Dossier zu Warum wir denken, was wir denken (Jordan B. Peterson, 2018)

Politisch-ideologische Einordnung des Werks

Jordan B. Petersons Warum wir denken, was wir denken – die deutsche Ausgabe seines Erstlingswerks Maps of Meaning – lässt sich weltanschaulich im konservativ-klassisch liberalen Spektrum verorten. Beobachter ordnen Peterson häufig als konservativen oder rechtsintellektuellen Vordenker ein, während er sich selbst als „klassisch britischen Liberalen“ bezeichnet. Tatsächlich durchzieht das Buch eine deutliche Anti-Totalitäre und antimarxistische Grundhaltung: Peterson warnt vor Ideologien, speziell dem Marxismus und postmodernen Sozialkonstruktivismus, die er als gefährliche „unvollständige Mythen“ einstuft. Marxistische Doktrinen beruhten seinem Urteil nach im Kern auf Ressentiment gegenüber Erfolgreichen und seien moralisch nicht besser als faschistische Ideologien. Diese ablehnende Haltung gegenüber kollektivistischen Utopien spiegelt sich im ganzen Werk wider. Statt dessen betont Peterson die Bedeutung tradierter moralischer Ordnungen und individueller Verantwortung. Er lehnt Relativismus ausdrücklich ab und postuliert universale Werte: Die Welt des Glaubens sei geordnet, es gebe universelle moralische Absoluta, und Gesellschaften oder Individuen, die diese Absoluta missachten – sei es aus Unwissenheit oder absichtsvoll – seien „zu Elend und schließlich zur Auflösung verurteilt“.

Zugleich ist Petersons Denken stark von religiös-mythologischen und psychologischen Einflüssen geprägt. Er schöpft aus der jüdisch-christlichen Tradition und der Tiefenpsychologie Carl Gustav Jungs, um menschliche Glaubenssysteme und Urmythen als Ausdruck psychologischer Grundstrukturen zu deuten. Dieses weltanschauliche Fundament ist weder streng konfessionell noch rein säkular: Peterson sieht in den großen Mythen einen überzeitlichen Wahrheitsgehalt über die menschliche Natur. Er verteidigt klassische Tugenden und eine tragende Ordnung gegen den Zeitgeist, der – in seinen Augen – von „postmodernem Neo-Marxismus“ und identitätspolitischer Fragmentierung geprägt ist. So polemisierte er öffentlich gegen politischen Korrektheitsdruck, radikalen Feminismus und staatliche Sprachvorgaben, was ihm Ruf und Anhängerschaft eines konservativen Kulturkritikers einbrachte. In Warum wir denken, was wir denken selbst stehen jedoch keine Tagespolitik oder Polemik im Vordergrund, sondern eine tiefgreifende philosophische Untersuchung: Peterson entwickelt eine Theorie der Bedeutung, die menschliches Denken zwischen Ordnung und Chaos, Glaube und Wissen verortet. Er plädiert dafür, dem Individuum im Ringen mit dem Unbekannten einen heroischen Stellenwert einzuräumen und warnt vor dem Hochmut totalitärer Gewissheiten – eine Sichtweise, die als konservativ-antitotalitäre Grundhaltung beschrieben werden kann. So verurteilt er die „lüciferische“ Anmaßung, man wisse bereits alles Wesentliche – eine Hybris der reinen Vernunft, die den Platz Gottes einnehmen wolle. Diese führt unweigerlich zu einem Zustand des persönlichen und gesellschaftlichen Seins, „der von der Hölle nicht zu unterscheiden ist“. Stattdessen propagiert Peterson eine demütige Offenheit für das Unbekannte und betont, dass gerade in der individuellen Sinnsuche – in der Treue zu den eigenen höchsten Interessen – ein Gegenmittel gegen ideologischen Fanatismus liege.

Insgesamt ist Petersons Werk ideologisch geprägt von einem antimarxistischen, antirelativistischen Impuls und einer Rückbesinnung auf archaische, teils religiöse Wahrheiten über den Menschen. Es vereint konservative Kulturkritik (Warnung vor Werteverfall und „Chaos“), libertäre Züge (Betonung von individueller Freiheit und Verantwortung) und eine existenzialistische Ernsthaftigkeit gegenüber den Tragödien der menschlichen Existenz. Obwohl Peterson kein kirchlich gebundener Gläubiger ist, durchzieht sein Denken ein quasi-religiöser Respekt vor dem „Logos“ – dem Sinnstiftenden –, was seinem Ansatz einen spirituellen und moralischen Ton verleiht. Dieses Spannungsfeld – zwischen Wissenschaft und Mythos, Individuum und Tradition, Freiheit und Ordnung – macht Warum wir denken, was wir denken zu einem weltanschaulich vielschichtigen Werk, das in keine einfache Kategorie passt, aber deutlich gegen die relativistischen und kollektivistischen Tendenzen der modernen Linken positioniert ist. Peterson präsentiert sich hier als moderner konservativer Moralphilosoph, der die alten Mythen neu aufbereitet, um dem orientierungslosen modernen Menschen einen Wertekompass und ein Gefühl für das „Warum wir denken, was wir denken“ zu geben.

Vorwort – Descensus ad Inferos: Persönlicher Hintergrund und Problemstellung

Peterson eröffnet das Buch mit dem lateinischen Motto “Descensus ad Inferos” („Abstieg in die Unterwelt“), was den programmatischen Charakter des Vorworts vorgibt. Er schildert hier seinen persönlichen Erkenntnisweg, der ihn in die „Tiefen“ fundamentaler Fragen führte. Aufgewachsen in einer kleinstädtischen, christlich geprägten Umgebung, genoss Peterson zunächst den unbewussten Halt der jüdisch-christlichen Moraltradition. In der Pubertät begann er jedoch, den religiösen Glauben kritisch zu hinterfragen. Die dogmatischen Lehren der Kirche erschienen ihm „unverständlich“ oder gar „offenbar absurd“ – etwa die Jungfrauengeburt oder die Auferstehung. Mangels intellektuell befriedigender Antworten kehrte der jugendliche Peterson dem kirchlichen Glauben den Rücken. „Religion war meiner Meinung nach etwas für die Dummen, Schwachen und Abergläubischen“, konstatiert er rückblickend pointiert.

Stattdessen wandte sich Peterson – wie viele intellektuell suchende Jugendliche – der Politik und rationalen Ideologie zu. Er engagierte sich in einer moderat sozialistischen Partei und glaubte zeitweilig, „wirtschaftliche Ungerechtigkeit“ sei die Wurzel allen Übels, die durch revolutionäre Neuordnung der Gesellschaft beseitigt werden könne. Doch die praktische Erfahrung in der Politik und prägende Lektüre (insbesondere George Orwells Der Weg nach Wigan Pier) ließen ihn ernüchtert erkennen, dass der Sozialismus häufig mehr von Hass auf die Erfolgreichen getrieben war als von Liebe zu den Armen. „Die sozialistische Ideologie diente dazu, Ressentiments und Hass zu verschleiern, die durch das eigene Versagen verursacht wurden“, so seine schonungslose Bilanz dieser Zeit. Peterson schlussfolgerte, dass nicht eine bestimmte politische Ideologie das grundlegende Problem darstellt, „sondern Ideologie als solche“. Jede vereinfachende Heilslehre teilt die Welt in Schemen von Gut und Böse und ermöglicht dem Gläubigen, sich vor seinen eigenen unzulässigen Wünschen und Schattenseiten zu verstecken.

Diese Einsichten stürzten Peterson in eine schwere existenzielle Krise: „Ich konnte sozusagen nicht mehr sagen, wer gut war und wer schlecht – also wusste ich nicht mehr, wen ich unterstützen und wen ich bekämpfen sollte“, beschreibt er seine Verwirrung. Sein früher Lebensplan, als Rechtsanwalt und Politiker „die Feinde“ zu bekämpfen, zerfiel in Bedeutungslosigkeit. Zugleich enttäuschte ihn das Studium der Politikwissenschaft – es lieferte ihm keine Antwort auf die drängende Frage, „wie sich die Struktur der menschlichen Überzeugungen und des Glaubens“ erklären lässt.

