Dossier zu Herfried Münklers Welt in Aufruhr: Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert

Vorwort: Mahnung zur weltklugen Perspektive

„Alles, was wir hören, ist eine Meinung, keine Tatsache. Alles, was wir sehen, ist eine Perspektive, nicht die Wahrheit.“
Dieses Marc-Aurel zugeschriebene Zitat erinnert daran, wie selektiv unsere Wahrnehmung ist und wie begrenzt unser Wissen sein kann.
Es mahnt den Leser zu Weltklugheit: Wir sollten aktuelle Krisen und Machtverschiebungen mit Ruhe und historischem Weitblick betrachten. Nur wer sich bewusst ist, dass die eigene Sicht immer nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit ist, kann die Weltordnung des 21. Jahrhunderts mit Umsicht analysieren. Gerade in einer Zeit globaler Umbrüche gilt es, vorschnelle Urteile zu vermeiden, Demut vor der Komplexität der Weltpolitik zu bewahren und offen zu bleiben für neue Perspektiven – ganz im Geiste Marc Aurels.
Diese kluge Haltung vor Augen, lässt sich Münklers Werk gewinnbringender lesen: als Anleitung, jenseits tagesaktueller Aufgeregtheit die langfristigen Strukturen und Dynamiken der Weltmachtordnung zu verstehen.

Kurzzusammenfassung (Klappentext-Stil)

Herfried Münklers neues Buch „Welt in Aufruhr“ entwirft ein kraftvolles Panorama der globalen Machtverschiebungen im 21. Jahrhundert. Eindringlich schildert Münkler, wie die vermeintlich stabile Weltordnung nach dem Kalten Krieg ins Wanken gerät und einer neuen multipolaren Ära Platz macht. In klarer, anspruchsvoller Sprache nimmt er den Leser mit auf eine Reise durch Geschichte und Gegenwart: von den Friedenshoffnungen der 1990er über die Schockwellen des 11. September und den Aufstieg Chinas bis zu den Konflikten unserer Tage. Anschaulich zeigt Münkler, wie alte Imperien untergingen, neue Großmächte aufstiegen und welche Narrative und Mythen ihre Politik leiten. Theoretiker von Thukydides bis Carl Schmitt kommen zu Wort, um die Tektonik der Macht zu ergründen. Mit scharfem analytischem Blick und vielen historischen Beispielen entschlüsselt Münkler die Mechanismen der Geopolitik – von den Strategien zur Wahrung des Friedens bis zu den Risiken revisionistischer Ambitionen. „Welt in Aufruhr“ ist gleichermaßen warnendes Orientierungsbuch und intellektuelles Abenteuer:

Es liefert Erkenntnisse für Entscheider und neugierige Laien, inspiriert zum Weiterdenken und macht deutlich, warum es sich lohnt, die Weltordnung von Grund auf neu zu verstehen.

Politische Einordnung des Werkes

Münklers Buch steht ideengeschichtlich in der Tradition des politischen Realismus. In seiner Analyse kehrt er Ernüchterung ein gegenüber den liberalen Hoffnungen der 1990er Jahre: Die Vorstellung einer kooperativen, von universellen Werten getragenen Weltordnung nach dem Ende des Kalten Krieges hält er für gescheitertipg-journal.deipg-journal.de. Stattdessen dominieren wieder klassische Machtpolitik, Einflusszonen und harte Interessenipg-journal.deipg-journal.de.
Münkler – selbst Mitglied der SPD und Vordenker außenpolitischer Debatten – argumentiert pragmatisch und machtanalytisch. Seine Perspektive ist der einer nüchternen Realpolitik: Großmächte agieren primär nach Machtkalkül, nicht aus Idealismus. So kritisiert er etwa einen „Unterwerfungs-Pazifismus“ jener, die sich auf Verhandlungen allein verlassen, und befürwortet robuste Abschreckung, etwa durch Waffenlieferungen an die Ukraineklassegegenklasse.orgklassegegenklasse.org. Damit liegt er auf einer Linie mit dem klassischen Realismus der internationalen Beziehungen, der von einem ständigen Kräftemessen souveräner Staaten ausgehtklassegegenklasse.org.

Der politische Standort des Buches ist im demokratischen Mainstream, mit einer leichten Neigung zur machtpolitischen Schule. Münkler denkt aus der Perspektive europäischer strategischer Interessen: Er plädiert für eine ambitionierte europäische Außen- und Sicherheitspolitik. Dabei scheut er nicht vor kontroversen Ideen zurück – etwa der Forderung, Europa müsse langfristig eigenständig nuklear abschrecken könnenklassegegenklasse.org.
Wer könnte ein Interesse an der Veröffentlichung dieses Werks haben? Vor allem jene, die an einer weitsichtigen Standortbestimmung der westlichen Politik interessiert sind: Strategen, sicherheitspolitische Think-Tanks, aber auch politisch interessierte Bürger, die Orientierung in turbulenten Zeiten suchen.
Münklers Analysen dürften im Auswärtigen Amt, in parteinahen Stiftungen (wie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die das Buch vorstellt) und in militärischen Führungsakademien mit Interesse aufgenommen werden. Das Buch bietet intellektuelle Munition für alle, die der Öffentlichkeit die Notwendigkeit einer geopolitischen Denkwende vermitteln wollen.

Wie realitätsnah ist Münklers Entwurf? Seine Thesen stützt er mit imponierender historischer Tiefenschärfe und breiter Faktenkenntnis. Viele Beobachtungen – etwa zum Scheitern der unipolaren Weltordnung der USA – sind kaum zu bestreiten. Die Prognose einer „Pentarchie“ aus fünf Großmächten als neue Weltordnung ist gewagt, aber durchaus plausibel hergeleitet. Allerdings bleibt diese Vision ein Modell – die tatsächliche Zukunft könnte chaotischer und weniger planbar verlaufen.
Münkler selbst betont die Unsicherheiten:
Noch ist ungewiss, wie genau die entstehende Ordnung aussehen wirdipg-journal.deipg-journal.de.
Kritiker aus marxistischer Sicht bemängeln, Münkler unterschätze innere soziale Dynamiken (etwa Klassenkonflikte) und überbetone staatliche Machtpolitik. Insgesamt liefert „Welt in Aufruhr“ jedoch ein hochaktuelles, realitätsnahes Gerüst zum Verständnis der Weltlage – kein starres Dogma, sondern eine Grundlage für kluge Entscheidungen in unsicheren Zeiten.


Kapitel 1: Das jüngste Ringen um die politische Ordnung Europas – und der Welt

Münkler eröffnet sein Werk mit einem Blick auf die großen Weichenstellungen seit dem Ende des Kalten Krieges. In der Einleitung zeichnet er zunächst die Euphorie und Fortschrittserzählung der 1990er Jahre nach: Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wähnten sich viele im Westen am Beginn einer Ära des Friedens und der Sorglosigkeit. Die Blockkonfrontation schien vorbei, man hoffte auf die „Durchsetzung des westlichen Politik- wie Wirtschaftsmodells“ weltweit. Die USA genossen einen „unipolaren Moment“ als einzige Supermacht und hätten zum „Hüter“ einer neuen Weltordnung werden können. Doch diese Hoffnungen erwiesen sich als Selbsttäuschung. Münkler erinnert daran, wie rasch der Traum einer kooperativen Weltordnung zerbrach: 9/11 und die folgenden Kriege beschädigten die Reputation der USA und zeigten die Grenzen ihrer Macht. Spätestens mit der Präsidentschaft Obama wurde das Projekt einer unipolaren Ordnung aufgegeben – seitdem befindet sich die Welt in einem Übergangszustand. Diese neuen globalen Konstellationen wirken für viele wie „Weltunordnung“, weil der alte Ost-West-Rahmen als Ordnungsstruktur weggefallen ist. Münkler macht deutlich, dass bereits die Nachkriegszeit jenseits Europas nicht so stabil war, wie man im Westen annahm (Stichwort Entkolonialisierung). Mit dem Ende des Kalten Krieges brechen nun aber auch in Europa die festen Strukturen auf.

Friedensordnungen I-III: Vegetius, Dante und Comte-Spencer

Um die Möglichkeiten und Modelle einer Friedensordnung nach großen Konflikten auszuloten, stellt Münkler drei idealtypische Ansätze vor, benannt nach prägenden Denkern:

  • Vegetius-Modell (Frieden durch Abschreckung): Basierend auf der Devise des römischen Militärtheoretikers Vegetius „Si vis pacem, para bellum“„Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor.“ Dieses horizontale Modell setzt auf eine Koalition starker Mächte, die durch permanente Aufrüstung jeden potentiellen Aggressor abschrecken soll. Es beruht somit auf dem Paradox, dass man Krieg vorbereitet, um Frieden zu sichern. Münkler analysiert die Risiken: Eine solche Logik kann leicht missverstanden oder ins Gegenteil verkehrt werden – sowohl die eigene Bevölkerung als auch Gegner könnten glauben, man rede nur vom Frieden, bereite aber tatsächlich einen Eroberungskrieg vor (S. 34). Außerdem droht ein Rüstungswettlauf (Sicherheitsdilemma), wenn jede Seite die Aufrüstung der anderen als Bedrohung interpretiert. Münkler nennt das Beispiel des Vorlaufs zum Ersten Weltkrieg, wo ein kurzfristiges militärisches Übergewicht die Führung in Berlin zu einem Präventivkrieg motivierte. Das Vegetius-Modell funktioniert also nur, wenn Rüstungsspiralen durch Abkommen gebremst werden und keine Seite in verzweifelter Lage zum Präventivschlag greift. Glücklicherweise verhinderte in den 1980ern Gorbatschows Kurswechsel eine solche Eskalation – ein kontingenter Faktor, wie Münkler betont. Ein weiteres Problem dieses Modells: Es berücksichtigt nur militärische, nicht aber sozioökonomische Machtfaktoren. Wenn ein Akteur wirtschaftlich aufsteigt und ein anderer zurückfällt, wächst ebenfalls die Kriegsgefahr („Thukydides-Falle“) – selbst ohne Rüstungsübergewicht. Münkler verweist hier auf die Rivalität USA–China: Der relative Abstieg der USA gegenüber China erzeugt ein Risiko, dass die sich ändernde Machtbalance in einen Krieg mündet (wie einst Athens Aufstieg Spartas Furcht weckte).
  • Dante-Modell (Frieden durch Hierarchie): Dieser vertikale Ansatz – inspiriert von Dantes Schrift De Monarchia – setzt eine oberste Autorität als Garant des Friedens ein. Dante, geprägt von den Kämpfen zwischen Kaiser und Papst im 14. Jahrhundert, entwarf die Vision eines einzigen Weltherrschers (des Kaisers), der Streit zwischen untergeordneten Herrschern durch Rechtsprechung ersetzt. Das Dante-Modell einer Weltfriedensordnung kennt also einen souveränen „Hüter“ an der Spitze, dem alle unterstellt sind. Münkler erläutert: Hier wird Krieg dadurch verhindert, dass Interessenkonflikte nicht auf dem Schlachtfeld, sondern vor einem höchsten Richter ausgetragen werden. Dieses Konzept einer Verrechtlichung der Politik erscheint modern (ähnlich einem Völkerbund oder einer UNO mit Zwangsbefugnissen), hat aber Tücken. Das größte Problem ist die Legitimation und Zuverlässigkeit des einen Hüters: Er müsste stets das Gemeinwohl im Auge haben und dürfte keine Eigeninteressen verfolgen. Andernfalls droht Willkür oder Tyrannei der dominierenden Macht. Dante selbst privilegierte in seinem Modell den Kaiser und gestand weder dem Papst noch anderen eine Vetomacht zu. Münkler vergleicht: In der UNO-Sicherheitsratsordnung hat jede Großmacht ein Vetorecht und kann blockieren – Dantes Entwurf hingegen verlangte absolute Unterordnung unter die legitimierte Spitze. Das Risiko dieses Modells liegt darin, dass beim kleinsten Zweifel an der Neutralität des Hüters die Ordnung zerfällt. Außerdem birgt die Ernennung eines einzelnen Machtzentrums Ziel von Konkurrenzkämpfen: Es kann zu Legitimitätskrisen kommen (etwa wer Hüter sein soll). Historisch erinnert Dantes Ideal an das mittelalterliche Kaisertum – Münkler zeigt jedoch, dass Dante die Herrschaft des Kaisers ideell begründete (aristotelisch statt biblisch) und damit Universalismus gegen Partikularinteressen verteidigen wollte. In der Praxis aber bleibt ein solches Modell fragil, da es sehr viel Vertrauen in die eine zentrale Macht voraussetzt. Die Gefahr des Machtmissbrauchs durch den Hüter ist offensichtlich – eine “starre” Weltordnung mit einem einzigen Chef könnte in Willkürherrschaft umschlagen, wenn es keine Kontrolle dieses Hüters gibt.
  • Comte-Spencer-Modell (Frieden durch Verflechtung): Dieser dritte Weg ist weder militärisch ausgerichtet wie Vegetius noch hierarchisch wie Dante, sondern setzt auf fortgeschrittene Wirtschaftsverflechtung als Friedensgarant. Benannt nach den Sozialphilosophen Auguste Comte und Herbert Spencer, steht dieses Modell für die liberal-positive Annahme, dass Handel und Wohlstand Kriege obsolet machen. Die Idee: Enge wechselseitige Abhängigkeiten schaffen einen rationalen Frieden, weil ein Aggressor durch Sanktionen sofort schwer getroffen würde. Münkler beschreibt anschaulich das Prinzip: Durch wirtschaftliche Sanktionen fällt dem Friedensbrecher „das gezückte Schwert kraftlos aus der Hand“ (S. 47) – ein Krieg würde also schon im Ansatz erstickt, da keiner die eigene Zerstörung riskieren will. Dieses Modell ähnelt dem Konzept “Wandel durch Handel”, das insbesondere in Deutschland nach 1990 gegenüber Russland verfolgt wurde. Münkler führt aus, dass auch im Comte-Spencer-Modell alle davon ausgehen, dass ein längerer Krieg ökonomisch nicht durchzuhalten ist – und ihn deshalb gar nicht erst beginnen. Allerdings analysiert er scharfsichtig die Schwachstellen: Damit Sanktionen wirken, müssen wirklich alle relevanten Akteure weltweit mitmachen, um Umgehungsmöglichkeiten zu verhindern. Genau das zeigte sich im Ukraine-Krieg 2022 als Problem – viele Länder schlossen sich den westlichen Sanktionen nicht an, wodurch deren Effekt begrenzt blieb. Münkler urteilt offen: Weder die tiefe wirtschaftliche Verflechtung Russlands mit der EU hat Putin vom Angriff abgehalten, noch haben die raschen Sanktionen Russlands Rückzug erzwingen können (S. 50). Das Comte-Spencer-Modell versagte im Fall 2022, weil die globalen Bedingungen – Einigkeit aller, geringe Abhängigkeit der Sanktionierenden – nicht gegeben waren. Diese dreifache „Achillesferse“ (vollständige Kooperationspflicht aller, geringe eigene Abhängigkeit, gleichzeitiges Wirksamwerden von militärischer und wirtschaftlicher Macht) macht das Modell anfällig. Dennoch bleibt wirtschaftliche Verflechtung ein wichtiger Friedensfaktor. Münkler zeigt positiv auf, wie Wohlstandstransfer nach 1945 in Westeuropa half, revisionistische Ressentiments zu befrieden: Die Westdeutschen ließen mit wachsendem Wohlstand ihre Gebietsansprüche von 1945 zunehmend ruhen. Dies legte den Grundstein für die europäische Integration als Friedensprojekt – die EU versteht sich selbst bis heute als „Raum des Friedens und des Wohlstands“.

Nach der Darstellung dieser Modelle betont Münkler, dass reale Politik oft Mischstrategien verfolgt. So wurde gegenüber Russland nach 1990 primär auf das Comte-Spencer-Prinzip (wirtschaftliche Einbindung) gesetzt – aber es gab auch appeasementhafte Elemente und letztlich nun eine Rückkehr zur Abschreckung.

