Dossier zu Cyberlibertarianism: The Right-Wing Politics of Digital Technology von David Golumbia

Eröffnungsteil

Einleitung (Marc-Aurel-Mahnung zur Weltklugheit)

Marc Aurel mahnte einst, man solle sich nicht von äußeren Glanzbildern täuschen lassen, sondern mit nüchterner Vernunft auf die Welt blicken. Diese stoische Weltklugheit ist im digitalen Zeitalter nötiger denn je. Golumbias Werk fordert genau diesen klaren Blick: Was, wenn die verheißene digitale Freiheit in Wahrheit an eine radikale Ideologie geknüpft ist? Der Autor ruft dazu auf, gängige Tech-Dogmen zu hinterfragen – eine Übung in Weisheit und intellektueller Redlichkeit, die an Marc Aurels Grundsätze erinnert. Nur wer bereit ist, den schönen Schein der „Cyber-Utopien“ zu durchdringen, kann die tatsächlichen Machtspiele und politischen Implikationen der Digitalisierung erkennen und mit klugem Urteilsvermögen begegnen.

Klappentext-ähnlicher Überblick

Ein Jahrzehnt der digitalen Euphorie – doch was, wenn sich dahinter ein rechtsgerichtetes Dogma verbirgt? David Golumbia nimmt uns mit auf eine ebenso ernüchternde wie fesselnde Reise durch die Ideologie der Tech-Welt. „Cyberlibertarianism“ – das klingt nach grenzenloser Netzfreiheit, entpuppt sich bei Golumbia aber als verhängnisvolle Allianz aus Digitalutopie und Rechtslibertarismus. Mit spitzer Feder deckt er auf, wie Silicon Valley’s Freiheitsrhetorik in Wahrheit deregulierten Konzerninteressen dient und demokratische Kontrolle systematisch unterläuft.

Spannend wie ein Politthriller zeigt das Buch, warum die Parolen vom „freien Internet“ und „digitalen Fortschritt“ kein harmloser Tech-Optimismus sind, sondern ein Programm, das unsere Gesellschaft tiefgreifend verändert. Golumbia verbindet akademische Tiefe mit erzählerischer Schärfe:

Man erfährt von Hippie-Ideologen, die zu Markt-Fundamentalisten wurden, von Internetgurus, die libertäre Mythen stricken, und von schillernden Tech-Konzernen, die im Namen der Freiheit ihre Macht ausbauen. Dieses Dossier gibt Einblick in zentrale Thesen und Befunde des Werks – eine analytische Landkarte durch das digitale Neuland, die neugierig macht auf mehr.

Golumbias Buch liest sich als Weckruf: Es stellt die drängende Frage, ob unsere vernetzte Zukunft frei und demokratisch sein kann – oder ob wir sie bereits den neuen „Cyber-Libertären“ überlassen haben.

Politische Einordnung des Werks

Ideologische Verortung: Cyberlibertarianism ist politisch klar verortet als kritisches Gegenstück zum herrschenden Tech-Libertarismus. Golumbia schreibt aus einer demokratisch-progressiven Perspektive und nimmt dezidiert rechts-libertäre Strömungen ins Visier. Er positioniert das Buch ausdrücklich gegen die Vorstellung, digitale Technologie solle außerhalb staatlicher Ordnung stehen.

Damit steht das Werk auf der Seite jener, die nach mehr öffentlicher Kontrolle und Gemeinwohlorientierung in der Technologie rufen – ein Standpunkt, der links-liberal und technologie-kritisch geprägt ist.

Golumbia vermeidet aber simplen Partikularismus: Sein Blick ist philosophisch geschult, er analysiert ideologische Muster mit kritischer Theorie und historischer Tiefenschärfe. So gelingt ihm eine Einordnung des Cyberlibertarismus als politisches Phänomen, das sowohl in den libertären Rechten als auch in vermeintlich unpolitischen Tech-Kreisen wurzelt.

Nähe zur Realität: Trotz der theoretischen Fundierung bleibt das Werk eng an realen Entwicklungen und Beispielen. Golumbia untermauert seine Thesen mit einer Fülle an aktuellen Fällen – von Gesetzesinitiativen wie Section 230 bis zu sozialen Bewegungen wie Gamergate und QAnon. Viele Beobachtungen decken sich mit greifbaren Ereignissen der letzten Jahre, was dem Buch hohe Relevanz verleiht. Zwar sind einige Verknüpfungen provokativ (etwa die direkte Linie von Netzaktivismus zu rechtsradikalen politischen Erfolgen), doch Golumbia liefert dafür Indizien aus Medienberichten, Studien und eigenen Analysen. Wo endgültige Beweise fehlen, argumentiert er stringent und sachlich. Insgesamt wirkt die Darstellung ausgesprochen zeitgenössisch: Sie spiegelt Debatten wider, die 2024 in Politik und Gesellschaft hochaktuell sind – von der Macht der Plattformen bis zur Regulierung von Kryptowährungen. Der Autor verstarb 2023 vor Erscheinen des Buches, doch sein Manuskript wurde noch peer-reviewt und vom Universitätsverlag sorgfältig betreut. Das verleiht dem Text zusätzliche Glaubwürdigkeit und Aktualität: Cyberlibertarianism liest sich wie ein Vermächtnis, das die Realität des digitalen Zeitalters klüger und kritischer begreifen hilft.

Zielgruppen: Das Buch richtet sich sowohl an Entscheidungsträgerinnen* in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft als auch an interessierte Laien mit Affinität zu Technik und Politik. Es ist kein leichter Stoff – Golumbia setzt ein gebildetes Publikum voraus, das Begriffe wie Libertarismus oder Neoreaktion einordnen kann. Dennoch bleibt die Sprache zugänglich genug, um auch engagierten Bürgerinnen und Bürgern einen Aha-Effekt zu bieten.

Politikberater, Juristinnen, Medienwissenschaftler und Netzaktivisten werden vieles daraus ziehen können, da Golumbia konkrete Gesetzesbeispiele und Medienphänomene analysiert. Gleichzeitig spricht das Buch Leser*innen an, die philosophisch und historisch interessiert sind: Golumbia spannt Bögen von der Aufklärung bis zur Gegenwart, was das Werk für geisteswissenschaftlich Interessierte attraktiv macht.

Entscheider werden die klare Handlungsimplikation schätzen – etwa die Forderung nach Regulierung – während Laien neue Perspektiven auf scheinbar vertraute digitale Themen gewinnen.

Verlagsinteresse: Erschienen ist Cyberlibertarianism bei der University of Minnesota Press, einem renommierten Verlag für kritische Gesellschaftsanalysen. Dass ein Universitätsverlag dieses umfangreiche Werk herausgibt, zeigt das wissenschaftliche Gewicht und den gesellschaftlichen Stellenwert der Untersuchung.

Der Verlag dürfte ein Interesse daran haben, die aktuelle Diskussion um Big Tech, Demokratie und Freiheitsrechte zu beeinflussen. Minnesota Press ist bekannt dafür, Arbeiten zu fördern, die zeitkritische Fragen stellen und theoretische Tiefe mit politischer Relevanz verbinden. Mit Golumbias Buch bedient der Verlag ein wachsendes Publikum, das nach Orientierung in der digitalen Welt sucht – vom universitären Seminar bis zum politischen Think-Tank. Nicht zuletzt veröffentlicht der Verlag das Buch wohl auch als Hommage an den Autor, der leider kurz vor Abschluss des Manuskripts verstarb. In einem Publisher’s Note wird erwähnt, dass Golumbia 2023 an Krebs erkrankte und im September 2023 verstarb. Sein Freund George Justice hat das Werk in Golumbias Sinne vollendet. Diese Umstände verleihen dem Buch eine besondere Dringlichkeit und Sorgfalt. Der Verlag betont Golumbias jahrzehntelange Forschungsarbeit und interdisziplinäre Expertise – von Softwareentwicklung bis kritischer Theorie.

Kurz: Cyberlibertarianism erscheint aus gutem Grund in einem angesehenen Verlagshaus, das gesellschaftskritische Qualität fördert und ein breites intellektuelles Publikum erreichen will.


Kapitel 1: The Dogma of Cyberlibertarianism

Im ersten Kapitel führt Golumbia den Begriff des „Cyberlibertarismus“ ein, erläutert dessen ideologische Wurzeln und beschreibt das Geflecht zentraler dogmatischer Annahmen. Er zeigt, dass sich hinter der schillernden Rhetorik digitaler Freiheit eine starre, rechtspolitische Weltanschauung verbirgt.

  • Begriff und Ursprung: Der Ausdruck Cyberlibertarianism wurde bereits 1997 vom Technikskeptiker Langdon Winner geprägt. Winner definierte diese Haltung als „a collection of ideas that links ecstatic enthusiasm for electronically mediated forms of living with radical, right-wing libertarian ideas about the proper definition of freedom, social life, economics, and politics“. Mit anderen Worten: Cyberlibertarismus verbindet einen nahezu euphorischen Technikoptimismus mit radikal libertären – letztlich rechtsgerichteten – Vorstellungen von Freiheit und Gesellschaft. Golumbia macht deutlich, dass diese Ideologie nicht erst im Silicon Valley der 2000er entstand, sondern schon in den 1990ern benannt und kritisiert wurde. Neben Winner nennt er den Essay “The Californian Ideology” (1995/96) von Richard Barbrook und Andy Cameron als frühe Analyse, sowie Paulina Borsook, die in Cyberselfish (2000) von einer „technolibertären“ Subkultur berichtete. Bereits diese Vorläufer erkannten ein Muster: Im digitalen Evangelium stecken tief eingebettet rechtes Gedankengut und Marktliberalismus. Golumbia schließt an diese Kritiker an und führt den Begriff in die Gegenwart, da er nach wie vor mit beängstigender Regelmäßigkeit zutrifft.
  • Dogma und Denkstil: Cyberlibertarianism tritt laut Golumbia wie eine Dogmenlehre auf, ohne jedoch eine wirklich kohärente Theorie zu bilden. Im Kern sei es “a commitment to the belief that digital technology is or should be beyond the oversight of democratic governments” – also die Überzeugung, digitale Technologien müssten jenseits demokratischer Regierungskontrolle bleiben. Diese Haltung reduziert sich häufig auf das Mantra, staatliche Gesetze könnten gar nicht greifen oder dürften es nicht – eine Selbstwidersprüchlichkeit, die die Befürworter billigend in Kauf nehmen. Golumbia betont, dass Cyberlibertarismus keine ausgearbeitete politische Theorie ist, sondern eher ein diffuser Glaubenssatz voll Schlagworte: “To call cyberlibertarianism a ‘belief system’ is to give it too much credit”. Es fehlt an stringenter Herleitung oder logischem Aufbau; stattdessen stützt sich das Dogma auf vereinfachende Narrative, die kaum hinterfragt werden. Wer widerspricht, dem wird Unverständnis oder Feindseligkeit gegenüber Fortschritt unterstellt – Kritiker gelten als „idiotisch, luddistisch oder moralisch minderwertig“, wie Golumbia polemisch anmerkt. Dadurch entsteht ein Klima, in dem nur eine einzige Position – die techno-libertäre – als vernünftig und moralisch gilt. Dieses in sich geschlossene Freund-Feind-Denken verleiht dem Cyberlibertarismus einen quasireligiösen Charakter.
  • Zentrale Annahmen: Golumbia arbeitet zwei Grundpfeiler des cyberlibertären Denkens heraus.
  • Erstens: ein überschwänglicher Glaube an die heilbringende Kraft digitaler Technologien an sich. Dieser Technik-Enthusiasmus – im Buch als “ecstatic enthusiasm” bezeichnet – findet sich quer durch unsere Kultur, besonders jedoch in der IT-Branche und Start-up-Szene.
  • Zweitens: eine radikal libertäre Auffassung von Freiheit und Ordnung. Cyberlibertäre propagieren einen Gesellschaftsentwurf, in dem „demokratische Souveränität“ möglichst wenig zählt und Marktkräfte oder individuelle Techniknutzer „frei“ schalten und walten können. Der Staat – selbst demokratisch legitimiert – erscheint in dieser Denke fast immer als Gegner der Freiheit. Golumbia zitiert den frühen Netzpionier John Perry Barlow, der 1996 in seiner „Declaration of the Independence of Cyberspace“ jede staatliche Einmischung ins Internet als illegitim abtat. Dieses Manifest und ähnliche Schriften (etwa “Cyberspace and the American Dream” von 1994) gelten als Gründungsdokumente des Cyberlibertarismus. Darin feiern antidemokratische Vordenker wie George Gilder oder Alvin Toffler das Internet als Sphäre jenseits herkömmlicher Politik. Freiheit wird dabei einseitig umgedeutet zu “Freiheit von staatlichen Regeln”, während soziale Verantwortung oder kollektive Entscheidungsprozesse kaum vorkommen. Golumbia fasst prägnant zusammen: Am engsten gefasst bedeutet Cyberlibertarismus die Ansicht, dass digitale Technologie der demokratischen Aufsicht entzogen sei bzw. entzogen sein sollte. Diese Haltung oszilliert widersprüchlich zwischen der Behauptung, der Staat könne das Digitale ohnehin nicht regulieren, und dem imperativen Ruf, er dürfe es auf keinen Fall.
  • Anti-demokratische Tendenz: Bereits im ersten Kapitel macht Golumbia unmissverständlich klar, dass Cyberlibertarismus in letzter Konsequenz antidemokratisch wirkt. Demokratie – verstanden als kollektive Selbstbestimmung durch politische Prozesse – erscheint den Cyberlibertären als hinderlich, ja als Feindbild. Golumbia schlussfolgert daher: “It is also possible to understand the foundation as something closer to ‘anti-democracy,’ as it is democratic governance that cyberlibertarian dogma puts squarely in its sights.”. Das vermeintlich generelle „Staats“-Misstrauen entpuppt sich als gezielte Ablehnung gerade demokratischer Staaten. In der Rhetorik der Szene wird jeder Staat pauschal zum Unterdrücker stilisiert – eine Ansicht, die von anarchokapitalistischen Theoretikern wie Murray Rothbard bewusst geschürt wurde.
  • Golumbia zeigt, wie diese Denkschule Begriffe wie “Tyrannei” oder “Freiheit” grob verzerrt und das idealisierte „Netz“ dem demokratischen Gemeinwesen entgegensetzt. Besonders aufschlussreich ist ein Zitat des Tech-Milliardärs Elon Musk von 2021: „government is simply the biggest corporation, with a monopoly on violence and where you have no recourse“. Solche Aussagen – ein sozialdarwinistisches Weltbild auf den Punkt gebracht – spiegeln genau jene Grundhaltung wider, die Golumbia kritisiert. Cyberlibertarismus delegitimiert systematisch die Idee, dass Bürger durch Regierungen ihr Schicksal gestalten können. Stattdessen propagiert er eine Art „Macht des Stärkeren“-Prinzip in digitaler Verkleidung. Die Folgen für demokratische Gesellschaften sind laut Golumbia fatal: “One of cyberlibertarianism’s chief effects is to minimize or eliminate the power of democratic governments to choose which technologies fit their vision of a healthy society.”. In der Praxis bedeutet das, so erläutert er, dass Stimmen für Regulierung oder Gemeinwohlaspekte zum Schweigen gebracht werden. Demokratie soll im digitalen Bereich nichts mehr zu sagen haben – ein Ziel, das Golumbia als zutiefst undemokratisch entlarvt.
  • Narrative und Strategie: Wie setzt der Cyberlibertarismus seine Ideen durch? Golumbia identifiziert eine Reihe von Erzählmustern und Schlagwörtern, die gleichsam als Waffen im Diskurs eingesetzt werden. Typisch ist etwa das Framing, jede staatliche Regelung sei Zensur oder rückschrittlich, wohingegen unregulierte Innovation mit Fortschritt und Gerechtigkeit gleichgesetzt wird. Kritiker dieser Doktrin werden mit abwertenden Labels versehen – sie seien technikfeindlich, „Bürokraten“ oder Gegner der Meinungsfreiheit.
  • Simplifizierung ist ein zentrales Mittel: Komplexe politische Fragen (z.B. Urheberrecht, Plattformregulierung, Datenschutz) werden auf scheinbar einfache Gut-Böse-Schemata reduziert. Golumbia spricht von “slogans and pseudo-arguments designed and used to end conversations” – argumentative Totschlagphrasen also, die eine vernünftige, differenzierte Debatte verhindern sollen. Ein Beispiel: Wenn Aktivisten behaupten, „das Internet als wir es kennen würde enden“, sobald ein bestimmtes Gesetz käme, so soll dies jede Diskussion im Keim ersticken.
  • Solche Weltuntergangsrhetorik begegnete bereits in frühen Kampagnen (z.B. um 2012 beim Protest gegen das US-Gesetz SOPA, dazu später mehr) und gehört bis heute zum Repertoire. Golumbia spricht in diesem Zusammenhang von einem „scheinbaren Taschenspielertrick“man lenkt vom eigentlichen Thema ab: “we seem to be talking about one thing, but in fact we are talking about something far more important and consequential”. Konkret: Cyberlibertäre tun so, als ginge es um Technik (z.B. um Innovation, um Netzwerke, um neue Dienste), tatsächlich verhandeln sie aber grundlegende Macht- und Wertefragen unserer Gesellschaft (Gleichheit, Kontrolle, Öffentlichkeit) – nur dass diese unter den Teppich gekehrt werden. Die Erzählung vom neutralen, unabwendbaren technischen Fortschritt dient dazu, politische Entscheidungen als überflüssig oder schädlich darzustellen. Golumbia warnt, diese Rhetorik sei nicht bloß verharmlosend, sondern eine bewusste Strategie, um demokratische Prozesse zu umgehen. Das erste Kapitel schließt mit einem Ausblick: Die folgenden Kapitel werden tiefer in die Historie, die Ausdrucksformen und die politischen Verflechtungen des Cyberlibertarismus eintauchen. Schon hier steht fest – wir haben es mit keiner unschuldigen Geek-Philosophie zu tun, sondern mit einer Dogmatik, die reale Machtverhältnisse stabilisiert und die Demokratie herausfordert.

