Chomsky Noam, Die Konsensfabrik und Mediacontrol

Dossier: Die Konsensfabrik. Die politische Ökonomie der Massenmedien

Einleitung

„Alles, was wir hören, ist eine Meinung, keine Tatsache. Alles, was wir sehen, ist eine Perspektive, nicht die Wahrheit.“ 
Dieses marcianische Diktum erinnert eindringlich daran, wie begrenzt und fragil unser Wissen ist. Schon Marc Aurel mahnte zur Bescheidenheit: Unsere Gewissheiten sind oft trügerisch, Wahrheiten verschwimmen im Zerrspiegel der Wahrnehmung. In einer Welt, in der täglich unzählige Informationen auf uns einströmen, sollten wir demütig bleiben – gegenüber der Möglichkeit, dass wir uns irren, dass unsere Sicht der Dinge gelenkt oder verzerrt sein könnte. Weltklugheit, eine weise Welterkenntnis, wird zum erstrebenswerten Ziel: Sie bedeutet, wachsam und kritisch zu sein, die eigenen Urteile immer wieder zu hinterfragen und die Kräfte zu erkennen, die unseren Konsens prägen. Diese Weltklugheit verlangt, dass wir die Mechanismen verstehen, durch die Medien unsere Vorstellung der Wirklichkeit formen.

Vor diesem Hintergrund lädt Die Konsensfabrik von Edward S. Herman und Noam Chomsky dazu ein, Demut vor dem eigenen Wissen zu üben. Das Buch bietet einen tiefgehenden Blick hinter die Kulissen unserer sogenannten freien Presse. Es zeigt, wie in modernen Massendemokratien Öffentlichkeit geformt wird – weniger durch offene Zensur als durch subtile Filter und ökonomische Zwänge. Gerade in Zeiten von Fake News, gesunkener Medienvertrauen und polarisierter öffentlicher Debatte führt uns diese Untersuchung vor Augen, wie leicht der schöne Schein objektiver Information trügen kann. Marc Aurels Aufruf zur Bescheidenheit unseres Wissens erhält hier konkrete Schärfe: Die Konsensfabrik rüttelt daran, was wir zu wissen glaubten, und schärft unseren Blick für verborgene Einflussnahmen. Es erinnert uns daran, dass wahre Weltklugheit darin besteht, nicht alles für bare Münze zu nehmen – und stattdessen die Machtstrukturen zu erkennen, die hinter dem veröffentlichten Weltbild stehen.

Politische Einordnung und Relevanz

Herman und Chomsky schreiben aus deutlich systemkritischer Perspektive: Ihr ideeller Hintergrund ist radikaldemokratisch-egalitär bis libertär-sozialistisch, keineswegs konservativ oder rechts-populistisch. Ihre politische Stoßrichtung ist also links-progressiv und marktkapitalismuskritisch. Das Autorenduo greift die Verklärung des Medienbetriebs als neutralen Informationsvermittler scharf an und entlarvt ihn als integralen Teil bestehender Machtstrukturen. Dabei unterscheiden sie sich fundamental von polemischen „Lügenpresse“-Rufen rechter Provenienz: Die Konsensfabrik ist keine Verschwörungsschrift. Im Gegenteil, die Autoren betonen, dass zur Erklärung der Medienverzerrungen keine geheimen Absprachen oder finsteren Kabalen angenommen werden müssen. Ihr sogenanntes Propagandamodell basiert auf einer strukturellen Analyse – Medien funktionieren demnach wie ein gelenktes Marktsystem innerhalb liberaler Demokratien (Chomsky/Herman sprechen explizit von einem “guided market system”, also einem gelenkten Marktmechanismus, S. 38). Unabhängige Akteure agieren aus gemeinsamen Anreizen und unter ähnlichem ökonomischen Druck in eine bestimmte Richtung. Diese Sichtweise ist näher an einem freien Markt mit verzerrten Spielregeln als an einer zentral gesteuerten Verschwörung.

Wie nah ist dieses Modell an der Realität? Die Frage wurde kontrovers diskutiert. Auffällig ist, dass das Propagandamodell im akademischen Mainstream lange ignoriert oder vorschnell abgetan wurde. Manche Kommunikationsexperten warfen Herman und Chomsky pauschal Ideologie oder gar Verschwörungstheorie vor, ohne sich detailliert mit ihren Thesen zu befassen. Eine häufige Kritik lautet, das Modell unterstelle eine gleichgeschaltete Presse und treffe daher verschwörungstheoretische Annahmen. Herman und Chomsky haben dem stets widersprochen: Sie zeigen vielmehr auf, wie institutionelle Rahmenbedingungen – Konzentration von Eigentum, Abhängigkeit von Anzeigenkunden, Regierungs- und Konzernquellen etc. – zu systematischen Selektionsverzerrungen führen, ohne dass sich Journalisten verabreden oder bewusst propagandistisch handeln. Diese Filter wirken oft unsichtbar und werden von vielen Medienschaffenden selbst nicht als Einschränkung erkannt.

In der Praxis haben sich viele Beobachtungen Herman und Chomskys als bedrückend realitätsnah erwiesen. Zahlreiche empirische Studien belegen z.B. die von ihnen prognostizierte Beschränkung des Meinungsspektrums in etablierten Medien auf den Rahmen dessen, was politische und wirtschaftliche Eliten diskutieren. Ebenso deutlich ist der im Buch beschriebene Doppelstandard in der Berichterstattung – ein Kernpunkt des Propagandamodells: Gewaltakte und Menschenrechtsverletzungen werden unterschiedlich gewichtet, je nachdem, ob sie von feindlichen Staaten oder Verbündeten verübt werden. Diese systematische Schieflage lässt sich in zahlreichen Fällen der letzten Jahrzehnte nachvollziehen, von den Kriegen in Zentralamerika über Nahost-Konflikte bis zum „Krieg gegen den Terror“. Herman und Chomskys Thesen haben also eine beachtliche Nähe zur Realität – freilich einer Realität, die vielen unangenehm ist.

Wer könnte ein Buch wie Die Konsensfabrik verlegen oder lesen wollen? Offenkundig solche Verlage und Institutionen, die an einer grundsätzlichen Medienkritik interessiert sind: Das hier vorliegende Werk erschien in deutscher Übersetzung beim Westend Verlag – einem Haus, das für systemkritische Sachbücher bekannt ist. Herausgegeben wurde es vom Netzwerk Kritische Kommunikationswissenschaft, was zeigt, dass es gerade in kritischen akademischen Kreisen und linken politischen Strömungen auf Interesse stößt. Mögliche Interessenten für eine Verlegung oder Rezeption sind daher progressive VerlageMedienwatch-Organisationenkritische Journalistenverbände und allgemein Leserinnen und Leser, die an einer fundierten Kritik der Medienindustrie interessiert sind. Für große, etablierte Medienhäuser mag Herman und Chomskys Analyse unbequem sein – umso wichtiger, dass unabhängige und kritische Stimmen sie verbreiten.

Die gesellschaftliche Relevanz des Buches ist kaum zu überschätzen. In einer Demokratie, die auf informierte Zustimmung der Bürger angewiesen ist, stellt sich die Frage: Wie kommt dieser Konsens zustande? Herman und Chomsky liefern Antworten, die gerade heute brisant sind. Unsere Gegenwart ist geprägt von Diskussionen über „Meinungsmache“, Vertrauenskrisen in die Medien und der Suche nach Verantwortlichen für Desinformation. Während rechte Populisten mediale Verzerrungen oft für ihre Agenda instrumentalisieren (Stichwort „Lügenpresse“), bietet Die Konsensfabrik eine sachliche, materialistische Medienkritik von links. Die Autoren liefern ein Instrumentarium, um Medienberichte im Kontext von Eigentumsverhältnissen, Finanzierungsquellen und Machtstrukturen zu analysieren – und nehmen damit grotesken Verschwörungsfantasien den Boden. Gerade jetzt, da die Welt vor langfristigen Herausforderungen (Klimawandel, soziale Ungleichheit, Kriege) steht, brauchen wir eine informierte Öffentlichkeit. Für Lösungen sind verringerte soziale Spannungen und mehr demokratische Teilhabe nötig, wozu wiederum ein demokratischerer, inklusiverer und machtkritischer Journalismus gehört. Herman und Chomskys Ansatz leistet hierzu einen essenziellen Beitrag: Er schärft die kritische Medienbildung und befähigt Bürger, Nachrichten nicht nur passiv zu konsumieren, sondern deren Bedingungen und Bias zu durchschauen. Eine solche linke, progressive Medienkritik ist notwendiger denn je – und Die Konsensfabrik bietet dafür das Rüstzeug.

Kurzzusammenfassung (Klappentext)

Was, wenn unsere “freie” Presse in Wahrheit die Interessen der Mächtigen bedient? In Die Konsensfabrik legen Edward S. Herman und Noam Chomsky offen, wie Massenmedien in kapitalistischen Demokratien systematisch das Einverständnis der Bevölkerung herstellen. Mit scharfem analytischem Blick enthüllen sie ein Propagandamodell, das zeigt, wie Nachrichten gefiltert und zurechtgebogen werden, damit sie politischen und wirtschaftlichen Eliten nützen. Fünf unscheinbare, aber wirkungsvolle Filter – von Medieneigentum über Anzeigenkunden bis zu Nachrichtenquellen – sorgen dafür, dass am Ende vor allem das auf unserem Nachrichtenmenu landet, was druckreif im Sinne der Herrschenden ist. Anhand packender Fallstudien – von ungleich berichteten Mordfällen und manipulierten Wahlen bis hin zu fabrizierten Komplottgeschichten und vergessenen Kriegsverbrechen – decken Herman und Chomsky die Mythen und Narrative auf, mit denen unsere Meinung geformt wird. Dieses Buch führt hinter die Fassade scheinbarer Objektivität: Es zeigt, wie “Nachrichten” zu Propaganda werden, ohne dass Zensur oder zentraler Befehl nötig wären. Die Konsensfabrik ist ein gleichermaßen verstörendes wie erhellendes Werk. Es weckt berechtigtes Misstrauen gegenüber allzu glatten Schlagzeilen – und es macht Mut, nach unabhängigeren Medienstrukturen zu streben. Ein unverzichtbares Buch für alle, die wissen wollen, wie Meinung gemacht wird, und die unsere Demokratie durchschauen und lebendiger machen möchten.


(Im Folgenden wird das Dossier kapitelweise entsprechend dem Buchinhalt gegliedert. Jedes Kapitel wird zusammengefasst, zentrale Akteure, Argumente, Thesen und Narrative werden benannt. Wichtige Originalzitate aus der deutschen Ausgabe – mit Seitenangaben – illustrieren die Aussagen. Zudem erfolgt jeweils eine politische und theoretische Einordnung der Inhalte, teils in Bezug zu anderen Autoren. Bei den Fallstudien-Kapiteln werden die jeweiligen Ereignisse, ihre mediale Darstellung und die Analyse gemäß Propagandamodell dargestellt.)

Kapitel 1 – Ein Propagandamodell

Zusammenfassung: Gleich zu Beginn entwerfen Herman und Chomsky das theoretische Gerüst ihres Werks – das Propagandamodell. Sie verstehen die Massenmedien als ein System zur Kommunikation von Botschaften und Symbolen an die Allgemeinheit. Medien sollen informieren und unterhalten, vor allem aber die Werte und Verhaltensweisen vermitteln, welche die Bevölkerung in die bestehenden institutionellen Strukturen einfügen. In einer Welt enormer Konzentration von Reichtum und Macht könne diese Integrationsaufgabe jedoch nicht durch freie Debatte erfüllt werden, sondern nur durch systematische Propaganda (S. 156). Mit anderen Worten: Damit in einer ungleichen Gesellschaft stabil Konsens herrscht, müssen die Medien im Interesse der herrschenden Eliten wirken – sei es bewusst oder unbewusst.

Um diese Behauptung mit Inhalt zu füllen, führen die Autoren fünf strukturelle Filter an, durch die Nachrichten passieren und dabei gefärbt oder ausgesiebt werden. Filter 1 ist die Größe und Eigentumsstruktur der Medienunternehmen: Große Medien sind profitgetriebene Konzerne in Privatbesitz, oft Teil noch größerer Konglomerate. Ihre primäre Loyalität gilt Gewinn und Eigentümern, was bereits die Auswahl an Berichterstattung beeinflusst. Filter 2 betrifft die Werbung als Haupteinnahmequelle: Da Massenmedien auf Anzeigenkunden angewiesen sind, richten sie ihr Programm nach den Interessen zahlungskräftiger Werbekunden aus – Inhalte, die für Werber heikel sind (z.B. konsumkritische oder radikal politische Positionen), haben schlechtere Chancen. Filter 3 sind die Nachrichtenquellen: Medien schöpfen den Großteil ihrer Informationen aus offiziellen Quellen – Regierungen, Behörden, Unternehmen und von diesen finanzierte Experten. Diese privilegierten Quellen liefern kontinuierlich kostengünstiges Nachrichtenmaterial, während abweichende Stimmen oft keinen vergleichbaren Apparat haben. Damit dominieren die Sichtweisen der Mächtigen automatisch die tägliche Nachrichtenagenda. Filter 4 nennen Herman/Chomsky “Flak” – ein Jargonwort für medienkritische Gegenfeuer seitens pressure groups. Gemeint ist organisierte Kritik, Beschwerden oder Kampagnen gegen unliebsame Berichte. Flak (z.B. Drohbriefe, Boykottaufrufe, juristischer Druck) dient als Disziplinierungsinstrument: Medien, die allzu abweichend berichten, müssen mit Gegenwind von mächtigen Akteuren rechnen. Die Furcht davor führt zu vorauseilender SelbstzensurFilter 5 schließlich ist die dominante Ideologie. Zur Zeit der Originalausgabe (1988) identifizieren die Autoren Antikommunismus als quasi-religiösen Konsens in den USA, der als Kontrollmechanismus wirkt. Alle politischen Akteure müssen sich anti-kommunistisch legitimieren; wer als “links” oder “pro-kommunistisch” gilt, wird leicht marginalisiert. Antikommunismus durchzieht damit auch die Medienberichterstattung als unhinterfragter Wertmaßstab. (In späteren Schriften merkt Herman an, dass nach dem Kalten Krieg andere Ideologien – etwa ein neoliberaler Marktglaube oder der Anti-Terror-Diskurs – diese Rolle übernommen haben.)

Diese fünf Filter interagieren und verstärken sich gegenseitig. Bevor eine Meldung als “fit to print” – “druckwürdig” – durchgeht, wird sie durch alle diese Siebe geschleust. Übrig bleibt ein bereinigter Rest, der konform zu den Prämissen von Konzerninteressen und staatlicher Linie ist. Auf diese Weise legen die Filter die Grenzen des Diskurses fest: Sie bestimmen, worüber berichtet wird, in welchem Rahmen debattiert werden darf und welche Aspekte ausgeblendet bleiben. Selbst investigative oder kritisch wirkende Beiträge großer Medien bewegen sich in aller Regel innerhalb dieser unsichtbaren Leitplanken.

Wichtig ist: Herman und Chomsky unterstellen keine bewusste Manipulation durch die Journalisten. Vielmehr ergibt sich die Dominanz der Elite-Positionen so natürlich, dass viele Medienschaffende aufrichtig glauben, rein objektiv und professionell zu entscheiden. Die Autoren beschreiben einen subtilen Sozialisierungsprozess innerhalb der Medien. Journalisten arbeiten in Organisationen, die von den genannten strukturellen Faktoren geprägt sind, und verinnerlichen oft unbewusst die “redaktionelle Linie”. Wer allzu oft gegen den Strom schwimmt, findet sich nicht lange in großen Positionen – sei es durch direkten Druck oder einfach, weil er gar nicht erst eingestellt bzw. befördert wird. In diesem Sinne, so folgern Herman und Chomsky, bedarf es gar keiner Zensur von oben: Die Kombination aus Marktmechanismen und internen Normen stellt sicher, dass auch ohne zentral gesteuertes Diktat ein gleichgerichtetes Nachrichtensystem entsteht. Die Autoren sprechen daher zuspitzend von einem “gelenkten Marktsystem”, das anonyme strukturelle Imperative mit dem aktiven Wirken handelnder Eliten verbindet.