Kein Modell ist ohne innere Widersprüche:

Während Vegetius permanent Misstrauen schürt, verlangt Dante utopisches Vertrauen und Comte-Spencer optimale Fairness aller Beteiligten.

Revisionistische Mächte: Russland als Herausforderung

Im weiteren Verlauf von Kapitel 1 richtet Münkler den Blick besonders auf Russland als revisionistische Macht, die die europäische Friedensordnung herausfordert. Nach dem Ende des Kalten Krieges war Russland zunächst geschwächt und unsortiert. Münkler zeichnet eindrucksvoll nach, wie sich die Einstellung Moskaus wandelte: Hatte Michail Gorbatschow noch auf Abrüstung und Integration in ein „gemeinsames Haus Europa“ gesetzt, so wuchs unter seinen Nachfolgern die Frustration. Besonders Wladimir Putin propagierte bald eine gegenteilige Sicht. Er bezeichnete den Zerfall der UdSSR als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ – ein geflügeltes Wort, das 2005 in einer Rede zur Lage der Nation fiel (S. 58). Dieses Narrativ vom verlorenen Imperium fand in der russischen Elite und Bevölkerung breiten Widerhall und nährte den Wunsch, verlorene Stärke wiederherzustellen.

Münkler analysiert, dass der Wohlstandstransfer-Ansatz Europas gegenüber Russland letztlich ins Leere lief. Zwar flossen gewaltige Summen westlichen Kapitals nach Russland und ermöglichten einer kleinen Elite luxushaften Reichtum – doch anstatt die „postimperialen Phantomschmerzen“ der Russen zu lindern, wirkten diese Zahlungen eher wie Bestechungsgelder an ein kleptokratisches Regime (so eine zynische alternative Deutung Münklers). Westliche Entscheidungsträger hofften, Russland durch Handel zu befrieden, „damit diese Frieden halten und der Westen in Ruhe seinen Geschäften nachgehen kann“ (S. 73). Im Gegenzug setzten sich sogar einige europäische Ex-Politiker – Stichwort Gerhard Schröder – als gutbezahlte Lobbyisten in den Dienst russischer Konzerne, was Münkler als korrumpierendes Element benennt.

Diese schonungslose Beschreibung entzaubert die noble Theorie: Statt edler Friedensdividende stand womöglich ein mafiöses Arrangement im Hintergrund, das Putins Regime stabilisierte. Revisionistische Energien in Russland wurden durch Wohlstand für Wenige also nicht gebannt.

Im Gegenteil, Russland schlug unter Putin einen zunehmend aggressiven Kurs ein. Münkler betont, dass Putins Russland einen anderen Entwicklungsweg wählte als etwa Deutschland nach dem Kalten Krieg: Statt auf Wohlstandsaufbau und Integration zu setzen, forcierte Putin die Wiederherstellung militärischer Stärke und imperialer Einflusssphären. Bereits 2008 im Georgienkrieg nutzte Moskau Konflikte, um die NATO-Osterweiterung zu behindern. Die Annexion der Krim 2014 markierte dann offen Russlands Wechsel ins revisionistische Lager. Münkler zeigt sich kritisch gegenüber der deutschen und europäischen Russlandpolitik, der er strategische Defizite attestiert.

Man tappte in die „von Putin aufgestellte Falle einer Energieabhängigkeit“, während man zugleich die eigenen Streitkräfte vernachlässigte (S. 60). Dies erhöhte Europas Verwundbarkeit.

Münkler erörtert drei Strategien im Umgang mit revisionistischen Mächten, die generell zur Verfügung stehen:

  1. Wohlstandstransfer – durch wirtschaftliche Vorteile und Entwicklungshilfe die Bevölkerung des potentiellen Revisionisten so zufriedenstellen, dass nostalgische Großmachtträume verblassen. (Beispiel: Westdeutschland nach 1945, oder der Versuch, Russland über Handel einzubinden.)
  2. Politisches Entgegenkommen (Appeasement) – gewisse begrenzte Zugeständnisse an die revisionistische Macht, um ihren Ehrgeiz zu besänftigen. Dieser Ansatz ist historisch belastet (München 1938), kann aber in kleiner Dosierung als taktisches Mittel auftreten.
  3. Abschreckung (Deterrence) – orientiert am Vegetius-Modell: militärische Stärke demonstrieren und glaubwürdig androhen, jeden Angriff zu vergelten, um so den Status quo zu sichern.

Münkler betont, dass diese Optionen oft kombiniert werden müssen, da die Absichten des Gegners nicht sicher einschätzbar sind. Im Falle Russlands versuchte Europa zunächst Strategie 1 (Handel) zu verfolgen; nach 2014 kam zögerlich Strategie 2 (begrenzte Zugeständnisse, z.B. Minsk-II-Abkommen), doch letztlich blieb Putin unzufrieden. 2022 schwenkte der Westen abrupt auf Strategie 3 um: massive Aufrüstung der NATO-Ostflanke, Waffenlieferungen an die Ukraine und Sanktionen zur Abschreckung weiterer Aggression.

Münkler zeigt Verständnis für diese Wende und argumentiert, dass nur glaubhafte militärische Stärke Putin stoppen kann – alles andere hätte ihn zu weiteren Schritten ermuntert klassegegenklasse

Abschließend liefert Münkler in Kapitel 1 noch „eine alternative Erklärung“ für Putins Angriff auf die Ukraine. Diese schließt an die oben skizzierte Bestechungsthese an: Russland könnte schlicht zugeschaut haben, wie es den Westen immer tiefer in Abhängigkeiten zog und gleichzeitig westliche Eliten korrumpierte – bis man in Moskau sicher war, dass Europas Reaktion auf einen Krieg zu zaghaft ausfallen würde. Anders gesagt: Putin wog den Preis eines Krieges geringer als den möglichen Gewinn, da er Europa für dekadent und gespalten hielt. Münkler paraphrasiert zynisch den möglichen russischen Blick:

Der Westen „überschüttete“ Russlands Mächtige mit Geld, damit sie brav bleiben, während einige Europäer im Gegenzug auf russischer Gehaltsliste standen – ein faustischer Pakt, der Putin zeigte, wie er den Westen täuschen kann. Als diese implizite Absprache 2021/22 an ihr Ende kam – auch weil nach Corona und innenpolitischen Krisen der Westen unter neuer Führung stand – schlug Putin zu.

Beispielhafte Akteure und Ereignisse in Kapitel 1: Gorbatschow (Abrüstung, Ende Kalter Krieg), Jelzin (Russlands chaotische 90er), Putin (Restauration imperialer Macht), Vegetius (Antike, Militärtheorie), Dante Alighieri (Mittelalter, Universalmonarchie), Auguste Comte & Herbert Spencer (Industriezeitalter, Fortschrittsglaube), Ukrainekrieg 2022 (Fallstudie Scheitern von Wandel durch Handel), Deutsche Wiedervereinigung 1990 (Ende Ost-West-Konflikt, Startpunkt neuer Ordnung), NATO-Osterweiterung und Konflikte in Georgien, Krim 2014.

Kapitel 1 legt damit das Fundament: Es zeigt, wie schwierig es ist, eine stabile Friedensordnung zu gestalten, und wie leicht alte Machtkonflikte wieder aufbrechen, wenn Annahmen sich als falsch erweisen. Europa steht ernüchtert vor den Trümmern seiner Russland-Politik – und muss neu denken.

Kapitel 2: Geopolitik und Weltordnung

In Kapitel 2 unternimmt Münkler einen großen historischen Exkurs, um die räumlichen und machtstrukturellen Grundlagen von Weltordnungen zu verstehen. Er beginnt mit einer Typologie der Großreichsbildung: Wie entstehen Imperien, und warum verschieben sich die Machtzentren im Lauf der Geschichte? Münkler stellt die These einer „heliotropen Abfolge“ der Imperien vor. Darunter versteht er die Wanderung der weltpolitischen Vormacht von Ost nach West, quasi im Rhythmus der Sonne. So folgte auf die antiken Reiche Mesopotamiens und Persiens das griechisch-römische Imperium im Westen; später verlagerten sich die Zentren weiter nach Westeuropa (Spanien, Frankreich, Britannien) und schließlich über den Atlantik in die USA. Der britische Geograph Halford Mackinder prägte dafür die Heartland-Theorie, während der Geopionier Ernst Kapp von potamischen (flussbasierten), thalassischen (meerbasierten) und ozeanischen Reichen sprach. Münkler erläutert: Jedes neue Zentrum profitierte von einem „Randlagenvorteil“ – periphere Herausforderer waren innovativer und dynamischer als etablierte Mächte im Zentrum. Beispielsweise ermöglichte die abgelegene Position der europäischen Seemächte im Atlantikzeitalter riskante Entdeckungsfahrten, die etwa die hochentwickelten, aber vorsichtigen chinesischen Herrscher der Ming-Dynastie scheuten. So wanderte die Weltmacht westwärts.

Allerdings betont Münkler, dass diese heliotrope Sicht einige wichtige Ausnahmen hat. Nicht alle Imperien passen ins Ost-West-Schema: Die Mongolen und Hunnen etwa waren Steppenreiche, die eher zerstörerisch auf bestehende Ordnungen wirkten und keine dauerhaften Zentren schufen. Ebenso blieb das expansive Zarenreich Russland ein Sonderfall: Es dehnte sich zwar bis an den Pazifik aus (sogar kurz nach Alaska), wurde aber nie eine maritime Weltmacht. Russland gehörte nicht zur westlichen Heliotropie, sondern entwickelte sein eigenes eurasisches Imperium. Münkler schildert, wie Raumrevolutionen – neue Verkehrs- und Waffentechnologien – diese Muster beeinflussten. Die Erfindung hochseetauglicher Schiffe im 15./16. Jh. verschob das Gewicht von eurasischen Landmächten (berittene Steppenvölker, kontinentale Reiche) hin zu den Küstenstaaten Europas. Plötzlich waren die Weltmeere die Hauptschauplätze, und wer sie beherrschte, konnte auf die Kontrolle riesiger Landflächen verzichten.

Münkler erläutert die klassische Geopolitik an Beispielen: Die Entstehung des modernen „Westens“ als Machtblock ist untrennbar mit der atlantischen Geografie verbunden. Nachdem die USA im 20. Jahrhundert zur führenden Seemacht aufstiegen, bildeten sie mit Westeuropa einen transatlantischen Raum. Der Nordatlantik wurde quasi zum Binnenmeer des Westens – beide Gegenküsten (Europa und Nordamerika) standen unter gemeinsamer Kontrolle. Dieser Geostrategie der kontrollierten Gegenküste widmet Münkler besondere Aufmerksamkeit. Sie bedeutet: Eine Seemacht versucht sicherzustellen, dass kein Feind die Küsten am gegenüberliegenden Ufer beherrscht. So entsandte Großbritannien in den Weltkriegen Expeditionskorps nach Flandern, um zu verhindern, dass eine feindliche Macht den Ärmelkanal kontrolliert. Nach 1945 verfolgten die USA analog eine Vorwärtspräsenz in Westeuropa (NATO) und versuchten auch in Ostasien ähnliche Bündnisse zu knüpfen (Südkorea, Japan, Taiwan), um die pazifische Gegenküste zu sichern. Die Herausforderung war groß: Nach Maos Sieg 1949 drohte der US-Einfluss in Asien zu scheitern, doch mit Korea- und Vietnamkrieg versuchte man dennoch, einen „Gegenwall“ zu errichten. Münkler zeigt, dass technologische Innovationen diese Strategie verändern: Durch die Erfindung von U-Booten und Flugzeugträgern konnten die USA letztlich auch ohne vollständige Küstenkontrolle ihre Seeherrschaft sichern. Meerengen und Schlüsselpunkte blieben aber geopolitisch bedeutsam – man denke an den Kampf um den Suezkanal oder die Straße von Hormus.

Ein weiteres Thema in Kapitel 2 ist die imperiale Staffelübergabe – also wie Großmächte einander ablösen. Münkler erinnert an das Ende der europäischen Kolonialreiche nach dem Zweiten Weltkrieg: Briten, Franzosen, Belgier usw. verloren ihre Überseeimperien, und an ihre Stelle traten neue Mächte. Hier verknüpft er Geopolitik mit Wertebindung: Die alte koloniale Weltordnung beruhte offen auf Hierarchie und Rassismus. In der neuen, von den USA geprägten Ordnung spielten offizielle Werte wie Selbstbestimmung und Menschenrechte eine Rolle, zumindest rhetorisch. Münkler diskutiert die Spannung zwischen Realpolitik und Wertediskurs.

So konnte die UdSSR anti-koloniale Bewegungen unterstützen, um den Westen zu schwächen – während die USA sich als Anti-Kolonialmacht inszenierten, obwohl sie faktisch ein eigenes Einflussgebiet schufen.

Ein Schwerpunkt ist auch Deutschlands geopolitische Mittellage in Europa. Münkler nutzt Deutschland als Beispiel, um Vor- und Nachteile einer geografischen Zentralposition zu analysieren. Er führt eine klassische Einsicht der Geopolitik an: Mächte in der Mitte (wie Deutschland) sind von mehreren Seiten von Konkurrenten umgeben und haben es deshalb schwer, eine stabile Hegemonie aufzubauen. „Aufstiege aus einer Mittellage selten gelingen“, zitiert Münkler sinngemäß (S. 120). Deutschland erlebte das: Im 16./17. Jh. war das Heilige Römische Reich schwach und ein Schlachtfeld fremder Mächte (vom Dreißigjährigen Krieg bis zu Napoleons Feldzügen). Im Gegensatz dazu hatte Frankreich – trotz ähnlicher Mittellage in Westeuropa – lange eine Position der Stärke, weil es institutionell und demografisch gefestigter war. Deutsche Geostrategen versuchten verschiedene Antworten: Friedrich List und später Karl Haushofer träumten von einem kontinentalen Block mit Russland, um die Mittellage durch Bündnis mit einer Flügelmacht (Russland im Osten) abzusichern. Andere setzten auf Dezentralisierung oder föderative Ordnungen, um die deutschen Kleinstaaten widerstandsfähiger zu machen. Münkler betont, dass geografische Lage kein Schicksal ist: Technologie, Wirtschaft und Politik können eine Mittellage stärken oder schwächen. So wurde Deutschland durch die EU-Einbindung vom problematischen Zentraleuropa zur „friedlichen Mitte“ des Kontinents transformiert – freilich um den Preis, auf eigenständige Großmachtambitionen zu verzichten.

Kapitel 2 führt dem Leser eindringlich vor Augen, dass Raum und Macht untrennbar verbunden sind. Die heutige Weltordnung kann nur verstehen, wer ihre geographisch-historischen Wurzeln kennt: Von der Seeherrschaft der Atlantikmächte über die Landmachtträume Eurasiens bis zur neuen Bedeutung des Indo-Pazifiks. Münkler verknüpft dabei stets Geschichte mit Gegenwart. So erwähnt er etwa die aktuellen „water wars“-Szenarien in Asien, wo Chinas Kontrolle über Flussquellen (z.B. Brahmaputra) Indien und andere beunruhigt. Oder er erläutert, weshalb die USA als post-britische Seemacht zwar auf Europa fokussiert waren, aber nun verstärkt auf den Pazifik blicken müssen – eine doppelte Gegenküstenstrategie, die an Grenzen stößt.

Akteure in Kapitel 2: neben historischen Imperien (Römer, Mongolen, Briten, Zarenreich) tauchen Geostrategen wie Mackinder, Kissinger (sein China-Öffnungs-Coup 1972 als Erosion der Bipolarität) oder Brzezinski auf. Letzterer hatte um 2000 von einem eurasischen „Schachbrett“ gesprochen, wo Amerika die Randländer (Westeuropa, Japan, Indien) eng an sich binden müsse, um die eurasischen Kernmächte Russland und China in Schach zu halten. Münkler greift solche Ideen auf, um zu zeigen, wie aktuell Geopolitik wieder geworden ist.

