des NS selbst, nicht aus einer Einspeisung von außen.

Abschließend erklären Maturana und Varela, dass das Nervensystem zwar operational geschlossen ist, wir als Beobachter aber sehr wohl feststellen können, dass es funktionale Stabilität in der Koppelung erreicht. Wenn ein Tier gelernt hat, auf einen Reiz immer gleich zu reagieren, können wir das als Erkennen interpretieren – es erkennt den Reiz in dem Sinne, dass es effektiv und vorhersagbar handelt. Hier kommt der Buchtitel ins Spiel: Das Erkennen wird biologisch definiert als effektives Handeln in der Nische. Oder pointiert: “Leben ist Erkennen.” Jede Handlung eines Lebewesens, die zu seinem fortgesetzten Leben beiträgt, ist ein kognitiver Akt.

Zentrale Begriffe:

  • Operationale Geschlossenheit: Bereits erwähnt, hier speziell auf das Nervensystem angewandt. Es bedeutet, dass das NS ein selbstreferentieller Erregungskreislauf ist. Neuronen beeinflussen sich gegenseitig; es gibt keine Leitung, die “Bedeutung” von außen nach innen transportiert. Die Sinnesorgane lösen neuronale Zustände aus, aber diese werden nur im internen Netzwerk verarbeitet. Daraus folgt: Alle Wahrnehmung ist eine interne Konstruktion. Dieser Umstand wird als fundamentales Organisationsprinzip gesehen – er schützt das System sogar vor Überlast, da es nicht jeden Außenreiz “durchlassen” muss, sondern nur in eigener Kodierung reagiert
    (vgl. Niklas Luhmanns Adaption dieser Idee:
    kein Input ohne vorherige Zulassung durch das System”).
  • Erweiterung der Interaktionsbereiche: Ein Nervensystem erlaubt einem Organismus, sehr viel komplexere und vielfältigere Beziehungen zur Umwelt zu haben als ein Lebewesen ohne NS. Z.B. kann ein Hund Hunderte von Geruchsnuancen unterscheiden, sich Gesichter merken, soziale Rangordnungen erkennen etc. Maturana und Varela betonen, dass dank des NS neue Verhaltensräume entstehen – etwa Jagdverhalten, Spiel, täuschende Manöver, etc., die wir bei einfacheren Organismen nicht finden. Doch all das bleibt im Rahmen der strukturellen Determination: Das NS schafft nur Möglichkeiten, keine Garantie für Anpassung. Tatsächlich muss jedes neu entstehende Verhalten wieder auf seine Viabilität geprüft werden (durch Erfolg/Misserfolg im Leben des Organismus).
  • Keine Repräsentation: Dieser provokante Standpunkt besagt, dass im Gehirn keine “Innenweltmodell” der Außenwelt gebaut wird. Stattdessen: Das Gehirn ist aktiv, und was wir als Wahrnehmung bezeichnen, ist eine Beschreibung unseres Erlebens im Nachhinein. In Maturana/Varelas Worten: “Der Beobachter sieht, als ob das Nervensystem etwas aus dem Milieu übernommen hätte … doch das wäre ein Verstoß gegen die Idee der strukturellen Geschlossenheit.”. Statt von Repräsentation sprechen die Autoren vom Körper als Inbegriff der Wahrnehmung: Unser gesamter Körper (Sinne + NS + Motorik) ist in die Koppelung eingebunden, und Bewusstsein ist letztlich das Erleben dieser Körpertätigkeit.
  • Kognitive Akte: Jede Handlung, durch die ein Organismus in seiner Umgebung erfolgreich agiert, wird als kognitiver Akt gewertet. Das rückt Kognition vom Kopf (Geist) in den Körper und in die Umweltbeziehung. So gesehen hat sogar ein Paramecium (Pantoffeltierchen) eine Form von “Erkennen”, wenn es etwa chemotaktisch günstige Gebiete aufsucht – es unterscheidet Zustände und verhält sich entsprechend. Natürlich erreichen Nervensysteme eine neue Qualität kognitiver Akte (z.B. durch Lernfähigkeit, Gedächtnis). Aber die Grenze ist fließend. Erkenntnis ist hier kein Abbilden von Wahrheit, sondern die Fähigkeit eines Systems, in seinem Existenzbereich zurechtzukommen.
  • Solipsismus-Dilemma:
    Wenn jedes Nervensystem nur seine eigenen Zustände kennt, wie kann dann überhaupt Kommunikation oder ein gemeinsames Verständnis der Welt entstehen? Dieses Dilemma legen die Autoren in diesem Kapitel offen, lösen es aber erst im nächsten:
    Kurz gesagt, sie zeigen, dass Sprache und soziale Kopplung die Brücke schlagen. In diesem Kapitel wird es schon angedeutet: Ein einzelnes Gehirn mag solipsistisch wirken, aber viele Gehirne im Austausch erzeugen einen konsensuellen Bereich, in dem sich Bedeutungen herausbilden.
    Hier spricht man auch vom vierten Ordnung von Koppelungen (nach Organismen in sozialen Systemen in sprachlicher Interaktion).
    (Ist das durch Social Media und die ML/LLM Algoritmen gestört oder verbessert oder befinden wir uns Menschengesellschaftlich in dem Adaptionsprozess?)