Angesichts dieser Orientierungslosigkeit begann Peterson, viel grundlegender nach dem Wesen von Gut und Böse, Ordnung und Chaos in der Welt zu fragen. Er studierte intensiv Geschichte, Literatur und Mythologie – angetrieben von der Frage: „Wie kam das Böse – besonders das Böse, das durch Gruppen begangen wird – zu seiner Rolle in der Welt?“. Der Kalte Krieg, die nukleare Bedrohung und die Verbrechen der Nationalsozialisten und Stalinisten waren für ihn konkrete Anlässe, über den „allgemeinen sozialen und politischen Wahnsinn und das Böse der Welt“ nachzudenken. In diesem Prozess entdeckte Peterson allmählich die tiefe Bedeutung der alten Mythen und Religionen. Er fand Inspiration bei Carl Jung und anderen Denkern, die das kollektive Unbewusste und archetypische Symbole studierten.

Im Vorwort berichtet Peterson auch, wie intensive Auseinandersetzung mit diesen Themen seine Alpträume von Zerstörung verschwinden ließ und ihn jedoch „vollständig und schmerzvoll verwandelte“. Er erkannte, „dass die Welt auf eine sehr reale Weise durch Glauben gemacht wird“, also dass unsere Wahrnehmung der Realität immer von impliziten Wert- und Sinnannahmen geprägt ist. Anders als viele Zeitgenossen verfiel er jedoch nicht dem Relativismus: Gerade weil die Welt aus subjektiven Deutungen besteht, glaubte Peterson mehr denn je an objektive Orientierungspunkte. „Ich wurde überzeugt, dass die ‘Welt, die Glaube ist’ geordnet ist, dass es universelle moralische Absoluta gibt“, schreibt er. Menschen und ganze Kulturen, die diese fundamentalsten Werte ignorieren, würden unweigerlich ins Chaos und Verderben stürzen.

Am Ende des Vorworts fasst Peterson die zentralen Thesen seines Werkes in verdichteter Form zusammen. Diese „Schlussfolgerungen“ bilden den gedanklichen Fahrplan des Buches:

  • Welt als Handlung vs. Welt als Objekt: Die Realität kann auf zweierlei Weise verstanden werden – „als Handlungsraum oder als Ort der Dinge“. Die Naturwissenschaft beschreibt die objektive Welt der Dinge, während Mythos, Literatur und Drama die Welt als Arena von Bedeutungen und Handlungen zeigen. Beide Perspektiven dürfen nicht als Widerspruch gesehen werden; erst ihre Verbindung ergibt ein vollständiges Weltbild.
  • Ordnung und Chaos als Grundkräfte: Die erfahrbare Welt des Handelns besteht im Kern aus drei Elementen oder „Akteuren“, die in allen Mythen auftauchen: dem unerforschten Gebiet (Chaos, das „als Große Mutter“ symbolisiert wird), dem erforschten Gebiet (Ordnung, der „Große Vater“) und dem dazwischen vermittelnden Prozess (Erneuerung, der „Göttliche Sohn“ als archetypischer Held). Der Große Mutter-Aspekt steht für die Natur, das Unbekannte – zugleich schöpferisch gebärend und zerstörerisch verschlingend, „Ursprung und letzte Ruhestätte aller endlichen Dinge“. Der Große Vater repräsentiert die Kultur – schützend, strukturierend durch die Weisheit der Ahnen, aber auch erstarrt und tyrannisch in seiner konservativen Tendenz. Der Göttliche Sohn verkörpert den ewigen Vermittler – „das kreativ erforschende Wort“, den Helden, der mutig ins Unbekannte aufbricht, Neues schafft und so die bestehende Ordnung erneuert, aber auch als „rächender Gegenspieler“ die Übel der Welt bekämpft. Menschen sind ebenso an diese symbolische mythische Welt angepasst wie an die objektive Realität – d.h. wir alle leben unbewusst in solchen archetypischen Rollen und Geschichten.
  • Gefahr der Erstarrung und des Totalitarismus: Ordnung (Kultur) bietet Sicherheit. „Ungeschützt dem unerforschten Gebiet ausgesetzt zu werden, ruft Angst hervor“, daher schließen sich Individuen schützenden Gruppenidentitäten an. Doch wenn die Identifikation mit der Gruppe absolut wird – wenn alles kontrolliert werden muss und kein Unbekanntes mehr existieren darf – erstickt die kreative Erneuerung. Eine solche totalitäre Überbetonung der Ordnung (Peterson nennt dies „luziferischen Stolz“, das Allwissenheitsdünkel der reinen Vernunft) bedeutet die Identifikation mit dem „Widersacher“ (Teufel) und führt letztlich zu einem infernalischen Zustand von Stagnation und Leid. Menschen „würden alles tun – wirklich alles – um sich vor der Rückkehr des Chaos zu schützen“, selbst Kriege führen und Gräueltaten begehen, anstatt ihre überkommenen Überzeugungen zu hinterfragen. Dieser Mechanismus erklärt, warum Ideologen lieber andere oder sich selbst zerstören, als ihr Weltbild aufzugeben.
  • Bedeutung des Individuums (Heldenprinzips): Als Gegenpol zum totalitären „Ersticken“ der Anpassung stellt Peterson das Individuum heraus, das seinem persönlichen Sinn folgt. „Seinen persönlichen Interessen – subjektiver Bedeutung – treu zu sein“ ist für ihn das Gegenmittel zur Versuchung, das Unbekannte aus Angst zu verleugnen. An der beweglichen Grenze zwischen Bekanntem und Unbekanntem offenbaren sich dem Einzelnen seine echten Berufungen und Leidenschaften. Wer diesen folgt, nimmt am kreativen Prozess der stetigen Anpassung und Verbesserung teil. „Treue gegenüber seinen persönlichen Interessen entspricht der Identifikation mit dem archetypischen Helden – dem ‘Retter’“, schreibt Peterson. Der Held ist jener, der – trotz Angst vor Tod und trotz Konformitätsdruck der Gruppe – das Logos, das schöpferische Prinzip der Wahrheit, hochhält und erneuernd wirkt. Durch diese freiwillige Offenheit gegenüber dem Neuen mildert das Individuum die unerträgliche Angst vor dem Chaos und findet einen Sinn, der sowohl das eigene Leben als auch die Gemeinschaft voranbringt.

Mit dieser programmatischen Skizzierung endet das Vorwort. Peterson lädt den Leser ein, diese Thesen im Folgenden kapitelweise vertieft nachzuvollziehen. Jedes Kapitel beginnt – so erklärt er – mit einer ähnlichen Zusammenfassung, sodass man die Argumentationsstruktur im Ganzen erfassen kann, bevor man in die detaillierten Ausführungen einsteigt. Das Vorwort leistet damit zweierlei: Es stellt Petersons persönliche Motivation und ideologische Grundhaltung transparent dar und umreißt die intellektuelle Mission des Buches. Dem Leser wird klar, dass es Peterson um nicht weniger geht als um die „Landkarte“ der menschlichen Bedeutung selbst: Warum glauben und handeln Menschen so, wie sie es tun? Wie entstehen Mythen, Moral und Ideologie – und wie können wir angesichts von Chaos und Leid einen gangbaren Weg finden? Diese Fragen, im Vorwort leidenschaftlich aufgeworfen, bilden den roten Faden durch alle folgenden Kapitel.