Originalzitate (Auswahl):

  • “Die Massenmedien fungieren als ein System zur Kommunikation von Botschaften und Symbolen an die Bevölkerung als Ganzes. Sie sollen belustigen, unterhalten und informieren sowie den Einzelnen die Werte, Meinungen und Verhaltensweisen vermitteln, die sie in die institutionellen Strukturen der Gesamtgesellschaft integrieren. In einer Welt, in der der Reichtum bei Wenigen konzentriert ist und in der gravierende Interessenkonflikte zwischen den Klassen bestehen, können sie diese Rolle nur durch systematische Propaganda ausfüllen.” (S. 156)
  • “Unser Propagandamodell besteht im Wesentlichen aus einer Reihe von Nachrichten-›Filtern‹, […] (1) Größe, Eigentumskonzentration […] der dominanten Firmen im Sektor Massenmedien, (2) Werbung als Haupteinnahmequelle der Massenmedien, (3) die Abhängigkeit der Medien von Informationen, die ihnen von Staat, Unternehmen und ›Experten‹ […] geliefert werden, (4) ›Flak‹ als Mittel zur Disziplinierung der Medien und (5) ›Antikommunismus‹ als nationale Religion und als Kontrollmechanismus. Diese Elemente interagieren miteinander und verstärken sich gegenseitig. Das Rohmaterial der Nachrichten muss zuerst diese aufeinanderfolgenden Filter passieren, die dann einen gesäuberten Rest übriglassen, der ›es wert ist, gedruckt zu werden‹.” (S. 157–158)
  • “Die Herrschaft der Elite über die Medien und die Marginalisierung von Vertretern abweichender Meinungen […] ergeben sich auf so natürliche Art, dass die in den Medien tätigen Journalisten, die häufig vollkommen integer und guten Willens ihre Arbeit tun, sich einreden können, dass sie die Nachrichten ›objektiv‹ und aufgrund rein professioneller Standards auswählen und interpretieren. Innerhalb der durch die Filter auferlegten Grenzen sind sie dann tatsächlich oft objektiv, aber die Beschränkungen sind so mächtig und so gut in das System integriert, dass alternative Kriterien der Nachrichtenauswahl oft nicht einmal vorstellbar sind.” (S. 158)

Einordnung und Kontext: Mit ihrem Propagandamodell knüpfen Herman und Chomsky an die Tradition der kritischen politischen Ökonomie der Medien an. Bereits Autoren wie Ben Bagdikian (in The Media Monopoly) hatten auf die Gefahren der Konzentration im Mediensektor hingewiesen, und James Curran & Jean Seaton (die im Kapitel erwähnt werden) dokumentierten, wie in Großbritannien einst eine vielfältige Presse durch ökonomischen Druck auf Linie gebracht wurde. Herman und Chomsky gehen indes über rein ökonomische Analysen hinaus, indem sie politische Ideologie (z.B. Antikommunismus) und professionelle Normen (Objektivitätsrituale) in ihr Modell integrieren. Ihr Ansatz ist materialistisch: Anders als liberale Medientheoretiker, die Medien eher als neutrale Vermittler sehen, betonen sie die Machtasymmetrien und Interessen hinter der Nachrichtenproduktion. Interessant ist, dass ihr Modell auch Parallelen zur Gatekeeper-Theorie und zum Agenda-Setting aufweist, diese jedoch um eine makro-strukturelle Dimension erweitert. Wo klassische Kommunikationstheorien die Frage stellen, “Wer sagt was durch welches Medium zu wem mit welchem Effekt?”, fragen Herman und Chomsky gewissermaßen: “Wer bestimmt, welche Themen und Stimmen es überhaupt durch die Filter in den Medienstrom schaffen – und welche systematischen Verzerrungen treten dabei auf?”

Im Verhältnis zu anderen Autoren kann man sagen: Herman und Chomsky liefern die radikalste und zugleich umfassendste Erklärung für die beobachtbare Konformität der Mainstream-Medien. Sie würden wohl zustimmen mit Walter Lippmanns berühmtem Diktum, dass die Medien “die Zustimmung fabrizieren” (manufacture consent) – einem Satz, den sie nicht zufällig als Originaltitel ihres Buches wählten. Aber während Lippmann dies eher elitentheoretisch-pragmatisch meinte (im Sinne von „Demokratie braucht gelenkte Zustimmung“), analysieren Herman und Chomsky die Mechanismen dieser Fabrikation, um sie letztlich zu kritisieren. Ihr Propagandamodell ist somit ein Gegenentwurf zur in den USA verbreiteten Vorstellung einer “liberal bias” (angeblich linkslastigen) Presse. Stattdessen zeigen sie, dass große Medien eher im Sinne einer konservativen bzw. elitendienlichen Schlagseite funktionieren – eine These, die in den späten 1980ern gegen den Strich des Zeitgeists ging.

Interessant ist zudem der wissenschaftssoziologische Kontext: Obwohl Manufacturing Consent (so der Originaltitel) seit seiner Veröffentlichung 1988 zu einem Klassiker der Medienkritik avancierte, blieb es im akademischen Diskurs randständig. Viele Medienwissenschaftler ignorierten das Modell oder schenkten ihm nur kurze, oft abschätzige Erwähnungen. Dieser Umstand unterstreicht indirekt die Thesen des Buches – denn auch Hochschulen und Forschungsförderung unterliegen gesellschaftlichen Machtstrukturen. Erst nach und nach, besonders außerhalb der USA, fand das Propagandamodell stärkere Resonanz. In Deutschland etwa wird es nun vor dem Hintergrund der sogenannten “Lügenpresse-Debatte” wiederentdeckt (die Einleitung des hiesigen Bandes zieht explizit Verbindungen). Dabei wird deutlich: Herman und Chomsky liefern kein Futter für plumpen Medienhass, sondern ein analytisches Werkzeug, um berechtigte Kritik zu fundieren. Ihr erster Kapitel legt den Grundstein dafür, indem es die systemischen Bedingungen beschreibt, unter denen unsere Nachrichten entstehen.

Kapitel 2 – Wertvolle und wertlose Opfer

Zusammenfassung: Im zweiten Kapitel wenden Herman und Chomsky ihr Modell auf ein aufschlussreiches Feld an: die Berichterstattung über Opfer von Gewalt. Sie zeigen, dass Medien – als Teil eines Propagandasystems – Opfer je nach politischem Kontext unterschiedlich behandeln: Leiden Menschen unter der Gewalt eines feindlich gesinnten Regimes, werden sie zu “wertvollen” Opfern stilisiert; hingegen bleiben vergleichbare oder schlimmere Opfer, die von der eigenen Regierung oder von US-Verbündeten maltretiert werden, “wertlos”. Konkret lasse sich der “Wert” eines Opfers am Ausmaß der medialen Aufmerksamkeit und der geäußerten Empörung ablesen (S. 237). Ein Propagandasystem, so schreiben die Autoren pointiert, wird stets mit zweierlei Maß messen: Mitgefühl und Entrüstung gelten den Opfern offizieller Feinde, während die Opfer in den Einflussgebieten der USA von Medien, Intellektuellen und oft auch der Öffentlichkeit nahezu ignoriert werden. Diese scharfe These untermauern Herman und Chomsky durch einen detaillierten Vergleich realer Fälle aus den 1970er und 1980er Jahren.

Im Zentrum steht der Gegensatz zwischen dem Schicksal des polnischen Priesters Jerzy Popiełuszko und dem dutzender katholischer Würdenträger in Lateinamerika. Popiełuszko, ein regierungskritischer Geistlicher, wurde 1984 in der Volksrepublik Polen (damals ein kommunistischer Staat, also ein Feind der USA) vom polnischen Geheimdienst entführt und ermordet. Dieser Fall erregte weltweit Aufsehen. Die westlichen Medien berichteten ausführlich, fast ausnahmslos mit scharfem Ton der Empörung und großer moralischer Anteilnahme. Herman und Chomsky legen dar, dass Popiełuszko in ihrem Modell ein “wertvolles Opfer” ist: Er wurde von einem gegnerischen Regime getötet und eignete sich deshalb hervorragend für propagandistische Zwecke – sein Martyrium konnte genutzt werden, um das kommunistische Polen und indirekt die Sowjetunion als brutal und verbrecherisch darzustellen.

Demgegenüber stellen die Autoren die zahllosen “wertlosen Opfer” in den Ländern der US-Einflusssphäre in jener Zeit. Insbesondere dokumentieren sie Fälle in El Salvador und Guatemala, wo in den frühen 1980ern – unter den Augen und mit Unterstützung der USA – Dutzende katholische Priester, Ordensleute und kirchliche Aktivisten von rechtsgerichteten Todesschwadronen ermordet wurden. So wurde z.B. im März 1980 Erzbischof Óscar Romero in El Salvador während einer Messe erschossen, nachdem er offen die Menschenrechtsverbrechen des von den USA unterstützten salvadorianischen Militärregimes angeprangert hatte. Im Dezember 1980 wurden vier US-amerikanische Nonnen von Soldaten der salvadorianischen Nationalgarde entführt, vergewaltigt und ermordet. In Guatemala verschwanden oder starben zahlreiche Mitglieder der humanitären Grupo de Apoyo Mutuo (GAM) sowie über 20 Priester zwischen 1980 und 1985 unter dem terroristischen Regime von General Ríos Montt. All diese Opfer hatten gemein, dass die Täter pro-westliche, antikommunistische Regierungen oder paramilitärische Einheiten waren – also Regime, die von Washington als Verbündete betrachtet wurden.

Die mediale Resonanz auf diese lateinamerikanischen Bluttaten war – gemessen am entsetzlichen Ausmaß – gering. Herman und Chomsky quantifizieren dies akribisch: Sie zählen etwa die Artikel und Titelseitenberichte der New York Times, von Time/Newsweek sowie der großen TV-Nachrichtensendungen und setzen sie in Relation. Das Ergebnis (veranschaulicht in Tabellen im Buch) ist eindeutig: Popiełuszko allein erhielt mehr und umfangreichere Berichterstattung als alle lateinamerikanischen Opfer zusammen. Die New York Times veröffentlichte 78 Artikel über den polnischen Fall (davon 10 auf der Titelseite), hingegen nur 8 Artikel über 72 ermordete Kirchenleute aus ganz Lateinamerika (und nur 1 auf Seite 1). Ähnlich krass fällt der Vergleich bei Time/Newsweek und den TV-Nachrichten aus. Die vier ermordeten US-Nonnen – man sollte meinen: amerikanische Staatsbürgerinnen, deren Tod Aufsehen erregen müsste – brachten es in der NY Times auf gerade 26 Artikel, davon 3 Leitartikel, während Popiełuszko 78 Artikel und 10 Leitartikel erhielt. Summiert man alle Meldungen über “wertlose” Opfer (inklusive Romero, Rutilio Grande und anderer) auf, erreichen sie nur einen Bruchteil der Medienpräsenz, die dem einen polnischen Priester zuteilwurde.

Noch aufschlussreicher als die quantitativen Diskrepanzen ist die Unterschiedlichkeit des Tons und der Tiefe, mit der berichtet wurde. Herman und Chomsky analysieren die Qualität der Berichterstattung in vier Aspekten:

  1. Schilderung der Tat und des Leids des Opfers: Im Fall Popiełuszko boten westliche Medien umfangreiche Hintergrundinformationen, schilderten detailliert die Umstände des Mordes, das Leiden des Priesters und seine Biografie. Bei den lateinamerikanischen Opfern hingegen blieben die Berichte spärlich, oft blutleer und ohne Gesichter – viele Opfer wurden nicht einmal namentlich genannt.
  2. Ausdruck von Empörung und Forderungen nach Gerechtigkeit: Für Popiełuszko überschlug sich die Empörung. Politiker und Kommentatoren zeigten sich erschüttert, die Presse forderte lautstark Aufklärung und Bestrafung der Verantwortlichen. Dagegen waren Entrüstung oder moralische Verurteilung im Falle z.B. der Nonnenmorde oder Romeros kaum zu vernehmen. Es wurde nüchtern berichtet, aber ohne moralische Anklage.
  3. Suche nach Verantwortlichkeit “nach oben”: Bei Popiełuszko spekulierten Medien sofort über die Verantwortlichen in hohen Regierungskreisen: War der polnische Innenminister oder gar Moskau involviert? Man wollte das Verbrechen als Symptom systemischer Bösartigkeit des kommunistischen Regimes verstanden wissen. Bei Romero oder den anderen hingegen stellten Medien kaum bohrende Fragen, wer an der Spitze für das Klima der Gewalt verantwortlich war – obwohl z.B. El Salvadors rechtsextreme Regierung offenkundig die Todesschwadronen deckte. Die Verantwortung weiter oben blieb in den US-Medien meist unthematisiert.
  4. Nachhaltigkeit und Folgeberichte: Popiełuszko blieb über Monate ein Thema; sein Fall wurde immer wieder aufgegriffen, jährliche Gedenkberichte inklusive. Die Morde in Lateinamerika hingegen versanken schnell in Vergessenheit; es gab kaum Follow-ups oder investigative Nachforschungen, nachdem die erste Kurzmeldung verhallt war.

Diese kontrastierenden Muster erfüllen exakt die Erwartungen des Propagandamodells. Herman und Chomsky sprechen von einem “auffallenden politischen Bias” in der Definition, welches Opfer viel “Wert” besitzt. Während Popiełuszkos Tod als Propagandastoff gegen den Ostblock breit ausgewalzt wurde, legte man über die „schmutzigen Kriege“ der amerikanischen Alliierten den Mantel des Schweigens. Erstaunlich ist, wie effektiv dieses System funktioniert: Der durchschnittliche Medienkonsument – und selbst viele Intellektuelle im Westen – bemerkten den Doppelstandard kaum. Stattdessen nahm man die empörte, selbstgerechte Haltung der Berichterstattung gegenüber kommunistischen Verbrechen als Beleg einer moralisch integren Presse, während die gleichzeitige Apathie gegenüber den “eigenen” Untaten ausgeblendet blieb. Dieses Kapitel hält der westlichen Öffentlichkeit also gewissermaßen den Spiegel vor: Es zeigt, wie selektiv unser humanitärer Impuls durch die Medien geweckt oder gedämpft wird.

Originalzitat:

  • “Ein Propagandasystem wird Menschen, die in feindlichen Staaten Gewalt erdulden müssen, konsistent als wertvolle Opfer darstellen, während Opfer, die von der eigenen Regierung oder deren Klientenstaaten mit gleicher oder noch größerer Härte behandelt werden, als wertlos angesehen werden. Wie hoch der Wert der Opfer ist, lässt sich am Ausmaß und Charakter der Aufmerksamkeit und Empörung ablesen.” (S. 237)
  • (Zum Vergleich Popiełuszko vs. Lateinamerika:) “In unserem Modell wird Popiełuszko – der von einem feindlichen System getötet wurde – ein wertvolles Opfer sein, während Priester, die in unseren Klientelstaaten ermordet wurden, wertlos sein werden. Im ersten Fall kann man von den Medien eine heftige Welle von Propaganda erwarten, während im zweiten Fall nicht mit einer beständigen Berichterstattung zu rechnen ist.” (S. 237)
  • (Befund:) “Wir werden in diesem Kapitel zeigen, dass die Definitionen der US-Massenmedien von ›Wert‹ in der Praxis extrem politisch sind und den Erwartungen eines Propagandasystems in hohem Maß entsprechen.” (S. 237)

Einordnung und theoretische Anknüpfung: Das Kapitel Wertvolle und wertlose Opfer demonstriert praktisch, was im ersten Kapitel theoretisch behauptet wurde: Medien berichten nicht proportional zur Schwere eines Unrechts, sondern proportional zur Nützlichkeit des Falls für die eigene Seite. Diese Erkenntnis steht im Einklang mit anderen kritischen Untersuchungen. So hatte Noam Chomsky selbst bereits früher (z.B. in The Washington Connection and Third World Fascism, 1979) auf die Vernachlässigung von US-unterstütztem Staatsterror hingewiesen. Auch Menschenrechtsorganisationen beklagten in den 1980ern, dass “ein toter Priester im kommunistischen Polen mehr Schlagzeilen bekommt als fünfzig tote Priester in Lateinamerika”. Herman und Chomsky liefern hier die umfassende analytische Untermauerung für dieses Gefühl.

Theoretisch ist bemerkenswert, dass dieses Kapitel einen Aspekt der Agenda-Setting-Theorie illustriert: Nicht nur sagen Medien uns, worüber wir nachdenken sollen, sondern sie legen auch nahe, wie wir darüber fühlen sollen. Die Agenda (Mord an einem Priester) wird unterschiedlich gerahmt – einmal als zentrales zivilisatorisches Verbrechen, einmal als Randnotiz. Hier zeigt sich auch eine Parallele zu dem, was später als Framing bekannt wurde: Das gleiche Ereignis (politischer Mord) erhält je nach Frame (“Kommunistische Repression” vs. “bedauerlicher Zwischenfall im Anti-Kommunismus-Kreuzzug”) völlig unterschiedliche Bedeutungen. Herman/Chomsky deuten somit avant la lettre an, was etwa Entman (1991) als “Manufacturing of frames” beschrieb.

Im Verhältnis zu anderen Autoren ist besonders die implizite Kritik an westlichen Medien bemerkenswert. Während etwa Samuel Huntington in den 1970ern von einem “Übermaß an moralischer Gleichheit” der Medien sprach (er monierte, die Presse würde auch US-Fehler anprangern und so die Außenpolitik unterminieren), zeigen Herman und Chomsky, dass das Gegenteil der Fall ist: Die Presse operiert mit moralischer Doppelmoral zugunsten der eigenen Regierung. In diesem Sinne stimmen sie mit der Analyse vieler Menschenrechtsexperten überein, die ab den 1990ern unisono fragten, warum etwa dem Genozid in Ruanda (einem Nicht-Verbündeten) so viel weniger mediale Empörung zuteil wurde als zeitgleich den Verbrechen in Bosnien (begangen von dem Feindbild Serbien).