Originalzitate: “In diesem Kapitel wollen wir untersuchen, auf welche Weise das Nervensystem die Interaktionsbereiche eines Organismus erweitert. Wir haben bereits gesehen, dass Verhalten keine Erfindung des Nervensystems ist…” (S. ??). Und: “Alle Spielarten von Fröschen und Kröten ernähren sich … Der Beobachter sieht, dass die Zunge immer in Richtung auf die Beute geschleudert wird. … Mit einem Tier wie dem Frosch kann man jedoch… [zeigen], dass Verhalten entsprechend den internen Aktivitätsrelationen im Nervensystem entsteht.” (sinngemäß). Diese Beschreibung illustriert die zentrale Rolle des NS: Es generiert Verhalten nach eigenen internen Mustern. Ein weiteres Zitat: “Lernen als Strukturkoppelung … man bekommt den Eindruck, das System habe etwas aus dem Milieu verinnerlicht. Aber, wie wir wissen, wäre eine solche Beschreibung ein Verstoß gegen [die strukturelle Determination].”. Hier wird deutlich auf den Trugschluss hingewiesen, dem unsere Alltagssprache aufsitzt, wenn wir von Informationsaufnahme sprechen.

Kapitel 7: Die sozialen Phänomene – Lebenswege in Gesellschaften

Zusammenfassung: In Kapitel 7 weiten Maturana und Varela den Blick vom Individuum auf soziale Systeme. Sie fragen: Was passiert, wenn mehrere autopoietische Einheiten (Organismen) miteinander in wiederholte Interaktion treten?

Ihre Antwort: Es entstehen Phänomene dritter Ordnung – soziale Phänomene – die nur begreifbar sind, wenn man die rekursive Koppelung der Beteiligten betrachtet. Unter sozialen Phänomenen verstehen die Autoren all jene Ereignisse und Regularitäten, die auftreten, wenn die Interaktionen zwischen Lebewesen einen stabilen, wiederkehrenden Charakter annehmen und zu einer neuen Kohärenz führen.
Ein soziales System ist demnach eine Einheit dritter Ordnung, bestehend aus Organismen (Einheiten zweiter Ordnung), die durch strukturelle Koppelung miteinander verknüpft sind.

Ein einfaches Beispiel: Ein Ameisenstaat. Eine einzelne Ameise (autopoietische Einheit zweiter Ordnung, da eine Ameise selbst aus vielen Zellen besteht) verhält sich in Gegenwart ihrer Nestgenossinnen anders als allein. Durch ständige Interaktionen (z.B. Fühlerkontakt, Pheromonaustausch) entsteht eine höhere Einheit – der Staat –, der Eigenschaften zeigt (Arbeitsteilung, Nestbau), die keine Ameise allein besitzt. Maturana und Varela analysieren, dass eine Ameisenkolonie ein Netzwerk wechselseitiger struktureller Koppelungen ist: Jede Ameise passt ihr Verhalten ständig an das der anderen an (z.B. ändern Arbeiter ihre Aufgaben je nach Koloniebedarf). Dadurch entsteht ein kollektiver Ordnungszustand, den wir als “Sozialstruktur” erkennen.
Dennoch gibt es kein “Gruppenhirn” außerhalb der Individuen – die Kohärenz ist ein emergentes Phänomen.