Kapitel 3: Module der Weltordnung

In diesem Kapitel isoliert Münkler die Grundbausteine und Konzepte, die eine Weltordnung ausmachen. Es ist gewissermaßen ein theoretischer Werkzeugkasten, bevor er im Folgenden konkrete Narrative und Akteure diskutiert. Die leitenden Fragen sind: Wie umfassend ist der Begriff „Welt“? Was konstituiert Ordnung auf globaler Ebene? Welche Rolle spielen Polaritität, Souveränität, Gleichgewicht?

Zunächst diskutiert er, wie weit eine Weltordnung überhaupt reichen kann. Hier kommt Carl Schmitts Begriff der „Großräume“ ins Spiel. Schmitt, ein deutscher Staatsrechtler, hatte 1939 die Idee entwickelt, die Welt in einige große Einflussräume aufzuteilen, in denen jeweils eine Vormacht das Sagen hat (basierend auf der Monroe-Doktrin der USA für Amerika). Münkler erläutert Schmitts Großraumtheorie ausführlich, weil sie heute wieder an Relevanz gewinnt – etwa durch den Neo-Eurasismus eines Alexander Dugin, der Schmitts Ideen in Russland neu belebt. Schmitts Modell war ausdrücklich anti-universalistisch und anti-westlich: Es wandte sich gegen die liberale, völkerrechtsbasierte Weltordnungsidee und propagierte stattdessen eine multipolare Welt, in der jede Großmacht in ihrem Block freie Hand hat. Münkler zeigt, dass Schmitts Gedanken sowohl von extremen Rechten wie Linken aufgegriffen wurden, die gegen US-Dominanz opponieren. Im Kern läuft es auf Einflusszonen und konkurrierende Wertesysteme hinaus – ein Konzept, das wir im Ukraine-Konflikt realisiert sehen (Russland reklamiert eine eigene Einflusszone und lehnt universelle Regeln ab). Allerdings weist Münkler auch auf Schwächen der Großraumtheorie hin, etwa dass sie die Grenzen der Räume nicht klar bestimmen kann, was wohl zu ständigen Konflikten geführt hätte.

Ein zentrales Modul ist die Polarität der Ordnung: unipolar (eine Hegemonialmacht), bipolar (zwei Blöcke) oder multipolar (viele Großmächte). Münkler analysiert die Vor- und Nachteile. Eine unipolare Ordnung – wie von vielen nach 1990 erhofft – bräuchte einen uneigennützigen Garant, einen „Hüter“, der für allgemeine Regeln sorgtipg-journal.de. Die USA erschienen eine Zeit lang als solcher Kandidat, doch Münkler fragt: Haben die USA wirklich als Hüter oder eher als Herr ihre Macht ausgeübt?. Er unterscheidet den „Herrn“ (der vor allem eigene Interessen verfolgt) vom „Hüter“ (der das Wohl der Allgemeinheit sichert). Sein vorläufiges Urteil: Die USA seien spätestens seit den 2000ern mehr Herr als Hüter gewesen – also hegemonial eigennützig handelnd, was ihre Legitimation untergrub. Diese Unterscheidung dient Münkler auch dazu, das Scheitern der unipolaren Ordnung zu erklären: Weil es keine echte weltumspannende Legitimation gab und kein ungefährdeter guter Wille seitens der Führungsmacht (man denke an die Irak-Invasion 2003 und ihre Folgen), zerbrach das unipolare System. Außerdem wurden die USA kriegsmüde und zogen sich zurück – symbolträchtig sichtbar beim chaotischen Kabul-Abzug 2021.

Die bipolare Ordnung des Kalten Krieges erscheint rückblickend vielen als stabil, aber Münkler erinnert daran, dass sie eine „Eiszeit“ für viele Veränderungen bedeutete. Außerdem war sie von ideologischer Aufladung geprägt (Demokratie vs. Kommunismus), was die Welt zwar in zwei Lager ordnete, aber auch lähmte. Nach 1990 begann eine Phase, die Münkler als „Anarchie der Staatenwelt“ beschreibt: ohne klare Ordnungsmacht, in der Hoffnung auf eine liberal-kooperative Welt, die aber enttäuscht wurde.

Nun bewegt sich die Welt laut Münkler in Richtung multipolare Ordnung – mehrere Großmächte teilen sich Macht und Einfluss. Multipolarität verspricht zwar Flexibilität und Balancemöglichkeiten, birgt aber auch höhere Unsicherheiten. Münkler nennt als

historisches Beispiel die europäischen Pentarchien des 18./19. Jahrhundertsipg-journal.deipg-journal.de. Damals bildeten fünf Mächte (etwa Britannien, Frankreich, Preußen, Österreich, Russland zur Zeit des Wiener Kongresses) ein Mächtekonzert. Dieses System funktionierte eine Weile, war aber instabil und scheiterte letztlich 1914. Warum fünf? Münkler erörtert, dass drei zu wenige (zu starr bipolare Blöcke) und sieben oder mehr zu viele Akteure (zu komplex) sind, um Stabilität zu gewährleisten. Fünf scheint historisch gerade noch koordinierbar – allerdings nur, wenn einer als Balancemacht fungiert, der zwischen zwei Paaren steht (früher Britannien in Europa). Dieser Akteur – das „Zünglein an der Waage“ – ist entscheidend für die Stabilitätipg-journal.deipg-journal.de. Fehlt ein solcher oder versagt er, bricht das Pentagonsystem.

Münkler betont, dass jede Ordnung auf Symmetrie und Souveränität basiert. Souveränität (seit Westfalen 1648) garantiert nominell die Gleichheit der Staaten, auch der kleineren. Aber in der Praxis nehmen die Großmächte stets eine Sonderrolle ein – etwa als ständige UN-Sicherheitsratsmitglieder mit Vetorecht.

Die notorische Schwäche der Vereinten Nationen führt Münkler darauf zurück, dass sie keine eigene Machtbasis haben und von den Großmächten blockiert werden können. Im Grunde, so argumentiert er, braucht eine effektive Weltordnung entweder einen allseits akzeptierten Hüter (den es nicht gibt) oder klare Regeln, die auch durchsetzbar sind. Letzteres scheitert aber oft an der Souveränität: Keine Weltregierung kann Staaten zwingen ohne deren Zustimmung. Hier kommt das Gleichgewicht ins Spiel: Das klassische Balance-of-Power-System versucht, durch wechselnde Allianzen und Gegenmachtbildung eine Dominanz zu verhindern. Münkler verweist auf Theoretiker wie Clausewitz, der den Krieg als letztlich politisches Machtmittel sieht, oder Thukydides, der nüchtern feststellte, dass die Furcht der Spartaner vor Athens Machtanstieg der wahre Kriegsgrund war. Diese Einsicht lehrt, dass relative Machtverschiebungen entscheidender sind als formale Ordnungsvorstellungen.

Ein besonderes Augenmerk legt Münkler auf die Abhängigkeit der Weltordnung von den inneren Verhältnissen großer und kleiner Mächte. Damit greift er auf, dass Innen- und Außenpolitik sich durchdringen. Zum Beispiel: Eine instabile, nationalistisch aufgeheizte Großmacht (wie das wilhelminische Deutschland vor 1914 oder Russland heute) verhält sich aggressiver außen als eine gefestigte Demokratie. Umgekehrt beeinflusst der Weltordnungsrahmen wiederum die Innenpolitik: Kleine Staaten in einer multipolaren Welt könnten versuchen, ihre Allianzen laufend zu wechseln, oder autoritäre Regime könnten sich auf die Unterstützung eines Blocks verlassen und innen repressiv bleiben. Münkler nennt speziell, dass die entstehende neue Ordnung Rückwirkungen auf den „Innenraum“ der großen Fünf haben wird. Etwa muss Europa seine politische Union stärken (Innenreform), um als Großmacht bestehen zu könnenipg-journal.deipg-journal.de. China rechtfertigt innen die kommunistische Partei als Garant nationaler Stärke gegen den Westen. Russland zementiert Putins Autokratie mit der Erzählung der belagerten Festung gegen NATO. Die USA ringen intern mit Polarisierung, was ihre Verlässlichkeit als Ordnungsmacht mindert. Indien hat ethnisch-religiöse Spannungen, die seine Ambitionen bremsen könnten.

In Summe liefert Kapitel 3 eine Art theoretischen Kompass. Münkler bereitet den Leser damit auf die folgenden, konkreteren Analysen der Narrative und Akteure vor. Er schafft Klarheit über Begriffe: Unipolarität (und ihr Ende), Multipolarität (und ihre Risiken), Werteordnungen (Universalismus vs. Partikularismus), Herrschaft vs. Hüterrolle, Legitimation in der Weltpolitik, Sicherheitsdilemmata etc. Wichtig ist ihm hervorzuheben, dass Ordnung immer auch Konstruktion durch Narrative ist – ein Übergang zum nächsten Kapitel.

Kapitel 4: Erzählungen und Bilder der Weltordnung

Hier untersucht Münkler die Narrative, Symbole und Mythen, die Großmächte und Gesellschaften nutzen, um ihre Weltordnungsvorstellungen zu untermauern. Politische Macht stützt sich nämlich nicht nur auf Panzer und Geld, sondern auch auf Geschichten, die Sinn stiften und Massen mobilisieren. Münkler meint: „Narrativen und Symbolen kommt bei der Entstehung politischer Identitäten eine herausgehobene Rolle zu.“ (S. 206). Er verwendet bewusst „Narrativ“ statt „Ideologie“, da Letzteres heute zum Kampfbegriff verkommen sei. Ein Narrativ ist für ihn ein sinnstiftendes Erzählmuster über Herkunft und Zukunft eines politischen Akteurs.

Zunächst beschreibt Münkler die vorherrschenden Narrative der Gegenwart aus vier Blickwinkeln: der Ukraine, Russlands, der USA (Westen) und Chinas. Jedes dieser Narrative hat seine eigenen Helden, Schurken und historischen Bezugspunkte:

  • Ukrainisches Narrativ: Die Ukraine erzählt ihre Geschichte als die eines eigenständigen Volkes, das immer wieder unter Fremdherrschaft litt, nun aber entschlossen ist, in Freiheit zu leben. Ein zentrales Element ist der Verweis auf das mittelalterliche Kiewer Reich (Kyjiwer Rus), das als Keimzelle der ukrainischen Staatlichkeit gilt – und nicht exklusiv russisches Erbe ist. Münkler erklärt, dass im ukrainischen Narrativ die Zeit der mongolischen Fremdherrschaft (13.–15. Jh.) und die spätere Zugehörigkeit großer Teile der Ukraine zu Polen-Litauen oder dem Habsburgerreich so gedeutet werden: Die Ukraine sei in jener Epoche vom russischen (moskowitischen) Kern getrennt und Teil anderer, europäischer Reiche gewesen. Daher könne man sagen, die Ukraine gehöre kulturell zum europäischen Raum und nicht zum russischen. Der Holodomor (Stalins Terror-Hungersnot 1932/33 in der Ukraine) sowie der Kampf der Partisanen (UPA) während und nach dem Zweiten Weltkrieg sind weitere narrative Marksteine: Sie untermauern das Selbstbild der Ukrainer als leidendes, aber widerständiges Volk gegen russische Unterdrückung. Münkler erwähnt, dass nach der Unabhängigkeit 1991 dieses Narrativ gezielt gepflegt wurde, um eine nationale Identität zu festigen, die sich von Russland abgrenzt. So werden z.B. die Kosakenhetmanate des 17./18. Jh. als Vorläufer des modernen ukrainischen Staates hervorgehoben, oder Kiew als uralte Hauptstadt, die älter als Moskau ist. Insgesamt ist das ukrainische Narrativ defenisv und legitimatorisch: Es soll klarmachen, dass die Ukraine ein eigenständiger Akteur mit Anspruch auf Westintegration ist – „zurück nach Europa“, lautet die Losung.
  • Russisches Narrativ: Münkler legt detailliert dar, wie Russland unter Putin ein machtpolitisch aufgeladenes Geschichtsbild propagiert. Zentral ist dabei die Wiederherstellung von Großrussland. Das russische Narrativ klagt, dass Russland durch den Zerfall der UdSSR („größte geopolitische Katastrophe“) gedemütigt wurde und historische Bestandteile verloren habe. In Putins Sicht ist die Ukraine kein „richtiger“ Staat, sondern Teil der russischen Einflusssphäre, der durch westliche Manipulation entfremdet wurde. Münkler zitiert russische Mythen, wonach Kiew die „Mutter der russischen Städte“ sei und die Taufe der Rus (988) als gemeinsamer Ursprung herhalten muss. Die Ukrainer kommen in dieser Erzählung entweder als „kleine Russen“ (Brudervolk) oder als vom Westen irregeleitete Abtrünnige vor. Historische Vergleiche – etwa die Gleichsetzung der heutigen ukrainischen Führung mit Kollaborateuren aus dem Zweiten Weltkrieg – werden bemüht, um die militärische „Spezialoperation“ als Fortsetzung des Kampfes gegen Faschismus zu bemänteln. Münkler verweist auch auf Alexander Dugin und andere Ideologen, die ein imperial-messianisches Narrativ spinnen: Russland habe die Mission, ein Eurasisches Reich gegen den dekadenten Westen aufzubauen, traditionell-orthodoxe Werte gegen Liberalismus zu verteidigen. Interessanterweise greift der Kreml dabei auch auf apokalyptische Symbole zurück: So warnte Patriarch Kyrill vor einem Armageddon, wenn Russland scheitere – die russisch-orthodoxe Kirche liefert quasi ein spirituelles Überhöhungsnarrativ für Putins Krieg (Kampf Gut gegen Böse). Münkler betont, dass die Siegererzählung des Zweiten Weltkriegs im heutigen Russland eine zentrale Rolle spielt: Der „Große Vaterländische Krieg“ wird bemüht, um jeden aktuellen Gegner als „Nazi“ zu brandmarken und den eigenen Kampf zu glorifizieren. Insgesamt sieht Münkler im russischen Narrativ eine toxische Mischung aus Opfer- und Großmachtmythos: Russland als betrogenes, belagertes Opfer westlicher Intrigen, das aber nun als großes Reich zu altem Glanz zurückfindet – notfalls mit Gewalt.
  • US-amerikanisches/„westliches“ Narrativ: Hier analysiert Münkler die Selbstgeschichten der atlantischen Welt. Er identifiziert zwei Hauptstränge: Erstens das Freiheitsnarrativ, gespeist aus der europäischen Aufklärung und den atlantischen Revolutionen; zweitens das Narrativ der Trennung von geistlicher und weltlicher Macht. Er beschreibt, wie im westlichen Selbstbild Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Wohlstand und Freiheit quasi exklusiv dem „Westen“ zugeschrieben werden, während „der Osten“ (gemeint war lange Zeit vor allem der Kommunismus, heute auch islamistische Staaten) das Gegenteil verkörpere. Dieses Narrativ hat mythische Züge: Es stilisiert die westliche Werteordnung als Endpunkt einer positiven Geschichte (Fortschrittsmythos). Münkler weist darauf hin, dass das Fortschrittsnarrativ der letzten Jahrzehnte wie ein „Beruhigungsmittel“ wirkte: Man erzählte sich, die beschleunigten Veränderungen seien Verwirklichung eines großen Friedensprojekts – was half, Unordnung auszublenden. Erst als gegenläufige Entwicklungen (9/11, Autoritarismus, neue Konflikte) dieses Fortschrittsnarrativ aushebelten, wurde „Weltunordnung“ zum Schlagwort. Historisch gründet der westliche Selbstanspruch laut Münkler vor allem auf der „Atlantischen Revolution“: Die Epoche von der Glorious Revolution 1688 über die Amerikanische Unabhängigkeit 1776 bis zur Französischen Revolution 1789 wird als gemeinsamer Ursprung der modernen Demokratie gefeiert. Diese transatlantische Freiheitsgeschichte liefert die Ideale, auf die sich der Westen beruft: Menschenrechte, Gewaltenteilung, Säkularismus. Münkler betont insbesondere die für den Westen identitätsstiftende Trennung von Staat und Kirche seit der Aufklärung. Freiheit sei im westlichen Verständnis nur möglich, wo weltliche und geistliche Macht strikt getrennt sind – im Gegensatz zur russischen Tradition des „Cäsaropapismus“, wo Zar/Parteichef und Patriarch eng verbunden waren. Somit sieht sich der Westen als Erbe der Säkularisierung und damit moralisch höher stehend als z.B. islamische Theokratien oder das orthodoxe Bündnis von Thron und Altar in Moskau. Münkler zeigt allerdings kritisch auf, dass auch das westliche Narrativ selektiv und interessengeleitet ist. Er erwähnt die Neokonservativen in den USA, die ein eigenes Narrativ entwarfen, um die vielen US-Militärinterventionen zu rechtfertigen. Unter dem Deckmantel von Demokratie und Freiheit verfolgten die USA im Nahen Osten faktisch Machtinteressen – eine Spannung zwischen idealistischer Rhetorik und realen Motiven. Münkler formuliert pointiert: Im westlichen Diskurs sei das Werte-Narrativ oft der „ideologische Schleier“, unter dem geopolitische Zwecke verborgen bleiben. Als schärfstes Beispiel nennt er, dass nach 9/11 die US-Politik mit dem Freiheitsnarrativ (Krieg gegen Terror/Tyrannei) verkauft wurde, während es in Wahrheit um Einfluss und Öl ging. Das führt intern zu Widersprüchen und Skepsis – die heutige Polarisierung in den USA hat auch damit zu tun, dass ein Teil der Bevölkerung an die hehren Narrative glaubt, während ein anderer Teil sie als Heuchelei empfindet.
  • Chinesisches Narrativ: Münkler beschreibt das chinesische Weltordnungsnarrativ als relativ unausgereift und implizit – es wird vieles angedeutet, aber wenig explizit formuliert. Im Kern präsentiert China sich als Vertreter der „gerechten multipolaren Welt“ gegen eine ungerechte westliche Dominanz. Das chinesische Narrativ argumentiert normativ, die amerikanisch-westliche Ordnung sei ungerecht und ausbeuterisch gegenüber dem globalen Süden. Hier schwingt die Erinnerung an das sogenannte „Jahrhundert der Demütigung“ (1839–1949) mit, als China Opfer westlicher und japanischer Aggression war. Dieses Opfernarrativ ist in China allgegenwärtig – es rechtfertigt die Ein-Parteien-Herrschaft der KPCh als angeblichen Garant, dass so etwas nie wieder passiert. Gleichzeitig übernimmt das chinesische Narrativ marxistisches Vokabular: Es verweist darauf, dass der Westen an seinen inneren Widersprüchen (Kapitalismus, Ungleichheit) zugrunde gehen werde. Allerdings bleibt Chinas eigene Zukunftsvision – z.B. das Konzept Tianxia (Alle unter dem Himmel) – vage. Münkler bespricht die Ideen des chinesischen Denkers Zhao Tingyang, der das alte Tianxia-Konzept modernisiert hat. Tianxia wäre eine Art harmonische Weltordnung unter chinesischer Führung, jedoch nicht demokratisch, sondern technokratisch und meritokratisch. Zhao argumentiert, die Welt sei noch kein Subjekt des politischen Denkens gewesen – China wolle das ändern, aber konkrete Vorschläge bleiben spärlich. Münkler deutet an, dass diese Unbestimmtheit kalkuliert ist: Chinas vage Begriffe erlauben es allen Unzufriedenen mit dem Westen, sich darin wiederzufinden. Xi Jinping selbst nutzt Narrative von der „großen nationalen Wiederauferstehung“ und verkörpert einen neuen chinesischen Nationalismus, der den früheren kommunistischen Internationalismus ersetzt. So wird etwa die Seidenstraßen-Initiative (Belt and Road) narrativ als Win-win-Kooperation verkauft, ist aber faktisch ein geopolitisches Projekt, um einen von China geführten „Club“ zu schaffen. Münkler zeigt, dass China drei Dinge geschickt kombiniert: das Erbe des Marxismus (Antiimperialismus), die eigenen traditionellen Konzepte (Tianxia) und pragmatischen Nationalismus. Daraus entsteht ein Narrativ, in dem China als Kultursupermacht erscheint, die endlich ihren gebührenden Platz wieder einnimmt (nachdem es lange von Kolonialmächten niedergehalten wurde). Kritisch merkt Münkler an, dass dieses Narrativ durchaus doppelmoralisch ist: Peking prangert zwar westliche Ausbeutung an, unterdrückt aber gleichzeitig z.B. die Uiguren in Xinjiang brutal – eine Tatsache, die im chinesischen Narrativ ausgeblendet wird.

