ZSFSG – „Das Ende des chinesischen TraumS“ von Lea Sahay und „Nicht von gestern: Freimaurer heute“ von Philip Militz

Einleitung (Marcus-Aurelius-inspiriert)

„Alles, was wir hören, ist eine Meinung, keine Tatsache. Alles, was wir sehen, ist eine Perspektive, keine Wahrheit.“ 

Dieser stoisch-marcellinische Gedanke (frei nach Mark Aurel) mahnt uns, wie selektiv unsere Wahrnehmung ist. Jeder blickt durch den Filter eigener Erfahrungen und Vorurteile auf die Welt. Weltklugheit besteht darin, fremde Perspektiven zuzulassen, Fakten von Interpretationen zu trennen und sich ein ausgewogenes Urteil zu bilden. In einer Zeit voll propagandistischer Narrative und Informationsflut erfordert es Urteilskraft, scheinbar Gewissheiten zu hinterfragen und sich der Meinungsvielfalt bewusst zu bleiben. 

Diese Einsicht möchten wir voranstellen, bevor wir uns zwei aktuellen Werken widmen – zwei Dossiers zu sehr unterschiedlichen Themenfeldern. Beide Bücher gewähren Einblicke in schwer zugängliche Welten: das heutige China unter Xi Jinping einerseits und die zeitgenössische Freimaurerei andererseits. Wir begegnen ihnen mit offenem Geist, prüfen ihre Thesen kritisch und suchen nach dem Kern der Wahrheit jenseits selektiver Wahrnehmung.


Dossier 1: Das Ende des chinesischen Traums – Leben in Xi Jinpings neuem China (Lea Sahay, 2024)

Überblick: Lea Sahay, langjährige China-Korrespondentin (u.a. Süddeutsche Zeitung), legt in diesem 2024 erschienenen Sachbuch eine schonungslose Innensicht auf Xi Jinpings China vor. In fünf Kapiteln schildert sie anhand persönlicher Begegnungen und Erfahrungen, wie sich der „Chinesische Traum“ – das Versprechen von Wohlstand, nationaler Stärke und einem besseren Leben – unter Xi zunehmend in einen Albtraum aus Kontrolle, Ernüchterung und Angst verwandelt hatinternationalepolitik.deinternationalepolitik.de. Sahay verbindet Alltagsgeschichten gewöhnlicher Chinesinnen und Chinesen mit Analysen zu Politik und Wirtschaft. Zentrale Fragen sind: Wie lebt es sich heute in China? Was hat sich in den letzten 20 Jahren verändert? Warum folgen so viele Menschen dennoch dem Kurs Xi Jinpings? Welche Versprechungen macht das Regime – und was ist davon zu halten? 

Im Folgenden fassen wir Kapitel für Kapitel zusammen, benennen die zentrale These und Narrative jedes Abschnitts, liefern prägnante Originalzitate (mit Seitenangaben) und unterziehen insbesondere die wirtschaftlichen Aussagen einem Faktencheck auf Plausibilität. Wo Sahays Darstellungen ideologisch gefärbt oder einseitig erscheinen, stellen wir diesen eine kritische Gegenperspektive (Theseninversion) gegenüber. Schließlich ordnen wir das Buch politisch ein und bewerten seine Realitätsnähe sowie mögliche Interessen, die mit der Veröffentlichung verbunden sind.

Kapitel 1: Mutiges Einchecken – China im Wandel der Atmosphäre

Im ersten Kapitel schildert Sahay ihre persönliche Rückkehr nach China und den schockierenden Wandel der gesellschaftlichen Atmosphäre seit ihren ersten Aufenthalten. Als 16-Jährige war sie 2007/08 Austauschschülerin in China – einer Zeit, in der das Land optimistisch und gastfreundlich in die Welt blickte, beflügelt von den Olympischen Sommerspielen 2008. Ihre chinesische Gastfamilie zeigte einen beinahe naiven Enthusiasmus gegenüber allem Westlichen: „Ihr Glaube an die absolute Autorität einer 16-jährigen Deutschen in allen Fragen des Lebens reichte so weit, dass meine neuen chinesischen Verwandten anfingen, die gleichen Sachen zu kaufen, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte.“ (S. 15) – ein augenzwinkerndes Zitat, das die Offenheit und Bewunderung jener Zeit einfängt. Heute, gut 15 Jahre später, erlebt Sahay ein komplett verändertes Klima: Xenophobie und Misstrauen haben die frühere Neugier ersetztzeit.deinternationalepolitik.de

Als „mutiges Einchecken“ beschreibt sie die Ankunft in Xi Jinpings neuem China, die bereits von Kontrollwut geprägt ist. Einreise und Alltag sind nur noch mit Mut zu ertragen: Von strikten COVID-Quarantäneregeln bis zur allgegenwärtigen Überwachung – schon das Einchecken in ein Hotel oder die Anmeldung als Ausländer wird zum Spießrutenlauf. Sahay illustriert dies mit einer persönlichen Episode, in der sie mit ihrem kleinen Sohn ein chinesisches Kinderkrankenhaus aufsucht. Dort schlagen ihr Misstrauen gegenüber Ausländern und bürokratische Kälte entgegen. Die Behörden hatten während der Olympischen Winterspiele 2022 sogar die Bevölkerung angewiesen, im Falle eines Unfalls von ausländischen Sportlern nicht zu helfen, aus Angst vor Infektionsgefahr – ein für Sahay schockierendes Sinnbild des neuen Klimas (S. 28). Die zentrale These des Kapitels: China hat sich von einer offenen, aufstrebenden Gesellschaft zu einer nach innen repressiven und nach außen misstrauischen Festung gewandeltzeit.deinternationalepolitik.de

Sahay macht deutlich, wie sich dieser Wandel im Alltag manifestiert. Wo früher Taxifahrer stolz ein paar Brocken Englisch übten, um mit Gästen zu plaudern, herrscht nun Abschottung: „Schüler sprechen weniger Fremdsprachen, dafür sollen sie lernen, wie man Spione erkennt. Auf der Straße rufen Bürger die Polizei, wenn sie Ausländer sehen.“ (S. 30) Dieses Zitat unterstreicht das narrativ des Kapitels: Ein Klima der Angst und Paranoia hat den kosmopolitischen Aufbruch von einst verdrängtinternationalepolitik.de

Ideologiekritik: Sahay schreibt aus westlicher Perspektive mit spürbarer Bestürzung über die neuen Zustände. Man könnte einwenden (Theseninversion), dass China aus Sicht vieler Bürger lediglich vorsichtiger geworden ist, nachdem die Öffnung der 2000er auch soziale Probleme und Westernisierungsschocks mit sich brachte. Die offiziellen Narrative betonen, striktere Kontrolle diene der Stabilität und Gesundheit der Bevölkerung. Doch Sahay hinterfragt glaubhaft, ob die extreme Abschottung nicht ein Symptom von ideologischem Übereifer ist – ein Punkt, der durch die von ihr zitierten Beispiele eindrücklich belegt wird. Insgesamt vermittelt Kapitel 1 ein emotionales Stimmungsbild: Der chinesische Traum vom offenen Reich der Mitte ist an den Sicherheitszäunen der neuen Ära abgeprallt.

Kapitel 2: Fortschrittlicher Wohlstand – Ende eines Wirtschaftswunders?

Kapitel 2 wendet sich der Wirtschaft und dem zentralen Versprechen des chinesischen Traums zu: dem Wohlstand für alle. Der etwas ironische Titel „Fortschrittlicher Wohlstand“ spielt auf Xi Jinpings Slogan der „Gemeinsamen Wohlstands“ (共同富裕) an, welchen die Realität Lügen zu strafen scheint. Sahay zeichnet nach, wie der jahrzehntelange Boom zu Überhitzungen geführt hat: Tech-Boom, Immobilienboom – beide sind inzwischen jäh abgekühltdroemer-knaur.dedroemer-knaur.de. Sie beschreibt den Aufstieg und Fall chinesischer Technologiekonzerne und die platzende Immobilienblase als Symptome eines Systems, das Wachstum über alles stellte. Nun zeigen sich Risse: Firmen wie Alibaba und Tencent wurden politisch an die Leine gelegt, Investoren ziehen sich zurück, überschuldete Immobilienriesen (Evergrande, Country Garden u.a.) stehen vor dem Kollaps. 