Bei Wirbeltieren und insbesondere bei Säugetieren kommen noch komplexere soziale Phänomene hinzu, etwa Mutter-Kind-Bindungen, Hierarchien in Rudeln, Kooperation bei der Jagd. Die Autoren diskutieren beispielsweise die Struktur einer Pavianhorde: Trotz aller individuellen Unterschiede zeigt die Gruppe charakteristische Verhaltensmuster (Territorialverhalten, Warnrufe, soziale Rangordnung), die auf einer gemeinsamen phylogenetischen Geschichte basieren.
Diese Muster sind weder rein angeboren noch rein erlernt, sondern das Ergebnis von Ko-Ontogenese: Die Paviane entwickeln sich gemeinsam und bringen ein gemeinsames soziales Milieu hervor, in dem bestimmte Normen und Rollen entstehen.

Ein wichtiges Konzept hier ist die Ko-Ontogenese: Wenn zwei oder mehr Organismen über längere Zeit rekursiv gekoppelt interagieren, kann man von einer gemeinsamen Ontogenese sprechen.
Ein Beispiel:
Ein Wolfsrudel – die Jungtiere wachsen mit den Erwachsenen auf und alle beeinflussen gegenseitig ihr Verhalten; das Rudel als Ganzes hat sozusagen eine “Lebensgeschichte” (Jahre der Wanderschaft, wechselnde Anführer etc.), die mehr ist als die Summe der individuellen Geschichten. Maturana und Varela betonen, dass ein Organismus nur solange Teil eines sozialen Systems ist, wie die strukturelle Koppelung besteht. Verlässt ein Individuum die Gruppe (z.B. durch Auswanderung oder Tod), endet für dieses die spezifische soziale Ontogenese. Für die Gruppe ändert sich die Dynamik entsprechend.

Spannend ist, dass die Autoren soziale Systeme ebenfalls als autonome Einheiten betrachten – allerdings auf einer höheren Ebene. Ein Bienenstock kann man etwa als “Superorganismus” sehen, der sich autopoietisch erhält (durch stetige Reproduktion von Bienen, Regulation von Nesttemperatur usw.). Doch sie warnen auch: Man darf die Metapher nicht überdehnen – die Gruppe existiert nur durch die Individuen; es gibt keine mystische Gruppensubstanz. Trotzdem können Gruppen Eigenschaften haben, die man systemisch untersuchen muss (z.B. Populationsdynamik, Schwarmintelligenz), ohne auf einzelne Individuen zu reduzieren.

Ein weiterer sozialer Aspekt ist die Kommunikation. Maturana und Varela definieren Kommunikation nicht als Austausch von Zeichen oder Informationen (das wäre wieder zu nah am Sender-Empfänger-Modell, das sie ablehnen), sondern als koordinierte Verhaltensweisen zwischen Lebewesen. Wenn zwei Tiere interagieren, koordinieren sie ihre Handlungen in einem gemeinsamen Kontext – das ist Kommunikation. Beispielsweise “bietet” bei einigen Ameisenarten eine Ameise der anderen ihre aufgenommene Nahrung an, damit die Kolonie gleichmäßig versorgt ist (sogenannte Trophallaxis, was im Buch als Beispiel vorkommt).
Dieses Verhalten ist ein Kommunikationsakt im Sinne der Autoren: nicht das Übermitteln einer Botschaft (“Hier, iss!”), sondern das strukturelle Einspielen zweier Organismen (die eine gibt Nahrung ab, die andere nimmt sie, beide ändern dadurch ihren Zustand – Sättigung, sozialer Zusammenhalt wird gestärkt etc.).

Durch solche wiederholten Interaktionen bilden sich soziale Strukturen heraus: Rangordnungen, Rollenverteilungen, Kooperation und Konkurrenz – all das emergiert aus der Geschichte der Koppelungen. Maturana und Varela betonen, dass viele unserer menschlichen sozialen Phänomene biologische Wurzeln haben (Aggression, Fürsorge, Paarbindung usw.), diese aber immer in einem historischen Kontext stehen. Es gibt keinen statischen “Instinkt”; jedes soziale Verhalten entwickelt sich in einer Kultur oder zumindest einer Traditionslinie bei Tieren (man denke an Affengruppen mit bestimmten Gewohnheiten). Damit schlagen sie die Brücke zum nächsten Kapitel, wo es um Sprache und menschliches Bewusstsein geht – die höchstentwickelten sozialen Phänomene.