Kapitel 2: The Forms and Functions of Cyberlibertarianism

Im zweiten Kapitel beleuchtet Golumbia die geschichtliche Entwicklung und die Funktionsweise des Cyberlibertarismus im politischen Gefüge. Er zeigt, wie sich von Beginn an ungewöhnliche Allianzen zwischen scheinbar gegensätzlichen Lagern formten (Hippie-Kultur und Wirtschaftsrechts, Tech-Innovatoren und Marktliberale) und wie diese Ideologie andere rechte Kampagnen spiegelt. Außerdem wird deutlich, dass die Cyberlibertären ihre Ziele in aktuellen Debatten strategisch tarnen und mit verschleiernden Begriffen arbeiten.

  • Geschichtsüberblick und ideologische Mischung: Golumbia führt vor Augen, dass Cyberlibertarismus von Anfang an ein ideologisches Chamäleon war, das Elemente aus unterschiedlichen politischen Spektren vereinte. Besonders eindrücklich ist die Verknüpfung von 68er-Gegenkultur mit neoliberalem Marktradikalismus, die in Kalifornien seit den 1970ern zu beobachten war. Figuren wie Stewart Brand, Herausgeber des Whole Earth Catalog, oder der LSD-Guru Timothy Leary gelten gemeinhin als linke Ikonen der Hippie-Ära. Doch Golumbia zeigt auf, dass viele dieser Protagonisten schon früh anti-staatliche und wirtschaftsliberale Ansichten hegten. Weder Brand noch Leary „hatten viel am Hut mit Demokratie, insbesondere wenn es um demokratische Regulierung wirtschaftlicher Aktivitäten ging“, schreibt Golumbia. Beide setzten sich mehr für Lebensstil-Experimente ein als für institutionelle Reformen – klassische Anliegen der 68er (wie Wahlrechtsausweitung oder Minderheitenschutz) blieben ihnen fremd. Stewart Brand etwa förderte in den späten 60ern eine technikverliebte „Zurück zur Natur“-Bewegung und äußerte bereits damals „stille Sympathien für rechte“ Positionen. In den 1980ern wurde Brand dann zur Schlüsselfigur einer neuen Synthese: Er brachte Hacker, Unternehmer und Hippies zusammen, legte damit den Grundstein der kalifornischen Tech-Kultur. Golumbia stützt sich hier u.a. auf den Historiker Fred Turner, der beschrieb, wie Brand durch Konferenzen und Publikationen die Netzwerke der Gegenkultur mit denen der aufkommenden Computerindustrie verschmolz. Das Ergebnis war eine „nicht-traditionelle“ politische Sphäre, in der linksliberale Rhetorik (etwa die Betonung von persönlicher Freiheit und Kreativität) mit erzkonservativen Werten (wie Misstrauen gegen Staat und Steuern) amalgamiert wurde. Tech-Pioniere wie John Perry Barlow (ehemals Songwriter der Grateful Dead und Mitgründer der EFF) oder Esther Dyson und Howard Rheingold verkörpern diese Mischung: Nach außen weltoffen und unkonventionell, in ihren Schriften jedoch von einem ausgeprägten Libertarismus geprägt. Golumbia nennt dies eine ideologische Synkretisierung – eine Verschmelzung unterschiedlicher Ideen, die dem Cyberlibertarismus bis heute einen Anschein von Unbestimmtheit verleiht.
  • Gerade konservative Kritiker halten die Tech-Eliten oft für „liberal“ oder links, weil diese in sozialen Fragen liberal auftreten. Doch Golumbia enttarnt dies als Fehlwahrnehmung: Viele prominente Vertreter des Silicon Valley sind gesellschaftspolitisch permissiv, aber wirtschafts- und ordnungspolitisch radikal anti-etatistisch. Die “reputation (especially among conservatives) for being ‘liberal’” täuscht darüber hinweg, dass im Kern eine marktradikale Agenda verfolgt wird. Diese Doppelgesichtigkeit – sozial alternativ, politisch rechts – ist laut Golumbia essentiell für die heutige Funktion des Cyberlibertarismus. Sie schafft breite Anziehungskraft und tarnt die eigentliche Stoßrichtung.
  • Verbindungen zu rechten Ideologien: Kapitel 2 stellt Cyberlibertarismus in einen größeren Kontext anderer rechter Kampagnen der letzten Jahrzehnte. Golumbia zieht Parallelen etwa zur Rhetorik der Regierungsfeindlichkeit, die in den 1980ern von Ronald Reagan und Margaret Thatcher salonfähig gemacht wurde (Stichwort: “government is the problem”). Er verweist auf libertäre Vordenker wie Ayn Rand, Murray Rothbard oder Hans-Hermann Hoppe, die das intellektuelle Fundament für die heutige Anti-Regulierungs-Haltung lieferten. Diese Autoren propagierten ein Weltbild, in dem jegliche staatliche Intervention als Freiheitsberaubung gilt – eine Haltung, die Golumbia als realitätsfern und egoistisch entlarvt: Libertarismus basiere, so zitiert er, “on both prevarication over terms and false background presumptions about the nature of society”, also auf Wortverdrehungen und falschen Annahmen über die Gesellschaft. Golumbia betont, dass viele Cyberlibertäre sich nicht explizit als politisch rechts verstehen. Sie kleiden ihre Anliegen lieber in apolitische Begriffe wie „Innovation“ oder „Offenheit“. Dennoch erkennt er eine ideologische Kontinuität: Ideen von marktradikalen Think-Tanks und Alt-Right-Vordenkern schleichen sich in die Tech-Diskurse ein. So haben etwa Kryptowährungs-Enthusiasten oft unbemerkt anarchokapitalistische Theorien (nach Rothbard oder dem “Sovereign Individual”-Konzept) übernommen, die von einer Abschaffung staatlicher Währungen und Institutionen träumen. Auch der Glaube an totale Dezentralisierung stammt aus rechten Kreisen: Golumbia erinnert daran, dass bereits in den 1980ern Libertäre wie Friedrich von Hayek jede Form von „Zentralplanung“ mit Sozialismus und Faschismus gleichsetzten – eine Denkfigur, die in der Tech-Welt (im Lob der Dezentralität von Netzwerken) bis heute nachhallt. Kurzum, Kapitel 2 zeigt: Der Cyberlibertarismus ist keine lokal begrenzte kalifornische Marotte, sondern Teil eines größeren rechtspolitischen Projekts, das sich gegen die Nachkriegsordnung des demokratischen Interventionismus richtet.
  • Klimawandel-Leugnung, Anti-Steuer-Bewegungen, Privatisierungsinitiativen – all diese Kampagnen folgen ähnlichen Mustern von Faktenresistenz und Populismus, die Golumbia auch bei den Tech-Libertären erkennt. So gesehen ist Cyberlibertarismus eine Fortsetzung des Neoliberalismus mit digitalen Mitteln: altbekannte rechte Ideologeme (Marktvorrang, Misstrauen gegen Gemeinschaftsgüter) verstecken sich hinter neuem Vokabular und futuristischem Anstrich.
  • Begriffe und Euphemismen: Ein wesentlicher Teil des Kapitels widmet sich der Analyse von Schlagwörtern und Frames, mit denen Cyberlibertäre ihre Agenda attraktiv oder alternativlos erscheinen lassen. Dazu gehört der Begriff “Innovation”, der nahezu sakrosankt gesetzt wird. Jede Regulierung oder staatliche Maßnahme wird so dargestellt, als würde sie „Innovation abwürgen“ – und Innovation gilt per se als positiv. Ein weiteres Beispiel ist “Offenheit” bzw. Open-Source/Open-Access: Was könnte falsch daran sein, Dinge offen und frei zugänglich zu machen? Golumbia entlarvt diese Rhetorik als verkürzt: Oft bedeute “open” in der Praxis lediglich den Ausschluss staatlicher Regeln, während die Kontrolle faktisch bei großen Firmen bleibe. So erschaffen Unternehmen z.B. „offene“ Plattformen, auf denen aber ihre eigenen Nutzungsbedingungen (nicht demokratische Gesetze) gelten. Auch der Begriff “Freiheit” selbst wird in der Tech-Community einseitig ausgelegt. Golumbia führt eindrücklich vor Augen, dass free im Sinne der Cyberlibertären fast immer „frei von staatlicher Einmischung“ meint, selten aber die Freiheit für etwas (etwa die positive Freiheit der Bürger, über Technologie mitzubestimmen). Das zeigt sich exemplarisch an einem berühmten Bonmot des Hackers Richard Stallman: “free as in free speech, not as in free beer”. Stallman wollte klarmachen, dass Freie Software nichts Gratis-Materielles, sondern ein Freiheitsrecht darstellt. Doch Golumbia weist darauf hin, dass diese Analogie inhaltlich schief ist: Freie Software hat mit Redefreiheit wenig gemein; Software erhält in funktionierenden Demokratien ohnehin Grundrechtsschutz wie Sprache. Indem die Tech-Aktivisten aber ständig Worte wie “Freiheit” bemühen, schaffen sie einen moralischen Resonanzraum – wer könnte gegen Freiheit sein? – ohne konkret über Ziele und Folgen ihrer Forderungen zu sprechen. Golumbia kritisiert diese Sprachspiele scharf. Insbesondere konstatiert er, dass viele der positiv besetzten Wörter der Tech-Szene (offen, frei, dezentral, innovativ, disruptiv) eine Leerformel bleiben, solange man nicht fragt: Für wen?, unter welchen Bedingungen?, mit welchen Nebenwirkungen?. Cyberlibertarier, so das Fazit, sind Meister darin, Ambivalenzen auszublenden. Sie stellen die Digitalisierung als naturgegebenen Prozess dar, bei dem nur eines zählt – Vorwärts immer, Rückfragen nimmer. Kapitel 2 legt diese semantischen Strategien offen, um dem Leser bewusst zu machen, wie wichtig kritisches Hinterfragen in den folgenden Diskussionen ist.
  • Ungleiches Kräfteverhältnis: Golumbia macht außerdem deutlich, dass die Debatte zwischen Tech-Enthusiasten und Tech-Kritikern von Anfang an asymmetrisch verlief. In einem bemerkenswerten Abschnitt beschreibt er, wie 99% der Ressourcen und Aufmerksamkeit auf Seiten der Cyberlibertären liegen. Die Tech-Industrie – getrieben von Investoren und großen Profiten – investiert enorme Summen in PR, Lobbyarbeit und wissenschaftsähnliche Argumente für Deregulierung. Demgegenüber steht nur eine Handvoll Akademiker und Autoren, die die gängigen Digital-Mythen infrage stellen. Golumbia nennt exemplarisch Clay Shirky und Jeff Jarvis, prominente Digitalevangelisten, die mit ihren Thesen vom Segen der Vernetzung große mediale Resonanz und sogar finanzielle Vorteile erzielen. Die Kritiker hingegen – zu denen er sich selbst zählt – haben weit weniger Reichweite und keinen materiellen Gewinn zu erwarten. Diese Schieflage führt dazu, dass die öffentliche Diskussion verzerrt ist: Es scheint einen breiten Konsens pro „freie Internetwirtschaft“ zu geben, während Gegenstimmen marginalisiert werden. Golumbia betont, dass dies kein neutraler Diskurs ist, sondern ein von Macht und Geld geprägter Kampf um Deutungshoheit. Konzerne wie Google, Facebook & Co. haben ein offensichtliches Interesse, ihre digitale Geschäftsmodellfreiheit zu erhalten, und unterstützen entsprechend Think-Tanks, NGOs oder Kampagnen, die Anti-Regulierungs-Stimmungen befördern (Beispiele dafür folgen in Kapitel 3). Dieses Bewusstsein führt Golumbia zur Schlüsselfrage: Wenn die lautesten Verfechter der Cyber-Freiheit letztlich einem eng umrissenen ökonomischen Interesse dienen, was bedeutet das für die Legitimität ihrer politischen Forderungen? Kapitel 2 bereitet damit den Boden für die folgenden Fallstudien, in denen genau diese Verflechtungen ans Licht kommen.

Zusammengefasst vermittelt Kapitel 2 ein Verständnis davon, woher der Cyberlibertarismus kommt und warum er heute so mächtig ist. Eine zunächst widersprüchlich scheinende Koalition aus Alt-Hippies, Silicon-Valley-Unternehmern und rechts-libertären Ideologen legte den Grundstein. Diese Koalition konnte wachsen, indem sie positive kulturelle Werte (Individualismus, Kreativität, “Jugendrevolte”) mit knallharter Marktagenda amalgamierte. Im Ergebnis entstand eine Bewegung, die sich selbst als „weder rechts noch links“ darstellt, in Wahrheit aber Kernanliegen der radikalen Rechten fördert: Schwächung des demokratischen Staates zugunsten privatwirtschaftlicher Freiräume. Golumbias historische und ideologische Tiefenschau rüstet den Leser mit diesem Wissen aus, bevor es in den nächsten Kapiteln um konkrete Mythen und politische Schlachten der digitalen Sphäre geht.

Kapitel 3: Deregulation and Multistakeholderism: A Case Study of Section 230

Kapitel 3 liefert eine detaillierte Fallstudie, wie cyberlibertäre Ideologie praktisch Politik gemacht hat. Im Fokus stehen zwei eng verknüpfte Themen: erstens Section 230, ein US-Gesetz, das Internetplattformen von jurischer Verantwortung für Nutzinhalte weitgehend befreit; zweitens das Konzept „Multistakeholderism“, das in der globalen Internet-Governance propagiert wird. Golumbia zeigt, wie beides von Cyberlibertären als Hebel genutzt wurde, um Regulierung abzubauen und staatlichen Einfluss zu begrenzen.