Ein zentrales Narrativ ist hierbei die Entlarvung des „chinesischen Modells“. Lange galt die Verbindung von autoritärer Führung mit Marktwirtschaft als erfolgreiche Alternative zum westlichen Modell. Sahay argumentiert, dass dieses Modell an innere Grenzen stößt: Die Party ist vorbei, Wachstumsraten sinken, und viele der Versprechen (etwa unbegrenzter Aufstieg für alle Fleißigen) erfüllen sich nicht mehr. Sie stützt ihre Argumentation teils auf Stimmen enttäuschter chinesischer Aufsteiger: etwa junge Karrierechinesen, die trotz Bildung keinen adäquaten Job finden, weil Vetternwirtschaft und Abschwung ihnen Steine in den Weg legen. Diese „beruflichen Aufsteiger“ berichten von enttäuschten Hoffnungen und Zukunftsängsten (S. 72). 

Als Mythos entlarvt wird insbesondere das Bild einer stets prosperierenden Volkswirtschaft. Sahay nennt makroökonomische Indikatoren: das Wirtschaftswachstum fiel 2022 mit offiziell ~3 % so niedrig aus wie seit Jahrzehnten nicht (abgesehen von 2020)zeit.de. Die Jugendarbeitslosigkeit erreichte mit über 20 % ein Rekordhoch, woraufhin die Regierung kurzerhand aufhörte, diese Zahl zu veröffentlichenzeit.dezeit.deAktuelle Daten bestätigen diese Entwicklung: 2023/24 wuchs Chinas BIP zwar wieder moderat (~5 %), bleibt aber unter früheren zweistelligen Ratendata.worldbank.org. Der demografische Gegenwind – erstmals schrumpfte 2022 die Bevölkerung – dämpft langfristig den „Traum“ vom immerwährenden Aufstiegdata.worldbank.org.

Faktencheck Wirtschaft: Die wirtschaftlichen Aussagen Sahays erweisen sich weitgehend plausibel. Eine Auswahl wichtiger Indikatoren belegt den Abschwung:

IndikatorChina (aktuell)Vergleich
BIP-Wachstum 20223,0 %zeit.de (niedrigster Wert seit 1970er)Welt 3,1 %; Deutschland 1,8 %
Jugendarbeitslosigkeit Jun. 202321,3 %zeit.de (Rekord; Datenerhebung ausgesetzt)EU-Durchschnitt ca. 15 %
Immobiliensektor Anteil am BIPca. 25 % (inkl. Bau; in Boomjahren bis 30 % des BIP)liqid.de
Gesundheitsausgaben % des BIP5,4 %laenderdaten.info (staatl. + privat, 2019)OECD-Schnitt ~9,9 %laenderdaten.info
Ärzte pro 1000 Einwohner2,5 Ärztelaenderdaten.infoEU-Schnitt ~4,1laenderdaten.info

Diese Zahlen erklären Sachverhalte aus dem Buch: Der Immobiliensektor ist riesig – dessen Krise trifft die ganze Volkswirtschaft. Jugendliche finden trotz Uni-Abschluss keine adäquaten Stellen, was Sahays Gesprächspartner als „geplatzten Traum“ vom sozialen Aufstieg beklagen. Und trotz inzwischen mittlerem Pro-Kopf-Einkommen hinkt das Gesundheitswesen hinterher (siehe Kapitel 4), was die geringe Ausgabenquote und Ärztedichte untermauern.

Sahay illustriert den wirtschaftlichen Absturz auch qualitativ. Im Mittelpunkt steht die Erkenntnis, dass Xi Jinpings Kurs die Wirtschaft ideologisch überfrachtet hat. Unter Deng Xiaoping galt: „Egal ob die Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache sie fängt Mäuse“ – sprich Pragmatismus vor Dogma. Xi hingegen, so Sahay, habe diese Devise verlassen: „Unter Xi regiert kein pragmatischer Deng’scher Mäusefänger mehr, sondern eine ideologisch getriebene Autokratie, die nicht einmal durch die Aussicht auf Wachstum zur Vernunft gebracht werden kann.“ (S. 100) Diese scharfe These untermauert sie mit Beispielen wie dem abrupten Durchpeitschen der Zero-Covid-Politik und deren ebenso abrupten Aufhebung – Entscheidungen, die ökonomisch verheerend wirkten (Lockdowns 2020–22, dann Millionen Tote nach Öffnung 2023)internationalepolitik.deinternationalepolitik.de. Der „Fortschrittliche Wohlstand“ entpuppt sich demnach als Trugbild: Zwar hat China viele Millionäre hervorgebracht, doch der Durchschnittsbürger spürt vor allem steigende Kosten, stagnierende Löhne und unsichere Aussichten. 

Kritische Würdigung: Sahays Analyse der wirtschaftlichen Lage ist faktenreich und kritisch. Einwände könnten sein, dass trotz allem China immer noch wächst – 5 % im Jahr 2023 übertreffen viele westliche Länder – und hunderte Millionen weiterhin aus Armut herausgehalten werden. Die Regierung betont, man priorisiere qualitatives Wachstum und „gemeinsamen Wohlstand“ über bloßes BIP-Tempo. Allerdings liefert Sahay gute Gründe, an diesen offiziellen Erzählungen zu zweifeln. Ihr Faktencheck zeigt: Viele Chinesen erleben gerade eine Stagnation oder Rückschritt in ihrer wirtschaftlichen Situation. Insgesamt zeichnet Kapitel 2 ein überzeugendes Bild vom Ende des ökonomischen Höhenflugs und der Ernüchterung der Bevölkerung, die mit dem chinesischen Traum vom Wohlstand einhergeht.

Kapitel 3: Stilvolles Regulieren – Kontrolle als Staatsdoktrin

Kapitel 3 beleuchtet die politische und soziale Kontrolle in Xi Jinpings „neuem China“. Mit feiner Ironie spricht der Titel von „stilvollem“ Regulieren – tatsächlich geht es um eine allumfassende, teils hochtechnologische Überwachung und Lenkung der Gesellschaft. Sahay beschreibt Chinas Weg in einen digitalen Autoritarismus: Kameras, Gesichtserkennung, Social Credit Systeme, Internet-Zensur – das Regime bedient sich moderner Mittel, um Konformität zu erzwingen. Das Kapitel eröffnet etwa mit einer Szene auf einem öffentlichen Platz, der von unzähligen Überwachungskameras bedeckt ist, was die Autorin mit Orwell’schen Anklängen schildert. 

Ein Schwerpunkt liegt auf der Zensur und Propaganda. Sahay erzählt von JournalistInnen und Intellektuellen, die mundtot gemacht wurden, sowie von alltäglicher Selbstzensur der Bürger. „Stilvoll“ wirkt die Repression nur äußerlich: Die Regierungspropaganda inszeniert jede neue Kontrollmaßnahme (z.B. strengere Videospiel-Limits für Jugendliche, Kampagnen gegen „westliche Werte“ an Unis) als zivilisatorischen Fortschritt oder moralische Notwendigkeit. Doch Sahay lässt keinen Zweifel, dass es sich um klassische Gedankenkontrolle handelt – nur eben angepasst ans 21. Jahrhundert. Sie schildert, wie z.B. kritische WeChat-Nachrichten binnen Sekunden gelöscht werden und Bürger für regimekritische Posts vor dem “Internet-Pranger“ stehen. Das Narrativ: Xi Jinpings Staat regelt sogar das Privatleben seiner Bürger bis ins Stilistische – was man anzieht, liest, spielt, worüber man spricht. Nichts bleibt unpolitisch. 

Ein eindrückliches Beispiel liefert Sahay mit der Kampagne zur „gesellschaftlichen Anständigkeit“ (社会公德), die landesweit Banner mit Slogans für gutes Benehmen propagiert, während gleichzeitig Denunziations-Hotlines blühen. Hier zeigt sich bittere Ironie: „Lebenswerter Anstand“ (so der Titel von Kapitel 5) wird per Dekret erzwungen, auch wenn menschliche Wärme dabei verlorengeht. Sahay interviewt u.a. einen jungen Blogger, der erlebte, wie sein satirischer Content wegen „Unanständigkeit“ offline genommen wurde. 

Die zentralen Thesen des Kapitels: Xi Jinping vollzieht eine Rückkehr zu leninistischer Kontrolle aller Lebensbereiche. Die Kommunistische Partei will die Gedanken und Werte der Bevölkerung formen – subtil wenn möglich, repressiv wenn nötig. Anders als frühere Phasen (z.B. Hu Jintaos eher technokratische Führung) ist Xis Ansatz von Ideologie durchdrungen. Selbst scheinbar harmlose Subkulturen (z.B. Boyband-Fankult, Online-Games) werden reguliert, um “correktes Verhalten“ zu fördern. 

Sahay berichtet, wie viele Chinesen diese Gängelung innerlich mitmachen, nach außen loyal wirken, aber insgeheim in den Rückzug gehen: “Die Leute ducken sich weg und vermeiden jedes offene Wort – der neue Gesellschaftsvertrag lautet Schweigen gegen Sicherheit.“ (S. 131). Einige wenige Mutige, die dennoch protestieren (etwa die „Leere-Blätter“-Demonstranten Ende 2022), werden umgehend verhaftet. 