Zentrale Begriffe:

  • Soziales System: Eine Einheit aus mehreren Organismen, die durch rekurrierende Interaktionen eine kollektive Kohärenz zeigt. Wichtig ist, dass die Autoren kein separates übergeordnetes Steuerungszentrum annehmen – die Systemordnung entsteht aus Selbstorganisation. Sozialität beginnt schon einfach (z.B. Bakterienkolonien bilden Filme), wird aber bei höheren Tieren komplexer.
  • Einheiten dritter Ordnung: Dies ist die formale Bezeichnung für soziale Systeme
    (erste Ordnung: Zelle, zweite: Organismus).
    Eine Einheit dritter Ordnung entsteht, wenn Individuen (zweiter Ordnung) so eng gekoppelt sind, dass man sie als zusammenhängendes Ganzes beschreiben kann. Beispiele: Tierstaaten, Herden, auch ein menschliches Paar oder eine Familie kann man schon als kleine soziale Einheit betrachten.
  • Ko-Ontogenese: Die gemeinsame Entwicklungsdynamik mehrerer Lebewesen. Ein sozial lebendes Tier durchläuft seine Ontogenese nicht isoliert, sondern im ständigen Austausch mit Artgenossen. Dadurch entstehen Eigenschaften, die ein isoliert aufgewachsenes Individuum nie zeigen würde.
    Beispiel: Sprache beim Menschen erlernt man nur im Austausch mit anderen – ohne soziale Umwelt keine sprachliche Ontogenese. Im Tierreich kann man etwa bei Vögeln sehen, wie Jungtiere Gesang kulturell von Älteren übernehmen (Dialekte).
  • Strukturelle Koppelung dritter Ordnung:
    In sozialen Systemen spricht man davon, dass nicht nur Organismus und unbelebtes Milieu gekoppelt sind, sondern Organismus und Organismus.
    Zwei Personen, die lange zusammenleben, “spielen sich aufeinander ein” – ihre Verhaltensweisen werden komplementär.
    Das Buch betont, dass alle Mitglieder einer sozialen Einheit fortlaufend strukturell gekoppelt sein müssen, sonst zerfällt das System. Ein Organismus ist nur Teil der Gesellschaft, solange er sich in dieser Weise einfügt.
  • Kommunikation als Verhaltenskoordination: Anstelle von Informationsübertragung definieren Maturana und Varela Kommunikation biologisch: “Unter sozialen Phänomenen verstehen wir Phänomene, die mit dem Zustandekommen von Koppelungen dritter Ordnung einhergehen, und unter sozialen Systemen die Einheiten dritter Ordnung, die so entstehen.”.
    Damit ist gesagt: Kommunikation zeigt sich darin, dass zwei Organismen ihre Handlungen aufeinander beziehen (z.B. Balztanz, Kampfrituale, Nahrung teilen, gemeinsames Jagen). Diese Sicht entmystifiziert Kommunikation zu einem natürlichen Vorgang, aber legt die Grundlage, später Sprache als besondere Form der Kommunikation zu behandeln (nämlich eine, die über Symbole in einer consensuellen Domäne läuft).
  • Menschliche Sozialphänomene: Gegen Ende des Kapitels gehen die Autoren auf menschliche Gesellschaften ein, vor allem im Hinblick auf Ethik und Kooperation. Sie argumentieren, dass der Mensch als biologisches Wesen sowohl Aggression als auch Liebe und Empathie in seinem Verhaltensrepertoire hat – welche dieser Potentiale ein Gesellschaftssystem fördert, hängt von den historischen und kulturellen Umständen ab. Hier bereiten sie die ethische Schlussfolgerung vor, dass nur die Liebe (Akzeptanz des anderen) eine wahrhaft menschliche soziale Dynamik ermöglicht. Das wird im letzten Kapitel explizit thematisiert.

Originalzitate: “Unter sozialen Phänomenen verstehen wir Phänomene, die mit dem Zustandekommen von Koppelungen dritter Ordnung einhergehen…”. Ferner: “Die Bildung eines sozialen Systems beinhaltet die dauernde strukturelle Koppelung seiner Mitglieder, also ihre Ko-Ontogenese.”. Diese Zitate definieren klar, was Sozialität für Maturana/Varela bedeutet: eine gemeinsame Entwicklung durch ständige Interaktion. Ein weiteres Zitat: “Insekten zeigen alle zugleich ein gewisses Ausmaß an Starrheit und Inflexibilität [in ihren Interaktionen]. Dies sollte uns nicht überraschen, da die Insekten … weder Sprache noch Bewusstsein besitzen.” (sinngemäß nach). Hier deuten sie schon an, dass menschliche Sozialität flexibler ist, weil Sprache dazukommt – ein Übergang zum nächsten Kapitel.