Zu erwähnen ist, dass Herman und Chomsky in ihrem Datenmaterial vor allem die Außenpolitik-Berichterstattung ins Visier nehmen. Kritiker (wie Gladys & Kurt Lang) haben daraus gefolgert, das Propagandamodell gelte womöglich primär für Auslandsnachrichten, wo der Elitenkonsens am stärksten ist. In der Innenpolitik, so das Argument der Langs, gäbe es mehr vielfältige Akteure und Quellen, wodurch die Filter weniger wirksam seien. Herman und Chomsky halten dem entgegen, dass auch viele inländische Themen gefiltert werden (sie nennen selbst Beispiele in ihrem Buch, etwa Wirtschafts- und Sozialpolitik, S. 102–108). Gleichwohl muss man festhalten: Kapitel 2 spielt auf dem Feld der Außenpolitik und macht dort den Filter-Effekt exemplarisch sichtbar.

Für heutige Leser ist dieses Kapitel eine Aufforderung, aktuelle Nachrichten mit ähnlicher Skepsis zu betrachten: Werden Opfer in feindlichen Staaten (etwa Menschenrechtsverletzungen in rivalisierenden Ländern) mit großem Tamtam verurteilt, während gleichzeitig ähnlich Schlimmes in Ländern unter westlichem Einfluss milde oder gar nicht berichtet wird? Leider lässt sich auch in jüngerer Zeit diese Tendenz beobachten – man denke an die Diskrepanz in der Berichterstattung über zivile Opfer in “Schurkenstaaten” versus Kollateralschäden westlicher Militäreinsätze. Herman und Chomskys Analyse liefert hier ein dauerhaft gültiges Warnsignal vor medialer Parteilichkeit.

Kapitel 3 – Legitimierende und bedeutungslose Wahlen in der Dritten Welt: El Salvador, Guatemala, Nicaragua

Zusammenfassung: In Kapitel 3 wenden die Autoren ihr Modell auf ein weiteres Themenfeld an: die mediale Darstellung von Wahlen in Entwicklungsländern während der 1980er Jahre. Sie zeigen, dass die großen US-Medien die Bewertung dieser Auslandswahlen streng entlang der Linie der US-Außenpolitik ausrichteten. Die Reagan-Regierung inszenierte Anfang der 80er in El Salvador und Guatemala – zwei autoritär regierten Ländern, die als Bollwerke gegen linke Aufstände galten – Wahlen, um den Anschein von Demokratie zu erwecken und so die anhaltende massive US-Militärhilfe zu rechtfertigen. Die US-Medien zogen dabei voll mit: Sie feierten diese Urnengänge als “Schritte in Richtung Demokratie” und als legitimatorische Meilensteine. Als hingegen 1984 in Nicaragua (geführt von der linksgerichteten Sandinistischen Regierung, die Washington feindselig gegenüberstand) ebenfalls Wahlen stattfanden, versuchte Reagan, diesen Urnengang im Vorfeld zu delegitimieren. Und wieder folgten die Medien dem Narrativ: Die Nicaragua-Wahl wurde von den großen Zeitungen als “Betrug” und Farce abgestempelt – obwohl internationale Beobachter sie als im Großen und Ganzen fair beurteilten und die Rahmenbedingungen dort deutlich freier waren als in El Salvador. Herman und Chomsky belegen einen “bemerkenswerten Doppelstandard”: Was immer Verbündete tun, wird wohlwollend als demokratiefördernd interpretiert, während vergleichbare oder bessere Vorgänge bei einem Feind zum Schein entwertet werden (S. 103).

Um dies plausibel zu machen, analysiert das Kapitel gründlich die Bedingungen jener Wahlen. Die Autoren stellen zunächst heraus, welche Minimalstandards für wirklich demokratische Wahlen erfüllt sein müssen – etwa: Presse- und MeinungsfreiheitVersammlungsfreiheitfreie Organisierbarkeit von Parteien und KandidaturenAbwesenheit von staatlichem Terror usw. Anschließend vergleichen sie diese Standards in den drei Ländern:

  • In El Salvador und Guatemala herrschten während der Wahlen Anfang/Mitte der 80er Zustände massiver Repression. In El Salvador etwa operierte eine “außer Kontrolle geratene Tötungsmaschine” (so nennen es die Autoren, nach einem kritischen US-Beobachter): Todesschwadronen und Militär terrorisierten die Bevölkerung. Unabhängige Oppositionelle waren vertrieben oder ermordet, Presse und Gewerkschaften eingeschüchtert oder verboten, Wähler wurden teils unter Androhung von Strafe an die Urnen gezwungen. Die Wahlen fanden buchstäblich im Schatten von Gewalt statt – eine echte freie Willensbekundung war kaum möglich. Dennoch priesen US-Medien diese Wahlen als “Zeichen der Mäßigung” und legitimen Neubeginn. In Guatemala ähnlich: trotz systematischer Verfolgung der Opposition sprach z.B. die New York Times von einem “ersten Schritt” zur Mäßigung.
  • In Nicaragua hingegen, so zeigen Herman und Chomsky auf, waren die Wahlen 1984 in mancher Hinsicht offener: Die Sandinisten hatten zwar Einschränkungen für bestimmte Contra-nahe Parteien erlassen, doch es gab realen Wettbewerb mit mehreren zugelassenen Parteien, Zugang der Opposition zu Medien (innerhalb gewisser Grenzen) und – vor allem – keine Todeseskadronen, die oppositionelle Wahlkämpfer ermordeten. Internationale Beobachter (darunter westliche Parlamentarier und der britische The Economist) attestierten den Wahlen einen durchaus respektablen Ablauf. Trotzdem wurde in US-Medien – im Einklang mit der Reagan-Regierung – alles getan, um diese Wahl zu diskreditieren. Berichte stellten die geringe Wahlbeteiligung heraus (die gar nicht so gering war), unterstellten Einschüchterung (ohne stichhaltige Belege) und betonten ständig die fehlende völlige Pressefreiheit in Nicaragua. Man verstieg sich zu absurden Verzerrungen: Als in Nicaragua trotz Contra-Terror eine hohe Wahlbeteiligung erreicht wurde (ein Zeichen politischen Engagements), deuteten US-Medien dies plötzlich nicht als Triumph der Demokratie um – während sie im Jahr zuvor eine hohe Quote in El Salvador als großartigen Beweis für das “Demokratie-Verlangen” der Salvadorianer ausgelegt hatten.

Herman und Chomsky sezieren die Artikulationsmuster der Presse in erstaunlichem Detail. So zeigen sie, wie Begriffe wie “Übergang zur Demokratie” oder “gemäßigte Kräfte” sehr selektiv verteilt wurden: In Guatemala wurden militärnahe rechte Politiker von US-Medien flugs als “Moderate” etikettiert, selbst wenn sie mit einem rigged System verbunden waren. Dass z.B. General Ríos Montt wenige Jahre zuvor einen Genozid an Maya-Bauern zu verantworten hatte, tat der New York Times 1984 nicht weh – sie lobte die Wahl eines Zivilisten (Vinicio Cerezo) als hoffnungsvolles Zeichen, obwohl die herrschenden Machtstrukturen weitgehend intakt blieben.

Die Autoren belegen ihre Thesen mit vielen Zitaten aus der US-Presse. So referieren sie etwa einen NY Times-Leitartikel, der die salvadorianische Militärjunta zu Beschützern einer entstehenden Demokratie umdeutete – und zwar genau jene, die zuvor als “Killing machine” verrufen war. Ein anderes Beispiel: Die Times schrieb wohlwollend, der neue guatemaltekische Präsident rufe zu sauberen Wahlen auf – obwohl die Wahl manipuliert wurde und er aus einer Partei kam, die alle früheren Wahlen gefälscht hatte. Dieser Goodwill der Presse gegenüber Klientenregierungen kontrastierte scharf mit dem Misstrauen gegenüber Nicaragua: Dort unterstellte man stets das Schlimmste (selbst ein “geheimes MiG-Krisenszenario” am Wahltag 1984, lanciert durch US-Offizielle, fand breiten Niederschlag – eine klassische Propagandameldung, die sich später als haltlos herausstellte).

Zusätzlich zum Zentralamerika-Schwerpunkt ziehen Herman und Chomsky Parallelen zu anderen Ländern. Sie erwähnen z.B. die US-Berichterstattung über Wahlen im Kambodscha der 1990er, im Jugoslawien 2000, in RusslandTürkeiMexiko etc.: Die Tendenz bleibt die gleiche. Wo unliebsame Regierungen zur Wahl standen (etwa Hun Sen in Kambodscha oder Milosevic in Serbien), warnte die US-Presse eindringlich vor Wahlbetrug und pochte auf höchste Standards. Wo hingegen pro-amerikanische Kräfte an der Macht waren (Russland unter Jelzin, Kenia unter Moi, Mexiko unter der langjährigen Ein-Parteienherrschaft der PRI), wurde über Unregelmäßigkeiten hinweggesehen und die positiven Aspekte hervorgekehrt. So konstatiert die NY Times 1992 zu Kenia lediglich nüchtern, Wahlen allein garantierten noch keine Demokratie (skeptischer Ton, da US-Position ambivalent war). Dagegen lobte dieselbe Zeitung über Jahrzehnte jede noch so gefälschte mexikanische Wahl als Fortschritt – solange die pro-westliche PRI siegte.

Kurzum: Kapitel 3 beweist mit empirischer Wucht, dass die Medienagenda mit der Regierungsagenda synchronisiert ist. Diese Synchronisierung erfolgt dabei nicht notwendig durch direkte Zensur, sondern über die Filters des Propagandamodells – insbesondere die Abhängigkeit von offiziellen Quellen. US-Medien stützten sich im Fall der Zentralamerikawahlen fast ausschließlich auf US-Regierungsmitteilungen und handverlesene “Beobachter”, die von Washington entsandt oder unterstützt wurden. Diese offiziellen “Experten” – die Kapitel 3 ebenfalls durchleuchtet – priesen die Wahlen in El Salvador/Guatemala und verdammten jene in Nicaragua. Die Medien gaben diese Einschätzungen praktisch ungeprüft weiter. Wo unabhängige internationale Wahlbeobachter zu Wort kamen (die oft ein positiveres Bild von Nicaragua zeichneten), wurden sie an den Rand gedrängt oder als naiv abgetan.

Originalzitat:

  • “Im dritten Kapitel dieses Buches zeigen wir, dass die US-Mainstreammedien in ihrer Behandlung von Wahlen in US-Satellitenstaaten und in von den USA als Gegner betrachteten Staaten regelmäßig der Agenda der Regierung gefolgt sind. […] Die Mainstreammedien […] charakterisierten die salvadorianischen Wahlen als einen ›Schritt in Richtung Demokratie‹, während sie die Wahlen in Nicaragua als ›Schwindel‹ abtaten, obwohl die Rahmenbedingungen dort viel günstiger für eine faire Wahl waren. Wir zeigen, dass die Medien einen bemerkenswerten Doppelstandard auf diese beiden Wahlen anwendeten, der den propagandistischen Bedürfnissen der US-Regierung entgegenkam.” (S. 103)
  • “Dieselbe Parteilichkeit zeigt sich auch bei der Berichterstattung über kürzliche Wahlen in Kambodscha, Jugoslawien, Kenia, Mexiko, Russland, der Türkei und Uruguay. […] In Kambodscha und Jugoslawien – den einzigen dieser Länder mit Regierungen, die vom US-Establishment heftig abgelehnt wurden – warnte die New York Times vor ernsten Problemen […]. Bei den anderen vier Wahlen hingegen, die von Regierungen organisiert – und gewonnen – wurden, die die starke Unterstützung des US-Außenministeriums genossen, hörte man keine Warnungen vor Wahlfälschungen; […] in all diesen Fällen kam man zu dem Schluss, die Wahlen seien ein Schritt in Richtung Demokratie und legitimierten daher den Sieger. (S. 104–105)

Einordnung: Kapitel 3 verdeutlicht die Instrumentalisierung demokratischer Werte im Mediendiskurs. Während der Kalte Krieg hochgekocht war, diente der Begriff “Demokratie” oft bloß als Kampfbegriff: Wahlen bei Verbündeten galten per se als Fortschritt (egal wie grob sie manipuliert waren), Wahlen bei Gegnern per se als Farce (selbst wenn sie relativ frei verliefen). Diese Erkenntnis deckt sich mit Analysen kritischer Lateinamerikawissenschaftler in jener Zeit. So schrieb der nicaraguanische Autor Eduardo Galeano sarkastisch: “Wir haben beste Freunde in Washington: Sie veranstalten Wahlen bei uns, wann immer sie etwas legitimieren müssen.” Herman und Chomsky bieten für solche Beobachtungen den systematischen Überbau.

Ihr Befund hat auch nach dem Kalten Krieg Aktualität. Die westliche Berichterstattung über internationale Wahlen – man denke an Russland, Iran, Venezuela vs. Saudi-Arabien oder Ägypten – weist bis heute ein ähnliches Muster auf. Natürlich sind Kontexte verschieden, aber der Doppelstandard bleibt ein verlässlicher Indikator propagandistischer Färbung. Wann immer Medien bei “unseren” Autokraten Beschwichtigungen finden (“Stabilität”, “kulturelle Eigenheiten”), während sie “feindliche” Autokraten als das Böse schlechthin darstellen, spiegelt sich das hier beschriebene Prinzip.

Theoretisch knüpft dieses Kapitel an Konzepte wie Ideologiekritik und Hegemonietheorie an. Antonio Gramscis Idee der kulturellen Hegemonie etwa besagt, dass die herrschende Klasse ihre Werte als allgemeingültig darstellt und Widersprüche kaschiert. Hier sehen wir, wie das Ideal “freie Wahlen” hegemonial vereinnahmt wird: Der Schein von Wahlen wird wichtiger als deren substanzielle Qualität – je nachdem, was ins Machtkalkül passt. Auch Harold Lasswells warnendes Diktum, in Krisenzeiten würden demokratische Ideale propagandistisch gebraucht, findet hier praktische Bestätigung.

Im Vergleich zu anderen Autoren ragte Herman/Chomskys Analyse damals durch ihre Konkretheit heraus. Während viele Politikwissenschaftler allgemein von “Doppelmoral” sprachen, brachten Herman und Chomsky solide Daten und zitierfähige Beispiele. Sie zeigen etwa auf, wie Time Magazine in Bild und Text einen salvadorianischen General als “fatherly figure” darstellte, wohingegen ein sandinistischer Minister als “hard-line ideologue” abgekanzelt wurde – trotz sehr unterschiedlicher Faktenlage. Dieses Auge fürs Detail macht ihre Argumentation besonders bestechend.

Für heutige Medienkritiker ist Kapitel 3 eine Schatzkammer an Beispielen, wie Framing und selektive Empörung funktionieren. Es regt dazu an, unsere eigene Berichterstattung über internationale Politik kritisch zu hinterfragen: Werden bestimmte Wahlen deshalb gelobt oder verdammt, weil wir – bewusst oder unbewusst – die geopolitischen Interessen unserer Regierung übernommen haben? Die Lektion aus Die Konsensfabrik lautet, solche Fragen zu stellen und die Berichte nicht isoliert, sondern als Teil eines größeren Narrativs zu begreifen.

Kapitel 4 – Das Komplott des KGB und Bulgariens zur Ermordung des Papstes: Marktwirtschaftliche Desinformation als »Nachrichten«

Zusammenfassung: Dieses Kapitel widmet sich einer spektakulären Medien-Kampagne der 1980er Jahre – der sogenannten “Bulgarian Connection”. Gemeint ist die Behauptung, der Anschlag auf Papst Johannes Paul II. im Jahr 1981 sei vom sowjetischen KGB in Zusammenarbeit mit dem bulgarischen Geheimdienst orchestriert worden. Herman und Chomsky zeichnen minutiös nach, wie aus dieser unbelegten Verschwörungsthese ein weltweiter “Nachrichtenfakt” wurde. Es ist eine Fallstudie darüber, wie Desinformation in einem marktwirtschaftlichen Mediensystem Verbreitung findet, wenn sie mit der vorherrschenden Ideologie resoniert.

Zum Hintergrund: Am 13. Mai 1981 schoss der türkische Rechtsextremist Mehmet Ali Ağca auf dem Petersplatz in Rom auf Papst Johannes Paul II. Der Papst überlebte schwer verletzt. Zunächst deutete nichts auf eine Verschwörung hin – Ağca war Mitglied der rechtsterroristischen Grauen Wölfe, einer türkischen ultranationalistischen (antikommunistischen) Gruppe. Doch etwa ein Jahr später, 1982, begannen westliche Medien – allen voran der Reader’s Digest und einige Journalisten wie Claire Sterling – zu suggerieren, der Anschlag stehe in Wahrheit im Auftrag des KGB und der bulgarischen Regierung (damals ein Sowjet-Satellit). Diese Theorie passte perfekt ins Feindbild der Reagan-Ära, in der man die Sowjetunion als “Reich des Bösen” dämonisierte. Herman und Chomsky beschreiben, dass es eine konzertierte Bemühung gab, die Öffentlichkeit vom sowjetischen Hintermann zu überzeugen, um so massive Aufrüstung und aggressivere Politik zu rechtfertigen. Die Papst-Attentat-Story war ein gefundenes Fressen, um die Sowjets als mordlustige Drahtzieher globalen Terrorismus darzustellen.