Kapitel 1: Erfahrungslandkarten – Objekt und Bedeutung

Im ersten Kapitel entwickelt Peterson die grundlegende Unterscheidung zwischen zwei Arten, die Welt wahrzunehmen: als Raum für Handlungen (Welt der Bedeutung) und als Ansammlung von Objekten (Welt der Dinge). Gleich zu Beginn stellt er fest: „Man kann die Welt mit Recht als Handlungsraum oder als Ort der Dinge verstehen.“ Damit meint er, dass wir einerseits unsere Umgebung unter dem Aspekt betrachten, was sie für uns bedeutet und wie wir darin handeln können – andererseits aber auch als neutrales Feld objektiver Fakten und Dinge. Die erste Perspektive ist die ursprüngliche, prärationale Sichtweise, die sich in Mythos, Kunst, Ritual und Literatur ausdrückt. In dieser Sicht ist die Welt ein Ort voller Werte: Alles, was wir wahrnehmen, hat unmittelbar eine Bedeutung für unser Handeln (etwa nützlich oder gefährlich, gut oder schlecht). Die zweite Perspektive ist die der modernen Wissenschaft, welche die Welt als Menge von objekthaften Dingen mit messbaren Eigenschaften beschreibt.

Peterson betont, dass beide Modi komplementär sind. Ohne die Bedeutungswelt könnten wir nicht entscheiden, was wir mit Fakten anfangen sollen – ohne die Faktenwelt würden unsere Mythen ins Beliebige abgleiten. „Ohne beide Interpretationsmodi anzuwenden, lässt sich kein vollständiges Weltbild generieren“, so Peterson. Die Tragik der modernen Denkweise sieht er darin, dass sie die beiden Ebenen oft als Widerspruch versteht: „Anhänger der mythologischen Weltsicht“ neigten dazu, ihre überlieferten Glaubensaussagen mit empirischen Fakten zu vermengen, während „diejenigen, die die wissenschaftliche Perspektive übernehmen“ verkennen, dass Fakten allein keine Anleitung zum Handeln geben (*„was ist“ bleibt getrennt von „was sein sollte“). Es klafft eine unüberbrückbare Lücke zwischen reiner Beschreibung und Wertung – eine Lücke, die nur durch Bedeutung geschlossen wird.

Um diesen Unterschied anschaulich zu machen, führt Peterson ein Beispiel aus dem Alltag an: Ein Kleinkind tastet sich forschend durch seine Umgebung und greift nach einer zerbrechlichen Glasfigur. In diesem Moment fährt die Mutter dazwischen, nimmt ihm das Objekt weg und schimpft, es dürfe diese Skulptur nie wieder anfassen. Was hat das Kind gelernt? Natürlich einige objektive Eigenschaften des Gegenstands – Farbe, Glätte, Kälte, Gewicht. Vor allem aber hat es dessen Bedeutung gelernt: Die Glasfigur ist gefährlich, wenn man falsch damit umgeht (jedenfalls in Gegenwart der Mutter); sie ist kostbar, wichtiger als der Forscherdrang des Kindes. Mit anderen Worten: Das Kind hat gleichzeitig ein Objekt kennengelernt und dessen soziokulturell bestimmten Status. „Alles, was dem Kind begegnet, hat diese Doppelnatur … Alles ist etwas und bedeutet etwas – und zwischen Wesen und Bedeutung wird nicht notwendigerweise klar unterschieden“, fasst Peterson zusammen. Für das naive Bewusstsein verschmilzt die Bedeutung praktisch mit dem Ding selbst: Die Welt erscheint „magisch“ beseelt mit Bedrohlichem, Verheißungsvollem, Heiligem, Ekligem usw., ohne dass man diese Qualitäten als subjektiv getrennt begreift. Ein Kind sagt z.B. „Ich habe einen unheimlichen Mann gesehen“ – es verbindet unmittelbar eine negative Bedeutung (Unheimlichkeit) mit der Wahrnehmung einer Person.

Diese natürliche Verquickung von Wahrnehmung und Wert ist kennzeichnend für das narrative bzw. mythische Denken im Gegensatz zum analytisch-wissenschaftlichen. Peterson betont, dass wir modernen Menschen trotz all unseres Wissens immer noch in hohem Maße zu dieser prä-rationalen Sicht fähig sind – glücklicherweise. „Wir sind (Gott sei Dank!) noch nicht ‘objektiv’, nicht einmal in unseren klarsten Momenten“, schreibt er pointiert. Beispielsweise lassen wir uns bereitwillig von einem Film oder Roman emotional mitreißen, „setzen willentlich unsere Ungläubigkeit aus“. Ebenso neigen wir dazu, beeindruckende Persönlichkeiten fast mythisch zu verehren oder zu fürchten – sei es ein charismatischer Politiker, ein Superstar oder der eigene Chef –, als verkörperten sie mehr als nur eine Person, nämlich einen Wert oder ein Ideal. All dies zeigt: Bedeutung ist keine nachträgliche Verzierung der Realität, sondern eine primäre Erfahrungsebene. Die rationale Objektwelt mag präziser und verlässlicher im Beschreiben sein, aber sie bleibt motivationale Leere, wenn sie nicht mit der bedeutsamen Erlebnissicht verbunden wird.

Kapitel 1 etabliert somit die Grundkoordinaten für Petersons Theorie: Wesen und Bedeutung, Ordnung und Chaos, Wissenschaft und Mythos. Es führt dem Leser vor Augen, dass unser Denken immer in „Landkarten“ erfolgt – mal Landkarten der Dinge (z.B. naturwissenschaftliche Theorien), mal Landkarten der Erfahrung (z.B. religiöse Mythen). Beide Karten haben ihre Berechtigung und Grenzen. Eine zentrale Erkenntnis aus diesem Kapitel ist, dass rationale Fakten alleine nicht genügen, um menschliches Verhalten zu lenken. Wir benötigen Geschichten, Werte und Symbole (unsere Erfahrungslandkarten), um zu wissen, was wir überhaupt mit den Fakten tun sollen. Peterson schafft hier die Basis für die folgenden Kapitel, in denen er die Architektur dieser Bedeutungslandkarten tiefer ergründen wird.

Kapitel 2: Bedeutungslandkarten – Drei Analyseebenen

Im zweiten Kapitel unternimmt Peterson den Versuch, eine umfassende Theorie der Bedeutung zu entwerfen, indem er drei Ebenen der Analyse miteinander verschränkt: 1) die persönlich-erlebte Ebene, 2) die neuropsychologische Ebene und 3) die mythologisch-symbolische Ebene. Diese drei Betrachtungsweisen stellen unterschiedliche „Karten“ desselben Terrains dar – sie beleuchten, warum und wie wir unseren Erfahrungen Sinn zuschreiben.

Zunächst erläutert Peterson anhand zweier einfacher Geschichten den Unterschied zwischen normalem und revolutionärem Leben (Ebene 1). Im Normalfall bewegen wir uns in geordneten Bahnen: Unsere Umgebung und sozialen Rollen sind vertraut, Ereignisse liegen im erwartbaren Rahmen. Hier dienen unsere vorhandenen Erfahrungslandkarten (Gewohnheiten, Überzeugungen) dazu, das tägliche Leben effizient zu bewältigen. Revolutionär wird die Situation, wenn etwas Unerwartetes, eine Anomalie, auftritt, das unsere bisherigen Interpretationsschemata sprengt. Etwa ein plötzlicher Unfall, der Verlust des Jobs, eine Begegnung mit einer fremden Kultur – solche Vorfälle können das bisherige „Normal“ erschüttern. Peterson verdeutlicht: Die kleinen Frustrationen oder Überraschungen des Alltags sind nichts im Vergleich zu den radikalen Anomalien, die unsere gesamte Lebensgeschichte in Frage stellen. Trifft jemand auf „unwiderlegbare Beweise dafür, dass [sein] Modell der Gegenwart und der idealen Zukunft ernsthafte […] Fehler hat“, dann gerät dieser Mensch in eine echte Krise. Die vertraute Ordnung bricht zusammen, es drohen Angst und Chaos.