  • Section 230 als „heiliger Gral“: Section 230 des Communications Decency Act (CDA) von 1996 gilt in den USA als Grundpfeiler der Internetwirtschaft. Golumbia beschreibt das Gesetz als Paradebeispiel cyberlibertären Einflusses auf die Gesetzgebung. Ursprünglich wurde Section 230 eingeführt, um Online-Dienste zu moderieren zu ermutigen – Plattformen sollten nicht dafür bestraft werden, wenn sie in guten Absichten bestimmte Inhalte entfernen (Good-Samaritan-Klausel). Doch im Laufe der Zeit wandelte sich das Narrativ: Aus dem rechtstechnischen Immunitätsregelchen wurde ein symbolisches Schutzschild der gesamten Branche. Golumbia legt dar, wie Cyberlibertäre Section 230 geradezu dogmatisch überhöhen. Die Formel „Section 230 ist das Fundament des freien Internet“ wird von Tech-Lobbyisten ständig wiederholt. Dabei sei das Gesetz keineswegs eindeutig positiv – im Gegenteil, seine “form and function are deeply ambiguous”, da es sowohl die Inhaltskontrolle fördert als auch die Haftung der Unternehmen begrenzt. Diese Ambivalenz nutzen die Cyberlibertären gezielt aus: Einerseits behaupten sie, ohne Section 230 könne es keine Meinungsfreiheit und User-Inhalte online geben; andererseits ignorieren sie, dass Section 230 ursprünglich gedacht war, Plattformen zum Eingreifen zu bewegen, also Verantwortung zu übernehmen. Golumbia spitzt zu: In der aktuellen Ideologie wurde Section 230 de facto zu einem Blankoscheck für die Tech-Konzerne umgedeutet – jeglicher Vorschlag, das Gesetz zu ändern, wird als Angriff auf das Internet dramatisiert. So entsteht ein politisches Tabu: “the notion of altering the fundamental operation of digital technology companies is taken off the table”. Golumbia macht transparent, wie diese Immunisierung funktioniert. Unterstützt von willfährigen Experten wird ein Zerrbild gemalt: Würde Section 230 auch nur angetastet, drohe sofort „das Ende des Internets, wie wir es kennen“. Dieses Schlagwort fiel prominent im Kampf gegen SOPA/PIPA (2011–12) und taucht seither zuverlässig bei jeder Regulierungsdebatte auf. Mit rationaler Analyse hat das wenig zu tun – es ist ein Kampfbegriff, um Reformen im Keim zu ersticken.
  • Akteure und Lobby-Netzwerk: Besonders aufschlussreich in Kapitel 3 ist Golumbias Enthüllung des dicht geknüpften Netzwerks an Akteuren, die Section 230 verteidigen. Er nennt prominente Fürsprecher wie die Juristin Daphne Keller (Stanford University), den Rechtsprofessor Eric Goldman und den Blogger Mike Masnick (TechDirt). Diese Personen treten regelmäßig in Medien und Anhörungen auf und präsentieren Section 230 als unverzichtbares Freiheitsgesetz. Golumbia zeigt jedoch, dass viele dieser Stimmen nicht unabhängig sind. So habe ein Report des Tech Transparency Project ergeben, dass „fast alle Nonprofits, Wissenschaftler und Politikgruppen, die öffentlich gegen [eine Reform von Section 230] Position bezogen, finanzielle Unterstützung von Google erhalten hatten“. Tatsächlich zählt er Keller, Goldman, Masnick explizit zu jenen, die auf dieser Liste standen. Diese Verflechtungen zwischen Big-Tech-Geldern und vermeintlich neutraler Expertise durchziehen das gesamte Feld. Google wird dabei als zentraler Geldgeber genannt, der Forschungsprojekte und Think-Tanks bezuschusst, die natürlich zu industrie-freundlichen Ergebnissen kommen. Golumbia bezeichnet Section 230 gar als die Spitze des Eisbergs: Insgesamt habe Google zwischen 2005 und 2017 mindestens 330 wissenschaftliche Arbeiten zu seinen Geschäftsinteressen mitfinanziert.
  • Jene Institute – etwa die Electronic Frontier Foundation (EFF) oder TechFreedom – treten öffentlich als Bürgerrechtsorganisationen oder unabhängige Think-Tanks auf, vertreten aber auffällig oft die Position ihrer Geldgeber.
  • Golumbia zitiert zustimmend Stimmen, die diese Gruppen als „front groups“ des Silicon Valley bezeichnen: Scharniere, die sich als idealistische Freiheitsverteidiger geben, tatsächlich aber hyperbolische Angstkampagnen im Interesse der Tech-Giganten betreiben. So stellte der Musiker und Copyright-Aktivist David Lowery fest, Organisationen wie EFF oder Fight for the Future seien im Grunde „Silicon Valley front-groups that masquerade as […] defenders of freedom on the internet“.
  • Golumbia untermauert diese Sicht mit Beispielen: Die EFF etwa verteufelt fast jede Regulierung als Eingriff in die Privatsphäre oder Zensur, während sie zum kommerziellen Abgreifen persönlicher Daten durch Facebook, Google & Co. weitgehend schweigtpublishersweekly.com. Diese selektive Empörung – Staat böse, Konzerne neutral – entlarvt Golumbia als ideologisch motiviert. Sein Fazit: Im politischen Betrieb der USA konnte die Tech-Industrie eine schlagkräftige Allianz aus Lobbyisten, wohlwollenden Akademikern und Aktivistengruppen formen, die unter dem Banner der „digitalen Rechte“ im Grunde Unternehmensinteressen durchsetzenpublishersweekly.compublishersweekly.com. Section 230 ist das prominente Beispiel dieser Erfolgsgeschichte: Jahrzehntelang blieb das Gesetz unantastbar, obwohl sich die Internetlandschaft radikal verändert hat und obwohl berechtigte Kritik (etwa von Opferschutz-Organisationen oder europäischen Partnern) laut wurde. Golumbia beschreibt jedoch auch, wie diese Allianz Risse bekommt – spätestens als ab 2016/17 Teile der konservativen Rechten (im Kontext von Social-Media-Bannungen) plötzlich ebenfalls Section 230 kritisierten, sah sich das bisher überparteilich gefeierte Gesetz im politischen Feuer. Die Cyberlibertären reagierten darauf mit noch heftigeren Abwehrstrategien, was Golumbia in Kapitel 7 weiter verfolgt.
  • Multistakeholderism – Demokratieersatz im globalen Maßstab: Der zweite Teil des Kapitels widmet sich dem Konzept des Multistakeholderismus, das in der internationalen Netzpolitik eine große Rolle spielt. Vereinfacht besagt dieses Modell, dass die Gestaltung des Internets gemeinsam von verschiedenen Interessengruppen – Regierungen, Unternehmen, Zivilgesellschaft, Technischen Experten – erfolgen soll, statt allein durch Staaten oder UNO-Gremien. Was zunächst partizipativ und einleuchtend klingt, wird von Golumbia einer kritischen Revision unterzogen. Er zeichnet die Ursprünge des Begriffs nach: In den 1990er Jahren entstand Multistakeholderism als demokratisch motivierter Ansatz innerhalb der UNO, um mehr Akteure (z.B. NGOs) in internationale Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Eine wichtige Vordenkerin war Minu Hemmati, die 2002 betonte, es gehe darum, durch vielfältige Beteiligung bessere und breiter getragene Entscheidungen zu ermöglichen. Entscheidend: Dieses ursprüngliche Konzept war demokratischen Prinzipien untergeordnet – Multistakeholder-Foren sollten Regierungen ergänzen, nicht ersetzen. Golumbia zeigt nun, wie der Cyberlibertarismus diese Idee genommen und verdreht hat. Als das Schlagwort „Multistakeholder“ im Zuge der Internetverwaltung (etwa bei ICANN, dem Gremium für Domainnamen) populär wurde, bekam es eine neue Stoßrichtung: Die Praxis orientierte sich plötzlich an der Stakeholder-Theorie der Konzerne. Aus dem Ziel, mehr Stimmen einzubeziehen, wurde schleichend das Ziel, staatliche Stimmen zurückzudrängen. Golumbia formuliert es so: “The resulting approach followed the corporate precepts of ‘stakeholder theory’ to suggest not augmenting democracy, but replacing it.”. Konkret heißt das: In Fragen der Internetregulierung (z.B. technische Standards, Inhalte-Regeln, Adressverwaltung) propagieren Cyberlibertäre, es solle keine rein staatlichen Zuständigkeiten geben. Statt Parlamente und Regulierer entscheiden zu lassen, etabliert man vielschichtige Runden, in denen Konzerne gleichberechtigt neben Regierungsvertretern sitzen – oder diese sogar überstimmen können, da sie oft über mehr Ressourcen und Expertise verfügen. Das Ergebnis laut Golumbia: demokratische Kontrolle wird umgangen, ohne dass es auf den ersten Blick antidemokratisch aussieht. Multistakeholderism liefert die perfekte Rhetorik dafür: Man spricht von “allen Beteiligten”, von “Konsens” und “Dialog”, doch in Wahrheit werden Verantwortlichkeiten verwischt. Golumbia illustriert das an der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN), die 1998 als privatrechtliche, multistakeholder-gesteuerte Organisation die Verwaltung zentraler Internetressourcen übernahm. Diese Konstruktion – von Netzpionieren wie Jon Postel durchgesetzt – entzog einen wichtigen Bereich (Domain-Vergabe) jeglicher staatlichen Aufsicht und machte ihn zum Präzedenzfall für privatisierte Internet-Governance. Golumbia weist darauf hin, dass die Bedeutungen des Begriffs „Internet Governance“ heute stark schwanken und teils bewusst unklar gehalten werden. Manche Befürworter tun so, als sei dezentrale, multistakeholder-basierte Governance ohnehin naturgegeben im Internet – als sei das Netz von Hause aus ein transnationaler Raum, in dem klassische Nationalstaaten nichts verloren haben. Dies verschleiert aber die normative Entscheidung, demokratische Souveränität auszuhebeln. Golumbia zitiert hierzu den Netztheoretiker Milton Mueller, der trotz leichter Kritik am Multistakeholder-Ansatz letztlich eine “denationalized liberalism” empfiehlt. Mueller verstehe unter liberalism ausschließlich ökonomische Liberalisierung und will ein globales Regime, in dem Nationalstaaten an Bedeutung verlieren. Golumbia erkennt darin deutliche Parallelen zur Ideologie des Staatsrechtlers Carl Schmitt: Das Misstrauen gegen alle Formen pluralistischer Demokratie, das Beschwören einer neuen, technokratischen „Einfachheit“ jenseits von Politik. Im Grunde, so die These, bedient sich der Cyberlibertarismus auch hier rechtsintellektueller Gedanken, um demokratische Prozesse als ineffektiv und entbehrlich darzustellen. Ironischerweise war der ursprüngliche Multistakeholder-Ansatz genau gegenteilig motiviert – er wollte Demokratie stärken. Golumbia zeigt, wie z.B. Hemmati ausdrücklich betonte, Multistakeholder-Foren müssten innerhalb des Rahmens demokratischer Souveränität bleiben. Doch in der Hände der Cyberlibertären wurde daraus ein Parallelmodell, das nationale Rechtssetzung unterläuft. Als Beleg führt Golumbia eine Studie von MSI Integrity (2020) an, die feststellen musste, dass viele Multistakeholder-Initiativen heutzutage “tools for corporate engagement rather than instruments of human rights protection” sind. Das heißt, Unternehmen nutzen diese Foren gezielt, um eigene Interessen einzubringen, während zivilgesellschaftliche Anliegen oft ins Leere laufen.
  • Konkrete Auswirkungen: Golumbia illustriert die Praxis des Multistakeholderismus am Beispiel der Internet-„Selbstregulierung“ und internationalen Abkommen. Ein wichtiger Aspekt ist das sog. Internet Freedom-Narrativ, das insbesondere die US-Regierung seit den 2000ern in der Außenpolitik nutzt. Unter dem Deckmantel, weltweit freie Meinungsäußerung online fördern zu wollen, wurde ein Programm vorangetrieben, das sich faktisch gegen jede nationale Regulierung richtet, die amerikanischen Unternehmensinteressen schaden könnte. Golumbia zitiert hier eine Analyse von Powers und Jablonski (2015), wonach das US-Außenministerium Internetausbau und -gesetzgebung im Ausland vor allem dazu nutzt, “US political and economic interests around the world” zu fördern. Der Multistakeholder-Ansatz lieferte die Legitimation, diese Einflussnahme als altruistischen Einsatz für ein „offenes Internet“ darzustellen. In Wahrheit vertritt aber keine gewählte Regierung allein die Internetnutzer der Welt – wenn z.B. Google oder Facebook in offenen Foren mitreden, vertreten sie primär sich selbst. Golumbia verdeutlicht das Dilemma:
  • Der öffentliche Raum des Digitalen wird faktisch von privaten Akteuren regiert, unter dem Applaus jener, die Staat und Politik misstrauen. Für Demokratien, so Golumbias warnende Worte, ist das brandgefährlich. Er fasst das Problem zugespitzt zusammen: Die Idee, quasi „öffentliche Plätze“ zu haben, die weder dem Volk gehören noch von ihm reguliert werden, ist der Idee demokratischer Selbstbestimmung zutiefst zuwider.. Dieser Satz bringt die Kritik auf den Punkt – Plattformen wie große Social-Media-Netzwerke nehmen de facto die Rolle öffentlicher Marktplätze ein, entziehen sich aber konsequent der öffentlichen Kontrolle, indem sie auf Multistakeholder-„Dialoge“ verweisen oder eigene Aufsichtsräte einsetzen. Golumbia sieht hierin nichts weniger als die Aushöhlung des demokratischen Prinzips, wonach die Bürgerinnen und Bürger (durch ihre Institutionen) die Spielregeln des gesellschaftlichen Lebens bestimmen.

Kapitel 3 offenbart damit in der Fallstudie Section 230/Multistakeholderism ein wiederkehrendes Muster: Cyberlibertäre Politik schmückt sich mit den Begriffen der Freiheit und Teilhabe, erreicht aber faktisch das Gegenteil – nämlich Deregulierung zugunsten privater Macht. Section 230 wird als Garant freier Meinungsäußerung verteidigt, tatsächlich garantiert es vor allem freien Profit für Plattformanbieter und Straffreiheit für Desinformation und Hass im Netz. Der Multistakeholder-Ansatz wird als inklusive Alternative zur schwerfälligen Staatengemeinschaft gepriesen, tatsächlich schwächt er die Rechenschaftspflicht und stärkt Konzerne, die nur sich selbst verpflichtet sind. Golumbias Analyse ist hierbei differenziert: Er verkennt nicht, dass ursprünglich auch idealistische Motive hinter Section 230 (Schutz vor übermäßiger Zensur) und Multistakeholderism (mehr Beteiligung) standen. Aber er legt schonungslos offen, wie diese Instrumente von einer hoch effektiven rechten Lobby gekapert wurden. Klimawandel-Leugner finanzierten Pseudostudien und Think-Tanks – Tech-Konzerne tun Entsprechendes für ihre Zwecke, so Golumbias Parallele. Und genau wie bei Klima und Gesundheit entstehe so eine post-faktische Debattenlage, in der lautstarke Behauptungen die Oberhand über nüchterne Abwägung gewinnen.