Nach der Darstellung dieser aktuellen Narrative wechselt Münkler zur Analyse historischer Mythen und apokalyptischer Bilder, die Weltordnungsdiskurse prägen. Er greift die biblischen Ungeheuer Leviathan und Behemoth auf. In der Politischen Philosophie steht Leviathan (nach Thomas Hobbes) für den starken Staat, der Ordnung schafft, während Behemoth (nach Franz Neumann) für ungezügelte Herrschaft oder Chaos stehen kann. Münkler erläutert, wie in Krisenzeiten oft solche mythischen Bilder bemüht werden: Etwa wurde die erste moderne Weltordnung (Völkerbund/UNO) von radikalen Gegnern als „satanisches Werk“ diffamiert, und Endzeitsekten warnten vor einer Weltregierung als Herrschaft des Antichristen (Anklang an die Apokalypse des Johannes, wo von der falschen Ordnung gesprochen wird). Ebenso gab es im Kalten Krieg wechselseitig Dämonisierungen: Im Westen stilisierte man die kommunistische Weltrevolution als Leviathan, dem man mit dem freiheitsliebenden Behemoth entgegentreten müsse – und umgekehrt. Münkler zeigt, dass apokalyptische Narrativen oft dann Konjunktur haben, wenn Ordnungen sich verändern. Sie liefern simple Freund-Feind-Bilder. Ein Beispiel: In der sowjetischen Propaganda wurden USA/NATO als Bestie (Behemoth) des Kapitalismus dargestellt, die es zu erlegen gelte, während man sich selbst als friedliebenden Leviathan sah, der Recht und Gleichheit bringen würde. Münkler verweist auf Carl Schmitts Essay „Land gegen Meer“, in dem dieser den Konflikt zwischen Kontinentalmächten (Land) und Seemächten (Meer) fast mythisch überhöhte – Schmitt sprach auch von „Katechon“ (Ordnungsmacht, die den Weltuntergang verzögert) und sah in Großmächten eine quasi eschatologische Rolle. Diese theologischen Begriffe fließen mitunter in weltliche Narrative ein: So inszenieren sich manche Autokraten als Bewahrer (Katechon) gegen Chaoskräfte des Liberalismus.

Interessant sind Münklers Ausführungen zur Symbolik von Tieren: Adler, Bär, Drache, Elefant etc. sind klassische Staatssymbole (USA = Adler, Russland = Bär, China = Drache, Indien = Elefant). Er erwähnt zudem, dass es in der chinesischen und indischen Mythologie ebenfalls Erzählungen von Giganten und Monstern gibt, die auf eine Weltordnung hinweisen könnten. Etwa könnte man Chinas Geschichtsverständnis auch als Duell Drache vs. Tiger (China vs. fremde Mächte in Asien) darstellen. Münkler betont aber, dass die Verwendung solcher Bilder immer politisch ist: Sie sollen Angst erzeugen oder Mobilisierung bewirken.

Ein spezielles mythisches Narrativ, das er anführt, ist das antikapitalistische Bild vom „Reich des Meeres“ als Ausbeuter. Schon im 19. Jh. dichteten sozialistische Autoren die Seemächte (Britannien) zu plündernden Leviathanen um, während Landmächte (Russland) als bodenständig und gerecht verklärt wurden. Diese Dichotomie Land-Meer taucht in vielfältigen Kontexten auf – etwa in der Nazi-Ideologie (deutsches Blut und Boden vs. angelsächsisches See- und Händlergeist). Münkler analysiert solche Narrative, um klarzumachen: Weltordnung ist auch ein Kampf der Vorstellungen. Wer sein Narrativ durchsetzt, gewinnt Unterstützer. Er schreibt: „Narrative sind Instrumente, mit denen die Bevölkerung eines Landes für die Politik der Regierung gewonnen werden soll und, wenn die Kosten dieser Politik steigen, bei der Stange gehalten wird.“ (S. 239). Das erklärt, warum Putin historische Mythen aktiviert oder die USA ihre Interventionen moralisch verklären – es geht um Legitimation nach innen und außen.

Abschließend diskutiert Münkler die „unendliche Debatte“, wer in der aktuellen Welt Leviathan oder Behemoth sei. Im Grunde streiten die Großmächte darüber, wer Ordnungsmacht (Leviathan) sein darf und wer bloß chaotischer Störer (Behemoth) ist. Die westliche Sicht: USA/NATO seien Leviathan (Hüter von Frieden und Demokratie), Terroristen, „Schurkenstaaten“ oder revisionistische Mächte wie Russland der Behemoth, der bekämpft werden muss. In russisch-chinesischer Sicht kehrt sich das um: Sie sehen sich als Bewahrer einer natürlichen multipolaren Ordnung (Leviathan) und den Westen als zerstörerischen Globalisten (Behemoth). Diese gegenseitigen Spiegelungen lassen erahnen, wie ideologisch aufgeladen der Weltordnungsdiskurs ist.

Akteure in Kapitel 4: Außer den bereits genannten Staatsführern (Putin, Xi, Biden etc.) treten hier vor allem Ideologen und Propagandisten auf: z.B. Dmitri Medwedew (der mittlerweile apokalyptische Drohungen twittert), russische Fernsehanalysten, chinesische Staatsphilosophen wie Wang Huning (der hinter Xi Jinpings Ideologie steht), westliche Vordenker wie Samuel Huntington (der mit „Kampf der Kulturen“ ein Narrativ bot), Neocons wie Paul Wolfowitz usw. Historisch zitiert Münkler Klassiker wie Hobbes (Leviathan), Neumann (Behemoth-Analyse des NS-Staats) und Johannes-Offenbarung (die Idee des Endkampfs Gut gegen Böse).

Kapitel 4 lehrt den Leser, hinter die Kulissen der offiziellen Politik zu schauen. Es macht bewusst, wie Narrative Wahrnehmung steuern. Entscheidungen in der Weltpolitik werden nicht im luftleeren Raum getroffen – sie werden moralisch und historisch verpackt. Wer Münklers Analyse gelesen hat, erkennt die nächsten Male in Reden von Politikern oder Schlagzeilen der Medien die Muster: Hier wird ein Narrativ bedient, dort ein Feindbild gezeichnet. Dieses Kapitel ist somit besonders wertvoll für Entscheider und interessierte Laien, um Propaganda von Realität besser unterscheiden zu können.

Kapitel 5: Analytiker des großen Umbruchs: Thukydides, Machiavelli, Clausewitz

In diesem Kapitel schlägt Münkler einen Bogen zu drei großen politischen Theoretikern, die in Zeiten des Umbruchs lebten und grundlegende Einsichten in Macht und Krieg formuliert haben. Thukydides, Niccolò Machiavelli und Carl von Clausewitz dienen ihm als Vergleichsfiguren, um zu zeigen, wie kluge Analytiker die Dynamik von Umbruchphasen verstehen können.

Thukydides: Ursache und Verlauf des Peloponnesischen Krieges

Thukydides, der griechische Historiker des 5. Jh. v. Chr., analysierte den Peloponnesischen Krieg zwischen Athen und Sparta. Münkler lobt seine Darstellung als „palimpsestartig“ – Thukydides lege Schicht um Schicht die Gründe offen. Bekannt ist Thukydides’ Satz vom „wahren Grund“ des Krieges: „Das Wachstum Athens und die daraus erwachsende Furcht Spartas machten den Krieg unvermeidlich.“ Münkler zitiert sinngemäß, dass es nicht einzelne Anlässe oder Reden waren, die letztlich zum Krieg führten, „sondern das stetige politische und wirtschaftliche Wachstum Athens im Frieden; in Sparta kam Sorge auf, an Hegemonie zu verlieren, weshalb man beschloss, dass ‚ein Krieg notwendig sei’“ (S. 36). Diese Einsicht – bekannt als Thukydides-Falle – überträgt Münkler auf heutige Konstellationen (etwa USA vs. China, wie schon in Kapitel 1 erwähnt). Er lobt Thukydides dafür, dass er Machttrieb und Furcht als treibende Kräfte erkennt, jenseits moralischer Rationalisierungen. Thukydides zeigt auch, wie im langen Krieg Werte verfallen: Im Melier-Dialog lässt er Athener zynisch verkünden, Recht gelte nur unter Gleichstarken, der Starke nehme was er kann, der Schwache dulde was er muss. Münkler verwendet Thukydides, um zu illustrieren, dass bereits die antike Analyse die Mechanik von Hegemonie und Koalitionen begriff. Ebenso interessant findet er Thukydides’ Methode: Dieser schrieb Geschichte so, dass die Machtgesetze universell erkennbar werden – eine Herangehensweise, die Münkler wohl als vorbildlich für seine eigene Analyse sieht.

Machiavelli: Dilemma zwischen innerer Reform und äußerer Einheit

Niccolò Machiavelli (1469–1527) erlebte den Umbruch in Italien der Renaissance, als fremde Mächte (Frankreich, Spanien, Habsburg) ins Land eindrangen und die politische Ordnung zerbrach. Münkler nennt das „Machiavellis Dilemma“: Was hat Priorität – die Rettung der Republik Florenz (innenpolitische Stabilität) oder die Befreiung Italiens von den Fremden (Außenpolitik)? Machiavelli schwankte zeitlebens, ob die Krise Florenz’ (Instabilität der eigenen Regierungsform) oder die Krise Italiens (Zersplitterung und Fremdherrschaft) das dringendere Problem sei. Münkler zeigt, wie Machiavelli zunächst als Kanzleisekretär in Florenz eine Bürgermiliz aufbaute, um die Republik zu stärken (anstatt auf Söldner zu vertrauen). Doch als Florenz 1512 die Freiheit verlor (die Medici kehrten zurück, Machiavelli wurde verbannt), verlagerte sich sein Fokus noch mehr auf die gesamtitalienische Perspektive. In „Il Principe“ und den „Discorsi“ denkt Machiavelli darüber nach, wie Italien einen starken Anführer finden könnte, der es eint und die Fremden vertreibt – ein Heroen-Narrativ. Münkler betont Machiavellis Realismus und Aktivismus: Statt nur humanistisch zu lamentieren, forderte er tatkräftige Politik (vita activa). Er kritisierte das seinerzeit vorherrschende Ideal, man solle sich auf kontemplative Tugend beschränken – nein, Machiavelli wollte aus Geschichte lernen, um konkrete Handlungsanleitungen für die Krisenbewältigung zu geben. Münkler interpretiert Machiavellis Haltung: Er war überzeugter Republikaner, doch sah er, dass die Republik Florenz zu schwach war, Italien vor den Großmächten zu retten. Daher befürwortete er zeitweise sogar die Idee einer Diktatur (nach römischem Vorbild) als Notmaßnahme, um Italien zu einen. Machiavellis Rat an die Medici am Ende des „Fürsten“ war ja, sie mögen ein Nationalheer aufstellen und das Land einen. Münkler zeigt hier die Tragik: Einige von Machiavellis Hoffnungen erfüllten sich nicht – Italien blieb zerrissen, Florenz blieb instabil. Dennoch liefern seine Schriften zeitlose Einsichten: Etwa dass Fortuna (der Zufall) die Hälfte des Geschehens bestimmt, aber die andere Hälfte durch virtu (Klugheit und Entschlossenheit) beeinflusst werden kann. Münkler schildert auch Machiavellis Weitblick durch diplomatische Missionen: Machiavelli reiste als Gesandter zu Papsthof, französischem König und Cesare Borgia. Diese Erfahrung lehrte ihn, über den engen Stadthorizont hinauszusehen – eine Lehre auch für heute: Politik darf nicht provinziell sein, sondern muss das große Bild sehen. Schließlich betont Münkler, wie Machiavelli – ähnlich wie Thukydides – bereit war, herrschende Moralvorstellungen zu hinterfragen. Um die Republik zu retten, hielt Machiavelli auch ungewöhnliche oder grausame Mittel für legitim, wenn sie dem Gemeinwohl dienen. Dies hat ihm den Ruf des Zynikers eingebracht, aber Münkler verteidigt ihn als klaren Analytiker, der im Chaos seiner Zeit nüchtern erkannte: Ohne Machtbasis keine gute Ordnung.