Auf der neuropsychologischen Ebene (Ebene 2) analysiert Peterson, was in solchen Momenten in unserem Gehirn geschieht. Er führt Erkenntnisse der Neurowissenschaft an, wonach das Gehirn zwei grundsätzlich verschiedene Modi besitzt, auf Stabilität bzw. Neuheit zu reagieren. Bekannte, erwartete Reize werden vom Gehirn als sicher und positiv registriert – dies löst Gefühle von Kontrolle, Kompetenz und Belohnung aus (vermittelt z.B. durch das dopaminerge Belohnungssystem, das auf Zielerreichung reagiert). Unerwartete oder nicht einordenbare Reize hingegen aktivieren sofort das Gefahren- und Erkundungssystem: die Amygdala schlägt Alarm (Angst, Stress), der Hippocampus versucht, die neue Information zu kontextualisieren, und das noradrenerge System fährt den Körper hoch zur schnellen Reaktion. Peterson beschreibt, dass Neuheit zunächst immer mit einem Ausschlag ins Negative verbunden ist – das Unbekannte wird unwillkürlich mit Schmerz und Tod assoziiert (evolutionär sinnvoll, da das Unbekannte Gefahr bedeuten kann). Erst wenn sich herausstellt, dass die Anomalie harmlos oder sogar nützlich ist, wandelt sich die Reaktion in Neugier und Exploration. Neuropsychologisch spiegelt sich also wider, was wir kulturell als „Chaos und Ordnung“ kennen: Chaos (Neuheit) ruft zunächst Furcht hervor; erst das erfolgreiche Explorieren des Chaos kann es in neue Ordnung überführen, was als Belohnung empfunden wird.

Der für Peterson wichtigste Analysepfad ist jedoch die mythologisch-symbolische Ebene (Ebene 3). Hier argumentiert er, dass die immer wiederkehrenden Gestalten und Motive der grossen Mythen und Religionen genau diese grundlegenden psychologischen Strukturen darstellen. Peterson identifiziert insbesondere drei Urbilder (Archetypen), die er bereits im Vorwort benannt hat und die jedem Mythos zugrunde liegen: die Große Mutter, der Große Vater und der Göttliche Sohn. Diese drei bilden ein dramatisches Grunddreieck, das wir in unzähligen Kulturmythen in Variation wiederfinden:

  • Die Große Mutter – Symbol des Unbekannten, des kreativ-chaotischen Prinzips. Sie steht zugleich für die Natur, die Geborgenheit und Fruchtbarkeit (die Mutter Erde), aber auch für das Verschlingende, Unberechenbare (das Meer, die Dunkelheit, das „Drachenhafte“). Peterson nennt sie „kreativ und destruktiv, Ursprung und letzte Ruhestätte aller endlichen Dinge“. In Mythen erscheint die Große Mutter etwa als Urmeer, als chaotische Göttin oder als Schlange/Drache des Chaos.
  • Der Große Vater – Symbol des Bekannten, der Ordnung und Kultur. Er verkörpert das soziale Regelwerk, Tradition, Autorität und Wissen der Vorfahren. Schutz und Struktur gehen von ihm aus (der weise König), aber auch Starrheit und Tyrannei (der despotische Herrscher). Peterson beschreibt ihn als „schützend und tyrannisch, die gesammelten Weisheiten der Ahnen“. Mythische Erscheinungsformen sind etwa Göttervater-Figuren (Zeus, Odin), Könige und Patriarchen, aber auch strenge Gesetzgeber oder unbarmherzige Götzen.
  • Der Göttliche Sohn (das Helden-Archetyp) – Symbol des mittleren Prinzips, des Vermittlers zwischen Chaos und Ordnung. Er repräsentiert das Individuum, das mutig ins Unbekannte vordringt, dort etwas Neues schafft oder das Bedrohliche bändigt, und die bestehende Ordnung dadurch erneuert. Peterson beschreibt diesen Archetyp als „das kreativ erforschende Wort“, das den Prozess der Schöpfung immer wieder neu anstößt, und als „rächenden Gegenspieler“, der gegen das Böse und Erstarrte kämpft. Heldengestalten – vom babylonischen Marduk über den griechischen Apollo bis zu Christus oder Buddha – gehören zu diesem Typus.

Peterson argumentiert, dass diese mythischen Urfiguren letztlich strukturgleiche Entsprechungen unserer psychologischen Wirklichkeit sind. Sie personifizieren das, was wir zuvor abstrakt als Chaos, Ordnung und Prozess bezeichnet haben. Indem Kulturen diese Kräfte in Geschichten und Göttergestalten ausdrücken, machen sie die komplexe innere Dynamik verständlicher und merkfähiger. Ein Großteil des Kapitels 2 widmet sich daher der vergleichenden Mythenanalyse: Peterson zeigt anhand verschiedener Kulturmythen, wie überall dieselben Muster zum Vorschein kommen.

So analysiert er zum Beispiel den babylonischen Schöpfungsmythos Enūma Eliš: Darin müssen die jungen Götter unter Führung des Helden Marduk gegen die Urdrachen-Göttin Tiamat kämpfen, die das ursprüngliche Chaos verkörpert. Marduk besiegt Tiamat – ein weiblicher Drachen –, indem er sie zerschmettert, und formt aus ihrem geteilten Körper Himmel und Erde, also die geordnete Welt. Dieses Motiv des Drachentötens als kosmische Ordnungsstiftung ist ein archetypischer Ausdruck des Heldensiegs über das Chaos. Peterson vergleicht es mit der altägyptischen Osiris-Horus-Seth-Sage: Hier wird der gute König Osiris (eine Vaterfigur der Ordnung) von seinem bösen Bruder Seth heimtückisch getötet und in Stücke gerissen. Osiris’ Gemahlin Isis setzt die zerstückelten Teile wieder zusammen und empfängt von Osiris postum einen Sohn, Horus. Horus wächst heran und besiegt den chaotischen Onkel Seth, woraufhin Osiris im Jenseits wiederbelebt wird und gemeinsam mit Horus das Reich regiert. Peterson deutet diese Geschichte als Allegorie dafür, wie eine erstarrte alte Ordnung (Osiris, der „blinde“ Vater) durch das Opfer und den Kampf des Sohnes (Horus, der Held) verjüngt wird: Der Held integriert das Zerstörerische (Seths Verrat) und überwindet es, sodass am Ende eine erneuerte, bessere Ordnung („Vater + Sohn“) entsteht.

Durch solche Beispiele illustriert Peterson die grammatische Universalität der Mythen. Trotz aller Oberflächenunterschiede transportieren sie dieselbe Kernbotschaft: Der Held (Göttliche Sohn) muss das Chaos (Große Mutter, oft in Gestalt eines Drachen oder Ungeheuers) konfrontieren und bändigen, um die Ordnung (Großer Vater) zu erhalten und zu erneuern. Diese dramatische Erzählstruktur findet sich ebenso in den Legenden des Heiligen Georg, der den Drachen tötet (das Christentum hat hier einen heiligen Ritter als Helden), wie in unzähligen Märchen, in denen ein Monster besiegt oder eine Jungfrau aus dem Drachenhort gerettet wird. Peterson zitiert in diesem Zusammenhang den bekannten Mythologen Mircea Eliade und verweist auf Schöpfungsmythen, Drachenkämpfe in persischen, indischen, nordischen Überlieferungen und sogar Parallelen in der alttestamentlichen Symbolik (Leviathan). Diese globale Verbreitung ist für ihn kein Zufall, sondern Ausdruck gemeinsamer Existenzprobleme des Menschen.