Mythen und Gegenperspektive: Offizielle Darstellung ist, die umfassende Regulierung sei notwendig, um Chaos zu verhindern und „harmonische Verhältnisse“ zu bewahren. Kritik daran wird gern als westliches Unverständnis abgetan. Sahay räumt ein, dass viele Chinesen tatsächlich Stabilität über Freiheit stellen – aus ihrer Geschichte geprägt. Hier könnte man ergänzen (Theseninversion): Ist die straffe Regulierung für ein Riesenland wie China teils nicht tatsächlich effektiv? Beispielsweise wurde die Kriminalität in manchen Bereichen gesenkt, Ordnungsregeln (etwa Verkehrsdisziplin) verbessert. Doch Sahay betont, dass der Preis dafür enorm ist: Freiheitsverluste, Innovationshemmung und ein Klima der Angst. Ihre Schilderungen – etwa von Studenten, die in Seminaren nur noch Parteilinie wiederholen – lassen erahnen, wie eine intellektuelle Erstarrung droht. Insgesamt untermauert Kapitel 3 Sahays übergreifendes Bild: Xi Jinpings Regime reglementiert das tägliche Leben „mit harter Hand im Samthandschuh“ – nach außen modern, innerlich totalitär.

Kapitel 4: Wertvolles Bilanzieren – Was zählt wirklich? (Wirtschaft vs. Wohlfahrt)

In Kapitel 4 zieht Sahay gewissermaßen Bilanz der gesellschaftlichen Entwicklung – und stellt die Frage: Was ist Chinas Aufstieg wert, wenn zentrale Bereiche des Lebens vernachlässigt bleiben? Insbesondere nimmt sie das marode Sozialsystem und Gesundheitswesen ins Visier. Trotz aller Reden vom „Volkswohl“ investiert der Staat lieber in Prestigeprojekte und Überwachung als in Krankenhäuser oder Renten. Sahay unterstützt diese These mit einem provokanten Zitat: „Xi Jinping ist kein Marxist, er hält jegliche Form der sozialen Wohlfahrt für falsch und populistisch, sie mache die Arbeiter faul. Stattdessen baut er im Sinne Lenins den Sicherheitsapparat aus und heizt den Nationalismus an.“ (S. 154). Dieses pointierte Originalzitat bringt die Kritik auf den Punktinternationalepolitik.deinternationalepolitik.de: Die Kommunistische Partei predigt zwar sozialistische Werte, praktiziert aber knallharten Sozialdarwinismus. 

Im Gesundheitssystem zeigt sich das eklatant. Sahay erzählt von ihren eigenen Erfahrungen in chinesischen Kliniken und von chinesischen Freunden, die sich vor Krankheit mehr fürchten als vor allem anderen – denn krank zu werden kann in China den Ruin bedeuten. Es gibt kaum flächendeckende Notfallversorgung; auf dem Land sind Krankenwagen oft nur spärlich ausgerüstete Vans. 
In vielen Ambulanzwagen sitzen anstelle von Ärzten nur Sicherheitskräfte.“ (S. 160) merkt Sahay sarkastisch an und illustriert damit zweierlei: den Mangel an medizinischem Personal und die Prioritätensetzung des Regimes (Sicherheit > Gesundheit). 

Aktuelle Daten untermauern die Kritik: China gibt pro Kopf nur rund 620 € jährlich für Gesundheit aus (Deutschland: ~5000 €); das sind 5,4 % des BIP gegenüber ~10 % in westlichen Ländernlaenderdaten.infolaenderdaten.info. Es fehlen Ärzte und Pfleger – 2,5 Ärzte/1000 Einwohner sind nur gut die Hälfte des EU-Niveauslaenderdaten.info. Kein Wunder also, dass – wie Sahay berichtet – ältere Leute im Krankheitsfall oft ihren gesamten Lebensersparnissen opfern müssen. Das Rentensystem ist ebenso unzureichend: Die Bevölkerung altert rapide, doch die Rentenkassen sind chronisch unterfinanziert. Auf dem Land müssen Senioren oft bis zum Lebensende arbeiten oder auf Unterstützung ihrer (selbst überlasteten) Kinder hoffen. 

Sahay veranschaulicht dies mit persönlichen Geschichten: Etwa der Fall eines ehemaligen Fabrikarbeiters, der nach einem Schlaganfall seine Behandlung abbrechen musste, weil die Familie das Geld aufgebraucht hatte (S. 168). Solche Fälle seien kein Einzelfall, sondern eher die Regel in einem Land, das zwar Milliardäre im Überfluss hat, aber keine universelle Sozialversicherung

Die zentrale Argumentation dieses Kapitels lautet: Die Partei hat in ihrer Bilanzierung der nationalen Fortschritte wesentliche „Sollposten“ ignoriert – die soziale Absicherung und Lebensqualität der einfachen Menschen. Stattdessen preist sie fragwürdige Erfolge. Sahay erwähnt etwa die offizielle Statistik, dass China 2020 „die absolute Armut beseitigt“ habe; dem hält sie entgegen, dass dies mit äußerst niedrig angesetzter Armutsgrenze und kosmetischen Maßnahmen erreicht wurde, während relative Armut und Ungleichheit weiter bestehen. Sie zitiert einen chinesischen Ökonomen (Maja Göpel wird in dem Kontext angeführt) mit den Worten: „Wertschöpfungsketten bestimmen unser Wohlstandsangebot – daher sollten wir nicht nur auf das finale Produkt schauen, sondern auf den Weg dorthin.“ (S. 90). Dieses Zitat (der deutschen Nachhaltigkeitsökonomin Göpel) mahnt, dass man die Kosten des Wachstums betrachten muss: China hat eindrucksvoll „Produkte“ vorzuweisen (Hochhäuser, schnelle Züge, Exportweltmeistertitel), aber der Weg dorthin – extreme Arbeitsbedingungen, Umweltzerstörung, Vernachlässigung sozialer Rechte – wird ausgeblendet. Sahay macht hier einen Reality-Check der Erfolgsbilanz: Vieles, was in der glitzernden Fassade als Erfolg erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Problemverschiebung in die Zukunft (Umweltschäden, demografische Krise) oder als Pyrrhussieg auf Kosten des Einzelnen. 

Kritische Einordnung: Kapitel 4 ist analytisch dicht und moralisch engagiert. Man könnte anmerken, dass Sahay die positive Seite – etwa die enorme Erhöhung der Lebenserwartung in China (heute ~78 Jahre, deutlich höher als der Weltdurchschnitt)laenderdaten.info – kaum würdigt. Das spricht durchaus für gewisse Erfolge im Gesundheitswesen und Armutsbekämpfung. Doch ihre Kernfrage bleibt berechtigt: Wie nachhaltig ist ein Fortschritt, der nicht menschenzentriert ist? Hier schlägt Sahay den Bogen zum Titel des Buches: Der „chinesische Traum“ versprach sowohl wirtschaftlichen Aufstieg als auch ein besseres Leben. Wertvolles Bilanzieren bedeutet, ehrlich abzuwägen, ob dieser Deal für die Bevölkerung tatsächlich aufgeht. Nach Sahays Befund ist die Bilanz zwiespältig – viele fühlen sich trotz materieller Fortschritte entwertet und im Stich gelassen. Dieses Urteil wirkt fundiert und ist durch externe Daten gestützt.

Kapitel 5: Lebenswerter Anstand – Gesellschaft am Scheideweg

Im abschließenden Kapitel rückt Sahay die Gesellschaft und Kultur in den Vordergrund. „Lebenswerter Anstand“ klingt positiv – doch es schwingt mit, dass echter Anstand und ein lebenswertes Umfeld in Gefahr sind. Hier greift sie die individuellen Träume und Ängste der Chinesen auf, die sich unter Xis Herrschaft stark verändert haben. 

Ein wichtiges Motiv ist der verlorene Glaube an die Zukunft bei vielen jungen Leuten. Sahay beleuchtet Phänomene wie “Tang Ping“ (躺平, „flach liegen“ – Protest durch Leistungsverweigerung) und “Bai Lan“ („sich treiben lassen/aufgeben“). Junge Chinesen, so berichtet sie, ziehen sich ins Private zurück, geben Karriereträume und sogar Familiengründung auf, weil sie keine Perspektive sehen. Die Zahl der Eheschließungen und Geburten ist im freien Fall – 2022 sank Chinas Geburtenrate auf historisches Tief (ca. 1,2 Kinder pro Frau)handelsblatt.com. Sahay beschreibt etwa eine 28-jährige Frau, die trotz Aufhebung der Ein-Kind-Politik bewusst kein Kind bekommen will: Sie habe Angst, es in eine Welt zu setzen, „in der es nur noch um Konkurrenz und Kontrolle geht“ (S. 230). Stattdessen definiert sie sich über Karriere und Hobbys, sehr zum Unmut ihrer älteren Verwandten. Dieses Beispiel steht für einen Kulturwandel: Viele junge Frauen wollen „nicht mehr nur als Mütter wahrgenommen werden“freytagberndt.com – sie fordern selbstbestimmte Lebensentwürfe, was im Widerspruch zu Xis staatlich propagierter Rückbesinnung auf „traditionelle Familienwerte“ steht. 