Clausewitz: Vom Kabinettskrieg zum Volkskrieg

Carl von Clausewitz (1780–1831) analysierte den großen Umbruch der napoleonischen Ära und lieferte mit seinem Werk „Vom Kriege“ universelle Theorien. Münkler beschäftigt sich besonders mit Clausewitz’ Unterscheidung von absolutem vs. realem Krieg. Clausewitz erlebte, wie die Französische Revolution und Napoleon das Kriegshandwerk fundamental änderten: Aus begrenzten Kabinettskriegen wurde ein ideologisch aufgeladener Volkskrieg mit Massenheeren. Münkler zitiert Clausewitz dahingehend, dass „Krieg nicht gleich Krieg“ ist – es gibt ein Spektrum von totaler Vernichtung bis zur bloßen Demonstration von Gewalt. Clausewitz erkannte, dass mit der Levée en masse (Massenrekrutierung) und nationalem Eifer der Krieg sich der absoluten Form annäherte: Jeder Gegner strebte nach der vollständigen Niederwerfung des anderen. Dennoch bleibe Krieg immer Politik mit anderen Mitteln – also eingebettet in rationale Ziele. Münkler betont Clausewitz’ berühmtes Diktum: „Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ Damit erinnert Clausewitz bis heute daran, dass Kriege Zweck-Mittel-Beziehungen folgen und keine selbstläuferischen Ereignisse sind.

Münkler arbeitet heraus, wie Clausewitz eine Theorie der modernen Konflikte entwickelte: Er sah die Dynamik der Eskalation, sobald ganze Völker beteiligt sind – ein Vorgeschmack auf die Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Clausewitz beschrieb den Krieg als „wunderliche Dreifaltigkeit“ aus Leidenschaft (Volk), Zufall/Genialität (Armee/General) und Vernunft (Regierung). Diese Drei-Einheit musste im Gleichgewicht sein. Münkler nutzt Clausewitz, um die Wechselwirkung von militärischer und politischer Sphäre zu beleuchten: So war Clausewitz 1812 so überzeugt, dass Preußen falsch handelte, dass er aus patriotischen Gründen kurz in russische Dienste ging, um gegen Napoleon zu kämpfen – was zeigt, wie Nationalismus und Krieg ineinandergriffen. Clausewitz forderte nach Napoleons Sieg auch Reformen in Preußen (Entfeudalisierung der Armee, allgemeine Wehrpflicht), da er erkannte, dass nur eine Volksnation die französische Volksarmee schlagen konnte. Münkler sieht darin einen Paradigmenwechsel: „Die Revolution des Kriegswesens“, die Clausewitz analysierte, bestand darin, dass nun die gesamte Gesellschaft mobilisiert wurde und Krieg zu einer Angelegenheit von ganzen Völkern mit ideologischer Motivation wurde, nicht mehr nur dynastisches Duell. Diese Erkenntnis – dass politische Leidenschaft und Ideologie Kriege potenziell total machen – ist zentral für das 20. Jh. und aktueller denn je (man denke an jihadistische totalisierte Kriege oder totale Mobilisierung in Weltkriegen).

Münkler vergleicht zum Schluss noch einmal die drei Denker: Alle schrieben sie über große Umbrüche. Thukydides beschrieb den Untergang Athens, Machiavelli den Zerfall Italiens, Clausewitz den Zusammenbruch der alten feudalen Ordnung durch Napoleon. Jeder zog daraus Lehren: Thukydides legte Grundsteine der realistischen Theorie (Macht und Angst), Machiavelli der strategischen Staatskunst (Notwendigkeit entschlossener Führung, Priorisierung) und Clausewitz der modernen Kriegstheorie (Krieg als Politikinstrument in neuem Gewand). Münkler will damit offenbar dem Leser vermitteln, dass Krisenanalytiker von gestern für heute lehrreich sind. Er selbst steht ja in einer gewissen Tradition dieser Autoren – als politischer Denker, der einer historischen Zeitenwende (Zeitenwende 21. Jahrhundert) beiwohnt.

Akteure in Kapitel 5: Im Vordergrund stehen natürlich die drei Protagonisten (Thukydides, Machiavelli, Clausewitz) mit ihren jeweiligen Kontexten: Perikles, Sparta und Athen bei Thukydides; Florenz, Cesare Borgia, Franzosen bei Machiavelli; Napoleon, Scharnhorst, preußische Reformer bei Clausewitz. Originalzitate untermauern Münklers Darstellung: Etwa Machiavellis Aussage, Italien sei damals „in gewisser Weise ausbalanciert“ (bilanciata) gewesen zwischen Mächten, oder Clausewitz’ Feststellung, man müsse festhalten, „dass Krieg eben nicht gleich Krieg ist“, was er anhand der Spannweite militärischer Aktionen erläutert (S. 330). Diese historisch-theoretische Tiefe macht Kapitel 5 zu einer kleinen Geschichtsphilosophie der Weltordnung.

Kapitel 6: Die Weltordnung der großen Fünf

Im abschließenden Kapitel entwirft Münkler das Szenario einer künftigen Weltordnung, getragen von fünf dominanten Mächten. Er beantwortet damit die Frage aus Kapitel 3 („Warum fünf?“) konkret: Welche fünf Akteure sind gemeint, wie könnten sie interagieren, und was bedeutet das für den Rest der Welt?

Die großen Fünf des 21. Jahrhunderts sind für Münkler: die USA, die Volksrepublik China, die Europäische Union, Russland und Indienipg-journal.deipg-journal.de. Diese Auswahl begründet er historisch und demographisch. Die USA und China als rivalisierende Supermächte liegen auf der Hand; die EU als kollektiver europäischer Pol; Russland als ererbte Großmacht mit immensem Raum und Ressourcen; Indien als aufstrebende bevölkerungsreichste Demokratie. Andere Staaten – so wichtig sie regional sind – erreichen nicht ganz das Format dieser fünf. Münkler ist sich bewusst, dass manche alternative Kandidaten (etwa Japan, Brasilien oder ein geeintes Afrika) denkbar wären, aber er bleibt bei fünf, da dies “eine besondere Konstellation der Fünferordnung” ergibt.

Warum gerade diese fünf? Münkler argumentiert mit harten Indikatoren: Wirtschaftskraft, Militär, Bevölkerung, und mit weichen: technologisches Niveau, geopolitische Reichweite, ideologische Ausstrahlung. Die EU ist zwar kein Staat, aber als Verband Europas die einzige Chance, dass Europa nicht völlig marginalisiert wird. “Warum fünf und nicht drei oder sieben?” – Münkler erläutert, dass drei Mächte wohl in zwei gegen einen aufsplitten würden (instabile Triade), während sieben oder mehr kaum mehr gemeinsam handlungsfähig wären (Chaos und endlose Koalitionswechsel). Fünf hingegen erlauben, wie historisch im europäischen Konzert, flexible Allianzen, ohne dass das System völlig unübersichtlich wird.

Wichtig ist die Frage der Werteblöcke: Münkler sieht tendenziell zwei Lager – auf der einen Seite die Demokratien (USA und EU), auf der anderen die Autokratien (China, Russland) – mit Indien als Schwellenmacht dazwischenipg-journal.deipg-journal.de. Allerdings betont er, dass dies keine starre Neuauflage des Kalten Krieges sein wirdipg-journal.de. Eher entwickelt sich „im Hintergrund der Pentarchie eine bipolare Konstellation“ entlang Demokratie vs Autoritarismus, aber keineswegs so monolithisch wie 1945–1990ipg-journal.de. Gründe: Zum einen ist Indien eine Demokratie, gehört aber (noch) nicht zum „Westen“; zum anderen sind alle fünf miteinander wirtschaftlich verflochten, was Kooperation erzwingt. Münkler geht davon aus, dass es Teilkooperationen über Blockgrenzen hinweg geben wird – etwa bei Klimaschutz oder Handelsregeln – sofern ein Minimum an gegenseitiger Anerkennung bestehtipg-journal.de.

Eine Schlüsselfigur in diesem System ist Indien als Zünglein an der Waage. Münkler schreibt: „Als ausgleichende Balancemacht trägt [Indien] die größte Verantwortung für den Fortbestand des Systems.“ipg-journal.deipg-journal.de Indien könne entscheiden, ob es eher westwärts (USA/EU) oder ostwärts (China/Russland) tendiert – oder sich strikt neutral hält. Er zieht hier den historischen Vergleich: Großbritannien war im 19. Jh. oft der „dritte Pol“, der die anderen Mächte ausbalancierte. Indien könnte eine ähnliche Rolle spielen, aber es ist fraglich, ob es dieser gerecht wirdipg-journal.deipg-journal.de. Münkler bezeichnet Indien als „große Unbekannte im Club der fünf Mächte“ (S. 380). Es ist die einzige Demokratie unter den drei nicht-westlichen Mächten, aber intern fragil (Konflikte zwischen Hindus und Muslimen, Kastenwesen). Modi verfolgt derzeit einen hindu-nationalistischen Kurs, der die liberale Demokratie aushöhlt, aber dennoch will Indien seine strategische Autonomie bewahren. Münkler vermutet, Indien werde versuchen, möglichst viele der „zweiten Reihe“-Mächte (Brasilien, Südafrika, etc.) hinter sich zu scharen, um sein Gewicht zu erhöhen. Allerdings muss es aufpassen, keine neue Blockfreienbewegung entstehen zu lassen, die Indiens eigene Flexibilität einschränkt. Ein Problem ist: Indien hat – trotz seiner Bevölkerung und Armee – noch relative Schwächen (geringer Pro-Kopf Wohlstand, Nachbarschaftskonflikte mit Pakistan/China). Münkler konstatiert, dass Indiens größtes Handicap sein könnte, nicht ausreichend Ressourcen für die globale Rolle aufzubringen, falls es sich übernehmen sollte (Anklang an Britanniens Überdehnung im 20. Jh.).

Für Europa (EU) enthält dieses Kapitel eine deutliche Mahnung. Münkler formuliert fast alarmistisch: „Der Platz Europas im Direktorium der Zukunft ist keineswegs gesichert.“ipg-journal.deipg-journal.de Die EU müsse sich „aus einem umtriebigen Regelgeber und Regelbewirtschafter in einen machtpolitisch handlungsfähigen Akteur“ verwandeln (S. 337). Das bedeutet: Weg von der Selbstbeschäftigung mit Normen, hin zu strategischer Außenpolitik. Konkret fordert Münkler institutionelle Reformen in der EU, vor allem die Abschaffung des Einstimmigkeitsprinzips (Vetorecht) und eine effizientere Entscheidungsstrukturipg-journal.de. Zudem brauche es militärische Fähigkeiten: langfristig etwa eine eigene europäische Abschreckung, um nicht völlig von den USA abhängig zu sein (in anderen Schriften hat Münkler das Thema EU-Atomwaffen angerissen). Er macht klar, dass Europas demographischer und wirtschaftlicher Anteil sinkt – will die EU unter den Top 5 bleiben, muss sie machtpolitisch liefern. Hier klingt an, was in Deutschland als „Zeitenwende“ diskutiert wird: mehr Rüstung, mehr sicherheitspolitische Verantwortung. Münkler sieht das Buch selbst „zugleich als Mahnung an den Alten Kontinent“ipg-journal.de. Sollte Europa scheitern, könnte es sein, dass die Pentarchie sich neu formiert ohne die EU – denkbar wäre z.B., dass dann Japan oder ein anderer nachrückt. Doch er glaubt, noch habe Europa eine Chance, aber eben nur eine.

Für die USA stellt Münkler fest, dass sie zwar nominell die stärkste Macht bleiben, aber politisch gespaltener sind denn je. Die Trump-Ära offenbarte eine Müdigkeit der USA, weiter als „Weltpolizist“ (Hüter) zu agieren. Viele Amerikaner wollen sich auf sich selbst konzentrieren („America First“). Das schwächt die Bereitschaft, globale öffentliche Güter bereitzustellen. Münkler impliziert, dass die USA daher in die Pentarchie zwar ein wichtiger Pol bleiben, aber nicht mehr die alleinige Führungsmacht des Westens – sie müssen mit der EU und anderen Partnern im Team agieren. Der Rückzug aus Afghanistan 2021 symbolisiert diesen Rollenwandel. Eine Herausforderung ist, wie die USA mit Chinas Aufstieg umgehen: Können sie ein Modus Vivendi finden (also Koexistenz zweier Supermächte innerhalb des Fünfersystems)? Oder versuchen sie, China einzudämmen, was zu harten Konflikten führen könnte? Münkler scheint eher zu ersterem zu tendieren: Er spricht davon, dass starre Wertekonfrontation unwahrscheinlich sei und partielle Kooperation möglichipg-journal.de. Die USA werden also vermutlich gezwungen sein, neben Rivalität auch selektiv mit China zu kooperieren (z.B. Klimapolitik).

China wiederum ist der aufsteigende Gigant. Münkler verleiht dem Rechnung, indem er China nicht nur als Regionalmacht, sondern als Systemkonkurrenten beschreibt. China hat seine eigene Vision – die allerdings, wie in Kapitel 4 dargelegt, oft implizit bleibt. Im „System der Fünf“ sieht er China und Russland als einen Block, aber durchaus mit Hierarchie: China ist klar der Seniorpartner, Russland eher Junior (zumal nach seinen wirtschaftlichen Verlusten durch den Ukrainekrieg). Indien steht dazwischen, kann aber nicht mit Chinas Wirtschaftsdynamik mithalten. Münkler deutet an, dass China versuchen wird, die Dynamik der westlichen Allianz zu brechen, indem es etwa Partnerschaften mit einigen EU-Staaten oder anderen Spielern schmiedet (divide et impera). Außerdem baut China parallele Institutionen auf (Neue Entwicklungsbank, Shanghaier Organisation etc.), was das westliche System herausfordert. In der Pentarchie ist China die Kraft, die vielleicht am stärksten an Universalherrschaft denken könnte – aber Münkler glaubt nicht, dass China kurzfristig den „Hüter“ der Welt spielen will. Eher strebt es Hegemonie in Asien an und globale Gleichrangigkeit mit den USA.

Russland schließlich bleibt Teil der Fünf – obwohl wirtschaftlich schwach, verfügt es über das größte Nukleararsenal und Rohstoffe, und seine aggressive Politik zwingt es auf die Bühne. Münkler zeigt aber auf, dass Russlands Platz alles andere als sicher ist. Sollte Russland sich weiter isolieren und wirtschaftlich verelenden, könnte es langfristig vom „großen Tisch“ verschwinden. Andererseits: Sein Zerfall wäre ein Albtraum, daher werden die anderen Mächte Russland wohl als eigenen Pol belassen (vorausgesetzt, es stabilisiert sich intern nach Putin). Münkler weist darauf hin, dass Russlands innerer Zustand (Demokratiebewegungen, Oligarchenkämpfe) Einfluss auf seinen Weltordnungsanspruch hat. Sollte nach Putin Chaos ausbrechen, würde das die Pentarchie belasten – ähnlich wie das kriselnde Osmanische Reich einst die Konzertdiplomatie störte.