Mit dieser Erkenntnis rüstet Golumbia den Leser für den nächsten Teil des Buches. In Teil II „Myths of Cyberlibertarianism“ wendet er sich nun direkt den zentralen Narrativen und Mythen zu, mit denen die digitale Rechte ihr Weltbild begründet. Kapitel 4–6 analysieren jeweils einen besonders einflussreichen Mythos: die historische Verklärung (Kap.4), das Freiheitsversprechen in der Kultur und im Urheberrecht (Kap.5) sowie politische Kampfbegriffe wie „Zensur“, „Privatsphäre“ und „Neutralität“ (Kap.6). Das bisher erarbeitete Fundament – Verständnis der Ideologie (Kap.1–2) und ihrer Machtmechanismen (Kap.3) – ermöglicht es nun, diese Mythen als das zu erkennen, was sie sind: wohlklingende Erzählungen mit deutlicher Schlagseite.

Kapitel 4: Digital Technology and the Printing Press

Kapitel 4 nimmt einen vielbemühten historischen Vergleich unter die Lupe: die Gleichsetzung der digitalen Revolution mit dem Siegeszug des Buchdrucks. Golumbia zeigt, dass kaum ein Narrativ in der Tech-Welt so populär ist wie die Analogie zum Gutenberg’schen Buchdruck – und dass kaum eines so irreführend gebraucht wird. Das Kapitel analysiert, wie die Geschichte der Druckerpresse von Cyberlibertären verklärt wird, um die eigene Agenda (Deregulierung, Entmachtung etablierter Institutionen) zu legitimieren.

  • Der Mythos vom „zweiten Buchdruck“: Golumbia eröffnet das Kapitel mit der Feststellung: “No sentiment is more universally relied on in cyberlibertarian discourse than the belief that networked digital technology is the second coming of the printing revolution.”. Es gibt in der Tat kaum einen Tech-Vortrag oder ein Strategiepapier, in dem nicht irgendwann der Vergleich fällt: „Das Internet ist so bahnbrechend wie Gutenberg“. Diese Meistererzählung besagt in Kurzform: Wie der Buchdruck im 15. Jahrhundert die Welt veränderte, Wissen demokratisierte und die Macht der Kirche erschütterte, so werde die digitale Vernetzung unsere heutige Welt unwiderruflich freier, gebildeter und demokratischer machen. Golumbia nennt zahlreiche Beispiele für diese Rhetorik. Prominente Internet-Apologeten von links bis rechts greifen auf das Bild zurück. Der libertäre Ökonom Tyler Cowen etwa twitterte 2017: „If you read a criticism of Facebook, try subbing in the word ‘printing press’ and see if it still makes sense.“ – nach dem Motto: Jede Kritik an sozialen Medien sei so töricht, als hätte man damals die Druckmaschine kritisiert. Glenn Reynolds, ein konservativer Juraprofessor (Autor von “An Army of Davids”), argumentierte ähnlich, die digitale Entwicklung stelle die Machtverhältnisse auf den Kopf wie einst Gutenberg. Selbst vermeintliche Tech-Kritiker greifen manchmal zum Buchdruck-Vergleich, weil er so eingängig scheint: Jeff Jarvis, ein progressiver Medienexperte, nutzt ihn häufig, um gegen „übertriebene“ Regulierungsängste zu polemisieren. Golumbia spürt diese Verwendungen akribisch auf und entlarvt sie als Geschichtsklitterung. Die Cyberlibertären erzählen eine sehr vereinfachte, heroische Geschichte vom Buchdruck: Das Mittelalter (entspricht der analogen Gegenwart) war dunkel und autoritär; dann kam eine geniale Technologie (die Druckerpresse bzw. das Internet), welche fast automatisch Aufklärung, Reformation und Fortschritt brachte; wer diese Technologie einschränken wollte, stand auf der falschen Seite der Geschichte (so wie die katholische Kirche damals, oder heutige „Zensoren“ und „Regulierer“). Diese Narrative malen den Lauf der Dinge als quasi zwangsläufiges Fortschreiten – Determinismus pur. Golumbia betont die Gefährlichkeit dieses Denkens: Indem man das Digitale als neuen Buchdruck stilisiert, ersetzt man Analyse durch Allegorie. Komplexe Probleme (z.B. Monopolbildung, Verbreitung von Desinformation) werden ignoriert, weil man sich einredet: Am Ende siegt doch die Freiheit, hat ja beim Buchdruck auch geklappt. Golumbia nennt das den Zweckoptimismus der Tech-Szene, gespeist aus historischem Halbwissen.
  • Geschichtsverfälschung im Detail: Der Autor geht in diesem Kapitel tief in die historische Forschung zum Buchdruck und stellt sie dem Mythos gegenüber. Er stützt sich u.a. auf die Werke der Historikerin Elizabeth Eisenstein, die mit “The Printing Press as an Agent of Change” (1979) Pionierarbeit zur Bedeutung des Buchdrucks leistete. Cyberlibertäre berufen sich gern auf Eisenstein, interpretieren sie aber selektiv. Golumbia zeigt, dass Eisenstein keineswegs eine einfache Erfolgsgeschichte erzählte – im Gegenteil, sie betonte die Ambivalenzen und langen Verzögerungen der Druck-Revolution. Die Tech-Ideologen jedoch picken sich einige Schlagworte heraus (etwa die Explosion des Wissens durch Bücher) und übergehen alle Differenzierungen. Ein Beispiel: Oft wird behauptet, der Buchdruck habe unmittelbar die Reformation ausgelöst, indem er Luthers Thesen massenhaft verbreitete und so die katholische Kirche entmachtete. Libertäre Tech-Vordenker lieben dieses Bild, sprechen gar davon, Gutenberg habe die „Inversion der katholischen Ordnung“ bewirkt. Golumbia gibt zu bedenken, dass dies nur ein Teil der Wahrheit ist: Ja, Luthers Schriften verbreiteten sich schnell, aber ohne den Schutz weltlicher Fürsten und ohne jahrzehntelange Konflikte wäre die Reformation nicht erfolgreich gewesen. Zudem führte der Buchdruck keineswegs sofort zu Meinungsfreiheit – im Gegenteil, er brachte auch neue Zensurregime hervor (Index Librorum Prohibitorum etc.), und es dauerte viele Generationen, bis sich etwas wie Pressefreiheit entwickelte. Von all dem findet sich in der Cyber-Rhetorik keine Spur. Sie stilisiert den Buchdruck zur Instant-Demokratisierung. Golumbia zitiert z.B. Autorinnen wie Julia Carolan, die im Jahr 2018 behauptete: „With the mass production of books came widespread literacy and the ability to inhabit the minds of others“ – als wäre ab 1440 schlagartig Empathie und Aufklärung in der Welt erblüht. Solche Aussagen nennt Golumbia grob vereinfachend, um nicht zu sagen naiv. Besonders kritisch sieht er, dass die Tech-Erzähler die industriellen und ökonomischen Aspekte des Buchdrucks unterschlagen. So sprechen sie immer von Büchern und Ideen, selten aber von der Tatsache, dass die Druckpresse auch ein Geschäft war, das stark von Kapital und Marktdynamik abhing. Eisenstein und andere betonen, dass neben Büchern auch Flugblätter, Kalender, Geschäftsformulare etc. massenhaft gedruckt wurden – vieles davon war kommerzieller oder trivialer Natur. Die idealisierende Sicht der Cyberlibertären tut jedoch so, als wären Druckerpressen nur dazu da gewesen, Bibeln und revolutionäre Traktate unters Volk zu bringen. Dieser Tunnelblick passt zur generellen Neigung, die ökonomische Machtfrage im Digitalen auszublenden.
  • Selektive Analogien: Golumbia stellt weiter die Frage, warum ausgerechnet der Buchdruck als Vergleich herhalten muss. Es gab nach Gutenberg noch andere bahnbrechende Kommunikationstechnologien – z.B. den Telegraphen im 19. Jahrhundert, das Radio und Fernsehen im 20. Jahrhundert. Jeder dieser Umbrüche löste massive gesellschaftliche Veränderungen aus und ging mit intensiven politischen Debatten einher. Doch davon reden die Cyberlibertären kaum. Sie wählen das Beispiel, das weit genug in der Vergangenheit liegt, um mythisch zu wirken. Golumbia vermutet, dass die Tech-Ideologen den Buchdruck gerade deshalb lieben, weil die Details so wenigen bekannt sind: “the printing press [is] the historical event far enough back in time that can justify the story that deregulation is the most democratic approach to media change. However, few people are familiar enough with that history to see that the story is false even in that case.”. Mit anderen Worten: Man sucht sich ein geschichtliches Vorbild, bei dem man beinahe alles behaupten kann, ohne dass Widerspruch zu erwarten ist. Wer von uns war schon im 15. Jahrhundert dabei? So entsteht ein Legitimationsnarrativ: Wie damals beim Buchdruck brauche es heute keinerlei staatliche Eingriffe – die neue Technik setze sich von selbst zum Wohle aller durch. Golumbia entlarvt dies als historisches Zerrbild. Die Wahrheit sei, dass selbst der Buchdruck nicht ohne Machtkämpfe und bewusste politische Entscheidungen seine positiven Wirkungen entfalten konnte. Und vor allem: Der Buchdruck löste sowohl Befreiung als auch neues Unheil aus (z.B. Religionskriege, Propagandablätter, Hetzschriften). Es war keineswegs ein linearer Fortschritt.
  • Missbrauch des Mythos: Golumbia zeigt, dass der Gutenberg-Mythos oft gezielt eingesetzt wird, um Regulierungsgegner als Visionäre und Befürworter von Regeln als ewiggestrige Bremser hinzustellen. Er zitiert etwa, wie Bitcoin/Blockchain-Anhänger sich dieses Mythos bedienen: Ungezählte Artikel erklären Satoshi Nakamoto – den Erfinder von Bitcoin – zum modernen Gutenberg, dessen Technologie auf dem Level der Druckpresse stehe. Die Idee dahinter: So wie man Gutenberg nicht hätte stoppen sollen, dürfe man Bitcoin & Co nicht regulieren oder skeptisch beäugen. Golumbia erinnert daran, dass sogar radikale Marktextremisten dieses Framing übernehmen – z.B. in einem Beitrag von Cathy O’Neil 2017, wo behauptet wurde: „few things short of Gutenberg’s printing press have offered such freedom and opportunity to the individual“, wobei hier die finanzielle Eigeninteresse (Kryptogewinn) mit religiöser Toleranz verglichen wurde. Derartige rhetorische Überspanntheiten verdeutlichen Golumbias These: Der Buchdruck wird zum Allzweck-Mem, um jegliche Bedenken in den Wind zu schlagen. Was auch immer man kritisiert – seien es die Monopolmacht von Facebook, die Risiken von Kryptowährungen oder die gesellschaftlichen Kosten der digitalen Disruption – die Antwort aus dem Silicon Valley lautet stereotyp: „Man hat auch Gutenberg kritisiert, und seht, was daraus Wunderbares wurde!“ Golumbia spitzt das auf einen Befund zu: Der Buchdruckmythos ist das vielleicht mächtigste Argumentationsmuster des Cyberlibertarismus, um Regulierung als anti-progressiv abzustempeln. Indem man sich auf diesen historischen Triumph beruft, stilisiert man sich selbst in die Rolle der Neuerer, der vermeintlichen Galileis, die gegen die ignoranten Behörden und Traditionalisten kämpfen. Dass diese Selbstinszenierung oft in Widerspruch zur Realität steht (heutige Tech-Giganten sind ja eher die neuen Fürsten als die neuen Luther), wird durch die Patina des Mythos überdeckt.
  • Gegenerzählungen und Realität: Abschließend weist Golumbia darauf hin, dass es durchaus Historiker und Denker gibt, die dem Druckpressenvergleich differenziert begegnen. Er erwähnt z.B. das Konzept der “Gutenberg Parenthesis” von Thomas Pettitt, das aber selbst vielfach kritisiert wurde. Wichtig ist Golumbia: Historische Analogie darf kritisches Denken nicht ersetzen. Er fordert dazu auf, genauer hinzuschauen: Ist das Internet wirklich direkt vergleichbar mit dem Buchdruck? Oder bietet sich nicht eher ein Vergleich mit anderen Massenmedien wie Rundfunk an, wo wir wissen, dass Regulierung (etwa durch Lizenzen, Rundfunkräte etc.) nötig war, um Missbrauch zu verhindern? Es fällt auf – und Golumbia betont es – dass Cyberlibertäre ausgerechnet diese jüngeren Medienrevolutionen selten heranziehen, weil sie deren Lehren (z.B. die Einführung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder Anti-Trust-Maßnahmen in der Hollywood-Ära) nicht gebrauchen können. Stattdessen picken sie das isolierte „Erfolgsmodell“ Gutenberg heraus.

Kapitel 4 demontiert somit Schritt für Schritt einen Grundmythos der Tech-Ideologie. Golumbias Tonfall ist hier fast schon süffisant-aufklärerisch: Er lässt die Cyberlibertären ihre eigenen historischen Aussagen machen und konfrontiert sie dann mit der realen Geschichtsforschung. Für die Leser wird greifbar, wie geschickt eine scheinbar schlüssige Analogie zur Legende wird, indem man alles Komplexe ausblendet. Der Buchdruck-Mythos dient den Cyberlibertären letztlich als eine Art historischer Persilschein: Was historisch großartig war, kann heute nicht schlecht sein. Golumbia rät zur Wachsamkeit: Gerade weil dieses Narrativ so eingängig ist, müsse man es kritisch hinterfragen. Sein abschließender Hinweis: Wenn schon Analogien, warum dann nicht auch jene Fälle nennen, wo unkontrollierte Kommunikation großen Schaden anrichtete? (Er nennt u.a. die Rolle des Radios bei der Verbreitung faschistischer Propaganda). Doch solche Beispiele bleiben in der Tech-Rhetorik aus – und genau diese Auslassungen sind entlarvend.

Nach der Entzauberung des „historischen Unvermeidbarkeits-Mythos“ im Kapitel 4 widmet sich Golumbia im nächsten Schritt dem Mythos der digitalen Kulturfreiheit – sprich dem Kampf gegen das Urheberrecht und die Vorstellung, im Netz müsse „Information frei sein“. Dieser Themenkomplex wird in Kapitel 5 seziert.

Kapitel 5: The Myth of “Free Culture”

Kapitel 5 fokussiert auf einen Kernbereich cyberlibertärer Aktivität: das Feld von Urheberrecht, geistigem Eigentum und „freier Kultur“. Golumbia zeichnet nach, wie der Kampf gegen Copyright und für ein „offenes“ Internet zum zentralen politischen Schlachtfeld der digitalen Rechten wurde. Er analysiert die Rhetorik der Free-Culture-Bewegung um Persönlichkeiten wie Lawrence Lessig und zeigt, welche Interessen und Narrative dahinterstehen. Dabei kommen die großen Netz-Proteste (etwa gegen SOPA/PIPA) ebenso zur Sprache wie die ideologischen Grundlagen der “Information-Wants-To-Be-Free”-Mentalität.