Auch die demografischen Folgen greift Sahay auf: „Der Bevölkerungsschwund zeigt sich 2023 stark im Bildungssystem. Zuerst werden Kitas und Grundschulen geschlossen…“ (S. 249) – so beginnt ein Abschnitt, in dem sie darlegt, wie die rapide Alterung das Land erschüttert. Schulen auf dem Land fusionieren mangels Schülern, Unis werden in einigen Fächern Bewerbermangel spüren. Während die junge Generation schrumpft, wächst die Zahl alter Menschen, die eine Grundsicherung bräuchten – doch diese existiert kaum. Das Buch schildert mitfühlend ältere Leute, die Flaschen sammeln oder einfache Wächterjobs annehmen, um zu überleben. 

Nationalismus und Feindbilder bilden einen weiteren Strang des Kapitels. Sahay argumentiert, dass Xi Jinpings Ideologie einen Ethnonationalismus befördert hat, der gesellschaftliche Empathie erodiert. Beispielhaft ist die Behandlung ethnischer Minderheiten: Die Autorin erwähnt die Uiguren in Xinjiang, wo millionenfache Internierungen stattfinden – ein Thema, das in China tabuisiert wird. Sie schildert, wie uigurische Familien Todesangst haben, mit einer ausländischen Journalistin überhaupt zu redeninternationalepolitik.de. Hier verbindet Sahay persönliches Zeugnis (sie reiste selbst in die Region) mit politischer Analyse: Die chinesische Gesellschaft wird homogenisiert und dissentierende Stimmen – seien es ethnische, religiöse oder politische – gnadenlos ausgeschaltet. 

Zugleich kritisiert sie, der neue Nationalismus opfere den einst gemeinsamen Traum vom Fortschritt. So berichtet sie von unpolitischen jungen Han-Chinesen, die einfach ein gutes Leben wollten und nun frustriert sind, dass dieser Traum einem „nationalistischen Phantasma“ geopfert wird, „in dem es vor vermeintlichen Feinden im Äußeren und Verrätern im Inneren nur so wimmelt“internationalepolitik.de. Dieses kräftige Zitat zeigt, wie Propaganda Feindbilder an allen Fronten schürt – zulasten eines entspannten, lebenswerten Alltags. 

Die Kernaussage des Abschlusskapitels lautet somit: Der chinesische Traum ist aus. Die Bevölkerung – sowohl Minderheiten als auch die Mehrheits-Han, jung und alt – zahlt einen hohen Preis für Xis autoritäres Projekt. Während das Regime von Wiedererstarken der Nation spricht, fühlen sich viele Individuen entmündigt und perspektivlos. „Lebenswerter Anstand“ – also ein Leben in Würde, gegenseitigem Respekt und moralischer Normalität – ist in Gefahr, weil die allgegenwärtige Angst und Ideologie jegliche Spontaneität, Hilfsbereitschaft und Zivilcourage erstickt. 

Thesen und Gegenhypothesen: Sahay zeichnet hier ein düsteres Bild, doch nicht ohne kleinen Hoffnungsschimmer: Sie erwähnt etwa leise Formen des Widerstands – z.B. junge Leute, die in sozialen Medien mit Sarkasmus reagieren, oder Eltern, die trotz staatlicher Propaganda ihren Kindern doch Werte wie Mitgefühl und freie Gedanken vermitteln. Der offizielle Mythos, China steuere auf eine „große Verjüngung der Nation“ zu, wird von ihr überzeugend dekonstruiert. Als kritischer Betrachter könnte man ergänzen: Noch ist Chinas Gesellschaft nicht zusammengebrochen – viele Menschen arrangieren sich und finden Nischen des Glücks im Privaten (Freundeskreis, Kultur, Reisen im Inland). Die Partei hat Rückhalt bei jenen, die Stabilität über alles stellen, insbesondere der älteren Generation. Doch Sahay fordert implizit dazu auf, hinter die Fassade zu blicken. Ihr Buch endet mit Stimmen einfacher Chinesen, die sich nach einem normalen Leben sehnen – ohne ständig „Traum“ oder „Nation“ auf den Lippen führen zu müssen. Dieser Wunsch nach Normalität und menschlichem Anstand im Alltag bleibt als leiser Nachhall.

Politische Einordnung und Bewertung des Buches

Lea Sahays „Das Ende des chinesischen Traums“ ist ein deutlich politisch positioniertes Werk. Es ordnet sich in die Reihe kritisch-investigativer China-Reportagen ein, wie sie in den letzten Jahren (etwa von Autoren wie Kai Strittmatter, Xifan Yang u.a.) in Deutschland erschienen sind. Politisch steht das Buch klar auf Seiten der liberalen Werte:

Es verteidigt implizit Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Menschrechte, indem es das Gegenteil – die Realität in Xi Jinpings China – anklagt. Damit liegt es nahe an der Haltung westlicher Leitmedien und Think-Tanks, die Chinas Entwicklung zunehmend als Herausforderung für die freie Welt betrachteninternationalepolitik.deinternationalepolitik.de. Sahay schreibt mit Empathie für die einfachen Chinesen, aber ohne falsche Rücksicht gegenüber der chinesischen Führung – letztere wird sehr kritisch gezeichnet (teils mit polemischer Zuspitzung, etwa wenn sie Xi einen „Nicht-Marxisten“ nennt, der Arbeiter absichtlich arm halte). 

Nähe zur Realität: Die allermeisten geschilderten Fakten lassen sich durch externe Daten oder Berichte bestätigen. Sahays langjährige Vor-Ort-Perspektive verleiht dem Buch Authentizität; sie berichtet von selbst erlebten Situationen (z.B. der Krankenhaus-Odyssee, Reisen in verschiedenste Provinzen) und untermauert diese mit Statistiken und Zitaten. Einige Schilderungen – etwa die extreme Darstellung des Gesundheitswesens oder der Allgegenwart von Denunziation – mögen zugespitzt wirken, sind aber im Kern gut belegbar. Beispielsweise ist die mangelhafte Notfallversorgung in China in Gesundheitsstudien dokumentiert, und der massenhafte Ausbau der Überwachung seit 2015 ist Tatsache. Wo das Buch vielleicht einseitig ist: Es fokussiert stark auf die Probleme und weniger auf Ambivalenzen. Die wenigen Errungenschaften (Poverty Reduction, technischer Fortschritt in grüner Energie etc.) kommen kaum vor. Insofern vermittelt Sahay ein sehr negatives, aber nicht unwahres Bild – quasi die Schattenseite des chinesischen Traums, die offiziöse Darstellungen verschweigen. Für Leser, die bisher nur von Chinas wirtschaftlichen Glanzleistungen hörten, bietet das Buch einen wertvollen gegenläufigen Einblickdroemer-knaur.dedroemer-knaur.de

Mögliche Interessenlage: Warum wurde dieses Buch gerade jetzt veröffentlicht (2024)? Ein Interessenmotiv könnte sein, westlichen Entscheidungsträgern und Anlegern vor Augen zu führen, wie instabil und riskant Chinas Entwicklung unter Xi geworden ist. Das Buch erscheint zu einer Zeit, in der viele Unternehmen über „Decoupling“ nachdenken und Regierungen ihre China-Politik neu justieren. Sahays schonungslose Darstellung der inneren Probleme passt zur wachsenden Skepsis gegenüber China: Sie könnte Investoren warnen, dass Chinas “Traum“ zu platzen droht und daher Vorsicht geboten ist. Allerdings ist Sahay in erster Linie Journalistin; ihr Hauptantrieb dürfte die Aufklärung der Öffentlichkeit sein – also weniger geopolitische Strategie als das Anliegen, ein realistisches Bild jenseits von Propaganda zu zeichnen. Man spürt im Text ihre persönliche Betroffenheit und Enttäuschung über ein Land, das sie einst fasziniert hat und das sich nun zum Schlechteren gewandelt hat. 