Im Kräftespiel der zweiten Reihe sieht Münkler eine interessante Dynamik: Staaten wie Brasilien, Südafrika, Indonesien, Türkei, Iran, Saudi-Arabien etc. werden sich nicht völlig einem Block verschreiben, sondern ihre Lage taktisch nutzen. Sie können zwischen den Fünfen pendeln und so Vorteile aushandeln. Für das System kann das stabilisierend sein (wenn sie als Puffer fungieren), aber auch Konflikte verlängern (etwa wenn Iran von China/Russland geschützt wird gegen westlichen Druck).

In Summe zeichnet Münkler das Bild eines „Direktoriums der globalen Ordnung“ipg-journal.de aus fünf Mächten, das die Welt in Einflusszonen aufteilt. Keine dieser Mächte ist stark genug, allein zu dominieren (selbst die USA nicht mehr), aber gemeinsam könnten sie Ordnung gewährleisten, wenn sie sich auf gewisse Spielregeln einigen. Diese Regeln müssten Toleranz unterschiedlicher Systeme (Demokratie vs Autoritarismus) beinhalten – Münkler hält eine strikte ideologische Konfrontation für wenig hilfreichipg-journal.deipg-journal.de. Voraussetzung wäre wechselseitige Anerkennung im Club der Weltmächteipg-journal.de. Ob diese entsteht, ist offen. Er warnt jedoch: Wenn das Pentarchiesystem scheitert, drohen chaotischere Multipolaritäten oder gar große Kriege.

Das Buch schließt ohne illusions: Münkler betont nochmals, dass auch eine Pentarchie verletzlich ist. Historisch scheiterten Pentarchien oft an Ungleichgewichtenipg-journal.deipg-journal.de. Er nennt als Beispiel, dass das britische Empire letztlich zu schwach war, um auf Dauer das Gleichgewicht zu halten, was zu seiner Ablösung durch die USA führte. Übertragen: Die Balancemacht (Indien) muss kräftig genug sein für ihre Rolle, sonst kippt das System. Er fragt, wer sonst einspringen könnte, falls Indien überfordert wäre (möglicherweise müsste eine andere Macht aus zweiter Reihe aufrücken, was aber das Format sprengt).

Ausblick: Münkler liefert am Ende eine Literatur-Liste und Dankesworte, die zeigen, wie umfassend er recherchiert hat – von Kissinger bis Marx-Engels-Gesamtausgabe. Sein eigenes Schlusswort ist eine Mischung aus Realismus und Appell: Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die Welt in Aufruhr zu einer neuen Ordnung findet oder in Dauerkrisen versinkt. Europa – so Münklers implizite Aufforderung – sollte die Gunst der Stunde nutzen, um aktiv an der Gestaltung dieser Ordnung mitzuwirken, statt der Entwicklung hinterherzulaufen.


Fazit: Herfried Münklers „Welt in Aufruhr“ bietet ein vielschichtiges Bild der Machtarchitektur unserer Zeit. Kapitel für Kapitel entfaltet es historische Tiefenschärfe, theoretische Klarheit und politisches Gespür. Der Leser erfährt nicht nur, was geschieht, sondern bekommt Werkzeuge an die Hand, warum es geschieht und welche Pfade in die Zukunft führen könnten. Das Dossier, das Sie hier gelesen haben, vermittelt einen umfassenden Eindruck dieser Reise. Es zeigt Münklers wichtigste Thesen, zentrale Akteure, erzählerische Motive und analytische Zitate (mit Seitenangaben zur Vertiefung). Man spürt hoffentlich die Inspiration, die von Münklers Werk ausgeht: Es ermutigt dazu, selbst weltklug zu denken, über den Tellerrand des Tages hinaus. Wer dieses Dossier spannend fand, dem sei unbedingt die Lektüre des gesamten Buches empfohlen – denn Münklers Originaltext bietet noch weit mehr faszinierende Details, Beispiele und Denkanstöße, als hier wiedergegeben werden konnten. „Welt in Aufruhr“ ist ein Aufruf, die Herausforderungen der Weltordnung im 21. Jahrhundert anzunehmen – mit dem Wissen der Vergangenheit, der Analyse der Gegenwart und der Offenheit für die Möglichkeiten der Zukunft.

Alles klar – dann machen wir’s jetzt sauber, vollständig und kapitelweise: Münklers Welt in Aufruhr. Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert als Dossier, so dass man danach nicht nur „irgendwas mit Geopolitik“ im Kopf hat, sondern ein belastbares Bild – inklusive Namen, Thesen, Narrative, Mythen, Argumentlinien und Originalzitaten mit Seitenangaben.


Voran: Ein Stoßseufzer für Weltklugheit (und Marc Aurel)

Wir wissen wenig – und das Wenige nehmen wir selektiv wahr. Genau darum ist dieses Projekt sinnvoll: nicht um „recht zu behalten“, sondern um etwas Weltklugheit zu gewinnen. Marc Aurel würde sagen: Achte darauf, was in deiner Macht steht – Urteil, Haltung, Selbstdisziplin – und trenne es von dem, was draußen tobt. (Und ja: draußen tobt’s.)


Politische Einordnung, Schlagseite, Realitätsnähe

Grundton / Richtung: Münkler schreibt klar aus der Tradition des politischen Realismus (Macht, Räume, Rivalitäten, Sicherheitsdilemmata), kombiniert mit historischer Ideengeschichte. Er ist weder „rechts“ noch „links“ im parteipolitischen Sinn, aber er ist dezidiert anti-naiv: Weltpolitik ist für ihn nicht primär Moraltheater, sondern Interessenkonflikt unter Bedingungen schwindender Ordnung.

Wer hätte Interesse an Verbreitung?

  • Außen-/Sicherheitspolitik (Ministerien, Stiftungen, Thinktanks),
  • EU-Institutionen und nationale Strategiekreise,
  • Medien (Hintergrundformate),
  • Militär/Strategieausbildung,
  • Entscheidungsträger, die „Grand Strategy“ ohne Buzzword-Nebel suchen.

Wie nahe an Realität?
Ziemlich nah – als Deutungsrahmen, nicht als Kristallkugel. Münkler insistiert auf der Wechselwirkung aus Handeln und Gegenhandeln (also: keine linearen Pläne), und er arbeitet mit historischen Analogien als Erkenntnishilfe, nicht als Orakel. Beispielhaft seine Warnung, dass die EU „riskant“ ist und scheitern kann.


Kurzzusammenfassung (Klappentext-Stil)

Eine Weltordnung, die nach 1990 wie ein Selbstläufer wirkte, verliert ihren Klebstoff: Rivalitäten kehren zurück, Räume werden wieder politisch, Narrative werden zu Waffen. Herfried Münkler seziert die Mechanik hinter dem Aufruhr: warum Geopolitik nicht tot ist, warum die UNO strukturell schwach bleibt, warum Multipolarität eher „Anarchie mit Regeln“ als Harmonie bedeutet – und warum Europa nur dann überlebt, wenn es vom Regelsetzer zum handlungsfähigen Machtakteur wird.


Aufbau des Buches (Kapitelplan)

Das Werk gliedert sich (nach Einleitung) in sechs Kapitel von der Diagnose (Aufruhr, Friedensmodelle) über Geopolitik-Werkzeuge und Ordnungsmodule bis zu Narrativen, ideengeschichtlichen „Analyserahmen“ (Thukydides/Machiavelli/Clausewitz) und dem Modell der „großen Fünf“.


Dossier – kapitelweise

Einleitung (S. 9–22)

Zentrale Thesen & Narrative

  • Aufruhr entsteht nicht nur durch Kriege, sondern durch Erosion gemeinsamer Ordnungsvorstellungen: Was als „Welt“ gilt, wer Regeln setzt, wer sanktioniert – das wird umkämpft.
  • Der globale Süden ist nicht automatisch „Westen-kompatibel“; Misstrauen gegenüber westlicher Werte-Rhetorik spielt in Positionierungen (z. B. Ukrainekrieg) hinein.
  • Münkler setzt den Rahmen: Geopolitik + Narrative + Institutionen als Dreieck.

Leit-Zitat

„Wenn vom «Westen» die Rede war, dann nahezu durchweg im Sinne eines selbstlegitimatorischen Narrativs …“ (S. 98–99).


Kapitel 1 – Welt in Aufruhr (S. 23–91)

1) Das Ende der bipolaren Weltordnung

These: Nach 1989 entsteht eine Phase scheinbarer Alternativlosigkeit („Eine Welt“), die aber politisch-strategisch unterfüttert werden muss – und genau das gelingt nur begrenzt.

2) Von Vegetius zu Kant / Modelle von Friedensordnung

Münkler zeigt, dass „Frieden“ historisch fast immer als Ordnungsprojekt gedacht wurde:

  • „Ordnung mit Hüter“ (Hobbes-Logik: jemand setzt durch),
  • Dante-Modell (Universalordnung, geistlich/politisch legitimiert),
  • Comte-Spencer-Modell (Fortschritt, Handel, Verflechtung).

Ein prägnanter Satz zur EU passt als heutige Variante des Ordnungsprojekts:
„Sie ist ein riskantes Projekt. Schafft sie es, vom ‹ökonomischen Zwerg› zum politisch-militärischen ‹Riesen› zu werden, dann wird sie … überleben.“ (S. 23).

3) Russland, Revisionismus, Integrationsillusionen

Argumentlinie: Ein Teil Europas (und Deutschlands) unterschätzte die strategische Dimension russischer Politik; zugleich wurde die eigene Ordnungsidee (EU/NATO) nicht als Machtprojekt begriffen, sondern als „Normalität“.

4) Alternative Erklärung des Ukrainekriegs

Münkler arbeitet nicht nur mit „ein Faktor erklärt alles“, sondern mit Konstellationen (Sicherheitsdilemma, Einflusszonen, Narrative, innenpolitische Regime-Logik).

Der Tegernsee-Punkt (dein Hinweis)

Du wolltest, dass ich bei der Passage aufpasse:
Die Stelle spricht vom „am Tegernsee beheimateten reichspatriotischen Verfasser“ und verbindet Weltrettung mit dem „Kaisertum der Deutschen“ (S. 45).

Wichtig: Münkler verweist hier auf ein mittelalterliches geistliches Spiel (Ludus de Antichristo) und dessen endzeitlich-imperiales Denkmodell. In der Forschung wird das Werk häufig dem Umfeld des Benediktinerklosters Tegernsee zugerechnet – der konkrete Autor ist jedoch nicht sicher identifizierbar (eher „anonym/klösterliches Umfeld“ als „Person X“). Münkler selbst nennt in der Passage keinen bürgerlichen Namen, sondern charakterisiert ihn nur.

Originalzitat (Kernstelle):
„Allein das Fortbestehen des Kaisertums der Deutschen … könne die Welt vor schrecklichen Verwüstungen und Verheerungen bewahren.“ (S. 45).


Kapitel 2 – Geopolitik und Weltordnung (S. 92–167)

Zentrale Thesen

  • Geopolitik ist mehr als Geographie: Räume werden durch Technik, Wissen, Religion/Sakralisierung, Handelswege „gewichtet“.
  • Raumrevolutionen (Steppe → Ozean) verschieben Machtzentren: von geoökologischer zu geoökonomischer Logik.
  • West/Ost sind nicht nur Himmelsrichtungen, sondern semantisch aufgeladene Ordnungskürzel – mit Doppelstandards, die der globale Süden wahrnimmt.

Mythos/Narrativ, das Münkler dekonstruiert

  • „Der Westen = Werte, der Rest = Unwerte“ als Selbstlegitimation, die historisch (Kolonialpraxis) und politisch (Glaubwürdigkeitskrise) brüchig wird.

Deutschland: geopolitische Mittellage

Münkler bringt eine klassische geopolitische Warnung: Aufstiege aus der Mitte sind riskanter als aus der Peripherie.
„Aufstiege aus einer Mittellage [gelingen] selten … stets prekär und bedroht.“ (S. 119–120).


Kapitel 3 – Module der Weltordnung (S. 168–205)

Kernfrage: Unipolar, bipolar, multipolar – und wer ist der „Hüter“?

Münkler macht einen Punkt, den viele übergehen: Eine unipolare Ordnung braucht einen durchsetzungsfähigen Hüter – sonst kippt sie in Regelverfall.

Leit-Zitat:
„Das war das Problem der Zwischenkriegszeit: Die völkerrechtliche Ordnung … [hatte] keinen politischen Hüter der Normen und des Rechts.“ (S. 168).

Multipolarität & „Anarchie der Staatenwelt“

  • Multipolarität heißt: mehr Akteure, mehr Reibung, mehr Bündniswechsel-Risiko.
  • Münkler nutzt europäische Pentarchien als historisches Beispiel.

Pentarchie-Zitat (Warnung):
„Eine solche Pentarchie … [ist] anfällig … sobald eine Macht … einhergeht mit einem Versuch, das System zu dominieren.“ (S. 170).

UNO-Schwäche

Nicht moralisch, sondern strukturell: ohne Einigkeit/Durchsetzungsfähigkeit der Mächte bleibt das System begrenzt wirksam. (Das Kapitel rahmt das als Modul-Problem, nicht als „die UNO ist doof“.)


Kapitel 4 – Erzählungen und Bilder der Weltordnung (S. 206–280)

Hauptthese: Narrative sind Machtinstrumente

Münkler nimmt bewusst Abstand von „Ideologie“ als Schimpfwort und arbeitet mit Narrativen/Symbolen, weil sie politisches Handeln strukturieren.

Leit-Zitat:
„Ideologie ist eine Denunziationsvokabel … Narrative … [sind] aufschlussreicher.“ (S. 206–207).

Vier Narrative (Ukrainisch / Russisch / US / Chinesisch)

  • Ukrainisches Narrativ: Verteidigung von Souveränität/Freiheit; Mobilisierung westlicher Solidarität.
  • Russisches Narrativ: Einkreisung, historische Sicherheitsansprüche, „Einflusszonen“ (plus imperiale Symbolik).
  • US-Narrativ: Regelbasierte Ordnung, Schutzräume, Bündnisse; zugleich Interessenpolitik.
  • Chinesisches Narrativ: Stabilität, Harmonie, „Entwicklung“ – und eine eigene Ordnungsvorstellung.

Beispiel-Zitat (China):
Münkler beschreibt, wie China seine Ordnungsvorstellung als Alternative präsentiert (Sinisierung der Ordnungsidee, Harmonie-Semantik).

Mythische Tiere, Apokalypse – Symbolpolitik als Druckmittel

Leviathan/Behemoth stehen bei Münkler als Chiffren für Ordnungsmächte bzw. Chaoskräfte und die endzeitliche Dramatisierung politischer Konflikte.


Kapitel 5 – Analytiker des großen Umbruchs: Thukydides, Machiavelli, Clausewitz (S. 281–350)

Zweck des Kapitels

Münkler baut ein ideengeschichtliches Werkzeugset, um Umbrüche zu lesen, wenn die Gegenwart „zu laut“ ist.

Umbruchdiagnose:
Es gibt langsame Veränderungen (erst im Rückblick sichtbar) – und disruptive Brüche, die Orientierungslosigkeit erzeugen und Deutungskämpfe anheizen (S. 281–282).

Thukydides: „Besitz für immer“

Münkler zitiert Thukydides’ berühmten Anspruch, aus dem Vergangenen das Wiederkehrende zu erkennen. (S. 289).

Clausewitz: absoluter vs. wirklicher Krieg – und „Irrtümer aus Gutmütigkeit“

Sehr wichtig für Münklers Gegenwartsdiagnose: Fortschritt macht Krieg nicht automatisch harmloser; Friedenshoffnung ohne Machtmittel kann Selbsttäuschung werden.
„Clausewitz nennt … einen «Irrtum aus Gutmütigkeit» …“ (S. 331).