Entscheidend ist: Diese Version stützte sich im Wesentlichen auf Ağcas eigenes “Geständnis”, das erst im späten 1982/83 (17 Monate nach der Tat) im italienischen Gefängnis zustande kam. Ağca behauptete plötzlich, bulgarische Agenten (und indirekt der KGB) hätten ihn angeheuert. Herman und Chomsky legen dar, wie fragwürdig dieses Geständnis war: Es kam äußerst spät, nach zahllosen Besuchen italienischer Geheimdienstler, Ermittler und sogar vatikanischer Emissäre bei Ağca – allesamt Akteure mit großem Interesse, den Kommunisten die Schuld zuzuweisen. Italiens Geheimdienste, erinnern die Autoren, waren berüchtigt für antikommunistischen Eifer und zweifelhafte Methoden. Kurz, es gab allen Grund, das Geständnis skeptisch zu sehen. Ağca war ein instabiler Zeuge mit wirren Motiven, und die ganze Vorstellung, Moskau hätte den Papst ermorden lassen wollen, erschien einigen Experten schon damals unplausibel: Welchen Nutzen hätten die Sowjets gehabt, den populären polnischen Papst zu töten und damit die Welt gegen sich aufzubringen? Die Aktion wäre extrem riskant und politisch dumm gewesen – ein “hirnrissiges Unternehmen”, wie Herman/Chomsky schreiben (und wie es einige CIA-Leute später ausdrückten). Zudem fehlte es von Anfang an an harten Beweisen.

Doch genau an dieser Stelle setzt das propagandistische Element ein: Die Mainstream-Medien akzeptierten die “Bulgarische Spur” erstaunlich unkritisch (S. 107). Westliche Nachrichtenmagazine, Zeitungen und TV-Sender griffen die Story dankbar auf und bliesen sie zu einem Dauerthema auf. Herman und Chomsky zeigen, dass alternative Erklärungen oder Zweifel kaum in Betracht gezogen wurden. Die naheliegende Mutmaßung – nämlich dass Ağca die Geschichte aufgetischt haben könnte, weil man es ihm nahelegte oder er sich Vorteile erhoffte – erschien fast nie auf dem Radar der großen Medien. Auch die bizarren Aspekte der “Offiziersversion” wurden ignoriert: So wäre z.B. laut Geständnis ein bulgarischer Agent namens Antonow mitten in Rom auf dem Petersplatz präsent gewesen, um Ağca zu dirigieren – doch Antonow (der in Italien vor Gericht stand) war ein korpulenter, auffälliger Mann, und niemand außer Ağca hatte ihn gesehen. Egal – die Medien stellten diese unbelegten Details als plausibel hin.

Herman und Chomsky seziert weiterhin, wie einseitig die Quellenauswahl der Medien war. Praktisch alle Informationshäppchen, die das “sowjetische Komplott” stützen konnten, wurden breit berichtet – seien es Indiskretionen aus Geheimdienstkreisen, Leaks aus italienischen Ermittlerkreisen oder Spekulationen von Journalisten wie Claire Sterling, Paul Henze (ehem. CIA) und Marvin Kalb, die das “Sterling-Henze-Kalb-Modell” einer sowjetischen Verschwörung populär machten. Diese drei Namen stehen im Kapitel exemplarisch für die treibenden Kräfte der Kampagne. Ihre Bücher und Artikel (Sterlings “The Time of the Assassins”, Kalbs TV-Report etc.) fanden massive Resonanz. Gleichzeitig wurden Gegenstimmen – etwa Skeptiker in europäischen Medien oder unabhängige Beobachter – weitgehend ausgeblendet. Herman und Chomsky nennen diese selektive Quellenlage und die “nicht gestellten Fragen” eine gezielte Propaganda-Agenda.

Der Höhepunkt der Bulgarian-Connection-Story war ein italienischer Gerichtsprozess 1985/86, in dem mehrere Bulgaren angeklagt wurden, den Papst-Mordkomplott organisiert zu haben. Trotz großen politischen Drucks endete der Prozess 1986 mit Freisprüchen: Das Gericht erklärte, es gebe nicht genügend Beweise. Für unvoreingenommene Beobachter war damit die Verschwörungsthese schwer erschüttert. Doch Herman und Chomsky zeigen, wie US-Medien reagierten: Statt dies als Widerlegung ihrer Berichterstattung zu begreifen, taten sie es ab – die Freisprüche würden halt die “Ineffizienz des italienischen Justizsystems” spiegeln, nicht etwa die Nicht-Existenz der Verschwörung. Die Möglichkeit, dass kein KGB-Hintermann existierte, kam ihnen auch nach dem Prozess kaum in den Sinn.

Erst Anfang der 1990er, nach dem Kalten Krieg, kamen harte Fakten ans Licht, die die Autoren ebenfalls referieren: Sowohl die geöffneten Ost-Archive (KGB und bulgarische Akten) als auch Aussagen von CIA-Analysten enthüllten, dass nichts dran war an der Sache. 1991 durfte der US-Historiker Allen Weinstein in bulgarischen Geheimdienstarchiven recherchieren – er fand keinerlei Indiz für eine KGB/Bulgarien-Beteiligung. In demselben Jahr sagten zwei ehemalige CIA-Mitarbeiter (Melvin Goodman und Harold Ford) vor dem US-Senat aus, die CIA habe ihre Analyse zur “Bulgarian Connection” politisch verbogen, um ins anti-sowjetische Narrativ zu passen. Tatsächlich hätten die CIA-Leute schon damals gewusst, dass es keine Verbindung gab – die CIA hatte die bulgarischen Dienste stark infiltriert und fand nichts. Diese Aussagen waren eigentlich ein vernichtendes Urteil: Sie bestätigten, dass die ganze Medienerzählung der 80er Jahre ein kolossaler Irrtum (oder Irreführung) war.

Herman und Chomsky schildern, wie die Medien mit dieser Blamage umgingen: Sie gingen schnell zur Tagesordnung über, ohne viel Aufhebens. Kein großes Medium übernahm Verantwortung für die kolportierte Falschinformation. Bestenfalls räumte man in kleinen Meldungen ein, es gäbe Zweifel – einige insistierten sogar noch, es sei ja nicht bewiesen, dass die Sowjets unschuldig seien (ein Logikfehler, da man die Nichtexistenz eines Komplotts nie “beweisen” kann). So blieb beim Publikum vermutlich hängen: Irgendwas war da doch dran – ein Eindruck, der nie korrigiert wurde. Die Autoren resümieren: Die Medien hatten mit ihrer begeisterten Unterstützung dieses Narrativs die Öffentlichkeit in die Irre geführt und journalistisch versagt – aber sie hatten sich als gute Diener der propagandistischen Bedürfnisse ihrer Regierung erwiesen (S. 108).

Originalzitate:

  • “Als der Attentäter Mehmet Ali Ağca im Mai 1981 in Rom auf Papst Johannes Paul II. schoss, lieferte das die Basis für eine der erfolgreichsten Propagandakampagnen der Ära des Kalten Krieges.” (S. 107)
  • “Dennoch akzeptierten die Mainstreammedien diese Geschichte mit erstaunlicher Leichtgläubigkeit und die in den italienischen Medien viel diskutierte Möglichkeit, dass Ağca überredet und gedrängt worden war, den KGB und Bulgarien als Auftraggeber zu nennen, wurde so gut wie nie auch nur theoretisch in Betracht gezogen.” (S. 107)
  • “Wir haben im vierten Kapitel unseres Buches diskutiert, [dass] die Unglaubwürdigkeit des angeblichen sowjetischen Motivs, die schiere Narretei des Unternehmens, sollte es tatsächlich von den Sowjets ausgegangen sein, und das vollständige Fehlen irgendwelcher glaubwürdiger Beweise von den Medien so gut wie vollständig ignoriert [wurden]. Als ein italienisches Gericht 1986 […] die Anklage abwies, spiegelte dies für die US-Medien lediglich die Besonderheiten des italienischen Justizsystems wider; dass es auch weiterhin keinerlei tragfähige Beweise gab, führte keineswegs zu einer Neubewertung des Falls oder Reflexionen der Medien über ihre eigene Rolle in ihm.” (S. 107–108)
  • “Diese [CIA-]Aussagen, die einen brutalen Todesstoß für die Behauptungen über eine solche Verbindung darstellten, brachten die Medien in Verlegenheit. Es war jetzt klar, dass sie mit ihrer enthusiastischen Unterstützung dieses erzählerischen Plots ihre Leser ernsthaft irregeführt und als Nachrichtenlieferanten und -analytiker schlechte Arbeit geleistet hatten, auch wenn sie sich als gute Diener der propagandistischen Bedürfnisse ihrer Regierung erwiesen hatten. […] Doch insgesamt gingen die Massenmedien rasch zur Tagesordnung über, ohne einmal über ihre Fehler nachzudenken.” (S. 108)

Einordnung: Dieser Fall ist in gewisser Weise das negativische Gegenstück zu Kapitel 2. Dort ging es darum, was nicht berichtet wurde (nämlich die eigenen Untaten) – hier geht es darum, was übermäßig und verzerrt berichtet wurde, nämlich eine pseudo-investigative Enthüllung, die ins ideologische Konzept passte. Herman und Chomsky sprechen von “marktwirtschaftlicher Desinformation”, um zu betonen: Obwohl keine zentrale Zensurbehörde diese Fake News verordnete, hat der “Markt” der Ideen – beeinflusst von ideologischer Nachfrage – die Falschgeschichte begünstigt. Es bestand ein regelrechter Informationsmarkt für anti-sowjetische Stories, und findige Autoren (Sterling & Co.) bedienten ihn profitabel. Die Medienkonzerne, auf Quote und Auflage bedacht, griffen sensationelle Enthüllungen gerne auf – insbesondere wenn sie die vorherrschende politische Stimmung bestätigten (Anti-KGB, “Reich des Bösen”). So zeigt sich hier, wie staatliche und private Interessen Hand in Hand gehen: Der Staat (bzw. Teile seines Sicherheitsapparats) streut eine Behauptung, die Medien verstärken sie aufgrund ihrer logics (Sensation sells; offizielle Quellen gelten als verlässlich; ideology sells in kalter-Krieg-Zeiten).

Dieser Fall entlarvt auch eine Ironie: Ausgerechnet jene westlichen Medien, die sonst Verschwörungstheorien belächeln, haben bereitwillig eine antikommunistische Verschwörungstheorie verbreitet. Herman und Chomsky machen klar, dass die “Verschwörung des KGB” inhaltlich substanzlos war – aber sie erhielt den Anstrich seriöser Nachrichten, weil sie von den “richtigen” Akteuren kam. Hier wird das Prinzip des Filter 3 (Quellen) besonders deutlich: Offizielle oder hochrangige Quellen genossen so viel Vertrauensvorschuss, dass abwegige Behauptungen von ihnen eher geglaubt wurden als naheliegende Erklärungen von weniger prominenten Stimmen. Ebenso war Filter 5 (Antikommunismus) voll am Werk: Die Ideologie lieferte den Deutungsrahmen, in dem alles Böse der Welt dem Feind angelastet wurde – ob bewiesen oder nicht, spielte eine Nebenrolle.

Dieses Kapitel hat Parallelen zu späteren medialen Desinformationskampagnen. Man denke an die falschen Massenvernichtungswaffen im Irak 2003: Auch dort stützten sich Medien auf Regierungsaussagen und zweifelhafte Zeugen (Curveball etc.), um eine narrative Rechtfertigung für den Krieg zu liefern – die sich später als unwahr herausstellte, ohne dass die Medien hinreichend Selbstkritik übten. Herman und Chomskys Analyse der Papst-Attentat-Story kann als Vorläufer jener Kritiken gesehen werden, die später etwa von Michael Massing oder Glenn Greenwald an der Irak-Kriegsberichterstattung geübt wurden. Das Muster ist erschreckend konstant.

In Bezug auf andere Autoren stellt Kapitel 4 auch eine Art Medienethik-Spiegel dar. Es erinnert an Carl Bernsteins Enthüllungen in den 1970ern, dass die CIA in großem Stil Journalisten für Desinformation nutzte (“Operation Mockingbird”). Obgleich die Bulgarian-Connection-Kampagne nicht 1:1 das Produkt einer CIA-Inszenierung war – die CIA selbst war intern skeptisch, wie wir erfuhren –, so fügte sie sich doch in die “psychologischen Operationen” des Kalten Kriegs ein. Herman und Chomsky argumentieren implizit, dass die Grenzen zwischen Journalismus und Propaganda fließend werden, wenn die Systemzwänge (Filters) es begünstigen.

Für kritische Medienkonsumenten zeigt dieses Kapitel exemplarisch, warum man auch scheinbar seriöse Nachrichten mit Vorsicht genießen sollte, wenn sie allzu perfekt ins Regierungskalkül passen. Es lehrt uns, nach den blinden Flecken zu suchen: Welche naheliegenden Fragen wurden nicht gestellt? Welche Quellen kamen nicht zu Wort? Warum glaubt man ausgerechnet einem verurteilten Attentäter ohne unabhängige Bestätigung? – Solche Fragen hätten die Medien stellen sollen. Dass sie es nicht taten, ist die Lehre aus der “Konsensfabrik”: Ein freiwilliges Versagen im Dienste der staatlichen Propaganda, motiviert durch ideologische und marktliche Anreize.

Kapitel 5 – Die Indochinakriege: Vietnam

Zusammenfassung: In Kapitel 5 richten Herman und Chomsky den Blick auf die mediale Aufarbeitung des Vietnamkrieges (bzw. der Kriege in Indochina) durch die US-Medien. Sie widersprechen damit dem gängigen Mythos, die amerikanische Presse habe in Vietnam eine heroische, aufklärerische Rolle gespielt und letztlich durch kritische Berichte zum Ende des Krieges beigetragen. Stattdessen argumentieren die Autoren, die Mainstreammedien hätten die grundlegenden Prämissen der US-Kriegspolitik weitgehend übernommen und niemals fundamental in Frage gestellt. Der mediale Rahmen blieb auch hier propagandakonform: Die USA wurden als wohlmeinender Akteur dargestellt – allenfalls tragisch irrend –, während die eigentliche Aggression und Verantwortung sprachlich umgelenkt wurden.

Herman und Chomsky beginnen historisch: Nach dem Zweiten Weltkrieg unterstützten die USA zunächst die französische Kolonialmacht in Indochina, später – nach der Teilung Vietnams 1954 – versuchten sie über 20 Jahre lang, in Südvietnam eine pro-amerikanische Regierung gegen den Willen großer Teile der Bevölkerung an der Macht zu halten. Diese Bemühung mündete in die massive US-Militäroperation 1964–1973 (und indirekt bis 1975). Per Definition war dies eine Intervention in einen Bürgerkrieg auf fremdem Boden – aus Sicht vieler ein klassischer Fall von Aggression. Doch wie stellten die US-Medien diesen Krieg dar? Laut Herman und Chomsky fast nie als das, was er war: nämlich ein aggressiver Eingriff einer Supermacht in ein kleines Land. Im “gewöhnlichen Sprachgebrauch” wäre es Aggression, schreiben sie, aber “die Mainstreammedien stellten die US-Politik in Indochina selten, wenn überhaupt je, als etwas anderes dar als hochmoralisch und voller guter Absichten. Kritik gab es fast ausschließlich im Hinblick auf taktische Fehler oder Kosten für die USA, nicht aber an der grundsätzlichen Legitimität des Einsatzes. Die Medien akzeptierten bereitwillig die Regierungsprämisse, dass die USA “Südvietnam verteidigten” – so als hätte es ein souveränes, von Nordvietnam losgelöstes “Südvietnam” gegeben, das vor Aggression geschützt werden musste. In Wahrheit war Südvietnam ein künstliches Konstrukt, ein Regime, das von den USA aufgebaut und gestützt wurde (der Diktator Ngô Đình Diệm wurde buchstäblich aus den USA “importiert”, wie die Autoren anmerken). Die Medien jedoch übernahmen das offizielle Wording: Der Feind waren die anderen – Nordvietnam, die Vietcong (in US-Terminologie oft als “Terroristen” oder “Agents” tituliert), oder sogar die Sowjets und Chinesen als Drahtzieher. Selbst die Präsenz eines starken einheimischen Widerstands in Südvietnam wurde verdreht: Man sprach von “interner Aggression”, als ob eine Volksbewegung im Süden eine Art Invasion von innen sei.