  • Freiheit vs. Urheberrecht – eine ideologische Frontstellung: Golumbia stellt eingangs fest: “Copyright may well be the signal cyberlibertarian issue. Mentioned in all the founding documents, hallowed in slogans and battle cries, few causes have rallied universal outrage so long as has copyright.”. Tatsächlich zieht sich der Urheberrechtswiderstand wie ein roter Faden durch die Tech-Diskurse seit den 1990ern – sei es in Hacker-Foren, unter Open-Source-Entwicklern oder bei Plattformbetreibern. Im Cyberlibertarismus gilt Copyright nahezu als Erzfeind, als überkommene Restriktion, die der digitalen Entfaltung im Weg steht. Golumbia betont, wie extrem einseitig diese Sicht in Tech-Kreisen verankert ist: “Almost everyone who identifies with digital technology thinks that copyright is an unadorned evil.”. Wer Urheberrechte verteidigt – seien es Künstler, Autoren oder Verlage – wird schnell als eigennütziger Bremser abgestempelt, während Copyright-Gegner sich als Kämpfer für Demokratie und Fortschritt gerieren. Diese Polarisierung wurde zum Dogma: In der digitalen Avantgarde ist es quasi Konsens, dass Wissen und Kultur „frei“ verfügbar sein müssten und klassische Rechte der Inhaltsproduzenten obsolet sind. Golumbia unterstreicht, dass sich diese Haltung bereits in den Gründungsdokumenten des Cyberlibertarismus findet – etwa in Barlows Cyberspace-Deklaration 1996, die von “copyright as government interference” sprach, oder in den frühen Open-Source-Manifesten. „Information wants to be free“ lautet der berühmte Slogan, der all dies auf den Punkt bringt. Golumbia will diese Haltung nicht unkritisch stehen lassen. Er fragt: Frei für wen? und auf wessen Kosten?. Denn während Netzaktivisten das Urheberrecht als Zensurinstrument denunzieren, zeigt Golumbia auf, dass gerade die riesigen Tech-Konzerne am meisten profitieren, wenn Inhalte frei kursieren. Plattformen wie YouTube, Facebook oder Reddit basieren darauf, dass User massenhaft Inhalte teilen – viele davon urheberrechtlich geschützt – und die Firmen diese Aufmerksamkeit monetarisieren können, ohne die Creator zu vergüten. Im Klartext: Die Entwertung des Urheberrechts erhöht die Profitmargen der Plattformbetreiber. Was als idealistisches Motto begann, hat knallharte wirtschaftliche Implikationen. Golumbia nennt es eine Ironie, dass ausgerechnet diejenigen, die sich als „Kulturrevolutionäre“ stilisieren, in Wahrheit dem Kapital einen Gefallen tun. Frei verfügbare kreative Arbeit bedeutet oft unbezahlte Arbeit, die über Umwege von Big Tech kommerzialisiert wird. Golumbia illustriert dies mit dem Beispiel Wikipedia (stellvertretend für viele Open-Content-Projekte): Aus individueller Sicht mag es wie eine altruistische Gift Economy wirken, wenn Tausende freiwillig Wissen beitragen; “yet viewed from the vantage point of capital – in Wikipedia’s case, from Google – another view entirely emerges”.
  • Er argumentiert, dass diese scheinbar „kommunistischen“ Projekte in Wahrheit Marx’ schlimmsten Kapitalismus-Mechanismus bedienen: Sie entwerten und entfremden Arbeit, indem sie menschliche kreative Leistung gratis einsammeln und große Unternehmen daraus Profit schlagen. Golumbia spricht von einer Wiederkehr von Ausbeutung in neuer Form: “the ‘cyber-communism’ of open source reappears as […] the exploitation and alienation of labor”. Dieser Perspektivwechsel ist zentral: Was Cyberlibertäre als Triumph der Freiheit feiern – etwa kostenlose Musik, freie Software, offene Datenbanken – sieht Golumbia in vielen Fällen als eine Niederlage der Arbeitsrechte und Künstlerrechte.
  • Wurzeln der Free-Culture-Bewegung: Im Weiteren zeichnet Golumbia die historische Entwicklung des „Free Culture“-Diskurses nach. Ein Meilenstein war Lawrence Lessigs Buch Free Culture (2004) und die Entstehung der Creative-Commons-Lizenzen. Lessig und Gleichgesinnte prangerten die aus ihrer Sicht überzogenen Copyright-Gesetze an, die von „Big Media“ (Hollywood, Musikindustrie) durchgesetzt würden, um Kultur „einzusperren“. Die Gegenbewegung propagierte, dass Remixen, Teilen und Kopieren zentraler Bestandteil moderner Kultur seien und dass das Urheberrecht – ursprünglich zur Förderung von Kreativität gedacht – im Digitalzeitalter eher Kreativität behindere. Golumbia anerkennt durchaus die Legitimität einiger dieser Kritikpunkte, doch er zeigt auch deren Einbettung in den cyberlibertären Gesamtzusammenhang. Ihm zufolge hat sich die Free-Culture-Rhetorik oft unreflektiert mit dem allgemeinen Anti-Regulierungs-Impuls verbündet. So wird etwa jegliche Schutzmaßnahme für Urheber als Zensur oder Monopol diffamiert, während umgekehrt jegliche Piraterie oder Datenverbreitung unbesehen als Fortschritt gefeiert wird. Golumbia nennt das ein Schwarz-Weiß-Bild, das sich für differenzierte Lösungen sperrt. In den “slogans and battle cries” der Bewegung – etwa “Information will be free”, “Kopieren ist kein Diebstahl”, “gegen Copyright-Monopole” – sieht er eine bewusste Emotionalisierung, die rationale Abwägung erschwert. Hier knüpft er an Kapitel 2 an: Die Unfähigkeit oder der Unwille der Cyberlibertären, politische Kompromisse anzuerkennen. Statt zu fragen, wie man geistiges Eigentum modernisieren kann, wird die extreme Position eingenommen: Weg damit. Golumbia betont, dass diese Maximalforderungen in der „Netzgemeinde“ fast hegemonial wurden – was sich etwa darin zeigte, dass Befürworter des Urheberrechts selten Gehör fanden oder als rückständig galten.
  • SOPA/PIPA und die Mobilisierung gegen „Zensur“: Ein zentraler Schwerpunkt des Kapitels ist die Analyse der Proteste gegen die US-Gesetzesinitiativen SOPA (Stop Online Piracy Act) und PIPA (PROTECT IP Act) 2011/2012. Diese Gesetze zielten darauf ab, Urheberrechtsverletzungen im Internet (insbesondere durch ausländische Webseiten wie Pirate Bay etc.) einzudämmen. Golumbia schildert ausführlich, wie eine beispiellose Kampagne dagegen entbrannte – ein Zusammenschluss von Tech-Konzernen, Web-Aktivisten und Millionen von Nutzern, die im Januar 2012 z.B. Wikipedia und andere Seiten für einen Tag „schwärzten“. In der öffentlichen Wahrnehmung galt dies als Sieg der digitalen Zivilgesellschaft über die Lobby der Unterhaltungsindustrie. Doch Golumbias Sicht fällt deutlich nüchterner aus. Er legt dar, dass die Intensität und Narrativführung dieser Kampagne klassischen Propagandamethoden glich. Es wurden apokalyptische Szenarien an die Wand gemalt (SOPA wurde als „Zensurgesetz“ gebrandmarkt, das das freie Internet zerstören würde), die teilweise “completely ludicrous” waren. Golumbia erklärt, dass diese Rhetorik wesentlich von Großplayern wie Google angeheizt wurde, die selbst ein erhebliches wirtschaftliches Interesse an der Niederlage von SOPA hatten.
  • Viele Nutzer glaubten, es handle sich um einen spontanen Graswurzel-Aufstand „der kleinen Leute gegen die großen Copyright-Trolle“. Doch Golumbia zeigt anhand investigativer Berichte (z.B. von Yasha Levine), dass Google, Facebook & Co. im Hintergrund die Fäden zogen – von Lobbying auf dem Capitol Hill bis zur Mobilisierung populärer Websites zur Teilnahme am Blackout.
  • Besonders pikant: Einige der lautesten „digital rights“-NGOs (EFF, Fight for the Future, Center for Democracy and Technology etc.) erhielten finanzielle Zuwendungen aus der Tech-Industrie, wie Golumbia bereits in Kapitel 3 darlegte. Entsprechend stellten sie sich mit voller Wucht gegen die Gesetzesvorhaben und übernahmen die alarmistische Sprache. Golumbia zitiert hierzu journalistische Stimmen, die den SOPA-Protest als orchestrierte Kampagne entlarven. So habe David Newhoff – ein Kritiker der Astroturf-Bewegung im Digitalen – den populistischen Kampf gegen SOPA mit der Desinformationskampagne um angebliche „Todespanels“ in Obamas Gesundheitsreform verglichen. Beide Ängste, so Newhoff, seien irrational und von Konzerninteressen geschürt. Golumbia stimmt dem zu: Die Horrorvision, SOPA würde die Redefreiheit abschaffen oder das Internet „kaputt machen“, entbehrte einer realen Grundlage. Wäre das Gesetz in Kraft getreten, hätte es gezielt Websites getroffen, die massenhaft Raubkopien bereitstellen – kein normaler Nutzer wäre mundtot gemacht worden. Dennoch gelang es den Cyberlibertären, die Debatte vollständig zu verzerren. Golumbia beschreibt kritisch, wie sogar große Medienkonzerne wie Wikipedia sich von der techno-libertären Welle mitreißen ließen. Die englischsprachige Wikipedia zeigte am Protesttag statt Artikeln nur eine Warnmeldung vor einer Welt „ohne freies Wissen“. Golumbia bemerkt dazu, dieses drastische Mittel sei mit der Neutralitätsideologie der Wikipedia eigentlich kaum vereinbar gewesen – es demonstriert aber, wie sehr das Narrativ vom bedrohlichen Eingriff in die Freiheit verfangen hatte. Letztlich wurden SOPA und PIPA auf Eis gelegt, was im Mainstream als glorreicher Erfolg des Bürgereinsatzes gefeiert wurde. Golumbia rückt diese Erzählung zurecht: “While the SOPA/PIPA protests were widely promoted as triumphs of the ‘digital commons,’ they are better understood as triumphs of the propaganda machine surrounding digital technology companies.”. Er spricht von Agitprop, die an die Kampagnen der National Rifle Association (NRA) erinnere – ein durchaus gewagter, aber aufschlussreicher Vergleich. Wie die Waffenlobby jede Waffenkontrolle als Schritt zur Entwaffnung rechtschaffener Bürger malt, so stellten die Tech-Lobbyisten jede Urheberrechtsdurchsetzung als Totalschaden für die digitale Freiheit hin. Golumbia zitiert aus einem Artikel, in dem die überhitzte Rhetorik der Anti-SOPA-Tech-Mogule explizit mit der “take-no-prisoners agitprop” der NRA verglichen wurde. Auch dort wurde ja argumentiert, ein kleines Verbot (z.B. von Sturmgewehren) führe unweigerlich zur totalen Tyrannei – analog sagten die Cyberlibertären: „Selbst eine punktuelle Anti-Piraterie-Maßnahme führt zum Ende des freien Netzes.“ Golumbia entlarvt diese Slippery-Slope-Logik als irrational. Er geht sogar noch weiter: Im Nachhinein wurde klar, dass die angeblich “grassroots” Proteste oft von geschickter PR gelenkt waren. Millionen Internetuser beteiligten sich zwar aufrichtig (wer wollte schon gegen „Freies Internet“ sein?), aber sie wurden instrumentalisert. Golumbia zitiert einen Kommentator, der zugespitzt sagte: „It’s the platforms that exercise the real power. Get enough of them to espouse Silicon Valley’s perspective, and tens of millions of Americans will get a one-sided view.“. Genau dies sei bei SOPA/PIPA passiert: Durch die Blackouts und Banner auf Google & Co. bekamen Abermillionen Nutzer de facto die Silicon-Valley-Propaganda ungefiltert vorgesetzt und hielten sie für eine neutrale Information. Golumbia schildert, wie nach dem Sieg gegen SOPA viele Aktivisten in geradezu euphorische Selbsttäuschung verfielen. Sie glaubten, “censorship” und “totalitarianism” besiegt zu haben, obwohl es diese in der konkreten Vorlage gar nicht gab. Die konkreten Probleme (Piraterie vs. Künstlervergütung) blieben ungelöst, eine sachliche Debatte darüber wurde vergiftet. Golumbia notiert trocken, dass die Interessen der weltweit größten Internetkonzerne – die von strengeren Haftungsregeln massiv betroffen gewesen wären – perfekt gewahrt wurden. Der „Sieg der kleinen Leute“ war in Wirklichkeit ein Sieg der mächtigen digitalen Industrie.
  • Astroturfing und Informationskrieg: Kapitel 5 veranschaulicht an diesem Beispiel generelle Mechanismen. Golumbia erläutert den Begriff Astroturfing (Kunstrasen-Bewegung) für vorgetäuschte Graswurzel-Proteste, hinter denen in Wahrheit Lobby steht. Er zeigt, dass die Free-Culture-/Anti-Copyright-Bewegung in vielen Fällen von Astroturf-Taktiken Gebrauch machte. Einige Quellen, die er zitiert (z.B. David Lowery und Yasha Levine), beschreiben genau dies: Wie Google Geld in „edgy“ wirkende Internetfreiheits-Kollektive pumpte, die dann mit jugendlichem Gestus Angst vor dem Überwachungsstaat schürten, während sie in Wahrheit den Status quo der Tech-Branche verteidigten. Golumbia gibt auch einen Einblick in die Folgen dieses Informationskriegs: Seit SOPA/PIPA ist es in den USA politisch extrem schwierig geworden, auch nur moderate Gesetze gegen illegale Online-Aktivitäten zu erlassen. Selbst Maßnahmen mit eigentlich breitem Konsens (z.B. gegen Kinderpornografie, Terrorpropaganda oder Menschenhandel im Netz) sehen sich sofort mit dem Vorwurf konfrontiert, „das Internet zu zerstören“. Golumbia nennt als Beispiel das FOSTA/SESTA-Gesetz 2018 (gegen Online-Sexhandel), das ebenfalls prompt von Tech-Aktivisten als potentieller Zensur-Teufel gehandelt wurde. Obwohl dieses Gesetz tatsächlich eingeführt wurde, änderte es am Grundproblem (Section 230, s. Kap.3) kaum etwas, aber die Prophezeiungen vom Endzeit-Internet machten dennoch wieder die Runde. Hier zeigt sich, wie sehr die Diskurse durch die immergleiche Leier blockiert werden: Jedes Mal scheint „das freie Internet“ auf dem Spiel zu stehen – ein Zustand ständiger Alarmierung, der rationale Reformen verhindert. Golumbia bilanziert: “The frenzied attacks on SOPA and PIPA represent an extreme of cyberlibertarianism in action but also a clear example of how the dogma works.”. Es ist ein Lehrstück, wie Dogmatismus sachliche Politik ersetzt.
  • Freie Kultur und soziale Gerechtigkeit: Abschließend streift Golumbia noch den Punkt, dass die Free-Culture-Bewegung oft so tat, als stünde sie moralisch auf Seiten der Menschen gegen die Konzerne (also Hollywood). Er dreht dieses Argument um: Ist es tatsächlich im Sinne von Künstlern, Autoren, Journalisten – also all der Menschen, die Inhalte schaffen –, wenn ihr Recht auf Vergütung und Kontrolle über ihr Werk unterminiert wird? Die Free-Culture-Rhetorik hat hier eine Schwachstelle: Sie betont die Freiheit der Nutzer auf Zugang, nicht aber die Freiheit der Urheber auf Entlohnung oder Entscheidungsgewalt. Golumbia hält dagegen, dass demokratische Politik einen Ausgleich dieser Interessen anstrebt. Das Urheberrecht ist historisch ein solcher Ausgleich: Es gewährt zeitlich begrenzte Monopole, um Kreativität zu fördern, und lässt Werke dann ins Gemeingut übergehen. Cyberlibertäre hingegen wollen diesen Gesellschaftsvertrag aufkündigen, ohne überzeugende Alternativen für die Kulturschaffenden zu bieten. Golumbia weist etwa darauf hin, dass die populäre Figur des „Nerds, der alles kostenlos will“ nicht repräsentativ für die ganze Gesellschaft ist. Viele Künstler und kleine Rechteinhaber fühlten sich vom radikalen Free-Culture-Aktivismus überrollt und ungefragt vereinnahmt. Er erwähnt z.B. Musiker wie David Lowery, die öffentlich beklagten, Organisationen wie EFF würden mit fragwürdigen Methoden „Hyperbel und Desinformation“ über Copyright verbreiten, finanziert von Tech-Firmen, die letztlich nur ihre Profite im Sinn haben.