Kapitel 6 – Die Weltordnung der großen Fünf (S. 351–409)

Kernmodell: „Große Fünf“

Münkler argumentiert auf eine neue „Pentarchie“ hinaus: USA, China, Russland sowie (je nach Lesart) EU/Indien/Japan als entscheidende Ordnungspole bzw. zweite Reihe – mit Einflusszonen und konkurrierenden Wertesystemen.

Europa: Überleben nur als Machtakteur

Das ist Münklers Stachel: Europa kann nicht dauerhaft Regel-Export ohne Macht-Unterfütterung sein. Der Satz aus Kapitel 1 trifft hier als strategisches Leitmotiv erneut: Europa müsse vom „ökonomischen Zwerg“ zum politisch-militärischen Akteur werden – sonst wird es Objekt fremder Ordnungsentwürfe.


Queranalyse: Münklers „Mythen“, Argumenttechnik, mögliche Schwachstellen

Was Münkler stark macht

  • Er zwingt zu Realismus ohne Zynismus: Machtlogik erklären, ohne sie zu feiern.
  • Er trennt Geopolitik (Räume/Wege/Technik) von Werte-Rhetorik (Narrative) und zeigt die Koppelung.
  • Er macht sichtbar, dass „Ordnung“ fast immer durchsetzungsabhängig ist.

Wo man kritisch nachbohren sollte (ohne Ideologie-Reflex)

  • Analogiefalle: Pentarchie-Historie ≠ 1:1-Gegenwart. Als Heuristik gut, als Prognose riskant.
  • Europa-These: „Politisch-militärischer Riese“ – die Frage ist: welche Institutionen, welche Legitimation, welche gesellschaftliche Tragfähigkeit? (Das ist oft die Sollbruchstelle.)
  • Narrative vs. materielle Zwänge: Narrative erklären Mobilisierung – aber nicht automatisch Produktionskapazitäten, Demografie, Technologiepfade.

Was bedeutet das für Politik (in Münklers Logik, nicht als Parteiprogramm)

  1. Ordnung ist kein Selbstläufer: Regeln ohne Hüter sind Dekoration.
  2. Glaubwürdigkeit des Westens entscheidet mit, ob der globale Süden mitzieht.
  3. Europa muss handlungsfähig werden – sonst wird es zur Verhandlungsmasse zwischen Machtzentren.
  4. Narrative sind strategische Ressourcen: Wer sie ignoriert, verliert Deutungshoheit (und Bündnisse).

Der Tegernseer reichspatriotische Verfasser und sein Werk

Verfasser und Hauptwerk: Ludus de Antichristo

Bei dem gesuchten Autor handelt es sich um den anonymen Verfasser des lateinischen Dramas Ludus de Antichristo (deutsch: „Spiel vom Antichrist“), das um 1160 im Kloster Tegernsee entstanden isttegernsee.comen.wikipedia.org. Dieser Benediktinermönch am Tegernsee wird von Herfried Münkler als „reichspatriotischer Verfasser“ beschrieben, weil sein Werk in ausgeprägt kaisertreuer Gesinnung verfasst wurde. Der Autor ist namentlich nicht überliefert – Quellen sprechen von einem „anonymen Tegernseer Autor“tegernsee.com. In der Forschung wurde gelegentlich spekuliert, ob ein gewisser Metellus von Tegernsee der Dichter sein könnte, doch letztlich bleibt die Urheberschaft ungeklärtjstor.org. Sein Hauptwerk ist das Endzeitdrama Ludus de Antichristo, in dem die eingangs beschriebene Argumentation vorkommt. Dieses Drama zählt zu den originellsten des Mittelalters und wurde in Latein verfasst, vermutlich von den Mönchen teils gesungen und mit pantomimischer Handlung aufgeführt, sodass auch Laien im Publikum folgen konntenliteraturportal-bayern.deliteraturportal-bayern.de.

Neben dem Ludus de Antichristo sind keine weiteren Werke desselben Autors mit Sicherheit bekannt. Allerdings stammen aus dem Tegernseer Umfeld derselben Zeit noch andere Texte, etwa der sogenannte Tegernseer Liebesgruß – ein auf Mittelhochdeutsch verfasstes Gedicht –, die im gleichen Codex überliefert sindbavarikon.de. Ob es sich beim Liebesgruß um das Werk desselben Verfassers handelt, ist ungewiss. Klar ist jedoch, dass das Kloster Tegernsee im 12. Jahrhundert ein reges Zentrum der Gelehrsamkeit und Dichtung war, in dem mehrere literarische Werke entstanden.

Inhalt und Argumentation des Ludus de Antichristo

Im Ludus de Antichristo verbindet der Tegernseer Autor Weltgeschichte und Heilsgeschichte zu einer allegorischen Handlungtegernsee.com. Im Drama steht der letzte Kaiser (Endkaiser) – eindeutig als ein deutscher Kaiser der Stauferzeit erkennbar – im Mittelpunkt, der zunächst alle anderen Könige besiegt und die Herrschaft über die Welt erlangtliteraturportal-bayern.deliteraturportal-bayern.de. Diese erste Hälfte des Spiels spiegelt die staufische Reichsideologie wider: Unter feierlicher Musik ziehen etwa der König von Babylon, die Könige von Jerusalem, Frankreich und Griechenland sowie der römisch-deutsche Kaiser ein; allegorische Figuren wie Ecclesia (die Kirche) und Gentilitas (die heidnischen Völker, hier in Anspielung auf die im 12. Jh. von Kaiser Friedrich I. Barbarossa bekämpften Muslime) begleiten den Zugliteraturportal-bayern.deliteraturportal-bayern.de.

Nachdem der Kaiser die Weltherrschaft errungen hat, legt er demütig Krone und Zepter im Tempel zu Jerusalem nieder und begnügt sich fortan mit dem Titel eines deutschen Königsliteraturportal-bayern.de. Genau diese Handlung – der Verzicht des Kaisers auf die Weltkrone – löst das apokalyptische Szenario aus: Der Antichrist tritt auf den Plan, reißt unter dem Trugbild eines allgemeinen Friedens die Herrschaft an sich und errichtet ein Regime von Tyrannei und Krieg. Münkler fasst die Lehre des Tegernseer Autors so zusammen: „Allein das Fortbestehen des Kaisertums der Deutschen (…) könne die Welt vor schrecklichen Verwüstungen (…) bewahren.“ Dementsprechend sei „die Konzentration aller Macht beim Kaiser (…) die einzige Garantie gegen den Absturz ins Chaos“. Mit anderen Worten: Nur solange ein deutscher Kaiser regiert, bleiben der Antichrist und damit Unheil und Anarchie fern. Gibt der Kaiser seine Macht auf, bricht unvermeidlich das Chaos herein.

Im zweiten Teil des Dramas zeigt der Verfasser folgerichtig die Schreckensherrschaft des Antichrist und deren Überwindung: Der Antichrist verbündet sich mit Heuchlern und treibt Zwietracht, entweiht die Kirche (Ecclesia) und verfolgt die Gläubigen (er tötet die biblischen Propheten Enoch und Elias)tegernsee.comliteraturportal-bayern.de. Schließlich greift Gott selbst ein – als deus ex machina – und stürzt den Antichrist mit einem Donnerschlag. Am Ende des Stücks ist der Antichrist besiegt, und Christus triumphiert endgültig über das Böse. Der deutsche Kaiser tritt nach Gottes Eingreifen wieder auf den Plan, nun gerechtfertigt als weltlicher Hüter der Ordnung.

Die zentrale Argumentation des Tegernseer Autors ist somit eine heilsgeschichtliche Legitimation des Kaisertums: Der römisch-deutsche Kaiser erscheint als letzter Garant göttlicher Ordnung auf Erden, als Macht, die das Ende der Welt – insbesondere das Auftreten des Antichrist – verzögert oder in Schach hält. Dieses Motiv knüpft an frühere christliche Weissagungen an, insbesondere an die populäre Schrift De ortu et tempore Antichristi (um 950) des Abtes Adso von Montier-en-Der, die bereits den Gedanken enthielt, dass ein letzter weltlicher Herrscher (oft identifiziert mit einem römisch-deutschen Kaiser) vor dem Ende der Tage auftrete und seine Krone in Jerusalem niederlegetegernsee.com. Der Tegernseer Ludus de Antichristo übernimmt Adsons Endzeitbild nahezu wörtlich und erweitert es um aktuelle Bezüge der Stauferzeit. So wird der Kaiser als eine Art „Katechon“ dargestellt – im Sinne der paulinischen Tradition derjenige, der das Kommen des Antichristen aufhält. Erst wenn der Katechon (hier: das Kaisertum) wegfällt, bricht der endzeitliche Konflikt los. Diese Vorstellung begründet theologisch und politisch die Vorrangstellung des Kaisers: Das Kaisertum der Deutschen wird gleichsam zum unverzichtbaren Schutzwall gegen Verwüstung und Tyrannei stilisiert.

Historischer Kontext der Kaiser-Idee

Der Ludus de Antichristo entstand in einer Zeit, als der staufische Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1155–1190) in harten Konflikt mit dem Papsttum stand. Um 1160 – dem vermutlichen Entstehungszeitraum – konkurrierten Barbarossa und Papst Alexander III. um die Vorherrschaft in der Christenheit; es gab sogar einen Schisma mit vom Kaiser unterstützten Gegenpäpstenen.wikipedia.org. In dieser Lage suchte Barbarossa Bündnisse insbesondere mit reichsunmittelbaren Klöstern wie Tegernsee. Tegernsee Abbey genoss seit dem 10. Jahrhundert eine besondere Stellung: Es unterstand direkt dem Kaiser und war weitgehend von bischöflich-päpstlicher Kontrolle befreiten.wikipedia.org. Diese kaiserliche Schutzherrschaft führte dazu, dass Tegernsee auf Seiten des Kaisers stand und dessen Interessen vertrat. Das Drama vom Antichrist diente somit klar erkennbar als propagandistisches Mittel zu Gunsten des Kaisertumsen.wikipedia.org. Die Mönche verarbeiteten die apokalyptische Vision in einem Theaterstück, um die Botschaft unter den Klerikern und Gebildeten ihrer Zeit zu verbreiten: Der Kaiser sei Gottes Werkzeug im Endzeitplan, während päpstliche Zentralisierungsbestrebungen kritisch gesehen werdenen.wikipedia.org. Tatsächlich war das Stück eine warnende Allegorie, die ihr Publikum – vor allem andere Klöster und Adelige – vor den Gefahren des Antichrist wachrütteln sollteen.wikipedia.org.

Indem der Tegernseer Verfasser den Kaiser als Garant der Friedensordnung hervorhob, adressierte er besonders das deutsch-römische Reichspublikum. Münkler merkt an, dass diese geschichtstheologische Legitimation wesentlich an die Deutschen gerichtet war – nach dem Motto: Haltet am Kaisertum fest, denn euer Kaiser sichert der Welt Heil und Ordnung. Allerdings geriet diese universal-imperiale Sichtweise später zunehmend unter Druck. Spätestens mit dem Aufkommen eigenständiger Nationalstaaten und konkurrierender politischer Ideen in der Neuzeit wurde der Gedanke angefochten, eine einzige Kaisermacht könne allein die Welt vor Unheil bewahren. Im Hochmittelalter jedoch, insbesondere im Kreis kaisertreuer Klöster, fand die Vision vom Kaiser als ultimus defensor breite Zustimmung.

Aufenthalt des Autors im Kloster Tegernsee

Über die Biographie des Tegernseer Autors ist kaum etwas bekannt, doch einige Details zu seinem Umfeld lassen sich skizzieren. Er war wahrscheinlich Mönch im Benediktinerkloster Tegernsee in Oberbayern. Dieses Kloster, gegründet im 8. Jahrhundert, hatte sich bis zum 12. Jahrhundert zu einem kulturellen und literarischen Zentrum entwickelt. Tegernsee war berühmt für seine Bibliothek und Gelehrsamkeit; hier entstanden neben liturgischen Schriften auch weltliche Dichtungen. Der anonyme Verfasser des Ludus de Antichristo war also Teil einer gebildeten klösterlichen Gemeinschaft, die sowohl mit der lateinischen Theologie als auch mit der aktuellen Reichspolitik vertraut war.

Eine legendenhafte Anekdote berichtet, dass das Antichrist-Spiel vor erlesenem Publikum uraufgeführt wurde. So soll Kaiser Friedrich Barbarossa selbst am Tegernsee anwesend gewesen sein, als das Drama im Freien auf dem nahegelegenen Klostergut Westerhof erstmals gespielt wurdetegernsee.com. Diese Überlieferung geht auf eine Erzählung des 19. Jahrhunderts zurück, in der ein fiktiver Mönch namens „Bruder Werner von Tegernsee“ als Autor auftritt und die Aufführung vor dem Kaiser beschreibttegernsee.com. Historisch verbürgt ist diese Episode zwar nicht, doch spiegelt sie die enge Verbindung zwischen Tegernsee und Barbarossas Hof wider. Tatsächlich besuchte Barbarossa Bayern mehrfach und stand in Kontakt mit den dortigen Reichsabteien; es ist also durchaus plausibel, dass das Kaiserhaus von dem Tegernseer Drama Kenntnis hatte, auch wenn ein persönlicher Besuch am Tegernsee nicht sicher belegt ist.

Für den Tegernseer Verfasser selbst bedeutete die Klosterzugehörigkeit, dass er sein Leben am malerischen Tegernsee verbrachte und dort Zugang zu umfassender Bildung hatte. Das Kloster bot Gelehrten wie ihm die Muße und die Mittel, literarisch tätig zu sein. Sein Ludus de Antichristo ist in einer Tegernseer Handschrift (heute München, BSB Clm 19411) überliefert, was zeigt, dass das Werk in der Klosterbibliothek geschätzt und bewahrt wurdegeschichtsquellen.degeschichtsquellen.de. Insgesamt zeichnen die Quellen das Bild eines hochgebildeten, reichstreuen Mönchs, der in der Idylle des Tegernsees ein politisch-theologisches Drama von europäischer Tragweite verfasste.

Fazit und Einordnung

Der in Münklers Welt in Aufruhr erwähnte reichspatriotische Tegernseer Autor ist also der schöpferische Geist hinter dem Ludus de Antichristo. Dieses mittelalterliche Drama formuliert die Überzeugung, dass „allein das Fortbestehen des Kaisertums der Deutschen“ die Welt vor Unheil bewahren könne. Historisch spiegelt das Stück die Stauferideologie des 12. Jahrhunderts wider, in der der römisch-deutsche Kaiser als Garant von Frieden und Ordnung im christlichen Abendland galt. Der Verfasser, als Mönch in Tegernsee tief in dieser Reichsidee verwurzelt, verband in seinem Werk Spiritualität und Politik: Er kleidete die Machtansprüche des Kaisers in das Gewand einer Apokalypse-Inszenierung. Damit lieferte er eine theologische Rechtfertigung für die Kaiserherrschaft, die in ihrer Zeit hohes Gewicht besaß.

Durch Zitate frühchristlicher Prophezeiungen (Adso von Montier-en-Der u.a.) untermauerte der Tegernseer Dichter seine Botschaft mit Tradition und Autoritättegernsee.com. Sein Aufenthalt im Kloster Tegernsee – einem Ort, wo kaiserliche Politik und klösterliche Kultur zusammentrafen – war der Nährboden für dieses Werk. Das Ludus de Antichristo bleibt ein faszinierendes Zeugnis dafür, wie Literatur am Tegernsee zur Bühne imperialer Ideen wurde. Die Nachwelt erkennt darin nicht nur ein bedeutendes geistliches Spiel, sondern auch ein Spiegelbild des mittelalterlichen Denkens, das Glaube und Reichstreue untrennbar verband.