Herman und Chomsky finden es aussagekräftig, dass nicht ein einziger Leitartikel oder großer Nachrichtenbericht in der gesamten Kriegszeit in den Mainstreammedien den Vietnamkrieg als Aggressionskrieg der USA bezeichnete. Selbst retrospektiv (bis in die 1980er hinein) mieden die Leitmedien diese Einordnung. Stattdessen dominierte die Erzählung, es sei ein “Irrtum” oder eine “Tragödie” gewesen – aber mit noblen Intentionen. Dieser Grundkonsens – USA = ultimately good, if flawed – wertet Herman/Chomsky als überzeugenden Beweis für die propagandistischen Dienste der Medien (S. 109). Die Filter wirkten hier so, dass radikale Kritik (wie sie etwa die Antikriegsbewegung formulierte: “US out of Vietnam”, “imperialist war”) es nie ins akzeptable Medienspektrum schaffte. Diskutiert wurde “vorrangig nicht über die große Strategie, sondern über taktische Details”, wie es schon die Einleitung formulierte.

Das Kapitel geht weiter und analysiert verschiedene Phasen der Medienberichterstattung im Kriegsverlauf:

  • Die frühen Jahre (ca. 1950er–1964): Hier wurde der Konflikt noch als Teil des Anti-Kolonialismus oder im Rahmen des Kalten Kriegs gesehen. Die US-Unterstützung für Frankreich und später für das Diệm-Regime wurde journalistisch kaum hinterfragt. Die Berichterstattung war spärlich und meist regierungstreu.
  • Die Eskalationsphase (1965–1968): Als Johnson die offene Bombardierung Nordvietnams und den Einsatz von Kampftruppen startete, intensivierte sich auch die Presseberichterstattung. Herman und Chomsky betonen, dass selbst in dieser Phase die großen Medien das Spielfeld der akzeptierten Meinung eng absteckten. Die Debatte drehte sich um Fragen wie: Können wir gewinnen? Wird es zu teuer? Aber selten: Haben wir das Recht, dort zu kämpfen? Erst als die Opferzahlen stiegen und das Patt offensichtlich wurde, kamen etwas kritischere Töne auf – jedoch meist von sogenannten “Dove”-Politikern innerhalb des Establishments, nicht von Kriegsgegnern außerhalb.
  • Tet-Offensive (1968) und die Wende: Die kommunistische Tet-Offensive Anfang 1968 galt lange als Wendepunkt, bei dem die US-Medien erstmals “gegen den Krieg” umschwenkten. Herman und Chomsky relativieren: Zwar gab es ernüchterte Berichte nach Tet (Walter Cronkites berühmtes “Stalemate”-Urteil etc.), doch sie sehen darin keine fundamentale Ablehnung der US-Ziele, sondern eher Kritik an der bisherigen Führung (à la “wir gewinnen nicht mit der aktuellen Strategie”). Sie gehen auch auf den sogenannten “Braestrup-Report” ein – eine von konservativer Seite angeführte Studie, die den Medien vorwarf, Tet negativ und verzerrt dargestellt und so zur Niederlage beigetragen zu haben. Herman und Chomsky überprüfen diese These im Anhang 3 (Braestrups “Big Story”) und kommen zum Schluss, dass die Freedom-House-Studien (deren Exklusivberichte pro Krieg ausfielen) selbst tendenziös waren. Insgesamt bleibt ihre Linie: Die Medien übten zwar phasenweise Kritik, aber keine, die den Legitimationsrahmen verließ.
  • Friedensverhandlungen und Kriegsende (1970–1975): Die Berichte behandelten primär die taktischen Rückzüge und das “Gesichtswahrungs”-Narrativ. Die schlussendliche Niederlage Südvietnams 1975 wurde in US-Medien oft in einen Ton des Bedauerns und Tragischen getaucht – als “Fall” Südvietnams, nicht als Befreiung o.ä. Herman und Chomsky notieren, dass selbst da noch die Sprache verräterisch war: Man sprach von dem “blutigen Sieg” des Nordens und dem Schicksal der US-”Geächteten” Vietnam, selten von der Zerstörung, die die USA hinterlassen hatten.

Sehr eindrücklich ist, wie das Kapitel die Nachkriegsnarrative aufarbeitet. Nachdem die USA abgezogen waren, wandelte sich nämlich in Politik und Medien das Bild: Plötzlich stilisierte man die USA sogar zum Opfer des Vietnamkriegs. Präsident George H. W. Bush etwa sprach 1992 davon, Hanoi wisse heute, “dass wir nur nach Antworten suchen, ohne Vergeltung für die Vergangenheit anzudrohen” – implizierend, die Vietnamesen hätten so Schlimmes getan, dass die USA Vergeltung üben könnten, es aber großmütig nicht tun. Leslie Gelb, Auslandskommentator der NY Times, rechtfertigte die fortwährende Ächtung Vietnams gar damit, “die Vietnamesen hätten Amerikaner getötet”. Diese Aussagen – die Herman/Chomsky zitieren – sind bemerkenswert: Sie verdrehen Täter und Opfer. Die Angreifer USA (mit 3 Millionen getöteten Vietnamesen) stilisieren sich als eigentlich Geschädigte, da sie Soldaten verloren. Die Medien transportierten diese Sicht weitgehend kritiklos, was zeigt, wie geschichtsrevisionistisch die Erzählung wurde (S. 110). Die Autoren werten das als Ausdruck jener Haltung, “dass niemand ein Recht auf Selbstverteidigung gegen uns hat, selbst wenn wir ihn angreifen” (ein Zitat, das Gelbs und Bushs Einstellung auf den Punkt bringt).

Kapitel 5 behandelt zudem spezielle Aspekte wie die chemische Kriegsführung (Agent Orange, Napalm). Hier zeigen Herman und Chomsky, dass Medien diesen Einsatz von Chemiewaffen – den größten der Nachkriegszeit – nie als solchen skandalisierten. Während man anderswo (etwa beim Irak-Einsatz von Giftgas gegen Kurden) lauthals “Chemiewaffen” schreit, redete man im Vietnamkontext verharmlosend von “Entlaubungsmitteln” etc. Die verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt fanden kaum Nachhall in der US-Presse. Wieder erkennt man das Muster: eigene Verbrechen werden downplayed, gegnerische hypermoralisch verurteilt.

Originalzitate:

  • “Im gewöhnlichen Sprachgebrauch würde dies [die US-Bemühungen in Vietnam] zu einer »Aggression« machen. Aber die Mainstreammedien stellten die US-Politik in Indochina selten, wenn überhaupt je als etwas anderes dar als hochmoralisch und voller guter Absichten, auch wenn sie vielleicht auf einer falschen Einschätzung der Kosten basierte – vor allem für uns. Sie akzeptierten bereitwillig die Prämisse, der zufolge wir ›Südvietnam‹ […] vor einer Aggression beschützten. […] Die Tatsache, dass die Mainstreammedien während des gesamten Krieges diese grundlegende Prämisse der Kriegsmanager akzeptierten, ist ein überzeugender Beweis für die Propagandadienste, die sie selbst leisteten, und wir haben […] keinen einzigen Leitartikel oder Nachrichtenbericht in den Mainstreammedien gefunden, der den US-Krieg […] als einen Fall von Aggression bezeichnet hätte. (S. 109)
  • “Mit 58 000 Kriegstoten lag der Blutzoll der USA bei weniger als einem Promille der Bevölkerung, während der Anteil der Todesopfer an der Gesamtbevölkerung in Vietnam bei 17 Prozent lag. […] Dennoch betrachteten US-Vertreter und die Mainstreammedien die Rolle der Vereinigten Staaten in diesem Krieg auch weiterhin als höchst lobenswert und die USA selbst als das Opfer. So sagte Präsident George H. W. Bush 1992, Hanoi wisse heute, »dass wir nur nach Antworten suchen, ohne Vergeltung für die Vergangenheit anzudrohen«. Die Vietnamesen hatten also Dinge getan, die Vergeltung unsererseits rechtfertigen könnten, während wir ja angeblich nur nach unseren im Krieg vermissten Soldaten suchten. Der Auslandskommentator der New York Times, Leslie Gelb, rechtfertigte die Klassifizierung Vietnams als »geächtet« mit der Begründung, die Vietnamesen hätten »Amerikaner getötet«. […] [Dies spiegelt] die Meinung wider, dass niemand ein Recht auf Selbstverteidigung gegen uns hat, selbst wenn wir ihn angreifen.” (S. 109–110)

Einordnung: Die Darstellung der Vietnam-Berichterstattung durch Herman und Chomsky widerspricht bewusst dem populären Narrativ, die US-Medien hätten “den Krieg zu Fall gebracht”. Viele Medienhistoriker hatten etwa The New York Times für die Veröffentlichung der Pentagon Papers (1971) gefeiert oder Walter Cronkite für seine Tet-Offensive-Kritik. Herman und Chomsky rücken das ins rechte Licht: Solche Momente waren real, aber ausnahmslos innerhalb bestimmter Grenzen. Die Pentagon-Papiere z.B. waren ein interner Regierungsbericht – ihre Veröffentlichung war kühn, aber entlarvte letztlich nur, wie die US-Regierung den Krieg eskaliert hat, nicht dass der Krieg an sich unrecht wäre. Cronkite nannte den Krieg einen Patt – er sagte nicht, er sei illegitim.

Im Lichte des Propagandamodells sind diese Feinheiten wichtig. Sie zeigen, was Filter 5 (Antikommunismus) und Filter 3 (offizielle Quellen) bewirken: Selbst in kritischen Phasen bezogen sich Medien primär auf diskursfähige Personen innerhalb des Establishments (z.B. auf anti-Kriegs-Äußerungen von Senator Fulbright oder Verteidigungsminister McNamara, nachdem dieser abgedankt hatte). Radikalere Stimmen, etwa von Veteranen gegen den Krieg oder linken Intellektuellen, blieben marginal. Chomsky erwähnt hier sicherlich eigene Erfahrungen: Er selbst schrieb in den 1970ern kritisch über Vietnam (z.B. “The Backroom Boys” über Medien und Vietnam), wurde aber in Mainstreammedien kaum je eingeladen, diese Sicht darzulegen.

Das Kapitel zeigt zudem, wie kollektiv ein Narrativ konstruiert wird, das die nationale Ehre rettet. Die Wandlung der USA vom Täter zum Opfer in der Nachkriegsrhetorik offenbart eine psychologische Bedarfslage, die Medien willig erfüllen. Indem Leslie Gelb & Co. solche Thesen verbreiten (die Vietnamesen seien die Bösen, weil sie “uns” getötet haben), tragen Medien zur Geschichtsumdeutung bei – was Herman/Chomsky in einem Unterkapitel auch “Die Umdeutung der Geschichte des Vietnamkriegs” nennen (siehe Inhaltsverzeichnis). Hier knüpfen sie sicherlich an Arbeiten wie von Frances FitzGerald (Fire in the Lake) oder Robert Elegant an, die schon früher Medien-Bias in der Retrospektive analysierten. FitzGerald z.B. kritisierte, dass Medien den Krieg oft kulturblind darstellten; Elegant, ein konservativer Kommentator, warf Medien vor, sie hätten Südvietnam im Stich gelassen. Herman und Chomsky navigieren zwischen solchen Positionen: Sie sagen weder, die Medien hätten zu kritisch berichtet, noch glorifizieren sie sie – sie legen dar, dass Medien innerhalb des Rahmens des US-Imperialismus arbeiteten.

Im Verhältnis zu aktuellen Debatten ist das Vietnam-Kapitel ein Weckruf: Es mahnt, dass selbst im “bestuntersuchten Krieg” der US-Geschichte (Vietnam) die grundlegenden Fragen nach Recht und Unrecht nicht adäquat gestellt wurden. Heute, wo Kriege oft in entlegenen Regionen stattfinden und weniger Medienzugang besteht (z.B. Drohnenkriege, Spezialoperationen), kann die Verzerrung noch größer sein.

Zudem berührt dieses Kapitel implizit die Frage nach der Lehren aus Vietnam. Viele Journalisten gaben nach Vietnam an, man werde nun immer skeptischer gegenüber Regierungsangaben sein (Vietnam Syndrome). Doch Herman/Chomsky würden erwidern: Das Vietnam Syndrome spornte eher Regierung und Medien an, noch geschickter die Propaganda anzupassen, damit künftige Kriege vermittelbar bleiben. In der Tat – und das ist Überleitung zum nächsten Kapitel – hat man nach Vietnam die “lessons” gezogen, dass die Medien an die Leine genommen werden müssen (siehe “embedded journalism” im Irakkrieg 2003).

Kapitel 6 – Die Indochinakriege: Laos und Kambodscha

Zusammenfassung: In Kapitel 6 erweitern Herman und Chomsky den Fokus auf die benachbarten Konfliktherde Laos und Kambodscha, um ihre These noch einmal aus einer anderen Perspektive zu erhärten. Hier geht es vor allem um die selektive Empörung über Genozide und Massenverbrechen: Wie unterschiedlich berichteten westliche Medien über die Schrecken in Kambodscha unter Pol Pot einerseits und über die parallelen Schrecken, an denen die USA beteiligt waren (Bombardements in Laos und Kambodscha, Genozid in Osttimor durch US-Verbündete) andererseits. Das Kapitel gliedert Kambodschas Tragödie in mehrere Phasen und kontrastiert sie mit dem Fall Osttimor.

Herman und Chomsky prägen den Begriff vom “Jahrzehnt des Völkermords” in Kambodscha – womit sie die Jahre ca. 1969–1979 meinen, jedoch unterteilt in: Phase eins (1969–1975) – die Zeit der US-Intervention in Kambodscha, insbesondere die geheimen und später offenen amerikanischen Bombardierungen und die von den USA unterstützte Bürgerkriegszeit nach dem Sturz Prinz Sihanouks; Phase zwei (1975–1978) – die Schreckensherrschaft der Roten Khmer unter Pol Pot, die dem Land unermessliches Leid zufügte; Phase drei (ab 1979) – die Zeit nach dem Sturz Pol Pots durch die vietnamesische Invasion, inklusive der Nachwehen (Hungersnöte, Flüchtlingskrise) und der bizarren Konstellation, dass westliche Regierungen die gestürzten Roten Khmer aus geopolitischen Gründen weiter unterstützten (um Vietnam zu schwächen).

Zunächst zeigen die Autoren in Phase eins das Ausmaß der Zerstörung, das die USA über Kambodscha brachten. Von 1969 bis 1973 flogen die USA mehr als 100.000 Bombeneinsätze über dem neutralen Kambodscha – ein historisch beispielloses Bombardement (S. 747). Ganze Landstriche wurden verwüstet, Schätzungen gehen von etwa 600.000 getöteten kambodschanischen Zivilisten in dieser Periode aus. Die USA tragen für diese “Phase eins” die Hauptverantwortung, und – wichtiger Punkt – sie hätten jederzeit die Gewalt lindern oder beenden können, indem sie ihre Bombardements einstellen.

Wie berichteten westliche Medien damals über Phase eins? Kaum. Herman und Chomsky stellen fest: “Über Phase eins des ‘Völkermords’ ist nicht viel bekannt. Die Medien zeigten damals wie heute wenig Interesse, die Fakten in Erfahrung zu bringen. (S. 736). Während also ein enormes Verbrechen stattfand (das Wort Völkermord ist hier nicht als juristische Definition gemeint, sondern als Beschreibung massenhaften Tötens einer Bevölkerung), blieb die mediale Dokumentation minimal. Die Autoren notieren, dass sogar historische Aufarbeitung heute schwer ist, weil so wenig zeitgenössisches Material vorhanden ist – selbst eine finnische Untersuchungskommission widmete dem Thema nur wenige Seiten, mangels Informationen. Die Diskrepanz in unserem Wissen zwischen Phase eins (US-Bombenterror) und Phase zwei (Pol Pot) ist eklatant: “Wir wissen viel mehr über das Alltagsleben im als ‘einsiedlerisch’ geltenden Demokratischen Kampuchea [1975–78] als über die ostentativ offenen ihm vorausgegangenen Regimes der Khmer-Republik (1970–75) oder der Sihanouk-Ära (1954–70).” zitiert das Buch den Historiker David Chandler. Die enormen Verbrechen der Phase eins verschwanden also nahezu im Medienloch.

Phase zwei: Pol Pot (1975–78). Hier drehte sich der Spieß um. Nachdem die Roten Khmer Phnom Penh erobert hatten, errichteten sie ein extrem brutales Regime. Es kam zu Massenverfolgungen, Hungerkatastrophen, “Killing Fields” – ein wohl dokumentierter Genozid. Interessant ist Herman und Chomskys Befund: Anfangs, direkt nach 1975, gab es unterschiedliche Einschätzungen zum Ausmaß der Gräuel. Einige westliche Experten waren skeptisch gegenüber den höchsten Opferzahlen, andere warnten vor Genozid. Erst nach 1977 setzte sich im Westen das Bild vom einmaligen Horrorregime Pol Pots durch. Die Medienberichterstattung steigerte sich ab ca. 1977 enorm und erreichte nach der vietnamesischen Intervention 1979 einen Höhepunkt, als Flüchtlinge erzählten, was passiert war. Kambodscha unter Pol Pot wurde zu einem Synonym des absolut Bösen, oft gleichgesetzt mit Hitler oder Stalin in der Rhetorik. Herman und Chomsky betonen: Es bestand (fast) kein Zweifel, dass schreckliche Gräuel geschahen – auch sie verharmlosen nichts. Aber sie weisen auf die Bandbreite der Schätzungen hin und dass selbst US-Regierungsleute anfangs skeptisch waren gegenüber hohen Opferzahlen (bis 1977), was sich dann aber änderte, als es politisch opportun war, Pol Pot maximal zu dämonisieren.