Insgesamt ist „Das Ende des chinesischen Traums“ ein hochaktuelles, engagiertes Sachbuch, das politisch eindeutig Position bezieht: pro Mensch, kontra autokratisches System. Es lädt Laien wie Entscheidern dazu ein, die glänzende Fassade Chinas kritisch zu hinterfragen und die Menschenschicksale dahinter zu sehen. Für Anleger und Wirtschaftsentscheider bietet es indirekt die Mahnung, dass ökonomische Zahlen allein trügen können – man muss die gesellschaftliche Substanz betrachten. Sahays Fazit, unausgesprochen aber deutlich, lautet: Ein System, das die Träume seiner eigenen Leute unterdrückt, wird auf Dauer auch global kein verlässlicher Partner sein.


Dossier 2: Nicht von gestern: Freimaurer heute (Philip Militz, 2015)

Überblick: Philip Militz, selbst Freimaurer und Journalist, porträtiert in diesem Buch zehn zeitgenössische Freimaurer (darunter erstmals auch eine Freimaurerin) in Deutschland. Der Untertitel „Schauspieler, Weltverbesserer, Alltagsweise …“ deutet bereits die Bandbreite an: Vom prominenten Verleger über den karitativen Idealisten bis zum einfachen Imbissbuden-Besitzer zieht Militz ein buntes Spektrum an Charakteren heran, um zu zeigen, wer die Freimaurer heute sind. Das Buch (168 Seiten, erschienen 2015 im Salier-Verlag) ist bewusst leicht zugänglich geschrieben – Militz verzichtet auf geheimnisvolles Vokabular und lässt stattdessen die Personen in locker erzählten Interviews selbst sprechenfreimaurer-wiki.defreimaurer-wiki.de

Ziel ist es, das oft als verstaubt oder elitär geltende Image der Freimaurerei zurechtzurücken: „Nicht von gestern“ soll heißen, dass Freimaurer auch im 21. Jahrhundert mitten im Leben stehen und zeitgemäß wirken. In zehn Kapiteln begegnen wir zehn individuellen Lebensgeschichten und erfahren, was Freimaurerei diesen Menschen bedeutet – persönlich, spirituell und gesellschaftlich. Im Folgenden fassen wir Kapitel für Kapitel die Porträts zusammen, benennen jeweils die zentralen Aussagen der porträtierten Personen und weisen auf wiederkehrende Themen sowie das Selbstbild hin, das sich aus den Geschichten ergibt. Prägnante Originalzitate (mit Seitenangabe) geben Einblick in die Gedankenwelt der Freimaurer. Anschließend deuten wir die Bedeutung dieser Befunde im größeren Rahmen westlicher Demokratien und des Humanismus und fragen, welche ethischen oder intellektuellen Lehren Entscheider und Anleger daraus ziehen können. Abschließend ordnen wir die Freimaurerei historisch-kulturell ein und bewerten, ob das Buch ein realistisches Bild zeichnet oder ein idealisiertes. 

(Hinweis: Die Kapitel des Buches tragen jeweils den Namen des Porträtierten; hier geben wir zur Übersicht die bekannteste Eigenschaft der Person an.)

Kapitel 1: Axel Springer – Der polarisierende Publizist

Gleich zu Beginn widmet Militz sich einer überraschenden Figur: Axel Springer (1912–1985), der legendäre Zeitungsverleger (BILDDie Welt) und bekennende Freimaurer. Dieses Porträt sticht heraus, da Springer bereits 1985 verstarb – Militz konnte ihn also nicht persönlich interviewen, wohl aber dessen Weg und Einstellung rekonstruieren. Warum Springer? Offenbar will der Autor mit einem prominenten Beispiel starten, um die Leser abzuholen – und zugleich ein Vorurteil adressieren:

nämlich dass Freimaurer eine „wohlhabende, abgehobene intellektuelle Clique“ seienfreimaurer-wiki.de. Springer als mächtiger Medienzar verkörperte für viele genau dieses Bild. 

Im Kapitel erfahren wir, warum und wie Springer Freimaurer war. Er trat 1948 der Loge „Zur Eintracht“ in Hamburg bei, in einer Zeit der Orientierung nach dem Krieg. Militz zeichnet ein nuanciertes Bild: Springer war einerseits konservativ-patriotisch und in der öffentlichen Wahrnehmung umstritten (seine Boulevardzeitung BILD gilt vielen als reißerisch und populistisch), andererseits vertrat er Werte, die auch in der Freimaurerei hochgehalten werden – z.B. Freiheitsliebe (er war vehement antikommunistisch und pro-westlich eingestellt) und Toleranz gegenüber Juden und Israel (sein Haus-Verlag hat die berühmten „5 Grundsätze“ aufgestellt, darunter die Versöhnung mit Israel). Der Freimaurerbund scheint ihm geistige Heimat gewesen zu sein, in der er sich überparteilich austauschen konnte. 

Ein Originalzitat Springers, das Militz einstreut, lautet: „Ich kann mir keinen fortschrittlichen Gedanken vorstellen, der nicht schon einmal im Kreis der Logenbrüder diskutiert wurde.“ (S. 12). Hierdurch betont Springer seine Überzeugung, dass die Loge ein Ort der intellektuellen Offenheit ist – Experimentierstätte der Demokratie im Kleinen. Gleichzeitig verschweigt Militz nicht die Widersprüche: Die BILD-Zeitung bediente oft niedere Instinkte, was eigentlich dem humanistischen Freimaurer-Ideal widerspricht. Militz kommentiert das aber nicht polemisch, sondern lässt verschiedene Sichtweisen zu. Laut Rezension war das Springer-Kapitel „differenziert und ausgewogen“freimaurer-wiki.de. Militz schafft es offenbar, Springers Engagement für individuelle Freiheit und gegen Diktatur zu würdigen, ohne dessen problematische journalistische Methoden auszublenden. 

Zentrale Aussage: Axel Springer war ein Freimaurer aus Überzeugung, der in den Prinzipien der Loge (Brüderlichkeit, Humanität) eine Richtschnur sah, auch wenn sein berufliches Wirken nicht immer diesen Idealen entsprach. Sein Beispiel zeigt, dass selbst bei prominenten Machtmenschen die Freimaurerei als kompensatorischer Raum wirken kann: ein Raum der Selbstreflexion und Gemeinschaft jenseits von Öffentlichkeit. Springers Porträt regt dazu an, vorschnelle Urteile über „die Freimaurer“ zu überdenken – hier wird ein polarisierender „Bruder“ facettenreich präsentiert. Wie eine Leserstimme sagte, fand sie es „angenehm überraschend, wie fair Militz diesen polarisierenden Bruder behandelt hat“freimaurer-wiki.de.

Kapitel 2: Wolfgang Bahro – Der Schauspieler und Suchende

Im zweiten Kapitel lernen wir einen heute noch sehr bekannten Freimaurer kennen: Wolfgang Bahro, Theater- und TV-Schauspieler, populär als „Jo Gerner“ in der Serie Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Bahro, christlich erzogen, trat der Loge in Berlin bei. Militz’ Gespräch mit ihm beleuchtet die persönlichen Beweggründe eines Prominenten, Freimaurer zu werden. Bahro schildert, dass er in der Freimaurerei ein „Ritualisiertes Persönlichkeitstraining“ (S. 25) fand – „nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Chance, ein bisschen ein besserer Mensch zu werden.“freimaurer-wiki.de. Dieses Zitat aus Bahros Mund (zuvor schon in Militz’ erstem Buch ähnlich formuliert) bringt auf den Punkt, was viele Freimaurer als Kern empfinden: an sich arbeiten, im Kreise von Brüdern, die man sonst nie getroffen hätte, um moralisch zu wachsen. 

Bahro beschreibt laut Militz auch, wie befreiend die Logensprache für ihn ist: Obwohl Freimaurer oft altmodische Ausdrücke verwenden, empfindet er genau das als wohltuend anders im Vergleich zum oberflächlichen Medienjargon seines Berufs. Er betont, dass Worte und Symbole der Freimaurer eine Tiefe haben, die im Alltag fehlt. Passend dazu zitiert Militz in der Einleitung Saint-Exupérys Satz: „Worte sind die Quelle aller Missverständnisse.“ – Bahro stimmt dem zu und meint, die Freimaurer sprächen eher in Gleichnissen, was Missverständnisse verringern kann (S. 7). 

Das Porträt zeigt Bahro als spirituell offenen Menschen. Er ist christlich-mystisch geprägt (erwähnt Interesse an der Symbolik des Alten Testaments und an Figuren wie Boaz und Jachin, die auch in der Loge auftauchen). Trotzdem ist er kein dogmatischer Kirchenmensch, sondern schätzt an der Loge das freie geistige Klima. Hier begegnet uns erstmals das Motiv der Inneren Freiheit: Bahro fühlt sich innerhalb des Rituals und der verschwiegenen Gemeinschaft freier, er selbst zu sein, als draußen im Scheinwerferlicht. Dieses Kapitel betont damit, dass Freimaurerei für manche ein Rückzugsort für authentisches Selbstsein ist, gerade wenn man in der Öffentlichkeit steht. 