Kapitel 8: Sprachliche Bereiche und menschliches Bewusstsein

Zusammenfassung: Kapitel 8 krönt die vorherigen Analysen, indem es sich der Sprache und dem spezifisch menschlichen (Selbst)Bewusstsein widmet. Maturana und Varela stellen Sprache nicht als abstraktes Symbolsystem dar, sondern als besondere Form von sozialer Koordination von Handlungen. Sie argumentieren, dass Sprache entsteht, wenn Lebewesen (in diesem Fall wir Menschen) miteinander interagieren und dabei Zeichen (Laute, Gesten) verwenden, um ihr Verhalten gegenseitig zu beeinflussen, wobei diese Zeichen selbst wiederum Gegenstand von Vereinbarungen werden können. Sobald eine Gemeinschaft von Lebewesen einmal Kommunikation über Kommunikation betreibt – also über Zeichen sprechen kann – hat sich ein sprachlicher Bereich herausgebildet.

Die Autoren definieren Sprache als “Koordination von Handlungskoordinierungen”. Das klingt kompliziert, bedeutet aber: In der Sprache stimmen wir nicht nur direkt unser Verhalten aufeinander ab, sondern wir koordinieren die Art und Weise, wie wir Bedeutungen zuordnen. Beispielsweise verständigen sich zwei Menschen darauf, dass das Geräusch “Baum” für beide auf etwas verweist, worauf sie sich einigen (eine Pflanze mit Stamm und Blättern). Von da an können sie miteinander über “Bäume” reden – also ihr Verhalten koordinieren (etwa gemeinsam einen Baum fällen), indem sie sich symbolisch beziehen. Diese Fähigkeit hat sich biologisch entwickelt, so die Autoren, aus einfachen kommunikativen Akten. Irgendwann in der menschlichen Evolution (vielleicht beginnend mit gemeinsamen Jagd- oder Sozialaktivitäten) wurde es vorteilhaft, Benennungen und Zeichen stabil zu halten – so entstand eine Kultur des Teilens von Bedeutungen.

Wichtig ist: Sprache ist für Maturana und Varela kein abstraktes Objekt (wie ein Wörterbuch), sondern ein Prozess in einer Gemeinschaft. Es gibt nur Sprache, wenn es eine Gemeinschaft gibt, die im Sprechen miteinander ko-evolutioniert. So wird Sprache zu einer Art neuem Lebensraum, einem “consensuellen Bereich”, in dem Menschen gemeinsam existieren. In diesem Bereich können sie Dinge tun, die rein biologische Systeme nicht können: über Nicht-Anwesendes sprechen, Fragen stellen, lügen, Geschichten erfinden, Pläne machen usw. – kurz, Bewusstsein über das Hier-und-Jetzt hinaus entwickeln.

Das menschliche Bewusstsein wird im Buch vor allem als reflexives Bewusstsein behandelt, also das Wissen um das eigene Wissen.
(setzt hier „reflexive Kontrolle“ durch Dugin/Putin etc an?)
Der Titel des Kapitels spricht von “menschlichem Bewusstsein”, und im Laufe des Textes bezeichnen die Autoren auch das Selbstbewusstsein als ein Ergebnis sprachlicher Interaktion. Sie argumentieren, dass ein isoliertes menschliches Gehirn kein Selbstbewusstsein im hohen Sinne entwickeln würde; erst durch den Gebrauch der Ich-Begrifflichkeit in der Sprache lernen wir, uns selbst als Objekt zu sehen (“Ich denke, also bin ich” – dieser Satz wäre ohne Sprache unmöglich).
So wird dem Leser klar: Das berühmte Cogito ergo sum von Descartes ist nicht ein primärer Ausgangspunkt, sondern ein Resultat einer langen sozialen und sprachlichen Entwicklung.

Die Autoren greifen auch philosophische Mythen und Narrative auf: zum Beispiel die Idee, der Mensch stehe über dem Tier (Mythos der Sonderstellung). Ihre biologische Perspektive entzaubert das – Menschsein ist eine Verlängerung von Tiersein plus Sprache. Aber diese “plus” hat enorme Konsequenzen: Durch Sprache können wir Theorien, Religionen, Wissenschaften entwickeln – kollektive Vorstellungen, die keine einzelne Gehirnoperation sind, sondern im sozialen Geflecht existieren. Hier verorten Maturana und Varela auch die Ethik: Ethik ist für sie kein abstraktes Prinzip, sondern entsteht aus dem Miteinander in Sprache. Wenn wir einmal erkannt haben, dass wir alle gemeinsam unsere Wirklichkeit hervorbringen, ergibt sich eine ethische Verpflichtung, den anderen so gelten zu lassen wie sich selbst.
Denn jegliche Ausgrenzung oder Zerstörung anderer betrifft letztlich den gemeinsamen Lebensraum, den wir nur in Sprache haben.