Nach 1979 war Pol Pots Terror offensichtlich. Die Medien hatten nun Unmengen an Material – Fotos der Killing Fields, Berichte von Flüchtlingen, etc. Das Cambodia Documentation Center und viele Journalisten stürzten sich verständlicherweise auf Phase zwei (1975–78). Demgegenüber blieb Phase eins weiterhin unterbelichtet. “Die dramatische Unterschied im Hinblick auf verfügbare Informationen […] lässt sich leicht im Rahmen eines Propagandamodells erklären”, bemerken Herman und Chomsky trocken. Natürlich: Pol Pots Verbrechen konnten ideologisch nützlich ausgeschlachtet werden (anti-kommunistisches Lehrstück), während die US-eigenen Verbrechen der Phase eins am liebsten vergessen wurden.

Nun kommt Phase drei (nach 1979): Vietnam stürzt Pol Pot, besetzt Kambodscha. Das Pol-Pot-Regime ist weg – aber jetzt kippt die westliche Haltung erneut. Weil Vietnam (ein mit der UdSSR verbündeter Staat) als Besatzer auftrat, reagierten westliche Regierungen feindselig: Sie erkannten weiterhin Pol Pots Exilvertretung als legitime Regierung Kambodschas an und lieferten sogar – indirekt – Unterstützung an die “Coalition” aus Roten Khmer und Prinz Sihanouk, die von Thailand aus einen Guerillakrieg gegen das neue pro-vietnamesische Regime führte. Hier entfaltete sich eine bizarre Konstellation: Die USA und China (gemeinsamer Gegner der UdSSR) unterstützten die gestürzten Roten Khmer, während Vietnam mit sowjetischer Hilfe versuchte, Kambodscha zu stabilisieren.

Und nun wieder zur Medienempörung: Pol Pot war zwar offiziell geächtet, aber plötzlich redete kaum noch jemand laut darüber, während er tatsächlich weiter Unterstützung erhielt. Die “westlichen Moralisten schwiegen” – so schreiben die Autoren 1987 – während Indonesien in Osttimor weiter metzelte und während die USA insgeheim die Roten Khmer tolerierten. Osttimor ist hier der Schlüsselvergleich: Osttimor wurde 1975 vom US-verbündeten Indonesien überfallen und litt bis 1999 unter einem brutalen Besatzungsregime, das ein Viertel der Bevölkerung tötete – ein Genozid vergleichbar mit Kambodscha. Zur selben Zeit (late 70s, early 80s) hätte die westliche Welt theoretisch also zwei große asiatische Völkermorde verurteilen können: Den der Roten Khmer (Täter “feindlich”) und den in Osttimor (Täter “verbündet”). Doch die Reaktionen waren diametral entgegengesetzt. Wie Herman und Chomsky zeigen: Osttimor wurde von westlichen Medien nahezu totgeschwiegen, trotz leicht zugänglicher Quellen (portugiesische Flüchtlinge in Lissabon, Berichte katholischer Hilfswerke etc.). Journalisten hätten ohne große Hürden Augenzeugenberichte erhalten können – doch sie taten es nicht. Stattdessen verließen sie sich auf US- und indonesische Regierungsquellen, die das Problem herunterspielten.

Herman und Chomsky vergleichen konkret: In Kambodscha (Phase zwei) machte man große Storys aus Aussagen von Flüchtlingen, deren Zuverlässigkeit teilweise fragwürdig war, aber ideologisch passten. In Osttimor ignorierte man Aussagen vieler anerkannter Flüchtlinge, weil sie nicht ins Konzept passten. Die westliche Presse stellte z.B. George McGovern lächerlich dar, als dieser 1978 eine internationale Intervention gegen Pol Pot vorschlug – denn man wollte damals (prä 1979) keine US-Intervention. Aber niemand forderte eine Intervention, um Indonesiens Gemetzel in Osttimor zu stoppen, obwohl die USA dort erheblichen Einfluss gehabt hätten. Das Muster: Intervention gegen Feinde – gut; Intervention gegen eigene Klientel – undenkbar.

Warum dieser Unterschied? – Die Autoren zitieren spöttisch William Shawcross, einen renommierten Kambodscha-Autor, der die fehlende Berichterstattung über Osttimor mit “Mangel an Quellen” zu erklären versuchte. Herman/Chomsky entlarven das als faule Ausrede (Shawcross ignoriert die vorhandenen Quellen in Lissabon/Australien). Sie argumentieren: Der “real and ‘structurally serious’ Grund” für den Unterschied ist eben das Propagandamodell. Osttimor war für den Westen unbequem, Kambodscha nützlich – also berichtete man Kambodscha rauf und runter und Timor kaum.

Die Autoren gehen sogar soweit zu zeigen, dass die USA Anfang der 1980er Jahre beide Seiten der “Inkonsequenz” auflösten, indem sie offen beides taten: Die indonesischen Generäle (Täter in Timor) waren Freunde, Pol Pot’s Leute (Täter in Kambodscha) wurden nun auch de facto zu “Freunden”, weil man sie brauchte, um Vietnam zu schaden. Das Außenministerium behauptete 1982 gar, die Koalition der Roten Khmer sei “fraglos repräsentativer” für die kambodschanische Bevölkerung als die timoresischen Guerillas für Osttimor – eine groteske Rechtfertigung, die Herman/Chomsky anführen.

Für die Medien bedeutete das: Die scheinbare moralische Inkonsistenz (hier Pol Pot böse, dort Indonesiens Suharto gut) löste sich “ganz glücklich auf”“Wir unterstützen inzwischen sowohl die Roten Khmer als auch die indonesischen Generäle.” – so zynisch formulieren es die Autoren (S. 779). Dieser beißende Sarkasmus zeigt, wie krass die Realpolitik war – und wie die Medien das mittrugen. Das Wall Street Journal fiel 1980 kurz die Doppelmoral auf, so Herman/Chomsky, doch danach schwieg man – man nahm es hin. Pol Pots Leute wurden im Westen nie laut rehabilitiert, aber stillschweigend toleriert.

Originalzitate:

  • “Über Phase eins des »Völkermords« ist nicht viel bekannt. Die Medien zeigten damals wie heute wenig Interesse, die Fakten in Erfahrung zu bringen. […] Die zweite Phase wurde weitaus intensiver studiert […] Die dramatischen Unterschiede […] lassen sich leicht im Rahmen eines Propagandamodells erklären.” (S. 736–737)
  • “Die Reaktion auf Phase zwei [Pol Pot] wird weiter deutlich, wenn wir sie mit der Reaktion auf die ähnlichen und gleichzeitigen Gräuel in Osttimor vergleichen. Dort trugen wie in Phase eins in Kambodscha die USA eine Hauptverantwortung und hätten problemlos etwas zur Beendigung der Gräuel tun können. Im Gegensatz dazu konnte in Kambodscha unter der Herrschaft der Roten Khmer, wo die Schuld dem offiziellen Feind angelastet werden konnte, gar nichts getan werden – ein Punkt, den auch Regierungsexperten hervorhoben, als George McGovern im August 1978 zu einer internationalen Intervention aufrief und damit den Hohn der Medien auf sich zog. Weder er noch sonst jemand forderte eine solche Intervention während Phase eins oder während der Verbrechen in Osttimor (deren wichtigster Unterstützer die USA waren) […].” (S. 776–777)
  • “Lissabon ist zwei Flugstunden von London entfernt und selbst Australien ist kaum schwerer zu erreichen als die thailändisch-kambodschanische Grenze, aber die vielen timoresischen Flüchtlinge in Lissabon und Australien wurden von den Medien ignoriert, die ihre »Fakten« lieber vom US-Außenministerium und den indonesischen Generälen bezogen. Ähnlich ignorierten die Medien leicht verfügbare Studien der Aussagen von Flüchtlingen, […] und sie interessierten sich weder für äußerst glaubwürdige Zeugen, die nach New York und Washington kamen, noch für zusätzliche Belege aus kirchlichen und anderen Quellen. Tatsächlich ging die Berichterstattung über Osttimor stark zurück, während die […] Massaker [in Osttimor] immer schlimmere Ausmaße annahmen. (S. 777–778)
  • “Während der Niederschrift dieses Kapitels im Jahr 1987 schweigen die westlichen Moralisten weiter, während ihre Regierungen Indonesien mit den Mitteln zur Fortsetzung seiner Kampagne des Terrors in Osttimor versorgen. Unterdessen unterstützen die USA die weitgehend auf den Roten Khmer basierende Koalition […]. Der Grund für diese unterschiedliche Reaktion gegenüber den linken Guerillas in Osttimor […] und den Guerillas der Roten Khmer […] wird ebenfalls vom Außenministerium erklärt: […] Wir müssen daher auch nicht über die […] scheinbare Inkonsistenz […] nachgrübeln. Pol Pot war […] Gegenstand von Hass und Verachtung und die Generäle waren unsere Freunde, […] Diese Inkonsistenz fiel Anfang der 1980er Jahre sogar kurz der Redaktion des Wall Street Journal auf, hat sich aber jetzt ganz glücklich aufgelöst: Wir unterstützen inzwischen sowohl die Roten Khmer als auch die indonesischen Generäle. (S. 778–779)

Einordnung: Dieses Kapitel untermauert mit erschütternder Klarheit das Herzstück des Propagandamodells: Moral und Empathie in der Berichterstattung sind nicht universell, sondern politisch konditioniert. Es zeigt im Extremen, wie Verbrechen gegen die Menschlichkeit unterschiedlich gewichtet werden. Pol Pots Genozid wurde (zu Recht) als monströs verurteilt – aber ein annähernd ebenso großer Genozid (Timor) fand im medialen Nichts statt.

Herman und Chomskys Analyse hierzu gehört zu den kontroversesten Teilen ihres Werkes. Tatsächlich wurden sie von manchen Kritikern fälschlich beschuldigt, Pol Pots Verbrechen kleinzureden – was sie nicht tun. Sie betonen nur das Ungleichgewicht im Fokus. Hierin liegt eine theoretische Verbindung zu Edward S. Hermans eigenem späteren Konzept vom “Genocide Frame”: Er argumentierte, dass gewisse Massaker sofort als “Genozid” etikettiert werden (wenn der Westen es will), während andere nie diesen Stempel erhalten, egal wie umfangreich – alles abhängig von politischen Zweckmäßigkeiten.

Dieses Kapitel ruft auch Erinnerungen an Noam Chomskys frühe Debatten wach: Chomsky wurde Ende der 1970er angefeindet, weil er auf Verzerrungen in frühen Berichten zu Pol Pot hinwies (er zweifelte etwa ungesicherte Opferzahlen an) – was ihm von Gegnern als Sympathie für Pol Pot ausgelegt wurde. In Wahrheit kämpfte Chomsky gegen die Instrumentalisierung von Menschenrechtsdiskursen. Hier, in Die Konsensfabrik, haben er und Herman die akribischen Belege gesammelt, die jene Instinktreaktion untermauern: Ja, Pol Pots Verbrechen waren entsetzlich – und genau deshalb wurden sie medial aufgeblasen, während “unsere” Verbrechen unter den Teppich gekehrt wurden. Das ist keine Relativierung, sondern eine Kritik an der Doppelmoral.

Im Verhältnis zu anderen Autoren: Shawcross, den sie zitieren, schrieb das Standardwerk Sideshow über Nixon/Kambodscha – er prangerte zwar die US-Bombardements an, war aber beim Timor-Thema still. Herman/Chomsky gehen radikaler vor und verweben die Geschichten. Auch John Pilger, ein Journalist, thematisierte zeitgleich (1980er) die Ignoranz gegenüber Osttimor; Die Konsensfabrik gibt seiner Haltung theoretischen Unterbau.

Aktualität: Das Schema gilt fort. Man denke an Darfur vs. Kongo in den 2000ern: Darfur (unter feindlichem Regime Sudan) wurde groß als “Genozid” aufgegriffen; gleichzeitig starben im Kongo Millionen durch Konflikte mit indirekter westlicher Beteiligung (Rohstoffe, Stellvertreter) – weit weniger mediale Resonanz. Oder zuletzt: Ukraine vs. Jemen – westliche Medien berichten ausführlich (mit emotionaler Empörung) über russische Kriegsverbrechen in der Ukraine, während die vom Westen mitverursachte humanitäre Katastrophe im Jemen (Saudischer Bombenkrieg) jahrelang weit weniger Beachtung fand. Herman und Chomsky haben mit Kapitel 6 also quasi ein Paradigma geliefert, das leider zeitlos ist.

Kapitel 7 – Schlussfolgerungen

Im abschließenden Kapitel ziehen Herman und Chomsky Bilanz und wagen einen Blick nach vorn. Sie bekräftigen, dass ihr Propagandamodell durch die Fallstudien nicht widerlegt, sondern im Gegenteil bestätigt wurde. Trotz der unterschiedlichen Themen – Medienhypes und -verschweigen in Lateinamerika, Ostasien und Osteuropa – ergab sich ein konsistentes Bild: “Das Propagandamodell bleibt weiter ein nützlicher Rahmen für die Analyse und das Verständnis der Funktionsweise der Mainstreammedien – heute vielleicht sogar noch mehr als 1988.” (S. 131). Denn die strukturellen Bedingungen, auf denen das Modell basiert (Konzentration, Kommerzialisierung, Abhängigkeiten), haben sich seitdem eher noch verschärft.

Die Autoren reflektieren, dass die Konformität der Medien gegenüber staatlichen Propaganda-Bedarfen sie manchmal selbst überrascht hat: In den untersuchten Fällen (Mittelamerika der 80er) “übertraf die Fügsamkeit der Presse oft noch die Erwartungen” – die Medien waren gelegentlich “propagandistischer als die Propagandisten selbst”. Ähnliches sahen sie in späteren Ereignissen: dem Ersten Golfkrieg 1991 gegen den Irak und dem NATO-Krieg 1999 gegen Jugoslawien – auch dort verhielten sich Medien nach ihrer Einschätzung voll im Einklang mit Regierungsagenda (der Jugoslawienkrieg wird in einer Fußnote erwähnt, denn 2002, als diese Schlussfolgerungen aktualisiert wurden, lag er frisch zurück).

Herman und Chomsky betonen eine Kernthese: Die festgestellten negativen Seiten der Medien (Scheuklappendenken, Elitebias) sind primär strukturell bedingt. Sie beruhen auf Eigentumsverhältnissen, Marktanreizen und ideologischen Rahmenbedingungen. Folglich – und das ist wichtig – kann eine wirkliche Verbesserung der Medien nur durch strukturelle Veränderungen erreicht werden. (S. 131). Im Schlusskapitel der Erstausgabe 1988 haben sie das bereits betont, und angesichts weiterer Konzentrationsprozesse seitdem wird es nur schwieriger, sagen sie.

Was für Veränderungen wären nötig? Herman und Chomsky sprechen von “Demokratisierung der Informationsquellen” und allgemein demokratischeren Medienstrukturen als Voraussetzung für eine wirklich demokratische Politik. Konkret regen sie an, dass Basisbewegungen und Bürgerinitiativen viel mehr in eigene Medien investieren sollten. Sie loben Beispiele wie die Independent Media Centers (Indymedia), die um die Jahrtausendwende bei Protesten in Seattle und Washington 1999/2000 entstanden. Ebenso verweisen sie auf nicht-kommerzielle Rundfunksender, auf die bessere Nutzung öffentlich zugänglicher Sendeplätze, auf das Internet und unabhängige Printmedien. All dies seien essenzielle Bausteine für bedeutende demokratische Fortschritte.

Mit anderen Worten: Die Autoren enden nicht pessimist schulterzuckend, sondern mit einem Appell zur Schaffung alternativer Medienkanäle und zur Unterstützung pluralistischer Informationsquellen. Sie sehen in der tatkräftigen Zivilgesellschaft den Schlüssel. Wenn genug “normale Bürger” sich zusammentun, können sie vielleicht der wachsenden Zentralisierung der Medien etwas entgegensetzen. Das Propagandamodell soll nicht zur Resignation führen, sondern zu klarem Bewusstsein, wo angepackt werden muss.

Ein zweiter impliziter Appell ist: Medienkompetenz erhöhen. Wer Herman und Chomsky liest, wird die Nachrichten nie wieder naiv aufnehmen. Das Buch selbst ist ja ein Beitrag zur Aufklärung über Medienmechanismen. Wenn Leser*innen verstehen, wie Filter wirken, können sie Berichte kritischer einordnen und eventuell Druck auf Medien ausüben, vielfältiger zu werden.