Nachdem Peterson die großen Drei (Mutter, Vater, Held) und ihre Interaktionen dargestellt hat, kehrt er zurück zur psychologischen Bedeutung für das Individuum. Das Kapitel betont: Wir alle leben in diesen mythischen Mustern. Jeder Mensch steht vor der Aufgabe, das Unbekannte in sein bekanntes Weltbild zu integrieren – also Held seiner eigenen Lebensgeschichte zu sein. Doch ebenso wohnt jedem von uns das Trägheitsmoment der Ordnung inne (wir hängen an vertrauten Überzeugungen – innerer Vater) sowie die Versuchung, aus Angst vor Veränderung ins Chaos abzugleiten oder dieses zu leugnen (innere Mutter als Überwältigung oder Verdrängung). Das Zusammenspiel dieser Kräfte bestimmt unser seelisches Gleichgewicht. Peterson illustriert dies an neuropsychologischen Fakten: So verortet er z.B. Neugier und Explorationslust als Ausdruck des dopaminergen Appetenz-Systems, während Furcht vor Neuem dem aktivierten Abwehrsystem entspricht. Kultur und Erziehung (also der „Vater“) versuchen, diese instinkthaften Regungen zu regulieren, indem sie Rituale und Wissen bereitstellen. Doch wann immer neue, ungewohnte Phänomene auftreten, müssen Gehirn und Psyche erneut das Gleichgewicht finden.

Kapitel 2 ist das intellektuell anspruchsvollste und umfangreichste des Buches. Es verbindet Erkenntnisse aus Evolutionsbiologie, Neurowissenschaft, Anthropologie und Religionsgeschichte zu einem kohärenten Modell. In dessen Zentrum steht folgende Kernthese: Mythologie ist Psychologie ist Neurobiologie. Die alten Geschichten codieren etwas sehr Reales, nämlich die Struktur unseres Wahrnehmens und Fühlens. Indem Peterson diese Parallelen herausarbeitet, legt er den Grundstein für die folgenden Kapitel, die sich mit der Entwicklung des Menschen innerhalb dieser Sinnstrukturen beschäftigen – vom Hineinwachsen in eine Kultur bis zum rebellischen Durchbrechen tradierter Weltanschauungen.

Kapitel 3: Lehrzeit und Enkulturation – Übernahme einer gemeinsamen Weltanschauung

In Kapitel 3 wendet Peterson seinen Blick auf den Sozialisationsprozess: Wie eignet sich ein Individuum die bestehende kulturelle Ordnung an? Und welche Vor- und Nachteile bringt diese Enkulturation mit sich? Der Titel “Lehrzeit” ist wörtlich zu nehmen: Peterson vergleicht das Hineinwachsen des Menschen in die Gesellschaft mit einer traditionellen Lehrlingsausbildung unter einem Meister. Der Lehrling (das Kind oder novice) unterwirft sich zunächst einer äußeren Autorität, übernimmt Regeln, Werte und Gewohnheiten – all das, bevor er selbstständig urteils- und handlungsfähig wird. „Die Abhängigkeit des Kindes muss durch eine Gruppenzugehörigkeit ersetzt werden, bevor der Einzelne sich voll entwickeln kann“, schreibt Peterson. Dieses Sich-Identifizieren mit einer gemeinschaftlichen Weltanschauung bietet dem Heranwachsenden Schutz (durch klare Rollen, Vorbilder und Verhaltensgrenzen) und formt ihn zu einem gesellschaftlich brauchbaren Mitglied – einem weiteren „Werkzeug“ der Gesellschaft, wie Peterson etwas provokativ formuliert.

Peterson sieht in der Disziplinierung durch Kultur eine unvermeidliche und notwendige Zwischenstufe zur Selbständigkeit. Man kann nicht vom Kind direkt zum autonomen Erwachsenen springen; erst durch das Befolgen strenger Regeln und Rituale lernt man jene Selbstbeherrschung, die wahre Freiheit ermöglicht. Hier zeigt sich Petersons teils konservative Wertschätzung von Ordnung: Alle religiösen und kulturellen Traditionen – so unterschiedlich ihr Inhalt sein mag – erfüllen zunächst denselben Zweck, nämlich als strenge „Meister“ dem Individuum Gehorsam und Disziplin beizubringen. Indem man diesen dient, „kann man Selbstbeherrschung entwickeln und infolgedessen Tradition und Dogma transzendieren“. Mit anderen Worten: Wer nicht gelernt hat, sich Regeln zu unterwerfen, wird niemals in der Lage sein, sich vernünftig über Regeln hinwegzusetzen. Peterson nennt dies einen “entwicklungsvorbereitenden” Prozess: Ist die Basiskompetenz der Selbstdisziplin einmal erworben, kann (und soll) man die starren Vorgaben hinter sich lassen und eigenständig denken und handeln. So wird aus dem Lehrling allmählich ein Meister seiner selbst, „eine autonome Inkarnation des Helden“.

Allerdings warnt Peterson eindringlich davor, die Phase der Lehrzeit zu verherrlichen. „Die Lehrzeit ist notwendig, sollte aber deshalb nicht verherrlicht werden“, betont er. Warum? Weil jedes Dogma und jedes große System zwangsläufig konservativ ist, d.h. auf Selbsterhalt und Ordnung pocht. Das bringt harte, oft unvernünftige „Meister“ hervor: „Glaubens- und Moralsysteme – und die Menschen, die sich mit ihnen identifizieren – beschäftigen sich vor allem mit dem Selbsterhalt […] Die (notwendigerweise) konservativen Tendenzen großer Systeme machen sie tyrannisch und mehr als gewillt, den Geist derer […] zu ersticken.“ Mit schonungsloser Klarheit erkennt Peterson hier die Gefahr der Gedankenerstickung: Gerade die Institutionen, die Sinn und Ordnung vermitteln, neigen dazu, individuelle Kreativität und Abweichung zu unterdrücken, oft unter dem Vorwand des „Dienens“ am Schüler oder Gläubigen.

Peterson zieht daraus einen quasi liberalen Schluss: So wichtig die Disziplin und Tradition ist – kein spezifisches Dogma hat letztinstanzlich recht. „Die Besonderheiten eines auf Disziplin angelegten Systems sind in gewisser Weise unwichtig“, schreibt er, „aber dass man sich an ein solches System halten muss, lässt sich nicht leugnen.“ Mit anderen Worten: Jeder muss durch eine Phase des Gehorsams gehen, aber es könnte prinzipiell jede kulturelle Tradition sein. Keine Religion und keine Ideologie kann absolut beanspruchen, die einzig Wahre zu sein – ihre Funktion (Menschen zu formen) ist wichtiger als ihr Inhalt. Dieser Gedanke führt Peterson zur scharfen Kritik an Ideologien im engeren Sinne.

Bereits im Vorwort hatte er seine Abkehr von politischen Ideologien geschildert. Hier in Kapitel 3 untermauert er theoretisch, warum Ideologien gefährlich sind. Eine Ideologie ist für ihn im Grunde ein „unvollständiger Mythos“* – eine vereinfachte Geschichte, die einen Aspekt der Realität überbewertet und alle anderen Aspekte ausblendet. Er liefert Beispiele für solche vereinfachenden Narrative, die vielen vertraut klingen: Etwa die romantisierende Erzählung, dass die Natur gut und friedlich sei, aber durch die gierige, mechanistische Gesellschaft zerstört werde. Oder das umgekehrte Narrativ: die Tradition gut und geordnet, aber ständig von den chaotischen Kräften der Undisziplinierten und Dekadenten bedroht. Oder die populäre Idee vom „edel unschuldigen Individuum“, das nur durch die „unangemessenen Einschränkungen der Gesellschaft“ verdorben werde (Rousseaus Mythos vom edlen Wilden in neuer Form). All diese eingängigen Geschichten enthalten einen Teil Wahrheit, aber eben nur einen Teil. „Ideologien erzählen nur einen Teil der Geschichte, aber sie erzählen diesen Teil, als ob er vollständig wäre“, warnt Peterson. Dadurch blenden sie andere Realitätselemente aus – und „die ignorierten, verdrängten Elemente verschwören sich sozusagen und verschaffen sich unweigerlich auf unerwünschte Art Gehör“. Das heißt: Wer nur an die gütige Natur glaubt, wird blind für Seuchen, Raubtiere, die grausame Gleichgültigkeit der Wildnis und könnte z.B. Umweltprobleme naiv unterschätzen. Wer nur an die reine Tradition glaubt, ignoriert deren Neigung zur Tyrannei und Erstarrung – bis plötzlich eine Revolution ausbricht.