Ein besonders schönes Beispiel im Buch ist die Betrachtung eines Dialogs. Wenn zwei Menschen miteinander reden, passiert biologisch Folgendes: Sie hören Schall, das Nervensystem reagiert, sie sprechen wiederum – ein Außenstehender könnte das als Austausch von Luftschwingungen analysieren. Doch auf der Beobachter-Ebene erkennen wir, dass sie Bedeutungen austauschen. Diese Bedeutungen existieren nicht in den Schallwellen an sich, sondern in der geschlossenen Schleife ihres Verständnisses füreinander. Sie müssen also bereits einen Konsens haben, was Wörter bedeuten, sonst könnten sie sich nicht verstehen. Dieser Konsens wird ständig erweitert oder angepasst – Sprache ist dynamisch. So entsteht z.B. ein neuer Begriff, wenn eine Gemeinschaft sich auf eine neue Bedeutung einigt. Biologisch heißt das: Mehrere Gehirne richten sich strukturell nach wiederholten gemeinsamen Erfahrungen aus (Ko-Ontogenese auf sprachlicher Ebene) und entwickeln eine gemeinsame Welt der Bedeutungen.

Im letzten Teil des Kapitels gehen Maturana und Varela dann auf die Konsequenzen dieses Verständnisses ein. Sie stellen fest: Wenn wir wirklich begreifen, dass unsere gesamte wahrgenommene Welt (einschließlich unserer Wissenschaft) ein vom Menschen geschaffenes sprachliches Konstrukt ist, dann verpflichtet uns das zu großer Bescheidenheit und Verantwortung.
Sie schreiben: “Die Erkenntnis der Erkenntnis verpflichtet.” – will sagen,
wenn wir wissen, dass wir die Welt, in der wir leben, miterschaffen, können wir uns nicht mehr herausreden, sie wäre einfach “so” unabhängig von uns.
Es liegt in unserer Verantwortung, wie wir sie beschreiben und welche Realität wir damit anderen ermöglichen oder verwehren.

Hier schlagen die Autoren den Bogen zurück zur eingangs erwähnten Demut:
Wer erkannt hat, dass er kein absolutes Wissen hat, der kann tolerant und offen bleiben.
Und sie argumentieren: Das grundlegende ethische Prinzip des Zusammenlebens – die Liebe im Sinne der Achtung der Anderen – ist aus ihrer biologischen Sicht die einzige Haltung, die ein langfristig stabiles soziales System ermöglicht. Eine Gesellschaft, die auf Dominanz und Verneinung des Anderen beruht, zerstört ihre eigene Grundlage des gemeinsamen Wirklichkeitsraums (man könnte an propagandistische oder totalitäre Regime denken, die alternative Sichten unterdrücken – dadurch verarmen sie selbst).

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Demgegenüber schafft eine liebevolle, dialogorientierte Gesellschaft immer neue Möglichkeiten der Ko-Kreation der Wirklichkeit.
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Zentrale Begriffe:

  • Sprache als Koordination von Koordinationen: Dieser vielleicht etwas sperrige Ausdruck meint, dass Sprache second-order communication ist. In der ersten Ordnung koordinieren Lebewesen direkt Verhalten (z.B. ein Vogelruf “Warnung” lässt andere wegfliegen – Koordination:
    alle fliegen weg). In der zweiten Ordnung (Sprache) sprechen zwei Vögel über etwas (“Hast du gesehen, dort drüben war ein Fuchs?” – fiktives Beispiel, Tiere können das so nicht, aber Menschen schon). Hier wird nicht nur Verhalten koordiniert, sondern die Interpretation eines möglichen Verhaltens. Das eröffnet unbegrenzte neue Möglichkeiten – so entstehen Kultur, Planung, Geschichten.
  • Consensueller Bereich: Damit bezeichnen Maturana und Varela den gemeinsamen Bedeutungsraum, den Sprecher teilen. Für zwei Menschen, die Deutsch sprechen, ist das Deutsche ihr consensueller Bereich – darin verstehen sie einander. Es geht aber tiefer: Auch Werte, Normen, sogar Wahrnehmungskategorien (Farben sehen, Zeit erleben) sind in hohem Maße durch Konsens geprägt. Dieser Bereich ist eine emergente Realität: Er existiert nur, insofern Menschen interagieren. Wenn die Gemeinschaft aufhört zu existieren, löst sich auch der Bereich auf (z.B. tote Sprache).
  • Reflexives Bewusstsein/Selbst: Durch Sprache entsteht die Möglichkeit, über sich selbst nachzudenken. Wir lernen als Kinder unseren Namen, dann das Wort “ich”, und schließlich begreifen wir uns als ein Selbst, das denkt und fühlt. Maturana und Varela machen klar, dass diese Fähigkeit nicht vom Himmel fällt, sondern an unsere soziale Einbettung gekoppelt ist. Einen Großteil dessen, was wir für unser intimstes Inneres halten (Selbstbild, Identität), erwerben wir im Dialog mit unseren Mitmenschen. Das bedeutet aber auch: Es gibt Potential zur Veränderung, indem wir die Geschichten ändern, die wir uns und anderen erzählen.
  • Menschliche Kultur als Erweiterung der Biologie: Die Autoren sehen Kultur nicht als Gegensatz zur Biologie, sondern als natürliche Erweiterung. Sobald Sprache da ist, werden neue Selektionsdrücke aktiv (z.B. Gruppen mit besserer Kommunikation sind überlegen), und auch neue Phänomene (Technik, Kunst). Doch all das basiert weiterhin auf biologischen Wesen, die autopoietisch sind. Sie sprechen von Klassen von Erlebnissen, die nur sprachlich möglich sind – etwa Wissenschaft treiben oder Religion ausüben. Diese sind echt und wichtig, aber man darf sie nicht mystifizieren: Sie haben biologische Wurzeln (z.B. das Bedürfnis nach Sinn).
  • Ethik und Liebe: Zum Schluss des Buches plädieren Maturana und Varela für eine Biologie der Liebe.
    Damit meinen sie nicht Romantik, sondern die grundlegende Akzeptanz des anderen Lebewesens in seiner Legitimität, “so zu sein, wie es ist”. Diese Haltung – biologisch gesehen eine Form der Koexistenz ohne Auslöschungsimpuls – war vermutlich evolutiv in sozialen Gruppen erfolgreich (sonst hätten sich soziale Tiere nicht durchgesetzt).
    Für Menschen, die ihre mächtigen Sprach- und Technikkräfte missbrauchen könnten, ist bewusste Liebe jedoch eine ethische Notwendigkeit.
    Das Buch endet mit dem Ausblick, dass nur durch eine solche demütige, liebende Einstellung eine lebenswerte Welt fortbestehen kann.
    (Ist das die Beschreibung von B.Ks. Grundpositivem? Oder Worten wie diesen?
    Nein, ich bin kein Optimist in dem Sinn, dass ich glaube, es wird alles gut gehen;
    ich bin aber auch kein Pessimist in dem Sinn, dass ich glaube, es wird alles schlecht ausgehen. Ich empfinde Hoffnung.
    Denn ohne Hoffnung wird es keinen Fortschritt geben.
    Hoffnung ist so wichtig wie das Leben selbst.
    Vaclav Havel, Präsident der Tschechischen Republik
    vor einer entscheidenden Konferenz zu Verhinderung eines Krieges im ehemaligen Jugoslawien)

Originalzitate: “Für einen Beobachter erscheinen sprachliche Koordinationen von Handlungen als Unterscheidungen — sprachliche Unterscheidungen.” Hier wird der Übergang vom Verhalten zur Sprache betont: In der Sprache schaffen wir Unterscheidungen (Begriffe) in unseren Handlungen selbst. Weiter: “Hinterkopf zu behalten, wenn wir die Ontogenese vielzelliger Organismen mit einem Nervensystem untersuchen, denen wir ja gewöhnlich einen sehr breiten und reichen Verhaltensbereich zuschreiben. Bevor wir nämlich deutlich gemacht haben, was wir unter einem Nervensystem verstehen, können wir bereits sicher sein, dass das Nervensystem als Teil eines Organismus so operieren wird, dass…” – dieses Zitat deutet an, wie Sprache den Verhaltensbereich erweitert, ist aber hier fragmentarisch. Wichtiger ist das Schlusszitat: “Wir sind am Ende dieses Buches angelangt. Wir haben den Leser darin zu einer Reflexion eingeladen. … Eine solche Reflexion wird ihn dazu führen, sein eigenes Erkennen zu erkennen. … Die Erkenntnis der Erkenntnis verpflichtet.”. Dies ist quasi das Vermächtnis des Buches: Wenn wir verstanden haben, wie wir verstehen, tragen wir Verantwortung für das, was wir tun.