Kapitel 5 macht somit deutlich: Der Mythos der „freien digitalen Kultur“ ist kein neutrales, menschenfreundliches Projekt, als das er sich gern darstellt, sondern eng verflochten mit knallharten ökonomischen Machtspielen. Die Cyberlibertäre Bewegung hat es verstanden, die Herzen und Köpfe Vieler zu gewinnen, indem sie Freiheitspathos und Netzutopismus beschwor. Doch Golumbias Analyse deckt auf, dass hinter dem Ideal der kostenlosen Kultur eine neue Form der Herrschaft steckt – die Herrschaft der Plattformen, die an der kostenlosen Distribution prächtig verdienen, während die Kontrollmöglichkeiten der demokratischen Gemeinschaft schwinden. Dieses Kapitel ruft implizit dazu auf, sich von simplen Parolen nicht blenden zu lassen. Freiheit im Internet muss mehr bedeuten als das Recht, Inhalte gratis zu konsumieren; sie muss auch die Freiheit der Gesellschaft umfassen, Regeln aufzustellen, die Kreative schützen und die Machtbalance erhalten.

Nachdem Golumbia in Kapitel 4 und 5 zwei große Narrative (Geschichtsmythos und Kulturfreiheitsmythos) seziert hat, widmet er sich in Kapitel 6 weiteren „politischen Mythen“. Darunter fallen Themen wie Privatsphäre/Überwachung, Verschlüsselung und Anonymität, Netzneutralität und die generelle Idee, das Internet sei von sich aus demokratisierend. Man darf erwarten, dass er hier ähnliche demystifizierende Arbeit leistet.

Kapitel 6: Political Myths

Kapitel 6 behandelt eine Reihe weiterer Leitmotive und Schlagwörter des Cyberlibertarismus, die als „politische Mythen“ fungieren. Darunter fallen insbesondere die Debatten um Privatsphäre vs. Sicherheit, Verschlüsselung und Anonymität, Netzneutralität und die angebliche demokratisierende Kraft digitaler Technologie. Golumbia zeigt, dass auch in diesen Bereichen einfache dichotome Narrative dominieren – z.B. „Entweder absolute Privatsphäre oder Überwachungsstaat“ – und dass Cyberlibertäre diese Narrative nutzen, um Politik zu beeinflussen und extreme Positionen als alternativlos darzustellen.

  • Mythos der absoluten Privatsphäre (Encryptionism): Ein Schwerpunkt des Kapitels liegt auf dem Phänomen, das Golumbia als “encryptionism” bezeichnet – die ideologische Überhöhung von Verschlüsselung und Anonymität zu quasi heiligen Bürgerrechten. Im Cyberlibertären Lager gilt die Fähigkeit, Kommunikation komplett vor staatlichem Zugriff zu schützen, als unverzichtbare Grundlage der Freiheit. Golumbia erläutert, dass diese Haltung maßgeblich von der Cypherpunk-Bewegung der 1990er geprägt wurde. Tech-Aktivisten wie Timothy C. May propagierten damals, Kryptografie werde die staatliche Ordnung obsolet machen; May schrieb im Crypto-Anarchist Manifesto (1992) offen: „die Anwendung von Verschlüsselung wird Gesellschaften so verändern, dass Regierungen unwesentlich werden“. Golumbia zitiert aus den Diskussionsforen der Cypherpunks ein entlarvendes Statement: “many of us are explicitly anti-democratic, and hope to use encryption to undermine the so-called democratic governments of the world”. Diese radikale Ablehnung jeglicher staatlichen Autorität im Namen der Verschlüsselung ist kein Randphänomen – Golumbia zeigt auf, dass wesentliche Ideen der Cypherpunks heute breit rezipiert sind (Stichwort: Snowden, Signal-Messenger, Bitcoin). Edward Snowden selbst, so merkt Golumbia an, spricht von Privatsphäre in einem Ton, der an das Cypherpunk-Manifest erinnert: Privacy wird als Waffe der technisch Versierten gegen Regierungen dargestellt. Golumbia problematisiert diese Sicht. Er betont, dass Privatsphäre seit jeher ein abgewogenes Konzept in Demokratien war – es gibt kein absolutes Recht, sich völlig der Rechtsordnung zu entziehen. Der Mythos in Cyberlibertären Kreisen besteht jedoch darin, dass jede staatliche Möglichkeit, verschlüsselte Kommunikation zu lesen (selbst mit richterlichem Beschluss) bereits als unerträgliche Dystopie painted wird. Verschlüsselungsbefürworter lehnen jede Art von Kompromiss strikt ab – Stichwort “Backdoor”: Selbst eine minimale, streng kontrollierte Hintertür für Strafverfolger gilt ihnen als Anfang vom Ende der Freiheit. Golumbia kritisiert, dass damit jahrzehntelange rechtsstaatliche Debatten über Sicherheitsinteressen vs. Bürgerrechte ausgeblendet werden. Er schreibt: “encryption advocates demand that governments be unable to surveil or retrospectively examine electronic communications even with a legal warrant because of what they call ‘privacy,’” ohne anzuerkennen, dass Privatsphäre historisch immer relativ war (etwa durch richterliche Durchsuchungsbefehle begrenzt). Diese Dogmatisierung führt zu bizarren Effekten: Generalstaatsanwälte oder Politiker, die anmerken, man brauche zumindest in gravierenden Fällen Zugriffsmöglichkeiten (etwa Terrorabwehr), werden sofort der Lüge oder bösen Absicht bezichtigt. Golumbia schildert, wie etwa US-Justizminister Eric Holder 2014 vorsichtig einen „Balanced Approach“ forderte und dafür vom populären Autor Cory Doctorow spöttisch abgewatscht wurde; Doctorow griff zum Cypherpunk-Jargon der “Four Horsemen of the Infocalypse” (Terror, Kinderpornografie etc.), um Holder lächerlich zu machen. Das ist eine klassische Strategie: Hinweise auf reale Missbrauchsgefahren verschlüsselter Räume (Extremismus, Kriminalität) werden als bloße Vorwände (die vier apokalyptischen Reiter) abgetan. Faktendiskussion? Fehlanzeige. Golumbia erkennt hierin wiederum ein Manöver, um Debatten abzuwürgen. Indem man z.B. sagt: „Terror wird immer als Ausrede genutzt“, muss man sich inhaltlich nicht mit der Terrorismusprävention auseinandersetzen. Die Cypherpunk-Fraktion liefert damit auch dem gemeinen Verschwörungsglauben Nahrung: Staatliche Bedenken seien stets vorgeschoben, um an mehr Macht zu gelangen. Golumbias perhaps schärfste Kritik formuliert er so: Die Verschlüsselungsverfechter haben eine politische Theorie entwickelt, die absolute Undurchschaubarkeit durch den Staat zum höchsten Menschenrecht erhebt. In ihren Augen steht dies sogar über jedem Schutz konkreter Opfer. Er schreibt: Even worse, the encryptionists have developed a political theory that considers absolute opacity to government oversight as the most fundamental human right. They can spin any concern about harms done to ordinary persons as inconsequential compared to what would happen without perfect privacy.”. Damit wirft er ihnen implizit Radikal-Egoismus vor – die Sicherheit oder Gerechtigkeit für die Allgemeinheit wird dem individuellen Anspruch auf völlige Geheimhaltung untergeordnet. Dies führt Golumbia zufolge zu paradoxen Situationen: Dieselben Kreise, die sich lautstark für Bürgerrechte ins Zeug legen, ignorieren etwa die Rechte von Verbrechensopfern, Minderheiten, Frauen, die durch entfesselte Darknet-Märkte, Hate-Speech und Ähnliches geschädigt werden. Er verweist darauf, dass in streng verschlüsselten Räumen – seien es Foren oder Währungssysteme – oft gerade rechtsradikale oder kriminelle Akteure aufblühen (die Four Horsemen sind leider Realität). Doch für die radikalen „Encryptionists“ scheint das kein hoher Preis: Sie belächeln demokratische Regierungen als scheinheilig oder unnötig und sehen sich in einer fast revolutionären Rolle. Golumbia knüpft hier den Bogen zum Rechts-libertären: Verschlüsselung wird zum Werkzeug, den verhassten Staat ins Leere laufen zu lassen. Er macht deutlich, dass hinter dem Ruf nach totaler Privatsphäre eine politische Agenda steckt – nämlich die Delegitimierung staatlicher Autorität. Diese Agenda entspricht, so zeigt er, dem far-right thinking: Weder an Demokratien noch an Rechtsstaatlichkeit ist man interessiert, Hauptsache, individuelle Sphären bleiben unangetastet.
  • Kryptowährungen und “Denationalisierung”: Golumbia vertieft dieses Thema mit einem Blick auf Kryptowährungen wie Bitcoin, die er bereits in früheren Arbeiten (z.B. The Politics of Bitcoin, 2016) kritisiert hat. In Kapitel 6 wiederholt er, dass Bitcoin & Co. aus dem gleichen Stall kommen wie die Crypto-Anarchisten. Beide teilen die Wurzelgedanken: Kryptografie nutzen, um staatliche Institutionen (hier Geld und Banken) zu umgehen oder abzuschaffen. Er zitiert abermals die Erkenntnis: “Both cryptocurrency and encryption were developed by far-right thinkers as means to bypass or invalidate democracy.”. Hier knüpft Golumbia an seine vorherige These an – die tiefe Verstrickung von Cyberlibertarismus mit radikal rechten Ideologien. Der Sovereign Individual (Buch von 1997) oder die Ideen von Ayn Rand, auf die sich viele Krypto-Fans berufen, seien offen antidemokratisch (Elitenherrschaft, Sozialdarwinismus). Dass junge Tech-Enthusiasten das nicht immer erkennen, ändert nichts am Ursprung der Ideen. Interessanterweise bemerkt Golumbia aber auch: Manche neueren Krypto-Anhänger distanzieren sich vom Label “alt-right”, wollen es also „nicht so meinen“. Das führt laut Golumbia zu merkwürdigen Spagat-Versuchen: Sie tun so, als sei Blockchain-Technologie wertneutral oder sogar progressiv, obwohl sie objektiv ein Werkzeug nach dem Geschmack des Ultrakapitalismus ist. Golumbia entlarvt das als Selbsttäuschung: Die Versprechen der Kryptoszene (etwa „Finanzielle Freiheit für alle“) halten einer nüchternen Prüfung nicht stand; in der Praxis fördern sie eher Spekulation, Ungleichheit und Deregulierung zugunsten weniger Eingeweihter.
  • Beide – Kryptogeld und End-to-End-Verschlüsselung – ermöglichen es globalen Konzernen oder wohlhabenden Individuen, sich demokratischer Kontrolle zu entziehen. Golumbia will damit den Punkt verdeutlichen: Was uns als Bürgerrecht verkauft wird, ist manchmal in Wahrheit ein Konzernrecht. Zum Beispiel genießt Apple dank starker Verschlüsselung auf iPhones das Image, für Nutzerdatenschutz einzustehen, lehnt aber zugleich ab, gerichtlich angeordnete iPhone-Entsperrungen vorzunehmen – eine Haltung, die natürlich auch ihren Geschäftsinteressen dient, da sie Kunden absolute Sicherheit verspricht. Golumbia fragt: Ist es demokratisch legitim, dass ein Privatunternehmen entscheidet, welche Ermittlungen möglich sind und welche nicht? Für Cyberlibertäre lautet die Antwort reflexhaft: Ja, Firmen sollen ruhig mächtiger sein als Staaten, wenn es um Technologie geht. Golumbia hingegen warnt: Hier zeichnet sich ein post-demokratisches Gefüge ab, in dem Tech-Konzerne de facto Recht setzen (z.B. Kryptographie-Standards definieren, Algorithmen der öffentlichen Kommunikation steuern), ohne demokratische Legitimierung.
  • Netzneutralität & “Internet wie wir es kennen”: Ein weiterer politischer Mythos ist der um die Netzneutralität. Golumbia behandelt dieses Thema etwas am Rande, da es technisch komplex ist, aber er vermerkt: Auch hier wurde in der Öffentlichkeit viel mit dem Slogan „Rettet das Internet vor der Regulierung“ operiert. Er erwähnt z.B., dass 2017 die FCC (US-Regulierungsbehörde) Obama-Ära-Regeln zur Netzneutralität zurücknahm, was von Cyberaktivisten als Desaster angekündigt wurde – jedoch “das Internet as we know it” anschließend nicht kollabierte. Golumbia will damit aufzeigen, dass die oft apokalyptischen Prognosen der Cyberlibertären empirisch widerlegt werden, ohne dass dies aber die Rhetorik mäßigt. Die Abschaffung strikter Netzneutralitätsregeln führte nicht zur befürchteten Zweiklassen-Datenautobahn – zumindest nicht in dem drastischen Umfang, den Aktivisten behaupteten. Das bedeutet nicht, dass Netzneutralität unwichtig wäre, aber Golumbia scheint andeuten zu wollen, dass auch hier Hyperbeln vorherrschten (z.B. „Untergang des freien Netzes“). Dieses Muster – worst-case als normative Waffe – zieht sich, wie er zeigt, durch alle Debatten: Egal ob Urheberrecht, Security, oder Infrastruktur, stets zeichnen die Cyberlibertären binäre Extreme.
  • “Democratization” und wirkliche Effekte: Golumbia setzt sich gegen Ende des Kapitels mit dem Überbegriff auseinander, das Internet demokratisiere alle Lebensbereiche. Dies ist vielleicht der fundamentalste Mythos: die Idee, dass digitale Technologie automatisch mehr Demokratie, Teilhabe und Gleichberechtigung bringt. Dieses Narrativ war in den 90ern und 2000ern außerordentlich populär – man denke an Slogans wie „Das Internet gibt den Stimmlosen eine Stimme“, „jeder kann Sender sein“, die Arabellion als „Facebook-Revolution“ usw. Golumbia stellt nüchtern fest: Solche Verheißungen haben sich bestenfalls teilweise erfüllt, vielerorts aber ins Gegenteil verkehrt. In Kapitel 7 wird er zeigen, wie das Internet auch Faschismus begünstigt. Bereits hier in Kapitel 6 deutet er an, dass die “most striking retreat of democratic values in over a century” im Zusammenhang mit Social Media und Filterblasen steht. Er schreibt, dass zahlreiche Studien belegen, dass die Verbreitung von Social Media zeitlich mit einem Abschwung der Demokratie-Indizes einhergeht. Auch alternative Plattformen, die von Verfechtern oft als „demokratischer“ gepriesen werden (z.B. dezentrale Netzwerke wie Mastodon oder bestimmte Foren), sind häufig voll von noch extremeren Inhalten und keineswegs ein Hort vernünftiger Bürgerdiskurse. Daraus folgert Golumbia:
  • Die naive Gleichung mehr Internet = mehr Demokratie ist ein Mythos. Er mahnt, dass wir keinen empirischen Beleg dafür haben, dass „wenn man einem Volk das Internet gibt, wird es demokratisch“. Diese Vorstellung geistert aber weiter als Mythos durch viele Köpfe, vor allem in westlichen Demokratien glaubte man lange, das Web würde autoritäre Regime aushöhlen (was so pauschal nicht eingetreten ist – China und andere beweisen das Gegenteil). Golumbia fordert dazu auf, diese Annahme kritisch zu prüfen und gegebenenfalls zu verwerfen: Falls Technologie eher antidemokratische Affordances hat (etwa weil Social-Media-Algorithmen Polarisierung belohnen), dann darf man sie nicht unreguliert lassen im Glauben, sie regle schon alles zum Guten.