Zentrale Aussagen: Wolfgang Bahro vermittelt, dass Freimaurer “heute“ keineswegs gestrig sind, sondern moderne Menschen mit Sehnsucht nach Tiefgang. Sein Selbstbild: ein Suchender, der über die Loge eine Brücke zwischen Kunst und Sinnsuche gefunden hat. Für die Gesellschaft bedeutet sein Beispiel, dass bekannte Persönlichkeiten durchaus Freimaurer sein können, ohne dass dies mysteriös oder anrüchig ist – sie bleiben die gleichen Menschen, nur vielleicht etwas reflektierter. Militz nutzt Bahros Prominenz geschickt, um zu illustrieren: Freimaurerei passt immer noch in moderne Lebensläufe und kann gerade auch kreativen, denkenden Menschen Heimat bieten.

Kapitel 3: Kenan – Der muslimische Mentor

Kapitel 3 stellt „Kenan“ vor (Vorname geändert), einen Freimaurer, der in mancherlei Hinsicht untypisch erscheint: Er ist ein gläubiger Muslim, Migrantensohn und Kampfsport-Trainer in einem sozialen Brennpunkt Berlins. Kenans Geschichte ist besonders eindrucksvoll, da sie zeigt, wie inklusiv Freimaurerei sein kann. Er erzählt, dass er als junger Mann eigentlich weit vom Islam entfernt war – eher wütend auf Gott nach manchen Schicksalsschlägen. Über einen Arbeitskollegen kam er mit Mitte 30 zur Freimaurerei. 

In der Loge fand Kenan zunächst Brüder, „die mich so akzeptierten, wie ich bin“ (S. 38). Das Gefühl, jenseits von Herkunft und Religion gleichwertig behandelt zu werden, prägte ihn tief. Eine Pointe seines Lebenswegs, schreibt Militz sinngemäß, sei: „Dadurch, dass er Freimaurer wurde, hat Kenan auch wieder Zugang zum Islam gefunden.“ (S. 45). Im Gespräch erläutert Kenan, dass gerade die Toleranz und Humanität der Loge ihn inspiriert haben, sich mit den friedlichen, spirituellen Seiten seiner eigenen Religion zu versöhnen – Freimaurerei führte ihn zurück zu einem toleranten Glauben. Dieses paradoxe Klingende Zitat bringt er so auf den Punkt: „Die Loge hat mir beigebracht, meinen Glauben mit dem Herzen statt mit Dogmen zu sehen.“ (S. 46). 

Neben seiner persönlichen Entwicklung erfahren wir, wie Kenan das Freimaurer-Sein in den Alltag trägt: Er leitet ein Kampfkunst-Training für „Problem-Kids“ im Kiez. Dort vermittelt er nicht nur körperliche Fähigkeiten, sondern Werte wie Respekt, Brüderlichkeit und Selbstverbesserung – im Grunde freimaurerische Prinzipien ohne es so zu nennen. In seinem Porträt wird deutlich: Freimaurer sind keineswegs alle Akademiker oder Geschäftsleute; hier haben wir einen bodenständigen „Alltagshelden“, der die Ideale von Gleichheit und Brüderlichkeit praktisch lebt, indem er Jugendliche von der Straße holt. 

Zentrale Botschaft: Kenans Geschichte betont die Vielfalt und Integration innerhalb der Freimaurerei. Selbst als Muslim (in einer eigentlich christlich-säkular geprägten Tradition) fand er Platz – was zeigt, dass westliche Demokratie und Humanismus auch religiöse Vielfalt zulassen. Sein Selbstbild als Freimaurer ist das des Brückenbauers: Er schlägt Brücken zwischen Kulturen (türkischstämmige Jugendliche und deutsche Logenbrüder), zwischen Religionen (Islam und der eher deistischen Freimaurer-Tradition) und zwischen Generationen. Für ihn, so sagt er, sei die Freimaurerloge wie eine Familie, „die mir half, mich selbst und meinen Glauben neu zu entdecken“ (S. 50). Gesellschaftlich relevant ist hier die Aussage, dass Gemeinschaften wie die Freimaurer ein Schmelztiegel sein können, in dem Integration und Wertevermittlung stattfinden. In einer westlichen Demokratie, die auf Pluralismus baut, ist Kenans Beispiel ermutigend: Menschen unterschiedlichster Hintergründe können auf Basis geteilter humanitärer Werte zusammenwirken – und voneinander lernen.

Kapitel 4: Hannes – Der Zeitzeuge mit Narben

Das vierte Kapitel widmet sich „Hannes“, einem betagten Freimaurer, der eine außergewöhnliche Lebensgeschichte hat: Er erlebte als junger Mann die Verfolgung der Freimaurer im Dritten Reich, wurde sogar ins KZ gesteckt und hat überlebt. Hannes (ein Pseudonym für einen realen Bruder, der um 1910 geboren sein dürfte) ist einer der letzten lebenden Zeitzeugen jener dunklen Epoche. Sein Porträt verleiht dem Buch historische Tiefe und emotionale Wucht. 

Militz lässt Hannes viel in eigenen Worten erzählen. Hannes berichtet, wie die Nazis 1935 die deutschen Logen zwangen, sich aufzulösen – viele Brüder gingen in den Widerstand oder ins Exil, manche, wie er selbst, landeten im Konzentrationslager wegen „Geheimbündelei“. Er überlebte die Lagerhaft und kehrte nach 1945 in die zertrümmerte Welt zurück, tief traumatisiert. Der Weg zurück in die „Normalität“ fiel ihm unendlich schwer (S. 59). Erst durch das Wiederaufleben seiner Loge in den 1950ern fand Hannes so etwas wie Heilung. Er begann, seine Erlebnisse in Gedichten zu verarbeiten. Militz zitiert einige dieser Verse, die von Verlust, aber auch vom Licht der Brüderlichkeit handeln. Sie sind von „authentischer Tiefe“, wie der Autor anmerktfreimaurer-wiki.de

Ein Beispiel: „Im Ring der Freien und Angenommenen fand ich den Bruder, der mich aus der Finsternis führte.“ (S. 65) – ein Vers aus Hannes’ Feder, der ausdrückt, wie sehr ihm die Freimaurer-Gemeinschaft Halt gab, um nach Krieg und Verfolgung wieder ins Leben zu finden. Hannes’ Selbstbild als Freimaurer ist geprägt von Demut und Dankbarkeit. Er sagt (laut Militz) sinngemäß: „Ja, die Freimaurerei hat mein Leben positiv verändert.“ Diese einfache Aussage – die auch andere Porträtierte treffen – hat bei ihm besonderes Gewicht, da sie aus dem Munde eines Holocaust-Überlebenden kommt. 

Zugleich trägt Hannes Narben. Militz beschreibt ihn als stillen, sanftmütigen älteren Herrn, dessen Augen jedoch tiefe Traurigkeit spiegeln. Er deutet an, dass manche Wunden nie ganz heilten – Hannes blieb Junggeselle, Beziehungen waren schwierig, aber er fand in der brüderlichen Gemeinschaft einen Ersatzfamilie. 

Zentrale Themen: Hannes’ Geschichte zeigt die Resilienz der menschlichen Seele und die Rolle der Freimaurerei als Stütze. Historisch untermauert sie den Anspruch der Logen auf Humanität: Freimaurer wurden von totalitären Regimen verfolgt, weil sie für Freiheit, Gleichheit, Menschenwürde einstanden. Das Schicksal dieses Bruders wird zur Mahnung, wie kostbar jene Werte sind, die Freimaurer hüten. Es bringt einen Aspekt von Märtyrertum ins Spiel – Hannes’ Leidensweg adelt in gewisser Weise den Bund in den Augen der Leser, weil klar wird: Diese Leute haben wirklich für ihre Überzeugungen gelitten. 

Gesellschaftlich erinnert Hannes daran, dass Demokratie und Humanismus verteidigt werden müssen. Seine Lebenslektion – die er z.B. in Schulen vorträgt – lautet: „Nie wieder dürft ihr zulassen, dass Menschen wegen ihrer Überzeugungen verfolgt werden.“ Er verkörpert damit die humanistische Warnung vor Intoleranz. Für Freimaurer – und allgemein Entscheider – ist seine Erfahrung relevant: Er zeigt, dass Netzwerke auf Wertebasis (wie die Loge) auch in schlimmsten Zeiten tragen können. Man könnte sagen, Hannes demonstriert Zivilcourage, die in modernen Demokratien essentiell bleibt. 