Die Gefährlichkeit der Ideologien sieht Peterson in ihrer verführerischen Klarheit: Sie bieten einfache Schuldige und erlauben es dem Anhänger, sich selbst mit den guten Figuren der Geschichte zu identifizieren, während „das Böse“ vollständig nach außen projiziert wird. Genau das hatte er autobiographisch im Vorwort beschrieben (die Sozialisten hassten die Reichen und sahen sich selbst als tugendhafte Opfer, z.B.). Ideologien sind so attraktiv, weil sie psychologisch bequem sind: Man kann sich moralisch überlegen fühlen, ohne die eigenen Schatten ansehen zu müssen. Deshalb, so Peterson, sind sogar gebildete moderne Menschen anfällig für Ideologien – „trotz ihrer Skepsis leichtgläubig“ –, sofern die Ideologie es geschickt anstellt, an archaische Muster zu appellieren.

Doch gibt es ein Gegenmittel: die Kenntnis echter Mythen. „Die Kenntnis der Grammatik der Mythologie kann […] ein Mittel gegen die ideologische Leichtgläubigkeit sein“, schreibt Peterson. Während Ideologien immer einseitig sind, haben die großen Mythen die Tiefe, alle relevanten Kräfte in ihrer Erzählung abzubilden. „Echte Mythen sind in der Lage, die Gesamtheit der miteinander ringenden Kräfte darzustellen“, betont er. Jeder positive Aspekt hat im Mythos seinen Schatten: Die Natur mag Nährerin sein, aber auch Zerstörerin (die Große Mutter umfasst beides); die Gesellschaft mag Schutz bieten, aber auch zur Tyrannei neigen (der Große Vater ist beides); das Individuum mag heldenhaft sein, trägt aber auch die Versuchung zum Bösen in sich (Held und Widersacher als zwei Brüder). Eine Geschichte, die all dies berücksichtigt, ist „ausbalanciert und stabil“. Sie ist weit weniger gefährlich, weil sie nicht plötzlich von den verdrängten Wahrheiten überwältigt wird. Mythen, so könnte man sagen, haben eine eingebaute Selbstkorrektur: Für jede einseitige Kraft (z.B. pure Ordnung) führen sie die Gegenkraft (Chaos) mit, und für jeden Held gibt es einen Widersacher, der dessen Scheitern ermöglicht. Dadurch vermeiden Mythen jenen absolutistischen Fanatismus, der Ideologien auszeichnet, und auch die daraus resultierenden „gesellschaftlichen Psychopathologien“ (den Wahnsinn der Hexenjagden, Gulags oder Genozide, die ideologische Bewegungen hervorbringen können).

Am Ende von Kapitel 3 stellt Peterson die entscheidende Frage: Wenn die Welt tatsächlich aus diesen widersprüchlichen Kräften besteht – wie soll ein Individuum leben, um allen gerecht zu werden, ohne daran zu zerbrechen? „Wie ist es möglich, einen Modus des Seins zu entwickeln, der ‘alle Dinge’ berücksichtigt, ohne dabei zerstört zu werden?“, fragt er. Diese Frage bereitet den Übergang zu Kapitel 4 und 5, wo es um jene Individuen geht, die tatsächlich versuchen, über die Konvention hinauszugehen (abweichendes Verhalten, Heldenreise) und worin der Unterschied zwischen schöpferischem Heldentum und destruktivem Bösesein liegt. Kapitel 3 hinterlässt die zentrale Botschaft, dass individuelle Reife bedeutet, erst durch die Ordnung gegangen zu sein, aber sie anschließend zu transzendieren, ohne in ideologischen Einseitigkeiten hängen zu bleiben. Es ist ein dynamischer Balanceakt zwischen Anpassung und Neuerung, zwischen Respekt vor dem Alten und Mut zum Neuen – der eigentliche Kern von Petersons konservativer Philosophie mit rebellischem Funken, der im weiteren Verlauf konkretisiert wird.

Kapitel 4: Abweichendes Verhalten – Infragestellung gemeinsamer Weltanschauungen

Kapitel 4 widmet sich jenen Fällen, in denen die etablierte Ordnung ins Wanken gerät – sei es durch einzelne Individuen, die aus der Reihe tanzen (abweichendes Verhalten), oder durch erschütternde Ereignisse (Anomalien), die eine ganze Gemeinschaft zwingen, ihre Weltanschauung zu überdenken. Peterson untersucht hier, wie Menschen und Gesellschaften reagieren, wenn das gemeinsame Narrativ in Frage gestellt wird, und welche psychologischen Dynamiken dann auftreten.

Zunächst beschreibt er die „paradigmatische Struktur des Bekannten“ – also wie eine funktionierende Weltanschauung aufgebaut ist und Stabilität erzeugt. Eine geteilte Kultur gibt auf alles eine Antwort: Sie definiert, was real ist, was wichtig ist, wie man sich verhalten soll. Solange die Mitglieder der Gemeinschaft diese Antworten akzeptieren, herrscht Ordnung: Die Welt ist sinnvoll gegliedert in sicher und unsicher, erlaubt und verboten, heilig und profan. Abweichendes Verhalten bedeutet nun, dass jemand diese impliziten Regeln verletzt oder etwas tut, das im bisherigen Rahmen keinen Platz hat. Solche Abweichungen – ob durch Individualisten, Kriminelle, Ketzer oder auch neue Ideen – fungieren als Anomalien im sozialen System. Sie stellen die Frage: „Was tun, wenn etwas passiert, das nicht passieren dürfte?“

Peterson erläutert, dass ungewöhnliche Ereignisse oder Verhaltensweisen immer die Gefahr bergen, „die Integrität des Bekannten […] zu stören“. Instinktiv reagieren Gemeinschaften auf Anomalien oft mit Zurückweisung oder Aggression. Jede Kultur hat Mechanismen, das Fremde zu bannen: Lächerlichmachen, Tabuisierung, Verbannung der Person (Sündenbockmechanismus) bis hin zur physischen Vernichtung des Abweichlers. Diese Abwehr dient dem Schutz der moralischen Tradition, die das Verhalten und die Werteordnung regiert. Peterson schreibt: „Aus diesem Grund stoßen Anomalien, in welcher ‘mythologisch äquivalenten’ Form sie sich zeigen, auf Widerstand.“. Die Kultur personifiziert das Unbekannte oft als bedrohliches chaotisches Weibliches – er spricht von der „Wiederauftauchen der Großen Mutter“ in Anomalien. Damit verknüpft die kollektive Psyche automatisch Todesangst: Durch die Entwicklung unseres Selbstbewusstseins (Aufstieg der „Selbstbezüglichkeit“) sehen wir im Unbekannten stets potenziell unseren Untergang – daher erscheint jede große Anomalie „mit dem Tod kontaminiert“. Diese Angststruktur erklärt, warum Menschen lieber mit Gewalt die Boten des Unbekannten zum Schweigen bringen, als ihr Weltbild zu ändern.