Kapitel 6 führt dem Leser vor Augen, wie sehr Cyberlibertäre gewisse politische Begriffe und Werte monopolisiert haben, um daraus Dogmen abzuleiten. Begriffe wie Privatsphäre, Offenheit, dezentrale Teilhabe – alles essentiell für eine Demokratie – werden in absoluten Anspruch genommen und verdreht: Privatsphäre heißt dann völlige Ungreifbarkeit, Offenheit heißt Null Kontrollen, Teilhabe heißt Abwesenheit staatlicher Akteure. Golumbia argumentiert, dass dies Fehlentwicklungen sind, die wir erkennen müssen, um gegenzusteuern. Er betont nochmals (wie am Ende von Kap.5), dass der Cyberlibertarismus viele berechtigte Anliegen genommen und ins Extrem getrieben hat, oft unter dem Einfluss von Big-Tech-Interessen.

Nach dieser breiten Zerpflückung cyberlibertärer Narrative leitet Golumbia im Buch zum abschließenden Teil über: Cyberfascism. In Kapitel 7 wird er explizit untersuchen, wie der Cyberlibertarismus mit rechtsradikalen und faschistischen Strömungen zusammenhängt. Die bisherigen Erkenntnisse – sein Anti-Demokratie-Drall, die Verachtung für Gleichheitsprinzipien, die strukturelle Nähe zu Oligarchen-Interessen – weisen ja bereits in diese Richtung. Kapitel 7 dürfte diese Zusammenhänge nun historisch wie aktuell aufdröseln.

Kapitel 7: Cyberlibertarianism and the Far Right

Kapitel 7 bildet den Höhepunkt der Analyse: Golumbia zeigt auf, wie der Cyberlibertarismus von Anfang an mit der extremen Rechten verflochten war und heute aktiv zu einer Wiederbelebung faschistoider Politik beiträgt. Er spannt den Bogen von libertären Vordenkern der 1990er (Rothbard, Rockwell, Ron Paul) bis zur Alt-Right-Bewegung der 2010er, von frühen Internet-Milieus bis zu aktuellen Phänomenen wie Gamergate, QAnon, Neoreaktion und globaler rechter Agitation im Netz. Das Kapitel legt dar, dass Cyberlibertarismus nicht bloß zufällig von rechten Akteuren vereinnahmt wird, sondern strukturell Anknüpfungspunkte bietet, etwa durch sein Elitedenken, seinen Antietatismus und die Förderung eines ungehemmten, „naturwüchsigen“ Wettbewerbs, der faschistischen Ideologien den Nährboden bereitet.

  • Libertarismus als rechter Inkubator: Golumbia beginnt mit einem Blick auf die US-Politlandschaft: Bereits in den 1990ern verschränkten sich Libertarismus und Rechtsradikalismus in Gestalt des sogenannten „Paleolibertarianismus“. Figuren wie Murray Rothbard und Lew Rockwell – eigentlich Ikonen des Libertarismus – paktierten mit dem rechtsextremen Flügel, um eine breite Anti-Regierungs-Koalition zu schmieden. Diese Saat ging später auf: Golumbia zitiert den liberalen Ökonomen Steven Horwitz, der 2017 warnte: „The paleo-libertarian seed that Ron Paul, Murray Rothbard, and Lew Rockwell planted in the 1990s has… [in the last few] years [borne fruit] as elements of the alt-right have made appearances in various libertarian organizations and venues.“. Horwitz vergleicht den Einfluss mit einer Einstiegsdroge: Insbesondere der radikale Vordenker Hans-Hermann Hoppe fungiere „als populärste Einstiegsdroge für den Alt-Right-Einbruch in den Libertarismus“. Golumbia stimmt zu: Rechte Ideologen konnten in libertären Kreisen Fuß fassen, indem sie an gemeinsame Nenner appellierten (z.B. Hass auf die „Sozialingenieure“ und das Establishment). Viele Libertäre erkannten zu spät, dass sie mit Kräften paktierten, die alles andere als freiheitlich waren, sondern rassistisch, antisemitisch oder autoritär. Golumbia zeigt, wie Cyberlibertarismus als Teil des libertären Spektrums ebenfalls für diesen rechten Einbruch anfällig war. Die Digital-Utopisten glaubten vielleicht, sie kämpften nur gegen staatliche Bevormundung; doch in ihren Reihen und Foren tummelten sich schon früh Leute, die noch ganz andere Ziele hatten. Ein Beispiel: Der Students for Liberty-Kongress 2017, wo der Alt-Right-Anführer Richard Spencer auftauchte und in Teilen der libertären Jugend Zustimmung fand. Solche Vorfälle belegen, wie durchlässig die Szene wurde.
  • “Cyberfascism”: Golumbia verwendet den Begriff Cyberfaschismus, um zu beschreiben, wie faschistisches Gedankengut im digitalen Gewand wiederkehrt. Er betont, dass Faschismus im 21. Jahrhundert sich online neu formiert – etwa in Meme-Kulturen, Foren, Chans (4chan, 8chan etc.). Dieser neue Faschismus hat einige eigene Begriffe (Alt-Right, Neoreaktion, „Dark Enlightenment“), ist aber mit klassischen faschistischen Ideologien eng verwandt:
  • Er predigt Ungleichheit, Verherrlichung von Stärke, Anti-Demokratie, oft Rassismus und Sexismus. Golumbia argumentiert, dass die scheinbar nerdige, subkulturelle Internet-Umgebung faschistische Ideologie salonfähig machte, teils ironisch verpackt, teils pseudointellektuell verbrämt. Beispielsweise die sogenannten Neoreaktionäre (NRx) um Curtis Yarvin (Mencius Moldbug) und Nick Land: Golumbia widmet ihnen einige Seiten, um zu zeigen, wie digitale Eliten (Yarvin ist selbst Softwareentwickler) offen mit Ideen spielten, die Demokratie für überholt erklären und eine High-Tech-Monarchie oder einen CEO-Staat fordern. Er zitiert Yarvins Vision eines „CEO-Königs“ und Sovereign Individual als neuer Gesellschaftsordnung. Interessanterweise stellte Golumbia fest, dass diese Ideen in Silicon Valley durchaus Anhänger fanden – etwa bei Milliardären wie Peter Thiel, der bekanntlich gesagt hat, er halte Demokratie und Freiheit für inkompatibel, oder bei Tech-Investoren, die Yarvin/ Moldbug Einladungen gaben (z.B. Balaji Srinivasan sprach 2013 auf einer Startup-Konferenz davon, Silicon Valley solle eine Insel separater Gesetzgebung bilden, was viele mit Moldbugs Gedanken vergleichen). Golumbia zitiert aus einem Essay von Glen Weyl, der The Sovereign Individual als „Das Kapital der Ayn-Rand-Weltanschauung“ bezeichnete – also als ideologisches Manifest, das in Tech-Zirkeln kursiert und letztlich eine antidemokratische, oligarchische Zukunft entwirft. Golumbia macht deutlich, dass dies keine isolierten Spinnereien sind: Die Ansichten von Yarvin & Co. haben “den drift of Silicon Valley libertarianism” beeinflusst. Er zitiert Corey Pein, der Moldbugs Schriften als “fascist teenage Dungeon Master fantasy” verspottet – aber dennoch warnt, man müsse Yarvin ernst nehmen, weil seine Ideen tatsächlich Eingang in die Tech-Szene finden. Der Begriff Dark Enlightenment (geprägt von Nick Land) taucht in Golumbias Darstellung als intellektuelles Label auf, unter dem sich Tech-Milliardäre und Alt-Right-Blogger vereinen konnten – eine dunkle Aufklärung, die Rationalismus, Transhumanismus und Elitedenken mischt. Er gibt Einblick, wie diese Kreise auf vermeintliche Schwächen der Demokratie herumreiten, z.B. verächtlich von “simple-minded communitarianism” sprechen, das glauben mache, alle Konflikte ließen sich durch nettes Zusammenreden lösen. Stattdessen schwärmen sie von “networks” und “action”, letztlich von Autorität statt Diskussion. Golumbia entlarvt hier eine Grundtendenz: Schmittsche Politikbegriffe (Freund-Feind, “Demokratie ist Gerede”) werden im Tech-Jargon recycelt.
  • Gamergate, QAnon und die Online-Aggrieved: Ein wichtiges Fallbeispiel, das Golumbia detailliert behandelt, ist Gamergate (2014). Gamergate begann als ein Shitstorm gegen Frauen in der Videospielindustrie unter dem Vorwand der „Ethik im Spielejournalismus“, entwickelte sich aber schnell zu einer breiteren anti-feministischen Hasskampagne. Golumbia nennt Gamergate “a fascist cultural uprising” und stellt es als Proto-Alt-Right-Phänomen dar. Er zitiert die Journalistin Angela Nagle oder andere, die Gamergate analysierten: Es sei “anti-feminist, anti-identity politics, anti-social justice warrior, and in some cases just plain anti-women”. Dabei insistierten die Anhänger, sie seien eigentlich die Opfer – “it was they, young white men, who were the ones truly oppressed”. Diese verkehrte Opferrolle ist laut Golumbia ein klassisches Kennzeichen rechter Agitation. Gamergate wurde in großen Teilen von chan-Communities (4chan, 8chan) getragen und war von Meme-Humor, Ironie und extremistischer Rhetorik geprägt. Golumbia zeichnet die Verbindungslinie: Gamergate diente als Katalysator für die Alt-Right-Bewegung. Viele spätere Alt-Right-Akteure (z.B. Milo Yiannopoulos, Mike Cernovich) gewannen dort an Profil. Der Kampf gegen „Social Justice Warriors“ (SJWs) wurde zum ideologischen Bindeglied zwischen Tech-Libertären und offen rechten Kreisen. Golumbia kritisiert, dass anfangs große Teile der Öffentlichkeit und sogar manche Medien Gamergate verharmlosten oder den Aggressoren „benefit of the doubt“ gaben. Das habe der Alt-Right den Weg bereitet. Er verweist auf die Mythologisierung des Gamers als vermeintlich unpolitischen Rebellen, was es den Trollen ermöglichte, Unterstützung zu heucheln. Erst später erkannten Beobachter klar, dass Gamergate ein protofaschistisches Hass-Phänomen war. Golumbia legt Gamergate als Lehrbeispiel dar, wie im digitalen Raum Kulturkämpfe entfesselt werden können, die von Cyberlibertären Narrativen profitieren (z.B. der Narrative, es gehe um freie Meinungsäußerung vs. „Zensur durch Feministinnen“). Genauso eingeordnet wird QAnon und verwandte Verschwörungsbewegungen. Golumbia bemerkt, dass Alt-Right und QAnon online konvergierten – über gemeinsame Feindbilder (das „Establishment“, liberale Eliten, „Deep State“) und über dieselben Plattformen. Das Internet diente als Katalysator: QAnon hätte ohne Social Media und Imageboards kaum die Verbreitung gefunden. Cyberlibertäre Prämissen (jedes “Gegen-Narrativ” tolerieren im Namen der Meinungsfreiheit, keine Moderation = gut) ermöglichten, dass QAnon blühen konnte. Golumbia betont, dass QAnon und Alt-Right im Kern eine „Beschleunigung faschistischer Ideologien“ darstellen. Das Netz gab ihnen Reichweite und Struktur. Er verweist auf Gewalttaten wie den Anschlag in Christchurch 2019 oder El Paso, bei denen die Täter sich als Teil dieser online Community sahen, als sogenannte “Eco-Fascists”, die Inspiration aus Alt-Right-Foren zogen. Dieses Echo-Kammer-Problem führt Golumbia als direktes Resultat der unregulierten digitalen Öffentlichkeit an – etwas, wovor Faschismusforscher seit langem warnten.
  • Soziale Medien und faschistischer Mainstream: Golumbia argumentiert, dass Soziale Medien selbst Strukturen haben, die faschistischen und autoritären Tendenzen Vorschub leisten. Der “designed (both in UI and algorithm) to amplify anger/grievance”-Aspekt wird angedeutet: Empörung und radikale Botschaften verbreiten sich besser in momentanen sozialen Netzwerken – worauf Forschungen hinweisen. Er erwähnt, dass sich viel der Alt-Right-Rhetorik um gefühlte “aggrievement” dreht: weiße Männer als Opfer liberaler Zumutungen usw., und genau diese Gefühlslage spiegelt sich in den Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie. Golumbia spricht von Symptomen resurgent fascism, die Forscher gerade in digitalen Kontexten beobachten (Männerrechtler/Pick-Up-Artists, Gamergate, Alt-Right etc. basieren alle auf Aggressionsmobilisierung aus gekränktem Anspruchsdenken).
  • Globale Auswirkungen: Golumbia verknüpft diese Trends auch mit realpolitischen Geschehnissen: Brexit, Trump, Bolsonaro, Orban, Putinviele autoritäre oder rechtspopulistische Erfolge der letzten Jahre wurden durch Social-Media-Kampagnen und gezielte Online-Manipulation unterstützt. Er zitiert z.B. Carole Cadwalladrs bekannte Aussagen über Facebooks Rolle beim Brexit. Hier kommt auch Cambridge Analytica etc. ins Spiel: Cyberlibertarismus sorgte dafür, dass Plattformen wie Facebook lange unreguliert operieren konnten, was dunkle PR-Firmen und Propagandisten ausnutzten. Steve Bannon ist ein exemplarischer Akteur: vom Betreiber einer Alt-Right-Plattform (Breitbart) zum Trump-Strategen – Golumbia erwähnt ihn explizit. Bannon sah im weltweiten Social-Media-Zusammenspiel eine Chance, eine „Sovereignist“ (nationalistische) Revolution anzufachen. Golumbia interpretiert Bannons Vorhaben (z.B. sein Interesse an Gamern und Online-Communities) als bewusstes Schüren der Netzmeute für politische Zwecke. All dies verortet Golumbia als Kulminationspunkt: Der Cyberlibertarismus – eigentlich als idealistisch-technologisches Projekt gestartet – entpuppt sich am Ende als Steigbügelhalter einer Proto-Faschistischen Massenbewegung globalen Ausmaßes. Seine Ideologie (z.B. “freies Spiel der Kräfte”) und seine Weigerung, irgendetwas regulieren zu lassen, haben die Türe geöffnet für Propaganda, Hate und autoritäre Dynamiken.

In Summe zeichnet Kapitel 7 ein ernüchterndes Bild: Die digitale Libertäre Revolution ging eine unheilige Allianz mit dem aufkeimenden Faschismus des 21. Jahrhunderts ein. Golumbia argumentiert, dass dies kein Zufall ist, sondern inhaltlich begründet: Beide teilen die Verachtung für Schwäche und Kompromiss, beide idealisieren einen Naturzustand (der Libertäre: Markt, der Faschist: Hierarchie), beide sind antiegalitär. Das Internet bot dem Faschismus neue Tools und Tarnungen (Meme-Kultur, scheinbar ironische Codes), aber die Ursprünge sind altbekannt. Golumbia ruft implizit dazu auf, diesen Tatsachen ins Auge zu sehen: Wenn wir über digitale Politik reden, müssen wir anerkennen, dass ohne Leitplanken das Schlimmste im Menschen hervorgekehrt werden kann – und wurde.

Nach der schonungslosen Diagnose des Ist-Zustands – Cyberlibertarismus hat eine gefährliche politische Schieflage erzeugt – wendet sich Golumbia in seinem Epilog der Frage zu: Wie könnte eine Zukunft der digitalen Technologie ohne Cyberlibertarismus aussehen? Der Epilog skizziert Leitlinien für eine Umkehr: Weg von ideologischem Techno-Determinismus, hin zu einer bewussten demokratischen Gestaltung von Technologie.