Originalzitate:

  • Das Propagandamodell bleibt weiterhin ein nützlicher Rahmen für die Analyse und das Verständnis der Funktionsweise der Mainstreammedien – heute vielleicht sogar noch mehr als 1988. […] Die Veränderungen der strukturellen Bedingungen, auf denen die Analyse des Modells basiert […] haben die Wichtigkeit des Modells sogar eher noch erhöht.” (S. 131)
  • “Wir haben […] hervorgehoben, dass aufgrund der Tatsache, dass die negativen Seiten der Funktionsweise der Medien in erster Linie auf deren Strukturen und Zielsetzungen zurückgehen, eine wirkliche Veränderung ihres Funktionierens strukturelle Veränderungen in der Organisation und Zielsetzung der Medien erfordertDie strukturellen Veränderungen seit 1988 haben dies noch schwerer gemacht, aber es bleibt eine zentrale Wahrheit, dass für eine demokratische Politik eine Demokratisierung der Informationsquellen und demokratischere Medien nötig sind.” (S. 131–132)
  • “Basisbewegungen und intermediäre Gruppen, die eine große Zahl normaler Bürger repräsentieren, sollten nicht nur versuchen, die wachsende Zentralisierung der Mainstreammedien zu hemmen und zurückzudrängen, sondern außerdem auch wesentlich mehr Energie und Mittel in die Schaffung und Unterstützung ihrer eigenen Medien stecken – so wie sie es mit den Unabhängigen Medienzentren während der Proteste in Seattle und Washington 1999 und 2000 getan haben. Diese und andere nicht gewinnorientierte Sender, eine bessere Nutzung öffentlich zugänglicher Rundfunkkanäle, das Internet sowie unabhängige Printmedien werden für die Durchsetzung bedeutender demokratischer Entwicklungen […] von essentieller Bedeutung sein. (S. 132)

Einordnung: Mit diesen Schlussfolgerungen verorten Herman und Chomsky ihr Werk in einem größeren gesellschaftlichen Projekt: dem Projekt einer radikalen Demokratie, in der die Menschen nicht von oben manipuliert, sondern selbstbestimmt informiert werden. Sie knüpfen an demokratietheoretische Diskurse an, die z.B. Jürgen Habermas mit dem Ideal einer herrschaftsfreien Kommunikation formuliert hat – auch wenn sie realistischerweise wissen, dass wir davon weit entfernt sind.

Ihr Ruf nach Demokratisierung der Medien hat Echo gefunden bei späteren Medienkritikern wie Robert W. McChesney, der in Büchern wie Rich Media, Poor Democracy (reichhaltige Medien, arme Demokratie) ähnliche Forderungen stellte. Ebenso passt er zu Bewegungen für Medienreform (etwa “Free Press” in den USA). Indirekt weisen Herman/Chomsky damit auch die Verantwortung dem Publikum zu: Konsumenten dürfen nicht passiv bleiben, sondern sollten Prosumers werden – selbst Inhalte produzieren, alternative Kanäle fördern und Druck für Medienvielfalt machen.

Interessant ist, dass Herman und Chomsky – anders als manche linke Pessimisten – dem Internet durchaus Potenzial zuschreiben (aus der Sicht von 2002). Sie sahen in den jungen Independent Media Centers Vorboten einer neuen Ära. Aus heutiger Perspektive wissen wir: Das Internet hat zwar die Barrieren für Publikation gesenkt, aber neue Probleme geschaffen (Filterblasen, Desinformation andersartiger Natur). Gleichwohl hat es zweifellos die Medienlandschaft pluraler gemacht. Man kann argumentieren: Das Propagandamodell muss heute angepasst werden – z.B. gelten Social-Media-Plattformen und deren Algorithmen als neue “Filter”. Tatsächlich haben nach Herman & Chomsky andere wie Andrew T. Klaehn oder des Freed Erweiterungsvorschläge gemacht (Filter wie “Technologie” oder “Neoliberalismus” als neue Faktoren).

Doch die Kernbotschaft bleibt: Um Weltklugheit zu erlangen (um den Bogen zur Einleitung zu spannen), müssen wir mündige Medienbürger werden und die Strukturen ändern, statt blind dem bestehenden Mediensystem zu vertrauen. Herman und Chomskys Schlusswort liest sich fast wie ein Aufruf zur digitalen Zivilgesellschaft, bevor diese in vollem Umfang existierte.

In der Summe schließt Die Konsensfabrik somit mit einer Mischung aus analytischer Stringenz und vorsichtigem Optimismus. Es legt den Finger in die Wunde, belässt es aber nicht bei der Diagnose, sondern skizziert auch eine Therapie: Mehr Medienvielfalt, Medien von unten, kritisches Publikum. Die Autoren haben nicht die Illusion, dass sich das über Nacht einstellt – aber sie geben uns die Erkenntniswerkzeuge an die Hand, um daran zu arbeiten.

Reflexion: Aktualität und Nutzen für heutige Medienkritik

Seit dem Erscheinen von Manufacturing Consent (1988) sind Jahrzehnte vergangen – die Welt hat sich gewandelt, doch Herman und Chomskys Analyseinstrument erweist sich als bemerkenswert strapazierfähig. Die Aktualität des Buches liegt darin, dass es fundamentale systemische Verzerrungen aufdeckt, die in ähnlicher Form noch heute wirken. Zwar existiert der Kalte Krieg nicht mehr, doch an die Stelle des “Antikommunismus”-Filters traten neue ideologische Leitmuster: Etwa der imperativ gewordene “Anti-Terrorismus” nach 2001, der ähnlich wie einst der Antikommunismus dazu dienen konnte, kritische Stimmen mundtot zu machen oder bestimmte Konflikte nur unter Sicherheitslogik abzubilden. Auch der neoliberale Marktfundamentalismus – von Herman selbst als Ersatz für den alten Filter genannt – prägt viele Medien diskursiv: Kritik am “freien Markt” wird tendenziell marginalisiert, während Prämissen pro Kapital und Deregulierung kaum hinterfragt werden.

Die anderen Filter – Eigentumskonzentration, Werbeabhängigkeit, Quellenbias, Flak – sind, wenn überhaupt, noch stärker geworden. Medienkonzerne haben weiter fusioniert (denke an global Players wie Disney, Comcast, News Corp). Die Werbeindustrie hat mit der datengetriebenen Onlinewerbung neuen Einfluss gewonnen – Medien ohne Klickzahlen-Sucht sind rar. Offizielle Quellen dominieren weiterhin viele Nachrichtenstränge (man beachte z.B. die Homogenität der COVID-Berichterstattung zu Beginn, wo Regierungs-nahen Expertenstimmen viel Raum hatten, abweichende Meinungen weniger). “Flak” hat sich in Zeiten sozialer Medien vervielfacht: Gegenkampagnen können von mächtigen PR-Netzwerken oder politischen Akteuren nun blitzschnell orchestriert werden, um unliebsame Storys zu ersticken.

Gerade weil die Medienlandschaft komplexer wurde – neue Kanäle wie Social Media kamen hinzu, die klassische Presse leidet unter ökonomischem Druck –, bietet das Propagandamodell weiterhin wertvolle Orientierung. Es liefert einen Bezugsrahmen, um zu verstehen, warum bestimmte Themen riesig aufgeblasen werden (z.B. Verfehlungen von Gegnerstaaten) und andere fast verschwinden. Es hilft uns auch, uns selbst zu hinterfragen: Warum regen “wir im Westen” uns über manche Menschenrechtsverletzungen stark auf und nehmen andere achselzuckend hin? Die Antworten liegen oft nicht in der objektiven Schwere der Tat, sondern in jenen Strukturen, die Herman und Chomsky offenlegen. Diese Einsicht schützt uns heute vor vorschneller Einseitigkeit.

Für die heutige Medienkritik ist Die Konsensfabrik somit ein Grundlagenwerk. Es schärft den Blick junger Journalistinnen und Analystinnen dafür, Macht und Medien stets zusammen zu denken. Es erdet die oft abstrakt geführte “Fake News”-Debatte: Nicht nur offen falsche Nachrichten sind problematisch, sondern vor allem die systematisch unvollständigen oder schief gewichteten Nachrichten im Mainstream. Anstatt sich in Verschwörungstheorien zu verlieren, liefert Herman/Chomsky ein sachliches Erklärungsmodell, das ohne Dämonisierung von Einzelpersonen auskommt. Es geht um die Anreize und Zwänge, unter denen Medienschaffende arbeiten – und genau deshalb ist Kritik fruchtbar, weil sie am System ansetzen kann, statt Journalisten moralisch zu verurteilen.

Politisch Denkenden bietet das Buch einen wichtigen Kompass: Es regt dazu an, Aussagen und “Konsens” immer nach den dahinter stehenden Interessen zu befragen. Es ist damit ein immunisierendes Mittel gegen Propaganda, egal ob sie von Regierungen, Konzernen oder Interessengruppen kommt. In Zeiten, in denen autoritäre Staaten aggressiv Desinformation verbreiten, aber auch westliche Regierungen ihre Narrative pushen, sollte man Die Konsensfabrik fast als Handbuch im Bücherschrank haben. Es hilft, sowohl die plumpe staatliche Propaganda (die wir anderswo leicht erkennen) als auch die feiner gewobene heimische Propaganda (die wir oft nicht als solche erkennen) zu entlarven.

Zuletzt: Die Konsensfabrik trägt zur Demokratisierung unseres Denkens bei. Es erinnert an Marc Aurels Demutsgedanken: Sei dir bewusst, was du nicht weißt – oder was dir nur in verzerrter Form vorgesetzt wurde. Diese Demut ist der Anfang echter Weltklugheit. Indem Herman und Chomsky uns lehren, hinter den Spiegel zu schauen, machen sie uns letztlich zu souveräneren Bürgern. Das Buch ist somit nicht nur eine Medienkritik, sondern ein Stück politischer Bildung. Seine Aktualität zeigt sich jedes Mal, wenn wir auf Nachrichten blicken und uns fragen: Wessen “Konsens” wird hier gerade fabriziert – und zu wessen Nutzen? Mit diesem skeptischen, aber aufgeklärten Blick erfüllen wir das, was die Autoren als Ziel formulieren: eine informierte Öffentlichkeit, die sich nicht blind manipulieren lässt, sondern engagiert für wahrhafte Demokratie eintritt.

Hier ist eine strukturierte Kurz Zusammenfassung und Ausarbeitung der von dir gewünschten Themen basierend auf Chomskys Propagandamodell, den Inhalten aus „Die Konsensfabrik“ und „Media Control“, sowie den von dir zitierten Passagen:


🧠 1. Chomskys Propagandamodell und der „Manufactured Consent“

Kernthese:
Die Medien in westlichen Demokratien funktionieren nicht als neutrale Informationsvermittler, sondern als Filter- und Verstärkungsapparate für herrschende Eliteninteressen. Dies geschieht nicht durch offensichtliche Zensur, sondern subtil über strukturelle Mechanismen.

Die fünf Filter des Modells (nach „Manufacturing Consent“):

  1. Eigentumsverhältnisse der Medienkonzerne
  2. Werbefinanzierung als Hauptgeschäftsmodell
  3. Zulieferung von Nachrichten durch Eliten, Regierungsstellen, Thinktanks
  4. „Flak“ – Kritik, Boykott oder Druckkampagnen gegen unerwünschte Inhalte
  5. „Antikommunismus“ bzw. ideologische Feindbilder als Steuerungsmittel

🖼️ 2. Bildmacht und die Konstruktion kollektiver Realität

Chomsky betont, dass die Bevölkerung durch die gezielte Auswahl, Wiederholung und Visualisierung von Bildern – z. B. aus Kriegen – ein einseitiges, emotional aufgeladenes Weltbild erhält. Dies erzeugt einen künstlichen Meinungskonsens.

Zitat:
„Den Medienkonsumenten wird eine konsistente Sichtweise präsentiert – über Bilder, Narrative, Experten –, die systematisch Alternativen ausblendet. Dies erzeugt einen falschen Konsens.“
(Sinngemäß aus beiden Büchern, in Verbindung mit dem Irak-Krieg und Biowaffenpropaganda)

Beispiel Irak/Iran:

  • Chemiewaffen, Biowaffen, Massenvernichtungswaffen wurden als reale Bedrohung inszeniert – oft auf Basis fingierter oder ungeprüfter Quellen.
  • Die Medien übernahmen diese Narrative weitgehend unkritisch.

Zitat:
„Feindbilder werden durch wiederholte Bild- und Wortassoziationen aufgebaut […] Schon im Vietnamkrieg wie später im Irak wurden biologische und chemische Waffen instrumentalisiert, um militärische Interventionen zu rechtfertigen.“ (Paraphrasiert aus „Media Control“)


🏢 3. General Electric, RCA, Westinghouse – Medienmacht und militärisch-industrieller Komplex

Chomsky kritisiert insbesondere die strukturellen Verflechtungen von Medienkonzernen mit der Rüstungs- und Nuklearindustrie:

General Electric (GE):

  • Eigentümer von NBC (über RCA).
  • Tätig in der Atomkraft- und Waffenindustrie.
  • Hat wirtschaftliches Interesse an militärischer Eskalation, nicht an Friedensberichterstattung.

Zitat:
„General Electric besitzt NBC. GE ist ein bedeutender Waffen- und Atomkonzern. Es ist kein Zufall, dass NBC keine kritische Berichterstattung über nukleare Themen oder Krieg liefert, wenn diese Interessen tangiert sind.“ (Die Konsensfabrik)

Westinghouse:

  • Medienbeteiligungen (TV, Kabel, Radio).
  • Ebenfalls tief in Rüstungsproduktion und Atomtechnik involviert.

📣 4. PR-Industrie vs. Journalismus

Chomsky verweist darauf, dass die Public-Relations-Industrie in den USA dreimal so viele Mitarbeiter hat wie der Journalismus. Sie schreibt zunehmend die Geschichten, die dann in den Medien erscheinen.

Zitat:
„Der PR-Apparat produziert die Inhalte, die Journalisten übernehmen. Das Verhältnis ist 3:1 – PR-Leute zu Journalisten.“ (Media Control)

Beispiel Air Force:

  • 183 interne Zeitungen, hunderte Radiosendungen, 11.000 Reden.
  • Gegenüberstellung mit NGO-Budgets zeigt das gigantische Ungleichgewicht.

📊 5. Medienmonopole und globaler Informationsfluss

Zitat:
„1983 kontrollierten 50 Firmen die Medienlandschaft, 1990 waren es 23. Heute (2002) sind es 9 Megakonzerne, darunter Disney, Time Warner, Viacom, Bertelsmann, GE, Sony, Vivendi.“
(Die Konsensfabrik, basierend auf Ben Bagdikian)

Diese Konzerne:

  • Besitzen sowohl Inhalte (Filme, Nachrichten, Musik) als auch Vertriebskanäle (TV, Internet, Kinos, Verlage).
  • Verfolgen in erster Linie kommerzielle Interessen – nicht demokratische Informationsziele.
  • Hängen oft wirtschaftlich an Banken, die ebenfalls Einfluss auf Inhalte nehmen.

🛡️ 6. Propaganda auch in der Innenpolitik

Chomsky betont, dass Propaganda nicht nur nach außen (z. B. im Kalten Krieg) betrieben wird, sondern massiv nach innen:

Zitat:
„Die PR-Kampagnen zielen zunehmend auf die eigene Bevölkerung. Ziel ist es, Zustimmung für ökonomische und politische Maßnahmen zu erzeugen – etwa Deregulierung, Sozialabbau oder Krieg.“ (Media Control)


🧩 Synthese und Bewertung

Chomsky zeichnet ein Bild einer systematisch gesteuerten Meinungsbildung, die auf strukturellen, ökonomischen und politischen Interessen beruht. Medien, statt Kontrollinstanzen der Macht zu sein, werden durch Eigentumsverhältnisse, PR-Druck, und ideologische Filter zu Werkzeugen zur Herstellung von Konsens im Sinne der Eliten.

Schlüsselkonzept:
Manufacturing Consent“ – Konsens wird nicht natürlich erzeugt, sondern hergestellt, über Bilder, Sprache, Wiederholung, Auslassung und ökonomischen Druck.


Klar! Hier ist eine klar formulierte, fließend geschriebene Zusammenfassung der Medienkonzern-Daten, ergänzt um ihre Bedeutung im Sinne von Chomskys Medienkritik:


📊 Medienkonzerne als wirtschaftliche Supermächte (Stand: 1986)

Die Finanzdaten zeigen deutlich, dass viele große Medienunternehmen in den 1980er Jahren nicht nur publizistische, sondern auch enorme wirtschaftliche Machtzentren waren. Besonders bemerkenswert ist, dass ein Großteil dieser Unternehmen Gewinne im dreistelligen Millionenbereich machte. Der durchschnittliche Nachsteuergewinn der erfassten Konzerne lag bei 183 Millionen Dollar, der durchschnittliche Gesamtumsatz sogar bei 2,6 Milliarden Dollar.

🏦 Beispiel: General Electric (NBC)

General Electric, ein multinationaler Konzern mit starker Präsenz in der Rüstungs- und Atomindustrie, besaß zur Zeit der Erhebung den Fernsehsender NBC. GE hatte ein Gesamtvermögen von 34,6 Milliarden Dollar und machte 2,5 Milliarden Dollar Gewinn nach Steuern – der höchste Wert unter allen untersuchten Medienunternehmen. Der Gesamtumsatz lag bei 36,7 Milliarden Dollar.
Diese Verflechtung von militärischer Industrie und Medienproduktion ist ein Kernpunkt in Chomskys Analyse: GE profitiert direkt von Rüstungsprogrammen und Kriegen – und besitzt gleichzeitig einen der größten Nachrichtensender der USA.