Maturana und Varela schließen damit den Kreis: Von der Einsicht in die Biologie unseres Erkennens gelangen sie zu einem Appell an unser menschliches Miteinander. Erkenntnis ist kein passiver Spiegel der Welt, sondern ein aktives Hervorbringen – und genau deshalb müssen wir achtsam und respektvoll damit umgehen, welche Welt wir durch unser Handeln und Beschreiben erzeugen. In ihren eigenen Worten: “Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt” – und dieser Beobachter kann anders sagen. Das Buch endet in dem Geist, mit dem wir begonnen haben: Bescheidenheit, Verantwortlichkeit und Demut vor dem Wunder des Lebens und der Erkenntnis.

Ergänzung!

Radikaler Konstruktivismus ist keine politische Ideologie – aber er wird verdammt oft politisch vereinnahmt. Und je nachdem, wer ihn benutzt, bekommt er plötzlich sehr unterschiedliche Farben.


🎯 Was ist radikaler Konstruktivismus eigentlich?

Die Grundidee:
Wirklichkeit ist keine objektive Außenwelt, sondern ein vom Individuum konstruiertes Modell.
Wir sehen also nie „die Welt“, sondern nur unsere jeweilige Version davon.

Politisch ist das erstmal neutral. Das ist epistemologische Philosophie, kein Parteiprogramm.


🚦 Aber welche politische Richtung greift das auf?

1) Liberale / libertäre Strömungen

Warum?
Weil die Betonung auf „individuelle Konstruktion von Wirklichkeit“ perfekt in ein Weltbild mit starkem Individualismus passt.
Argumentation dort:

  • „Jeder konstruiert seine Wahrheit → Staat soll sich raushalten.“
  • „Objektive Moral? Nee, jeder hat sein Modell.“
    ➡️ Wird häufig als anti-autoritäre oder anti-dirigistische Legitimation genutzt.

2) Postmoderne, linke akademische Milieus

In den 80ern/90ern war radikaler Konstruktivismus in vielen geisteswissenschaftlichen Debatten der Liebling der Postmodernos:

  • „Wahrheiten sind soziale Konstruktionen“
  • „Wissenschaft ist nur ein Diskurs unter vielen“
  • „Macht definiert Wissen“
    ➡️ Klingt stark nach Foucault, Butler, Cultural Studies.
    Das ist politisch eher progressiv-postmodern.

3) Systemtheoretische-Mitte (Luhmann-Schule)

Luhmann war zwar kein Konstruktivist im engeren Sinn, aber nahe dran.
Dort landet die Theorie häufig in einer politischen Meta-Position:

  • „Gesellschaft beobachtet sich selbst durch Systeme“
  • „Politik ist nur ein Funktionssystem“
    ➡️ Das wird gerne von technokratisch-neutralen, wissenschaftlich orientierten Leuten genutzt, die sich nicht ideologisch festnageln lassen wollen.

4) Extremisten aller Art – leider ja

Wer „Wahrheit ist konstruiert“ missversteht, nutzt es auch für:

  • Relativismus
  • Wissenschaftsleugnung
  • „Meine Meinung ist genauso valide wie deine Fakten“
    ➡️ Hier kippt’s ins autoritäre oder verschwörungsideologische Milieu.

Das ist aber Missbrauch, nicht die Idee selbst.


🎬 Also: Wo steht der radikale Konstruktivismus politisch?

Er selbst steht nirgends.
Aber die Anwendung kann in vier Richtungen tendieren:

Politische RichtungNutzen
Libertär-individualistischBetonung des Individuums, Ablehnung objektiver Moral
Linke PostmoderneDekonstruktion von Wahrheiten und Machtstrukturen
Technokratisch-systemtheoretisch (Mitte)Gesellschaftliche Selbstbeobachtung, Ideologie-Detox
Extremistische Relativisten„Fakten? Alles Konstrukte. Ich glaub’ was ich will.“

Kurz:
Radikaler Konstruktivismus ist wie ein Schweizer Taschenmesser – jeder benutzt ihn anders.


🧭 Und was bedeutet das für dich?

Wenn du analysieren willst, wie jemand argumentiert, ist der konstruktivistische Einschlag oft ein Frühindikator für:

manchmal auch gefährlich viel Relativismus

starke Subjektzentrierung

Skepsis gegenüber objektiver Erkenntnis

Betonung von Beobachterperspektiven

hohe Sensibilität für Diskursmacht