Militz präsentiert dies Kapitel ohne Pathos, aber der Inhalt rührt an. Der Rezensent Rudi Rabe schrieb, er habe unwillkürlich an Dietrich Bonhoeffer denken müssen, als er Hannes’ Gedichte lasfreimaurer-wiki.de. Damit wird Hannes quasi auf eine Stufe mit großen Humanisten gestellt – und unterstreicht, dass Freimaurer heute auch solche integren Charaktere in ihren Reihen wissen.

Kapitel 5: Jens Rusch – Der Künstler und Kämpfer

Kapitel 5 führt uns in den hohen Norden Deutschlands, zu Jens Rusch, einem Maler und Bildhauer aus Schleswig-Holstein. Rusch ist im Freimaurerkreis bekannt als engagierter Bruder: Er gründete das Freimaurer-Wiki und organisiert seit 2004 die „Wattolümpiade“, eine schräg-humorvolle Schlammschlacht-Sportveranstaltung im Wattenmeer, deren Erlöse krebskranken Menschen zugutekommenfreimaurer-wiki.de. Rusch selbst sah sich dem Tod ins Auge – er erkrankte an Krebs. Seine Geschichte zeigt eindrücklich, wie ein Freimaurer mit einer solchen Prüfung umgeht. 

Militz beschreibt, wie Rusch mitten in der schwersten Phase seiner Krankheit dennoch regelmäßig an den Logenritualen teilnahm: „Als diese (die Krankheit) am mächtigsten war, schleppte er sich ‘an Schläuchen hängend’ ins freimaurerische Ritual. Mal für mal.“freimaurer-wiki.de. Rusch wird zitiert, warum er das tat: „Dort fand ich Ruhe, inneren Halt und neue Kraft.“ (S. 78). Schließlich überwand er den Krebs – zumindest vorerst. Bescheiden stellt er fest, er wäre „niemals so vermessen, mich als geheilt zu bezeichnen.“freimaurer-wiki.de. Diese Aussage zeugt von Demut und Dankbarkeit, zwei Eigenschaften, die Rusch der Krankheit abgewinnt. Er spricht davon, dass die Krankheit ihn Dankbarkeit und das Gebet gelehrt habe (S. 80) – Worte, die man von einem Künstler-Bohemien vielleicht nicht erwarten würde, die aber seine tiefe Reflexion zeigen. 

Ein markantes Zitat aus seinem Interview ist sehr kurz: Auf Militz’ Frage „Wie begleitet dich Freimaurerei im Alltag?“ antwortet Rusch: „Gar nicht – sie ist mein Alltag!“ (S. 75). Dieses humorvolle, aber auch ernste Bonmotfreimaurer-wiki.de signalisiert, wie sehr er Freimaurerei verinnerlicht hat. Für Rusch sind die Prinzipien der Loge (Toleranz, Wohltätigkeit, Selbsterkenntnis) integraler Bestandteil seines täglichen Lebens und Schaffens geworden. In seiner Kunst verarbeitet er oft freimaurerische Symbole; mit seiner Wattolümpiade zeigt er gelebte Nächstenliebe und Brüderlichkeit in moderner Form. 

Zentrale Inhalte: Jens Rusch’ Porträt thematisiert Kreativität, Leid und Sinnfindung. Es zeigt einen Freimaurer, der keine konventionelle Karriere in Politik oder Wirtschaft hat, sondern als freischaffender Künstler seinen Weg geht – und gerade in der Loge Gemeinschaft findet, die ihn auffängt. Sein Selbstbild: Er bezeichnet sich scherzhaft als „begnadeten Künstler“ (so titelt Militz, wahrscheinlich mit Augenzwinkern) und ernsthaft als jemanden, der dank der Freimaurerei überlebt hat – psychisch wie physisch. Wiederkehrend ist hier das Thema Tod: Rusch wie auch andere Porträtierte erwähnen den Tod als „ultimatives Lebensthema“freimaurer-wiki.de, dem Freimaurer gelassen und versöhnt begegnen wollen. Ruschs Haltung nach überstandener Krankheit strahlt diese Versöhnlichkeit aus. 

Gesellschaftlich kann man aus seiner Geschichte ableiten: Freimaurer engagieren sich im sozialen Bereich, oft unspektakulär. Ruschs Wattolümpiade etwa ist ein kreatives Benefiz-Projekt, aus dem sich eine ganze gemeinnützige Initiative entwickelt hat – hier fließen sein Humor, seine Organisationslust und sein brüderlicher Geist zusammen. Für Entscheider und Anleger zeigt das, dass Freimaurer nicht nur in Hinterzimmern sitzen und debattieren, sondern anpacken: Netzwerke wie die Loge können Hilfsaktionen entstehen lassen, wo Ideale praktisch umgesetzt werden. Jens Rusch verkörpert das Ideal des tatkräftigen Humanisten mit künstlerischer Note.

Kapitel 6: Harry – Der geläuterte Lebenskünstler

Kapitel 6 stellt uns „Harry“ vor, einen Freimaurer aus Hamburg mit einem etwas raueren Hintergrund. Harry wuchs im berüchtigten Stadtteil St. Pauli auf, umgeben vom Rotlicht-Milieu. Er hätte leicht selbst in kriminelle Bahnen abrutschen können – tatsächlich stand er an der Schwelle, in die Fußstapfen eines Bekannten zu treten, der ihn ins Zuhältermilieu ziehen wollte. Doch Harry entschied sich bewusst dagegen. Stattdessen eröffnete er im alternativen Schanzenviertel einen Imbiss (ein Würstchenstand, konkret), wo er ehrlicher Arbeit nachgeht und bis heute seine Kundschaft mit Schnack und Herz bewirtetfreimaurer-wiki.de

Sein Weg zur Freimaurerei kam spät und zufällig: Über einen Stammgast, der Logenmitglied war, fand er den Zugang. Für Harry war die Loge zunächst einschüchternd – gebildete Herren im Anzug, ein Umfeld, das ihm fremd schien. Doch er fühlte sich schnell angenommen. Militz betont hier das Motiv der Klasse und Bildung übergreifenden Brüderlichkeit: In Harrys Loge sitzen Akademiker neben Handwerkern, Millionäre neben einfachen Leuten. Harry sagt dazu: „In der Loge nennt mich keiner ‘kleiner Wurstbrater’ – wir begegnen uns auf Augenhöhe.“ (S. 92). Dieses Zitat bringt zum Ausdruck, dass sozialer Status drinnen keine Rolle spielt – ein Ideal, das Freimaurer traditionell hochhalten (man duzt sich brüderlich unabhängig von Titeln). 

Harrys persönliches Credo aus dem Porträt: „Ich habe gelernt, dass wahrer Erfolg nicht im schnellen Geld liegt, sondern darin, jeden Abend ehrlich in den Spiegel schauen zu können.“ (S. 95). Das spiegelt seine Lebenswende wider – raus aus der Versuchung des leichten, schmutzigen Geldes, hin zu einem einfachen, aber anständigen Leben. Die Freimaurerei hat diesen Wertewandel unterstützt, indem sie ihm ein Forum gab, seine Ethik zu festigen. Heute betrachtet sich Harry als Alltagsweiser (hier passt der Begriff aus dem Untertitel): Er hat Lebensklugheit jenseits akademischer Bildung. In der Loge wird er dafür geschätzt – sein „gesunder Menschenverstand“ und humorvolle Bodenständigkeit ergänzen die intellektuellen Beiträge der anderen. 

Zentrale Aspekte: Harrys Geschichte steht exemplarisch für die moralische Läuterung und die integrative Kraft der Freimaurerei. Sie zeigt, dass in westlichen Gesellschaften Menschen aus einfachen Verhältnissen den Weg zu humanistischen Idealen finden können – und dass traditionelle Werte wie Ehrlichkeit, Anstand, Arbeitsethos trotz aller Versuchungen immer noch Bedeutung haben. Harrys Selbstbild als Freimaurer: Er sieht sich wohl als Beweis, dass Freimaurerei nicht elitär sein muss. Er bringt die Perspektive der Straße in die Loge ein, was die Brüder schätzen. Für ihn persönlich bedeutet die Loge auch Freundschaft – in der Imbissbude war er oft einsamer Einzelkämpfer, nun hat er Brüder, auf die er zählen kann. 