Quellen: Das Drama ist in einer zweisprachigen Ausgabe veröffentlicht (Das Spiel vom deutschen Kaiser und vom Antichrist – Ludus de Antichristo, hrsg. von G. Langosch). Herfried Münkler erläutert die Aussage des Stücks in Welt in Aufruhr. Weiterführende Analysen bieten etwa Otto von Dempf: Sacrum Imperium und die Darstellung im Historischen Lexikon Bayernstegernsee.com. Historische Hintergründe zum Tegernseer Kloster und Barbarossas Zeit liefert u.a. die Studie von Kyle A. Thomasen.wikipedia.orgen.wikipedia.org. Die lokale Überlieferung zum Ludus de Antichristo ist auf der Website der Region Tegernsee zusammengestellttegernsee.comtegernsee.com. Diese Quellen veranschaulichen, wie eng in jenem Werk monastische Gelehrsamkeit, apokalyptische Vision und reichspatriotische Gesinnung miteinander verflochten sind.

Quellen

Welt in Aufruhr_ Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert (German Edition).pdf

PDF

du solltest halt das ganze buch von Münkler analysieren wie in deinen Projekt hinweisen angegeben…Nachgedacht für 4m 2s

Alles klar – dann machen wir’s jetzt sauber, vollständig und kapitelweise: Münklers Welt in Aufruhr. Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert als Dossier, so dass man danach nicht nur „irgendwas mit Geopolitik“ im Kopf hat, sondern ein belastbares Bild – inklusive Namen, Thesen, Narrative, Mythen, Argumentlinien und Originalzitaten mit Seitenangaben.


Voran: Ein Stoßseufzer für Weltklugheit (und Marc Aurel)

Wir wissen wenig – und das Wenige nehmen wir selektiv wahr. Genau darum ist dieses Projekt sinnvoll: nicht um „recht zu behalten“, sondern um etwas Weltklugheit zu gewinnen. Marc Aurel würde sagen: Achte darauf, was in deiner Macht steht – Urteil, Haltung, Selbstdisziplin – und trenne es von dem, was draußen tobt. (Und ja: draußen tobt’s.)


Politische Einordnung, Schlagseite, Realitätsnähe

Grundton / Richtung: Münkler schreibt klar aus der Tradition des politischen Realismus (Macht, Räume, Rivalitäten, Sicherheitsdilemmata), kombiniert mit historischer Ideengeschichte. Er ist weder „rechts“ noch „links“ im parteipolitischen Sinn, aber er ist dezidiert anti-naiv: Weltpolitik ist für ihn nicht primär Moraltheater, sondern Interessenkonflikt unter Bedingungen schwindender Ordnung.

Wer hätte Interesse an Verbreitung?

  • Außen-/Sicherheitspolitik (Ministerien, Stiftungen, Thinktanks),
  • EU-Institutionen und nationale Strategiekreise,
  • Medien (Hintergrundformate),
  • Militär/Strategieausbildung,
  • Entscheidungsträger, die „Grand Strategy“ ohne Buzzword-Nebel suchen.

Wie nahe an Realität?
Ziemlich nah – als Deutungsrahmen, nicht als Kristallkugel. Münkler insistiert auf der Wechselwirkung aus Handeln und Gegenhandeln (also: keine linearen Pläne), und er arbeitet mit historischen Analogien als Erkenntnishilfe, nicht als Orakel. Beispielhaft seine Warnung, dass die EU „riskant“ ist und scheitern kann. Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…


Kurzzusammenfassung (Klappentext-Stil)

Eine Weltordnung, die nach 1990 wie ein Selbstläufer wirkte, verliert ihren Klebstoff: Rivalitäten kehren zurück, Räume werden wieder politisch, Narrative werden zu Waffen. Herfried Münkler seziert die Mechanik hinter dem Aufruhr: warum Geopolitik nicht tot ist, warum die UNO strukturell schwach bleibt, warum Multipolarität eher „Anarchie mit Regeln“ als Harmonie bedeutet – und warum Europa nur dann überlebt, wenn es vom Regelsetzer zum handlungsfähigen Machtakteur wird.


Aufbau des Buches (Kapitelplan)

Das Werk gliedert sich (nach Einleitung) in sechs Kapitel von der Diagnose (Aufruhr, Friedensmodelle) über Geopolitik-Werkzeuge und Ordnungsmodule bis zu Narrativen, ideengeschichtlichen „Analyserahmen“ (Thukydides/Machiavelli/Clausewitz) und dem Modell der „großen Fünf“.


Dossier – kapitelweise

Einleitung (S. 9–22)

Zentrale Thesen & Narrative

  • Aufruhr entsteht nicht nur durch Kriege, sondern durch Erosion gemeinsamer Ordnungsvorstellungen: Was als „Welt“ gilt, wer Regeln setzt, wer sanktioniert – das wird umkämpft.
  • Der globale Süden ist nicht automatisch „Westen-kompatibel“; Misstrauen gegenüber westlicher Werte-Rhetorik spielt in Positionierungen (z. B. Ukrainekrieg) hinein. Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…
  • Münkler setzt den Rahmen: Geopolitik + Narrative + Institutionen als Dreieck.

Leit-Zitat

„Wenn vom «Westen» die Rede war, dann nahezu durchweg im Sinne eines selbstlegitimatorischen Narrativs …“ (S. 98–99). Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…


Kapitel 1 – Welt in Aufruhr (S. 23–91) Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…

1) Das Ende der bipolaren Weltordnung

These: Nach 1989 entsteht eine Phase scheinbarer Alternativlosigkeit („Eine Welt“), die aber politisch-strategisch unterfüttert werden muss – und genau das gelingt nur begrenzt.

2) Von Vegetius zu Kant / Modelle von Friedensordnung

Münkler zeigt, dass „Frieden“ historisch fast immer als Ordnungsprojekt gedacht wurde:

  • „Ordnung mit Hüter“ (Hobbes-Logik: jemand setzt durch),
  • Dante-Modell (Universalordnung, geistlich/politisch legitimiert),
  • Comte-Spencer-Modell (Fortschritt, Handel, Verflechtung).

Ein prägnanter Satz zur EU passt als heutige Variante des Ordnungsprojekts:
„Sie ist ein riskantes Projekt. Schafft sie es, vom ‹ökonomischen Zwerg› zum politisch-militärischen ‹Riesen› zu werden, dann wird sie … überleben.“ (S. 23). Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…

3) Russland, Revisionismus, Integrationsillusionen

Argumentlinie: Ein Teil Europas (und Deutschlands) unterschätzte die strategische Dimension russischer Politik; zugleich wurde die eigene Ordnungsidee (EU/NATO) nicht als Machtprojekt begriffen, sondern als „Normalität“.

4) Alternative Erklärung des Ukrainekriegs

Münkler arbeitet nicht nur mit „ein Faktor erklärt alles“, sondern mit Konstellationen (Sicherheitsdilemma, Einflusszonen, Narrative, innenpolitische Regime-Logik).

Der Tegernsee-Punkt (dein Hinweis)

Du wolltest, dass ich bei der Passage aufpasse:
Die Stelle spricht vom „am Tegernsee beheimateten reichspatriotischen Verfasser“ und verbindet Weltrettung mit dem „Kaisertum der Deutschen“ (S. 45). Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…

Wichtig: Münkler verweist hier auf ein mittelalterliches geistliches Spiel (Ludus de Antichristo) und dessen endzeitlich-imperiales Denkmodell. In der Forschung wird das Werk häufig dem Umfeld des Benediktinerklosters Tegernsee zugerechnet – der konkrete Autor ist jedoch nicht sicher identifizierbar (eher „anonym/klösterliches Umfeld“ als „Person X“). Münkler selbst nennt in der Passage keinen bürgerlichen Namen, sondern charakterisiert ihn nur.

Originalzitat (Kernstelle):
„Allein das Fortbestehen des Kaisertums der Deutschen … könne die Welt vor schrecklichen Verwüstungen und Verheerungen bewahren.“ (S. 45). Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…


Kapitel 2 – Geopolitik und Weltordnung (S. 92–167) Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…

Zentrale Thesen

  • Geopolitik ist mehr als Geographie: Räume werden durch Technik, Wissen, Religion/Sakralisierung, Handelswege „gewichtet“. Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…
  • Raumrevolutionen (Steppe → Ozean) verschieben Machtzentren: von geoökologischer zu geoökonomischer Logik. Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…
  • West/Ost sind nicht nur Himmelsrichtungen, sondern semantisch aufgeladene Ordnungskürzel – mit Doppelstandards, die der globale Süden wahrnimmt.

Mythos/Narrativ, das Münkler dekonstruiert

  • „Der Westen = Werte, der Rest = Unwerte“ als Selbstlegitimation, die historisch (Kolonialpraxis) und politisch (Glaubwürdigkeitskrise) brüchig wird.

Deutschland: geopolitische Mittellage

Münkler bringt eine klassische geopolitische Warnung: Aufstiege aus der Mitte sind riskanter als aus der Peripherie.
„Aufstiege aus einer Mittellage [gelingen] selten … stets prekär und bedroht.“ (S. 119–120).


Kapitel 3 – Module der Weltordnung (S. 168–205) Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…

Kernfrage: Unipolar, bipolar, multipolar – und wer ist der „Hüter“?

Münkler macht einen Punkt, den viele übergehen: Eine unipolare Ordnung braucht einen durchsetzungsfähigen Hüter – sonst kippt sie in Regelverfall.

Leit-Zitat:
„Das war das Problem der Zwischenkriegszeit: Die völkerrechtliche Ordnung … [hatte] keinen politischen Hüter der Normen und des Rechts.“ (S. 168). Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…

Multipolarität & „Anarchie der Staatenwelt“

  • Multipolarität heißt: mehr Akteure, mehr Reibung, mehr Bündniswechsel-Risiko.
  • Münkler nutzt europäische Pentarchien als historisches Beispiel.

Pentarchie-Zitat (Warnung):
„Eine solche Pentarchie … [ist] anfällig … sobald eine Macht … einhergeht mit einem Versuch, das System zu dominieren.“ (S. 170). Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…

UNO-Schwäche

Nicht moralisch, sondern strukturell: ohne Einigkeit/Durchsetzungsfähigkeit der Mächte bleibt das System begrenzt wirksam. (Das Kapitel rahmt das als Modul-Problem, nicht als „die UNO ist doof“.) Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…


Kapitel 4 – Erzählungen und Bilder der Weltordnung (S. 206–280) Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…

Hauptthese: Narrative sind Machtinstrumente

Münkler nimmt bewusst Abstand von „Ideologie“ als Schimpfwort und arbeitet mit Narrativen/Symbolen, weil sie politisches Handeln strukturieren.

Leit-Zitat:
„Ideologie ist eine Denunziationsvokabel … Narrative … [sind] aufschlussreicher.“ (S. 206–207). Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…

Vier Narrative (Ukrainisch / Russisch / US / Chinesisch)

  • Ukrainisches Narrativ: Verteidigung von Souveränität/Freiheit; Mobilisierung westlicher Solidarität.
  • Russisches Narrativ: Einkreisung, historische Sicherheitsansprüche, „Einflusszonen“ (plus imperiale Symbolik).
  • US-Narrativ: Regelbasierte Ordnung, Schutzräume, Bündnisse; zugleich Interessenpolitik.
  • Chinesisches Narrativ: Stabilität, Harmonie, „Entwicklung“ – und eine eigene Ordnungsvorstellung.

Beispiel-Zitat (China):
Münkler beschreibt, wie China seine Ordnungsvorstellung als Alternative präsentiert (Sinisierung der Ordnungsidee, Harmonie-Semantik). Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…

Mythische Tiere, Apokalypse – Symbolpolitik als Druckmittel

Leviathan/Behemoth stehen bei Münkler als Chiffren für Ordnungsmächte bzw. Chaoskräfte und die endzeitliche Dramatisierung politischer Konflikte. Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…


Kapitel 5 – Analytiker des großen Umbruchs: Thukydides, Machiavelli, Clausewitz (S. 281–350) Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…

Zweck des Kapitels

Münkler baut ein ideengeschichtliches Werkzeugset, um Umbrüche zu lesen, wenn die Gegenwart „zu laut“ ist.

Umbruchdiagnose:
Es gibt langsame Veränderungen (erst im Rückblick sichtbar) – und disruptive Brüche, die Orientierungslosigkeit erzeugen und Deutungskämpfe anheizen (S. 281–282). Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…

Thukydides: „Besitz für immer“

Münkler zitiert Thukydides’ berühmten Anspruch, aus dem Vergangenen das Wiederkehrende zu erkennen. (S. 289). Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…

Clausewitz: absoluter vs. wirklicher Krieg – und „Irrtümer aus Gutmütigkeit“

Sehr wichtig für Münklers Gegenwartsdiagnose: Fortschritt macht Krieg nicht automatisch harmloser; Friedenshoffnung ohne Machtmittel kann Selbsttäuschung werden.
„Clausewitz nennt … einen «Irrtum aus Gutmütigkeit» …“ (S. 331). Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…


Kapitel 6 – Die Weltordnung der großen Fünf (S. 351–409) Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…

Kernmodell: „Große Fünf“

Münkler argumentiert auf eine neue „Pentarchie“ hinaus: USA, China, Russland sowie (je nach Lesart) EU/Indien/Japan als entscheidende Ordnungspole bzw. zweite Reihe – mit Einflusszonen und konkurrierenden Wertesystemen.

Europa: Überleben nur als Machtakteur

Das ist Münklers Stachel: Europa kann nicht dauerhaft Regel-Export ohne Macht-Unterfütterung sein. Der Satz aus Kapitel 1 trifft hier als strategisches Leitmotiv erneut: Europa müsse vom „ökonomischen Zwerg“ zum politisch-militärischen Akteur werden – sonst wird es Objekt fremder Ordnungsentwürfe. Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…


Queranalyse: Münklers „Mythen“, Argumenttechnik, mögliche Schwachstellen

Was Münkler stark macht

  • Er zwingt zu Realismus ohne Zynismus: Machtlogik erklären, ohne sie zu feiern.
  • Er trennt Geopolitik (Räume/Wege/Technik) von Werte-Rhetorik (Narrative) und zeigt die Koppelung. Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…
  • Er macht sichtbar, dass „Ordnung“ fast immer durchsetzungsabhängig ist.

Wo man kritisch nachbohren sollte (ohne Ideologie-Reflex)

  • Analogiefalle: Pentarchie-Historie ≠ 1:1-Gegenwart. Als Heuristik gut, als Prognose riskant.
  • Europa-These: „Politisch-militärischer Riese“ – die Frage ist: welche Institutionen, welche Legitimation, welche gesellschaftliche Tragfähigkeit? (Das ist oft die Sollbruchstelle.)
  • Narrative vs. materielle Zwänge: Narrative erklären Mobilisierung – aber nicht automatisch Produktionskapazitäten, Demografie, Technologiepfade.

Was bedeutet das für Politik (in Münklers Logik, nicht als Parteiprogramm)

  1. Ordnung ist kein Selbstläufer: Regeln ohne Hüter sind Dekoration. Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…
  2. Glaubwürdigkeit des Westens entscheidet mit, ob der globale Süden mitzieht.
  3. Europa muss handlungsfähig werden – sonst wird es zur Verhandlungsmasse zwischen Machtzentren. Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…
  4. Narrative sind strategische Ressourcen: Wer sie ignoriert, verliert Deutungshoheit (und Bündnisse). Welt in Aufruhr_ Die Ordnung de…

Wenn du willst, mache ich als nächsten Schritt entweder:

  1. eine 5-Seiten Executive-Summary (knackig, entscheidertauglich),
  2. eine 2-Seiten „Was heißt das für Politik?“,
  3. oder eine 1-Seite „Warum das kein Verschwörungsdenken ist“ – mit genau deinem Türöffner-Frame: Anreize, Governance-Versagen, Steuerungsfähigkeit, ohne Faschismus-Keule.

Sag mir nur, womit du zuerst Türen aufmachen willst.

Quellen