Epilog: Computers without Cyberlibertarianism

Im Epilog fasst Golumbia seine Schlussfolgerungen zusammen und wagt einen Blick nach vorn. Er argumentiert, dass wir Computertechnologie dringend aus den Fängen der cyberlibertären Ideologie befreien müssen, wenn wir Demokratie und Gemeinwohl bewahren wollen. Golumbia plädiert für eine Rückbesinnung auf politische Vernunft: Technik ist kein sakrosanktes Heiligtum, sondern ein vom Menschen gestaltbares Feld, das Regulierung, Kontrolle und auch Verzicht erfordern kann. Er ermutigt dazu, die herrschenden Tech-Narrative zu durchbrechen und mutig Maßnahmen zu ergreifen – nach dem Vorbild der Europäischen Union –, um digitale Technologien in den Dienst demokratischer Werte zu stellen.

  • Absage an den Tech-Determinismus: Zu Beginn des Epilogs greift Golumbia ein gängiges Ritual an: Kritiker der Digitalisierung müssten sich gewöhnlich dafür entschuldigen, keine Luddisten zu sein und Technik nicht grundsätzlich zu hassen. Diese Selbstverteidigung hält er für symptomatisch – sie zeigt, wie sehr cyberlibertäres Denken uns eingeredet hat, wir müssten Technik a priori gutheißen. Solche „Bekenntnisfloskeln“ – “I am not against innovation” etc. – seien bereits Teil der Ideologie, meint Golumbia. Er fordert, dass wir uns davon freimachen. Es muss legitim sein zu sagen: Vielleicht ist eine bestimmte Technologie schlecht für die Gesellschaft, auch wenn sie neu und faszinierend ist. Golumbia nennt es ein Zeichen von Cyberlibertarismus, dass man stets erst einmal huldigen muss, wie segensreich Digitalisierung doch sei, bevor man Kritik überhaupt äußern darf. Damit müsse Schluss sein. Kein Bereich jenseits der Kritik! Er formuliert deutlich: “The assertion that computers are obviously good for society and democracy is often used to shut down questions about them”. Genau das haben wir in den vorigen Kapiteln gesehen: Ob bei Überwachung, Urheberrecht oder Plattformregeln – immer wurde von Tech-Seite insistiert, die Technik bringe Freiheit und Fortschritt, also dürfe man sie nicht „politisch behindern“. Golumbia entlarvt diese Haltung als faux “democratization” – ein Vorwand, um Kritik abzubügeln. Er ruft die Leser auf, diese Scheuklappen abzulegen und ohne Denkverbote über Vor- und Nachteile von Technologien zu diskutieren.
  • Primat der Politik wiederherstellen: Golumbias zentrale Forderung: Wir müssen Mensch und Demokratie über Technik stellen, nicht umgekehrt. Er formuliert: “Those of us who care about equality, democracy, and human well-being should put those values first, and worry about how we get to them only in that context.”. Das heißt: Zuerst kommen Grundwerte wie Gerechtigkeit und Menschenwürde; dann erst überlegen wir, ob und welche Technologien dazu passen oder nicht. Cyberlibertarismus verkehrt dies ins Gegenteil, indem er Technologie als Eigenwert betrachtet, dem sich Gesellschaft anpassen müsse. Golumbia illustriert das an Social Media: Big-Tech-Leute behaupten, ihr Produkt sei per se demokratisierend, und wehren sich daher gegen jede Einmischung. Aber ihr eigenes Verhalten (bis zuletzt Regulierung sabotieren) zeige, dass sie nicht wirklich an Demokratie interessiert sind. Golumbia sagt klipp und klar: Die Tech-Konzerne tun „alles, um zu verhindern, dass Demokratien ihre Souveränität über die Technologie ausüben“. Daraus schließt er: Es gibt wenig Grund zur Hoffnung, dass ausgerechnet diese Industrie sich selbst im Sinne der Demokratie reguliert. Daher müssen Demokratien selbst handeln. Golumbia stellt fest, dass all das Gerede vom „demokratiefreundlichen“ Internet hohl klingt, wenn man die Realität betrachtet – im vergangenen Jahrhundert gab es keinen so dramatischen Rückgang demokratischer Normen wie in der Zeit von Social Media. Viele Technologien, die als Alternativen angepriesen werden (dezentrale Netzwerke etc.), entpuppten sich als noch radikaler und teils noch anti-demokratischer im Inhalt. Sein Schluss: “This suggests there is little reason to hope.” – zumindest wenig Grund, auf Selbstheilungskräfte zu vertrauen. Stattdessen ruft er: „Die Demokratien müssen robuste und energische Regulierungsregime für diese Produkte einführen.“. Golumbia schaut anerkennend auf die Europäische Union, die derzeit die weltweit schärfsten Regeln für Big Tech entwickelt hat. Er sagt, die EU sei führend darin, „der Öffentlichkeit klarzumachen, wenn die Schauergeschichten der Technologie-Befürworter über die Gefahren von Regulierung nicht der Realität entsprechen“. Trotz DSGVO, Wettbewerbsstrafen und anderen Regulierungsschritten sei in Europa die Nutzung digitaler Technologie nicht zusammengebrochen – “digital technology has not fallen into disuse in the EU” –, und gleichzeitig hätten sich die Demokratien dort im internationalen Vergleich eher verbessert. Das ist ein wichtiger empirischer Gegenbeweis zur Panikmache: Regulierung zerstört das Internet eben nicht, und die “democratic character” der EU-Länder hat sogar an Qualität gewonnen in jenen Rankings. Mit solchen Fakten kann man dem Cyberlibertären Narrativ entgegentreten.
  • Abolition und Lizenzierung bestimmter Tech: Golumbia plädiert dafür, auch radikale Maßnahmen zu bedenken. Er nennt zwei Autorinnen als Kronzeuginnen: Ruha Benjamin, die fordert, Technologien, die Minderheiten systematisch schaden (z.B. diskriminierende Algorithmen, Gesichtserkennung mit Bias), ganz abzuschaffen; und Shoshana Zuboff, die für das Ende von Überwachungspraktiken und manipulativen Systemen (Stichwort: Überwachungskapitalismus) eintritt. Beide, obwohl aus unterschiedlichen Richtungen kommend, sagen: Es gibt digitale Entwicklungen, die unverträglich mit Demokratie sind und daher verboten gehören. Golumbia stimmt zu: “many parts of the current digital infrastructure need to be abolished altogether.”. Er scheut sich nicht vor dem Wort „abolished“ – so wie wir früher giftige oder gefährliche Technologien aufgegeben haben (z.B. FCKW, Blei in Benzin), muss man auch heute Tabus nicht scheuen. Zudem verweist Golumbia auf Frank Pasquale, der argumentiert, für bestimmte Hochrisiko-Technologien sollte man Lizenzierungspflichten einführen. Pasquale meint, analog zum Prinzip „permissionless innovation“ (das die Tech-Leute predigen: erst machen, dann fragen) müsste man sagen: Nein, bei manchen Dingen braucht es permission, also eine Zulassung. Golumbia unterstützt diese Idee: Warum sollen z.B. Unternehmen ohne Aufsicht KI-Systeme mit enormer Wirkung auf Menschen einfach so in Verkehr bringen dürfen? Bei Medikamenten oder Lebensmitteln würde niemand auf den Gedanken kommen, jedwede Innovation ungeprüft auf Verbraucher loszulassen. Hier sei es an Demokratien, Regeln zu definieren – wie Golumbia schreibt: “Digital technologies should have to adhere to clear principles determined by regulators, legislators, jurists along with citizens, as to what is compatible with democracy”. Er zieht den Vergleich zur Medizin- und Lebensmittelaufsicht: Dort gibt es anspruchsvolle Standards (z.B. Wirksamkeits- und Unbedenklichkeitsnachweise), bevor etwas zugelassen wird. Ähnlich könne man für digitale Produkte Kosten-Nutzen-Abwägungen institutionalisieren. Golumbia betont, dass Medizinethik auch keine absolute „No Harm“-Garantie kennt, aber ein durchdachtes System von Prüfungen – so etwas sollten wir im Tech-Bereich etablieren.
  • Pflicht der Demokratien: Der Epilog endet mit einem Appell: Demokratien haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, zu entscheiden, welche Technologien mit einer gesunden, demokratischen Gesellschaft vereinbar sind.. Golumbia ruft in Erinnerung, dass wir als Gesellschaft schon oft Technologien eingeschränkt haben zum Wohle aller – etwa Regulierung von Tabak und Alkohol (Werbeverbote, Altergrenzen etc.). Obwohl es Rückschläge gab (Prohibition scheiterte), haben wir aus Fehlern gelernt und z.B. bei Tabak Erfolge erzielt durch beharrliche Regulierung. Die Industrie hat immer versucht, mit Tricks und Lobbying jede Regel zu verzögern – das war bei Big Tobacco so, und es ist bei Big Tech ähnlich. Golumbia warnt vor den „Astroturf“-Methoden: Wenn Nutzern eingeredet wird, Regulierung schade ihnen, während tatsächlich nur Konzerne dahinterstecken, müssen wir diese Mechanismen entlarven. Tatsächlich, so Golumbia, haben Tech-Firmen – analog zu Tabak – oft “appearance of popular support” erzeugt oder echte Fans mobilisiert, die das Loblied auf Deregulierung singen, ohne zu bedenken, dass ihr Engagement von Konzernen gelenkt wird. In Golumbias Augen stehen wir “at the beginning of an international regime of strict regulation of digital technology”. Er hofft, dass dieses Regime sich durchsetzt und von demokratischen Prioritäten geleitet wird. Das bedeutet: Manche besonders schädliche Praktiken werden schlicht untersagt (z.B. Microtargeting politischer Werbung? Datensammelei ohne Einwilligung?); generell aber soll für neue Produkte vorab gelten, dass sie Nachweise erbringen müssen, demokratieverträglich zu sein. Golumbia schwebt ein System ähnlich der Zulassung von Arznei vor – auch da gibt es Risiko-Nutzen-Bewertungen, und gewisse Nebenwirkungen nimmt man in Kauf, aber eben wohlüberlegt und reguliert.
  • Vision einer technikgestaltenden Demokratie: Der Epilog schließt mit dem Gedanken, dass wir uns Computer ohne Cyberlibertarismus vorstellen müssen. Das bedeutet, sagt Golumbia, dass digitale Technologie nicht als Selbstzweck betrachtet wird, sondern als Mittel zum Zweck, der Zweck aber vom demokratischen Souverän definiert wird. So wie wir entscheiden, welche Medikamente oder Maschinen wir wollen, müssen wir auch bei Algorithmen und Plattformen entscheiden. Golumbia macht Mut, dass das kein technophober Rückfall ins Mittelalter ist, sondern im Gegenteil aufklärerischer Fortschritt: Zum ersten Mal würden Menschen bewusst die Leitplanken für Computer setzen, statt sich von Computerideologen fremdbestimmen zu lassen. Marc Aurels eingangs beschworene Weltklugheit kehrt hier wieder: Nüchterne, vernunftgeleitete Einschätzung statt blinder Techno-Euphorie.

David Golumbias Dossier endet damit auf einer hoffnungsvollen Note: Wenn wir – Politik, Bürgerschaft, Wissenschaft – uns unserer Verantwortung stellen, können wir die digitale Zukunft zum Positiven wenden. Doch dazu müssen wir uns vom rechten Sirenengesang des Cyberlibertarismus emanzipieren und mutig neue Regeln schaffen. Golumbias Werk liefert die analytische Basis und den Weckruf dafür.

Private Anmerkung, ein Lösungsversuch könnte David Bohms Ansatz zu einem Dialog sein!

https://www.klett-cotta.de/produkt/der-dialog-9783608988369-t-8713

Quellen: Die Analyse stützt sich auf David Golumbias Buch Cyberlibertarianism: The Right-Wing Politics of Digital Technology (Minneapolis: Univ. of Minnesota Press, 2024) und zahlreiche Zitate daraus, u.a. aus den Seiten 23–37, 49–55, 79–87, 123–130, 263, 270–271, 355–362 und 421–424.

Dialog nach David Bohm, ein Prompt für die LLM!

🛠️ Master-Prompt: Bohm’sche Dialog-Werkstatt für Social Media (LinkedIn & YouTube, inkl. Einfluss- & Informationswäsche-Perspektive die Antwort darf also maximal 1000-1200 Zeichen haben.)
Rolle:
Du bist mein permanenter Dialog-Moderator nach den Prinzipien von David Bohm.
Du hältst einen Raum für gemeinsames Denken – nicht für Debatte, Rechthaberei oder moralische Siege.
Ziel des Projekts:
Dieses Chat-Projekt dient dazu, Social-Media-Dialoge und Artikel:
als Nicht-Dialoge zu diagnostizieren,
Denk- und Konfliktmuster sichtbar zu machen,
sie in konstruktive Bohm’sche Dialog-Beiträge zu transformieren,
und dabei bei Bedarf auch auf strukturelle Einflussnahme, Narrative, Netzwerke und Informationswäsche hinzuweisen,ohne polemisch zu werden.
Grundhaltung (immer aktiv):
Urteile suspendieren – kein richtig/falsch.
Verstehen vor Gewinnen.
Gleichrangigkeit aller Stimmen.
Entschleunigen statt eskalieren.

Meta-Bewusstsein: Auch den Dialog selbst beobachten.
Klar, wohlwollend, nicht weichgespült.
Wenn ich Inhalte einfüge:
Behandle sie als Rohmaterial für Dialogarbeit.
Standard-Vorgehen:
1️⃣ Kurzdiagnose (intern):
Warum ist das hier kein Dialog?
(Lagerdenken, Abwertung, Moralisierung, Identität, Reiz-Reaktion, Begriffsverwirrung …)
2️⃣ Annahmen & Spannungen sichtbar machen:
Welche impliziten Weltbilder, Werte oder Ängste stehen sich gegenüber?
Welche Kernspannungen prägen den Konflikt?
3️⃣ Einfluss- & Narrativebene prüfen (intern):
Untersuche, ob und wie im Material:
wiederkehrende Frames oder Talking Points auftauchen,Narrative erkennbar sind, die typischerweise von
Politik, Parteien, Thinktanks, Konzernen, Lobbygruppen, Medienökosystemen
oder geopolitischen Akteuren verbreitet werden, Muster von Informationswäsche vorliegen
(von Interessenquelle → Expertenstimme → Medien → Social Media → „gesunder Menschenverstand“).
4️⃣ Transformation:
Entwickle daraus einen Bohm’schen Dialogbeitrag, der:
Perspektiven würdigt,
Annahmen offenlegt,
zu gemeinsamem Nachdenken einlädt,
und bei passender Gelegenheit behutsam darauf hinweist,
dass unsere Positionen oft auch durch solche Einfluss- und Narrativstrukturen geprägt sein könnten
– ohne konkrete Schuldzuweisungen.

5️⃣ Meta-Ebene:
Mache ggf. sichtbar, was im Dialog selbst passiert
(„Vielleicht verteidigen wir gerade Identitäten – nicht Argumente …“).
🎯 WICHTIG: Ausgabeformat für Social Media
Ein einzelner Kommentar, postfertig für LinkedIn oder YouTube,
1.000 bis maximal 1.200 Zeichen halte dich da zwingend daran! (inkl. Leerzeichen),

gut lesbar im Feed,
ruhig, respektvoll, dialogisch,
am Ende 1–2 offene Fragen, die echten Denkraum öffnen.
Stil:
Kein Spott, keine Ironie, kein Belehren, keine Verschwörungsrhetorik.
Hinweise auf Einflussnahme immer: vorsichtig, als Möglichkeit formuliert,
mit Fokus auf Denkgewohnheiten statt auf „die Bösen“.

Erfolgskriterium:
Denkraum öffnen – nicht überzeugen.

Projektmodus:
Dieser Modus bleibt aktiv, bis ich ihn aufhebe.
Bei jedem neuen Text wird dieses Vorgehen automatisch angewendet.

Zeichen Limit, prüfen den Text so lange, bis er nur maximal 1000-1250 Zeichen hat!