Weitere Beispiele großer Medienkonzerne:

  • Capital Cities/ABC: 5,2 Milliarden $ Vermögen, 448 Mio. $ Gewinn, 4,1 Milliarden $ Umsatz.
  • CBS: 3,4 Milliarden $ Vermögen, 370 Mio. $ Gewinn, 4,75 Milliarden $ Umsatz.
  • Westinghouse: 8,5 Milliarden $ Vermögen, 670 Mio. $ Gewinn, 10,7 Milliarden $ Umsatz. Auch Westinghouse war stark in Nuklear- und Waffentechnik engagiert.
  • Time, Inc.: 4,2 Milliarden $ Vermögen, 376 Mio. $ Gewinn, 3,76 Milliarden $ Umsatz.
  • News Corp. (Rupert Murdoch): 5,8 Milliarden $ Vermögen, 116 Mio. $ Gewinn, 2,6 Milliarden $ Umsatz.
  • New York Times: 1,4 Milliarden $ Vermögen, 132 Mio. $ Gewinn, 1,6 Milliarden $ Umsatz.
  • Tribune Co.: 2,6 Milliarden $ Vermögen, 293 Mio. $ Gewinn, 2 Milliarden $ Umsatz.

🧬 Verflechtung mit Banken und Konzernen

Wie aus einem weiteren Auszug hervorgeht, saßen 1986 in den Vorständen der großen Medienunternehmen zahlreiche Manager aus dem Bank- und Konzernumfeld. Eine Analyse von zehn großen Medienkonzernen – darunter Dow Jones, Washington Post, General Electric, Capital Cities und Time Inc. – ergab:

  • Über 41 % der externen Direktoren waren aktive Manager aus anderen Großunternehmen.
  • Fast 10 % waren aktive oder ehemalige Bankmanager.
  • Insgesamt hatten diese Direktoren Verbindungen zu 36 Banken und 255 weiteren Unternehmen.

Das bedeutet: Die Leitung großer Medienhäuser war nicht unabhängig, sondern tief in das Finanz- und Industriekapital integriert. Die strategischen Entscheidungen über Themenauswahl, Tonalität und Gewichtung von Nachrichten wurden also von Menschen getroffen, deren Interessen oft wirtschaftlicher oder geopolitischer Natur waren – nicht journalistischer.


🧠 Chomskys Schlussfolgerung

Chomsky zeigt auf, dass diese finanzielle Machtverflechtung kein Zufall ist, sondern struktureller Bestandteil der Funktion der Medien in kapitalistischen Demokratien. Die Massenmedien fungieren als „Konsensfabriken“, die nicht nur externe Feindbilder formen (wie den Irak, Iran oder den Kommunismus), sondern auch die Innenpolitik auf Linie bringen – z. B. bei Themen wie Deregulierung, Steuerpolitik oder Sozialabbau.

Er ergänzt, dass Unternehmen auch systematisch Akademiker und PR-Institute kaufen, um Debatten in ihrem Sinne zu beeinflussen. So zitiert er z. B. Edwin Feulner von der Heritage Foundation, der zugibt, dass man Medien wie Zahnpasta bewerbe: Täglich und wiederholt, bis das „Produkt“ – also die Idee – im Kopf der Menschen fest verankert ist.


Aufbau eines medialen Feindbilds Sozialismus“ ist ein zentraler Bestandteil von Chomskys Theorie und zieht sich durch beide Werke – insbesondere durch Media Control und Manufacturing Consent.
Hier ist eine zusammengefasste Darstellung basierend auf Chomskys Aussagen:


🛑 Aufbau des Feindbilds „Sozialismus“ und mediale Kampagnen

🎯 1. Antikommunismus als ideologischer Filter

Chomsky und Herman beschreiben den „Antikommunismus“ als einen der fünf zentralen Filter im Propagandamodell. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in den USA das Bild des Sozialisten oder Kommunisten systematisch als Bedrohung dargestellt. Diese mediale Konstruktion erfüllte mehrere Funktionen:

  • Legitimierung von Interventionen im Ausland (z. B. Korea, Vietnam, Nicaragua, Guatemala, Chile)
  • Diskreditierung innerer Opposition (Gewerkschaften, Bürgerrechtsbewegung, linke Intellektuelle)
  • Rechtfertigung von Überwachung, Repression und Zensur

Zitat (sinngemäß):
„Antikommunismus ist eine Ideologie, die alle Kritik an bestehenden Eigentumsverhältnissen als Bedrohung für die nationale Sicherheit darstellen kann.“
(Manufacturing Consent, Kapitel zu ideologischen Filtern)


📰 2. Medienkampagnen: Der Sozialist als Gefahr

Medien spielten eine entscheidende Rolle dabei, Sozialisten oder linke Bewegungen mit Gewalt, Chaos und Verrat zu assoziieren. Typische Elemente:

  • Gleichsetzung mit „Feinden Amerikas“
  • Diffamierung als „nützlich für Moskau“ oder später: „Helfer des Terrorismus“
  • Umdeutung friedlicher Reformforderungen in „revolutionäre Bedrohung“

Beispiel Nicaragua (Sandinisten):
Die Sandinisten, eine sozialistische Bewegung, wurden in den US-Medien regelmäßig als „kommunistische Diktatur“ dargestellt – obwohl sie demokratische Wahlen abhielten.
Gleichzeitig wurden Contras, also rechte Paramilitärs mit CIA-Unterstützung, als „Freiheitskämpfer“ bezeichnet.

Beispiel Chile:
Der demokratisch gewählte Sozialist Salvador Allende wurde durch die Medien als Gefahr für Stabilität und Wirtschaft dämonisiert – der spätere Militärputsch unter Pinochet erhielt medial Rückhalt.


💬 3. PR-Strategien gegen Sozialismus

In den 1970er und 1980er Jahren verstärkte sich die organisierte Gegenpropaganda gegen sozialdemokratische, gewerkschaftliche oder wohlfahrtsstaatliche Ideen. Besonders aktiv:

  • Heritage Foundation (Zitat Feulner: „Man verkauft eine Idee wie Zahnpasta – täglich, damit sie haften bleibt.“)
  • U.S. Chamber of Commerce, Mobil Oil, American Enterprise Institute
    → Sie organisierten PR-Kampagnen, bezahlten Anzeigenserien und finanzierten ganze Wissenschaftsnetzwerke, um sozial orientierte Politik zu diskreditieren.

Ziel: „Die Debatte innerhalb eines akzeptablen Rahmens halten.“
(Zitat aus Feulner, in Chomskys Werk)


🎥 4. Hollywood und Kulturindustrie

Auch das Kino und Serienformate spielten mit:

  • Sozialismus wurde oft als Bedrohung dargestellt – z. B. in Kalter-Krieg-Filmen, Spionagethrillern oder dystopischen Zukunftsvisionen.
  • Figuren mit sozialistischen Überzeugungen wurden als naiv, gefährlich oder gewaltbereit inszeniert.
  • Der „amerikanische Traum“ wurde als Gegenbild zum „sozialistischen Alptraum“ aufgebaut.

🧩 Fazit: Funktion des Feindbilds

Chomsky zeigt, dass der medial aufgebaute Sozialist nicht einfach nur ein ideologischer Gegner ist – er erfüllt eine strukturstabilisierende Funktion:
Er grenzt die legitime Debatte ein, delegitimiert Umverteilungsforderungen und ermöglicht außenpolitische Aggressionen.

Zitat (sinngemäß):
„Ein sozialdemokratischer oder unabhängiger Staat, der zeigt, dass es auch anders geht, ist gefährlicher für Washington als ein totalitäres Regime – denn er könnte als Vorbild dienen.“


Chomsky sagt, dass die Bevölkerung über Medien gespalten wird, damit sie keine echte Bedrohung für die Machtstrukturen darstellt. Das zentrale Motiv ist Kontrolle durch Ablenkung und Fragmentierung – ein wiederkehrendes Thema in Chomskys Analyse kapitalistischer Demokratien.

Hier sind die wesentlichen Gründe laut Chomsky, warum das passiert:


1. Zersplitterung verhindert kollektive Gegenmacht

Wenn Menschen in ideologische Lager, kulturelle Feindbilder oder Identitätsgruppen gespalten sind, organisieren sie sich nicht gemeinsam gegen ökonomische Ungleichheit oder politische Korruption.
Chomsky nennt das die „Zersplitterung der öffentlichen Meinung“, die verhindert, dass breite Mehrheiten sich gegen die herrschenden Eliten zusammentun.


2. Ablenkung von den wahren Machtverhältnissen

Medien richten den Fokus auf „Kulturkriege“, Personalfragen, Skandale oder parteipolitisches Theater, während Themen wie Reichtumskonzentration, Lobbyismus oder Kriegspolitik unterbelichtet bleiben.
Chomsky nennt das „manufacturing consent“ – das gezielte Formen von Zustimmung durch Kontrolle des Debattenrahmens.


3. Vermeidung systemkritischer Fragen

Die Medien – meist im Besitz großer Konzerne – haben kein Interesse daran, die wirtschaftlichen Grundlagen des Systems infrage zu stellen.
Stattdessen werden kritische Fragen als „radikal“ oder „unrealistisch“ gebrandmarkt. Dadurch bleibt der status quo erhalten.


4. Schaffung einer „Illusion von Wahlfreiheit“

Die Bevölkerung glaubt, zwischen politischen Alternativen wählen zu können. In Wahrheit, so Chomsky, unterscheiden sich die Parteien oft kaum in wirtschaftspolitischen Grundfragen, weil beide den Interessen ihrer Geldgeber verpflichtet sind.
Die Medien verstärken diese Illusion, indem sie Oberflächenkonflikte betonen (z. B. Stil, Sprache, „Identität“), aber Grundsatzfragen meiden.


5. Funktion von Angst und Polarisierung

Emotionale Polarisierung (z. B. Angst vor Migranten, „Wokeness“, „Eliten“, „Linken“, „Rechten“) schafft ein Klima, in dem Menschen nicht rational über ihre eigenen Interessen nachdenken, sondern reflexhaft reagieren.
Das macht sie manipulierbar – ein Zustand, der laut Chomsky den Mächtigen nützt.


Fazit in Chomskys Worten (sinngemäß):

„Das Ziel ist nicht Information, sondern Loyalität. Wer die Medien kontrolliert, kontrolliert, was als ‚vernünftig‘ gilt – und wer ausgeschlossen wird.“


Das Thema Flüchtlinge eignet sich laut Chomsky und ähnlich argumentierenden Kritikern so hervorragend zur Spaltung der Bevölkerung, weil es emotional aufgeladen, visuell stark, moralisch komplex – und ideologisch instrumentalisierbar ist. Es erfüllt mehrere zentrale Funktionen innerhalb eines Systems, das Ablenkung, Polarisierung und Herrschaftsstabilisierung betreibt.

Hier die Hauptgründe, warum das Flüchtlingsthema so wirksam ist:


1. Starke emotionale Reaktion – Angst, Bedrohung, Empörung

Flüchtlinge symbolisieren „Fremdheit“ und „Veränderung“ – beides erzeugt bei vielen Menschen Verunsicherung.
Medien (und politische Akteure) können diese Gefühle gezielt aktivieren, um Stimmungen zu erzeugen:

  • rechts: „Überfremdung“, „Bedrohung der nationalen Identität“, „Wirtschaftsflüchtlinge“
  • links: „Menschenrechte“, „Solidarität“, „Rassismus“

➡️ Ergebnis: Spaltung der Gesellschaft entlang moralischer oder kultureller Linien, nicht ökonomischer Interessen.


2. Perfekter Sündenbock für reale soziale Probleme

Statt über soziale Ungleichheit, Lohndruck, Wohnungsnot oder Kürzungen im Sozialsystem zu sprechen, werden Flüchtlinge als Ursache präsentiert.
Das lenkt ab von den tatsächlichen Ursachen:

  • Deregulierung des Arbeitsmarkts
  • Kürzungen durch Austerität
  • Steuerprivilegien für Vermögende
  • Privatisierungen

➡️ So bleibt die Systemkritik außen vor, und die Wut richtet sich nach unten statt nach oben.


3. Teile-und-herrsche-Mechanismus

Wenn sich die „einheimische“ Unterschicht gegen Geflüchtete richtet, verhindert das Bündnisse von Menschen mit gemeinsamen ökonomischen Interessen.
Beispiel:

  • Der prekär beschäftigte deutsche Arbeiter und der Geflüchtete sind beide vom System marginalisiert, doch sie werden gegeneinander ausgespielt.

➡️ Der Fokus auf kulturelle Differenz überdeckt soziale Gemeinsamkeiten.


4. Medientauglichkeit & Visualisierbarkeit

Flüchtlingsthemen liefern dramatische Bilder, persönliche Schicksale, Grenzkonflikte, Lager, Boote – sie lassen sich medial perfekt inszenieren.

  • „Wellen“, „Ströme“, „Flut“ – diese Begriffe erzeugen Alarmismus.
  • Gleichzeitig bieten Flüchtlingskinder und Familien auch das Bild der „hilfsbedürftigen Opfer“.

➡️ Medien können das Thema nach Belieben emotional aufladen, je nach politischem Zweck.


5. Moralisierung verhindert rationale Debatte

Weil das Thema so moralisch aufgeladen ist, führt fast jede Diskussion sofort zu Lagerbildung:

  • Wer auf Probleme hinweist, gilt schnell als „rechts“.
  • Wer sich für Geflüchtete einsetzt, gilt schnell als „naiv“ oder „Gutmensch“.

➡️ Ergebnis: Sachliche, differenzierte Diskussion wird unmöglich.
Stattdessen: Polarisierung – genau das, was gewünscht ist.


Fazit (im Sinne Chomskys):

Flüchtlinge sind kein Problem – sie werden zum politischen Werkzeug gemacht.
Sie dienen als Projektionsfläche, um Ängste zu kanalisieren, Widerstand gegen die Eliten zu zerstreuen und Systemkritik abzulenken.


evolutionspsychologisch gibt es plausible Theorien, warum Menschen von Natur aus eher vorsichtig oder misstrauisch gegenüber „Fremden“ sind. Diese Perspektive stammt nicht von Chomsky, sondern eher aus der Soziobiologie, Evolutionspsychologie oder Anthropologie (z. B. Autoren wie Steven Pinker, Jonathan Haidt oder Joseph Henrich).

Hier sind die wichtigsten Punkte dieser Argumentationslinie:


🧬 1. Fremdenangst als Überlebensstrategie

In der Frühzeit des Menschen lebten Gruppen (Stämme, Clans) sehr isoliert voneinander. Fremde konnten bedeuten:

  • Krankheitsübertragung (keine Immunität gegen „exotische“ Keime)
  • Gewalt oder Raub (Fremde = potenzielle Feinde)
  • Ressourcenkonkurrenz

➡️ Die instinktive Vorsicht gegenüber Fremden war evolutionär vorteilhaft, weil sie das Überleben der eigenen Gruppe sicherte.


🧠 2. Ingroup/Outgroup-Denken

Menschen sind stark geprägt von einem Wir-gegen-die-Denken.
Psychologische Studien zeigen:

  • Wir bevorzugen die eigene Gruppe (Ingroup), sogar wenn sie willkürlich definiert ist.
  • Die „Fremdgruppe“ (Outgroup) wird eher misstrauisch oder feindlich betrachtet.

➡️ Dieses Muster ist tief im limbischen System verankert und lässt sich leicht von Medien, Politik oder Ideologie verstärken.


📺 3. Moderne Medien verstärken archaische Reflexe

Während früher „Fremde“ selten physisch auftauchten, bringen moderne Medien Bilder von „anderen“ permanent und massenhaft ins Wohnzimmer.

  • Die uralten Warnmechanismen springen an – auch wenn keine echte Gefahr besteht.
  • In Kombination mit emotionaler Sprache („Flut“, „Invasion“) wird die Bedrohungswahrnehmung künstlich erhöht.

➡️ Eine evolutionär entstandene Neigung wird zur politischen Waffe.


🧭 4. Aber: Biologie ≠ Schicksal

Wissenschaftler wie Chomsky (der selbst Linguist und Rationalist ist) würden ergänzen:

Instinkte existieren, aber sie sind nicht unausweichlich.
Menschen haben auch die Fähigkeit zu:

  • Empathie mit Fremden
  • Solidarität über Gruppen hinaus
  • Reflexion über eigene Vorurteile

➡️ Gesellschaften können entscheiden, ob sie Fremdenangst kultivieren oder zivilisieren.


Fazit:

Fremdenangst mag tief verwurzelt sein, aber sie ist formbar.
Populisten und Medien können sie bewusst aktivieren – oder auch entkräften.
Und genau das macht das Thema „Flüchtlinge“ so mächtig als Mittel zur Spaltung:
Es berührt instinktive Ängste, die politisch ausnutzbar, aber auch überwindbar sind.