Doch Peterson beleuchtet auch die andere Seite: Abweichung ist nicht nur Gefahr, sondern auch der einzige Weg zu Wachstum und Erneuerung. Er führt den Begriff der kreativen Erkrankung bzw. des Schamanen ein, um positive deviantes Verhalten zu schildern. In vielen traditionellen Gesellschaften kennt man die Figur des Schamanen oder Propheten – eines Individuums, das eine psychospirituelle Krise durchlebt, daran fast zerbricht, aber schließlich mit neuen Visionen für die Gemeinschaft zurückkehrt. Diese Reise entspricht dem mythischen Abstieg in die Unterwelt, den schon das Vorwort im Motto andeutete. Peterson beschreibt es so: Manche „begabte, aber bedauernswerte Individuen“ werden von einer tiefgreifenden Anomalie heimgesucht, die ihre bisherige Welt zertrümmert. Sie erleiden vielleicht einen psychotischen Zusammenbruch, eine existenzielle Depression oder intensive Konfrontation mit dem Sinnlosen. „Die unauslöschliche Anomalie […] untergräbt die Stabilität“ solcher Personen. Wenn sie jedoch „während ihrer ‘Reise in die Unterwelt’ nicht den Kopf verlieren“, können sie daraus geläutert hervorgehen. Peterson sagt: „Diejenigen, die […] nicht den Kopf verlieren, kehren […] in der Wahrnehmung ihrer Ergebnisse neu organisiert zurück“ – sie haben also ihre mentale Landkarte umstrukturiert. Solche Menschen werden dann zu einem Retter oder Heiler für die Gemeinschaft, weil sie neue Lösungen oder Einsichten mitbringen. In schamanistischen Kulturen wird dieser Prozess institutionell gefördert: Der Schamane ist gerade derjenige, der freiwillig (etwa durch Trance, Visionssuche oder psychotrope Substanzen) ins Reich des Unbekannten hinabtaucht und Wissen zurückbringt. Peterson betont aber, dass die Gemeinschaft ambivalent auf solche Gestalten reagiert: „Indem er mit dem Chaosdrachen in Berührung kommt, haften an [dem Schamanen] auch die Kräfte, die die Tradition und die Stabilität zerreißen“. Das heißt, der Visionär bleibt gefährlich. Er trägt etwas vom Chaos an sich, was die etablierte Ordnung bedroht.

Diese Doppelrolle – Retter und Unheilsbringer in einem – illustriert Peterson mit Beispielen aus Mythologie und Geschichte. Heilige Narren, Propheten, Revolutionäre: Oft werden sie zunächst als verrückt oder verbrecherisch angesehen, später aber als Helden verehrt (oder umgekehrt). Ein Hinweis darauf ist das überall vorkommende Motiv des verkannten Helden bzw. gekreuzigten Gottes (Prometheus, Christus, Sokrates etc.). Die Gesellschaft benötigt diese abweichenden Erneuerer, doch sie fürchtet und bekämpft sie zugleich. Peterson verweist in diesem Kontext auf den russischen Schriftsteller Leo Tolstoi: Dessen autobiographische Krise (im Werk Mein Bekenntnis) analysiert Peterson als prototypische Konfrontation eines genialen Geistes mit der Sinnleere (nach der „Gott-ist-tot“-Erschütterung des 19. Jh.). Tolstoi verfiel dem Geist der Verneinung, der Versuchung des Nihilismus, und erzählte die Allegorie vom Mann im Brunnen (verfolgt von einem Biest oben, einem Drachen unten, Mäuse nagen am Ast – und ein paar Honigtropfen bieten einzigen Trost). Dieses Gleichnis symbolisiert die menschliche Lage zwischen unausweichlichem Tod (Drachen), laufendem Verfall (Mäuse) und den kleinen Freuden des Lebens (Honig). Tolstoi schlussfolgerte zeitweise pessimistisch, „Glücklich, wer nicht geboren ist. Der Tod ist besser als Leben“. Hier zeigt sich der schmale Grat: Der Blick in den Abgrund kann den Geist zum Bösen (Verneinung allen Lebens) verführen – oder zu neuer Sinnsuche antreiben.

Kapitel 4 kulminiert in der Darstellung zweier möglichen Reaktionen auf das Scheitern einer Weltanschauung: Resignation/Destruktion versus kreative Erneuerung. Wenn eine “einst stabile Welt” zusammenbricht (etwa das Paradigma einer Epoche oder die persönlichen Überzeugungen nach einem Schicksalsschlag), kann man dies einerseits als verlorenes „Paradies“ verklären und ins nihilistische Klagen oder den Zynismus flüchten. Dies entspricht mythologisch dem dauerhaften Sturz in die Unterwelt – dem Scheitern des Helden. Andererseits kann man den Zusammenbruch auch als notwendige Voraussetzung für Wachstum sehen – als Kompost, aus dem neues Leben sprießt. In mythologischer Sprache: der Held steigt nach dem Abstieg wieder auf zu einem höheren Bewusstseinsniveau. Peterson betont, dass die meisten Mythen letzteres als Ziel haben: Die Krise (Abstieg) ist die halbe Wahrheit; die volle Wahrheit ist die Wiedergeburt auf höherer Stufe. Damit bereitet er bereits die Themen des nächsten Kapitels vor, in dem es um die endgültige Entscheidung zwischen dem Weg des Schöpfers (Helden) und dem des Zerstörers (Widersachers) geht.

Zusammenfassend zeigt Kapitel 4, wie eine Kultur mit dem Unbekannten ringt: Sie versucht es abzuwehren und in Schach zu halten, doch einzelne abweichende Personen (ob Wahnsinnige, Genies oder beides in einem) werden immer wieder zu Agenten des Wandels. Diese gefährlichen Individuen sind notwendig für die Anpassungsfähigkeit der Gesellschaft, auch wenn sie ihr zeitweilig als Feinde erscheinen. Peterson interpretiert viele Phänomene – von psychischer Krankheit bis religiöser Vision – als Ausdruck dieses tiefen Mechanismus. Das Kapitel balanciert zwischen dem Verständnis für die konservative Angst der Mehrheit und der Faszination für die „Reise des Einzelnen in die Unterwelt“. Es bildet damit die Überleitung zum Finale des Buches: der moralischen Wahl zwischen den beiden großen „Brüdern“ – dem Held und dem Widersacher.

Kapitel 5: Die feindlichen Brüder – Archetypische Antworten auf das Unbekannte

Im abschließenden Kapitel analysiert Peterson die zwei grundsätzlichen Weisen, wie ein Individuum (oder auch eine ganze Kultur) auf das Unbekannte und die Tragödien des Lebens reagieren kann: konstruktiv-schöpferisch oder destruktiv-ablehnend. Diese beiden entgegengesetzten Tendenzen verkörpert er in dem uralten mythischen Motiv der “feindlichen Brüder” – ein Symbol, das in zahlreichen Religionen und Geschichten auftaucht (etwa Kain und Abel, Osiris’ Brüder Osiris und Seth, die persischen Zwillingsgeister Spenta Mainyu und Angra Mainyu, Jesus und Satan, etc.). Peterson nennt sie poetisch „Zwillingssöhne von Gott“: Der eine ist der Held/Erlöser, der andere der Widersacher/Zerstörer.

Zunächst beschreibt er ausführlich die Charakteristika des archetypischen Helden. „Die erstere Tendenz, der archetypische Erlöser, ist der immerwährende Geist der Schöpfung und Wandlung“, schreibt Peterson. Dieser Heldentypus zeichnet sich dadurch aus, dass er bereit ist, das Unbekannte zuzulassen, sich ihm mutig zu stellen und sich dadurch auf den Weg zu einem „himmlischen Königreich“ (bildlich gesprochen: zu einem besseren Zustand der Welt) begibt. Anders gesagt: Der Held nimmt die Herausforderungen, Leiden und Ungewissheiten des Lebens bewusst an. Er bleibt wahrhaftig (Logos) und kreativ, auch wenn Versuchungen oder Ängste ihn vom Kurs abbringen wollen. Peterson illustriert dies am Beispiel Christus (und auch Gautama Buddha): Beide werden in ihren Überlieferungen mit den stärksten Verlockungen oder Prüfungen durch das Böse konfrontiert (Christus etwa durch Satans Versuchungen in der Wüste), „doch sie entscheiden sich dafür, es zurückzuweisen“. Der Held wählt also aktiv das Gute, konstruktive Handeln, selbst unter großem Druck und trotz Erkenntnis des Leidens in der Welt.

Demgegenüber steht der ewige Widersacher – der archetypische Bösewicht. Peterson definiert ihn als „Geist der Verweigerung und der ewigen Zurückweisung des ‘erlösenden Unbekannten’“. Dieser Typus will nichts von Neuerung oder Wahrheit wissen. Er verharrt stolz in seiner eigenen Kränkung und sagt Nein zum Leben. Der Widersacher lehnt das Unbekannte (und damit Wachstum oder Gott) ab und nimmt stattdessen eine „strenge Selbstidentifikation“ an – d.h. er hält starr an seinem Ego und seinen fixen Ideen fest, koste es, was es wolle. In Taten äußert sich dies als bewusste Zerstörung und Schädigung. Peterson führt aus, dass die mythischen Brüdergeschichten oft die Freiheit der Entscheidung betonen: Jeder Mensch – jeder „Sohn Gottes“ in symbolischer Hinsicht – steht letztlich vor der Wahl, welchen Weg er einschlägt. Christus wählt das Gute trotz Versuchung, Satan wählt das Böse und genießt es sogar „(obwohl sie so ganz offensichtlich ihr eigenes Leiden verursachen)“. Wichtig ist: Beide Brüder haben im Mythos die gleichen Ausgangsbedingungen – sie sind oftmals ursprünglich eng verwandt, manchmal sogar Zwillinge (wie im persischen Mythos oder bei Kain und Abel als Brüder). Das Böse lässt sich also nicht auf äußere Umstände oder Ungleichheit zurückführen. „Ihre Wahl kann auf keinen wesentlicheren Aspekt zurückgeführt werden als […] auf die Tücken der ureigensten Natur“, sagt Peterson. Hier kommt ein starkes Plädoyer für individuellen freien Willen zum Ausdruck: Das letztliche Böse im Menschen besteht nicht aus Unwissen oder Krankheit allein, sondern aus einer willentlichen Entscheidung, das Falsche zu tun. Peterson formuliert: „Es ist die freiwillige Bereitschaft, etwas zu tun, von dem man weiß, dass es falsch ist, […] die das Böse […] am treffendsten charakterisiert.“

Was bringt jemanden dazu, den Weg des Widersachers zu wählen? Peterson diskutiert ausführlich die Rationalisierungen des Bösen. Eine Hauptrolle spielt die Erkenntnis des Leidens in der Welt. Der Mensch ist sich – anders als das glückliche Tier – seiner Sterblichkeit, Verletzlichkeit und der oft grausamen Sinnlosigkeit des Daseins bewusst. Diese Einsicht kann zu einer tiefen Verbitterung führen. Peterson schreibt: „Die Einsicht in die Verletzlichkeit und Sterblichkeit des Menschen sowie in das Leiden […], das Begreifen der letztendlichen Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Lebens – [kann] als Begründung für das Böse herangezogen werden.“. Mit anderen Worten: Wer das Leben nur noch als Qual und absurd empfindet, mag zu dem Schluss kommen, es sei besser, alles Nichtige zu zerstören – angefangen bei sich selbst, aber auch bei der ganzen Welt. Diese nihilistische Philosophie legt Goethe seinem Mephistopheles in den Mund, den Peterson aus Faust zitiert: „Ich bin der Geist, der stets verneint! […] denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht; drum besser wär’s, dass nichts entstünde.“. In diesen berühmten Versen („Alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, ist mein eigentliches Element“) bringt Mephisto – der archetypische Widersacher – genau jenen fatalen Pessimismus zum Ausdruck, der das Böse motiviert. Aus Hass auf die Schöpfung will er sie ins „Ewig-Leere“ zurückführen. Peterson stimmt zu, dass dies die logische Extremform der menschlichen Verneinung ist: der Wunsch, alles Sein möge ausgelöscht werden, da es ohnehin schlecht oder nichtig sei. Er erkennt darin das Credo vieler moderner Nihilisten und auch die Haltung hinter realen Bösentaten (etwa Amokläufen, ideologischen Massenmorden): eine zerstörerische Rachsucht gegen das Leben an sich.

Dem stellt Peterson die Alternative entgegen: die bejahende Haltung des Heldenprinzips, die sogar im Angesicht des Leides einen Sinn findet. Hier kommt seine Idee von der „Göttlichkeit des Interesses“ ins Spiel. Damit meint er: Die neugierige Hinwendung zu den kleinen Bedeutungen im Leben, das genuine persönliche Interesse an etwas, ist gleichsam ein Funke des Göttlichen, der uns leiten kann. Im Tolstoi-Gleichnis vom Mann im Brunnen waren es die Honigtropfen – kleine Freuden –, die ihn einen Moment trösteten. Peterson argumentiert, dass ein Mensch, der seinen persönlichen Leidenschaften, Verantwortungen und Liebhabereien treu bleibt, sich damit auf die Seite des Helden begibt. „Seinen persönlichen Interessen – subjektiver Bedeutung – gegenüber treu zu sein, kann ein Gegenmittel gegen die überwältigende Versuchung [zum Bösen] sein“. Diese Interessen – mögen sie noch so subjektiv sein – manifestieren sich immer an der Schnittstelle von Bekanntem und Unbekanntem. Wo uns etwas fasziniert oder bedeutungsvoll erscheint, da ruft gewissermaßen das Unbekannte (Neues) uns auf eine positive Art. Dem zu folgen, bedeutet, den Weg des Logos/Helden zu wählen. Peterson bringt es auf den Punkt: „Treue gegenüber seinen persönlichen Interessen entspricht der Identifikation mit dem archetypischen Helden“. Wer also authentisch dem nachgeht, was ihn wirklich interessiert – sei es ein kreatives Projekt, die Sorge für einen geliebten Menschen, die Erkundung eines Wissensgebiets –, der lebt bereits mythologisch die Rolle des Helden, schafft Sinn und trotzt damit dem Chaos.

Im Finale des Buches arbeitet Peterson die ethische Lehre seines Ansatzes klar heraus. Er zitiert John Milton, der Gott im Paradise Lost über Satan sagen lässt: „Durch wessen Schuld [fiel er]? Niemandes als die seine! […] Doch frei zu fallen.“. Damit unterstreicht er nochmals: Die Wahl zur Selbstzerstörung ist frei – und ebenso die Wahl zur Selbsttranszendenz. Spiritualität spielt sich für Peterson nicht nur in fernen Mythen ab, sondern „in der profanen Wirklichkeit ununterbrochen“: Jeder Mensch, auch der moderne, repräsentiert unbewusst mythologische Motive, vor allem dann, wenn er in entscheidende Konflikte gerät. In Tolstois Lebenskrise zum Beispiel erkennt Peterson einen universellen Kampf des Geistes. Tolstoi hätte der Versuchung des Nihilismus nachgeben können – tat es aber letztlich nicht, sondern fand zurück zu einem schlichten Glauben an die Güte einfachen Lebens. Ähnlich, so scheint Peterson anzudeuten, steht es um uns: Wir sind alle potentiell Held und potentiell Widersacher. Die Entscheidung in jeder Situation – trotz allem Elend das Gute zu tun, oder aber in Verbitterung aufzugeben und Böses zu säen – ist das, was uns definiert.

So schließt Warum wir denken, was wir denken mit einem aufrüttelnden Appell zu individueller Verantwortlichkeit und Sinnsuche. Peterson macht Lust darauf – gemäß dem Untertitel „Wie unsere Überzeugungen und Mythen entstehen“ – die zugrundeliegenden Geschichten unserer eigenen Überzeugungen zu erforschen. Das Werk endet mit der Hoffnung, dass das Verständnis der archetypischen „Landkarte“ unseres Denkens den Leser befähigt, sich bewusster für die Heldenseite zu entscheiden: für Logos, Kreativität, mutige Konfrontation mit dem Unbekannten – und gegen die destruktive Verneinung, die letztlich nur neues Chaos bringt. Die letzte „abschließende Erkenntnis“ Petersons, die Göttlichkeit des Interesses, ermutigt dazu, im eigenen Leben jene Pfade zu verfolgen, die sinnvoll und lebenswert erscheinen – mögen sie noch so klein beginnen. Darin liegt nach Peterson der Schlüssel, warum wir denken, was wir denken, und vor allem: wie wir denken sollten, um das Abenteuer des Lebens verantwortungsvoll und würdevoll zu bestehen.