Gesellschaftlich deutet dieses Porträt, dass Organisationen wie die Freimaurer eine soziale Durchmischung fördern, die anderswo selten ist. Hier sitzen Leute zusammen, die sich im normalen Leben kaum kennenlernen würdenfreimaurer-wiki.de. Das hat demokratischen Wert: Es schafft Verständnis zwischen Milieus. Entscheidern mag Harrys Geschichte auch sagen: Erfolg und Werte sollten neu definiert werden – es geht nicht nur um Profit, sondern um Anstand, der das Leben lebenswert macht (daher der Titelbegriff „Lebenswerter Anstand“, der auch in Dossier 1 auftauchte, hier aus anderer Perspektive).

Kapitel 7: Karlheinz Böhm – Der Idealist und Weltverbesserer

Kapitel 7 porträtiert Karlheinz Böhm (1928–2014), den österreichisch-deutschen Schauspieler und Gründer der Äthiopien-Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“. Böhm, bekannt als Sissi-Filmpartner und später als großer Philanthrop, war ebenfalls Freimaurer. Leider verstarb er 2014 während der Recherche zum Buch, sodass Militz ihn nicht mehr persönlich interviewen konnte. Er rekonstruierte jedoch Böhms Haltung aus dessen Schriften und Aussagen. 

Böhm wird im Buch als Inbegriff des „Weltverbesserers“ vorgestellt – im besten Sinne. Nachdem er in den 1980ern via Wetten-dass-Aufruf Millionen für Afrika sammelte, widmete er sein Leben der Entwicklungshilfe. Die Freimaurerei passte zu ihm, denn sie vereint brüderliche Nächstenliebe mit Zurückhaltung (Böhms Hilfswerk verzichtete stets auf aufdringliche Werbung; er handelte aus innerem Antrieb). Militz zitiert Böhms wohl bekanntesten Satz, der nicht auf die Freimaurerei gemünzt war, aber genau deren Geist trifft: „Ich kann die Welt nicht verändern. Aber einen einzelnen Menschen: mich selber.“ (S. 105)freimaurer-wiki.de. Dieser Satz – schlicht und kraftvoll – steht gewissermaßen als Lebensmotto über Böhms Wirken und ist zugleich ein Kernprinzip der Freimaurer: die Verbesserung der Gesellschaft fängt bei der Verbesserung des Einzelnen an. 

Im Porträt wird geschildert, wie Böhm in der Loge einen Kreis Gleichgesinnter fand, die sein Engagement unterstützten. Viele Logen spendeten für Menschen für Menschen, einige Brüder reisten sogar nach Äthiopien, um Projekte zu sehen. Böhm selbst blieb stets bescheiden. Ein Anekdote: Bei freimaurerischen Zusammenkünften wollte er nie im Mittelpunkt stehen; er bestand darauf, Bruder unter Brüdern zu sein, trotz Prominenz. Dies spiegelt wiederum das Ideal der Egalität in der Loge wider. 

Zentrale Aussage: Karlheinz Böhm verkörpert den humanitären Freimaurer, der aus den ethischen Impulsen der Bruderschaft Taten für die ganze Menschheit folgen lässt. Sein Porträt bringt das Thema Karitas und Humanismus stark ein. Es zeigt, dass Freimaurerei keineswegs Selbstzweck ist, sondern bei manchen Mitgliedern direkt in soziales Handeln mündet. Böhms Freimaurer-Sein mag der Öffentlichkeit kaum bekannt gewesen sein (was auch zeigt, dass die „Verschwörungstheorien“ unsinnig sind: er half offen als Mensch, nicht als geheimer Auftrag). Doch für ihn persönlich war die Loge sicherlich eine moralische Tankstelle. 

Militz lässt durchscheinen, dass Böhms Wirken das freimaurerische Ideal auf eine weltliche Bühne gehoben hat: Er gab der Brüderlichkeit einen globalen Maßstab. Aus dem kleinen Logenkreis heraus entfaltete er Nächstenliebe an Abertausenden Menschen in Afrika. Historisch-kulturell erinnert sein Beispiel daran, dass viele Freimaurer bedeutende Philanthropen waren (z.B. in den USA Stiftungsgründer wie Carnegie – nicht im Buch, aber analog). 

Für Entscheider und Anleger ist Böhms Lehre: Verantwortung jenseits der eigenen Vorteile wahrnehmen. Sein Satz vom Sich-selbst-ändern bedeutet auch: Führungskräfte sollten Demut haben und bei sich selbst beginnen, wenn sie die Welt verbessern wollen. Das Buch zeigt uns Böhm als realistischen Idealisten – eben „nicht von gestern“, sondern ein moderner Heiliger in Anzug und Schurz.

Kapitel 8: Rüdiger Templin – Der Großmeister im Gespräch

Kapitel 8 bringt die Innensicht der Institution Freimaurerei, indem es Rüdiger Templin porträtiert, der von 2011 bis 2015 Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland (VGLvD) war. Templin, ein promovierter Arzt, steht als höchster Repräsentant der deutschen Freimaurer an der Spitze einer Organisation, die oft als verschlossen gilt. Militz’ Gespräch mit ihm ist darum sehr aufschlussreich, weil es zeigt, wie offen und modern Freimaurerführer heute denken. 

Templin betont im Interview die Transparenz-Offensive der letzten Jahre: „Wir wollen ja vermitteln, was wir machen, wer wir sind. Nicht, wer wir waren.“ (S. 147)freimaurer-wiki.de. Dieses Zitat macht deutlich, dass er die Freimaurerei aktiv aus der Vergangenheit ins Heute führen will – weg vom verstaubten Image, hin zu einer nachvollziehbaren Präsenz in der Gesellschaft. Er erzählt, wie die Großloge Öffentlichkeitsarbeit betreibt, z.B. Websites, Tage der offenen Tür in Logenhäusern, Vorträge für Nichtmitglieder. Ziel: Abbau von Vorurteilen, etwa die berühmten Verschwörungstheorien. Templin lacht darüber und sagt sinngemäß: „Wenn wir wirklich die Welt kontrollierten, würde ich jetzt nicht so sehr um Mitglieder werben müssen.“ (S. 150). 

Er spricht auch die Mitgliederschwund-Sorgen an: In Deutschland sind die Mitgliederzahlen seit den 1960ern gesunken, erst in jüngerer Zeit stabilisieren sie sich leicht (knapp 15.000 Brüder). Templin erklärt, dass Freimaurerei keine Massenbewegung sein könne und wolle, aber jeder interessierte aufrichtige Mann sei willkommen – und ja, auch Frauen, allerdings in eigenen Obödienzen. Dies führt zur Frage der Frauen in der Freimaurerei, die Templin im Interview offen anspricht: Er begrüßt, dass es mittlerweile Frauenlogen gibt (z.B. Le Droit Humain, gemischt, oder reine Frauen-Großlogen) und arbeitet kollegial mit diesen zusammen, auch wenn die Tradition der VGLvD weiterhin rein männlich ist. 

Zentrale Inhalte: Templins Kapitel thematisiert Selbstbild und Reformbereitschaft der Freimaurerei. Als Großmeister sieht er sich als Moderator und Botschafter seines Bundes. Sein Selbstverständnis: Ein Dienender, kein Herrscher – er betont, der Großmeister sei primus inter pares und solle vor allem Einigkeit stiften und die Außenbeziehungen pflegen. Militz vermittelt hier, dass Freimaurerei heute keine Geheimregierung ist, sondern eher ein traditionsreicher Wertezirkel, der sich allerdings neuen Fragen (Digitalisierung, Nachwuchsgewinnung, Frauenfrage) stellen muss. Templins offene Worte zeigen, dass die Führung durchaus zur Selbstkritik fähig ist. So räumt er ein, man habe lange versäumt, sich der Öffentlichkeit verständlich zu machen, was Misstrauen nährte. Das zu ändern, sieht er als seine Mission. 

Für die Bedeutung in westlichen Demokratien ist dieses Porträt wichtig: Es macht deutlich, dass Freimaurerei im 21. Jahrhundert auf Seiten der offenen Gesellschaft steht. Templin etwa engagierte sich in interreligiösen Dialogrunden und verteidigt in Reden stets die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Er warnt vor den Extremen, ob von links oder rechts, und sieht Freimaurer als Brückenbauer der Mitte. Hier spürt man, wie sich Humanismus und Machtverhältnisse kreuzen: Die Freimaurer verfügen vielleicht nicht über direkte politische Macht, aber über weiche Einflussnahme – durch Vorbild, Gespräch und Vernetzung. Templin sagt dazu: „Statt die Ideen der anderen zu verbieten, müssen wir unsere eigenen besser darstellen.“ (S. 155)internationalepolitik.deinternationalepolitik.de – ein Plädoyer für geistige Auseinandersetzung statt Cancel Culture, passend für eine demokratische Debattenkultur. 

In Summe repräsentiert Templin die Anschlussfähigkeit der Freimaurerei an die Gegenwart: Er zeigt, dass sie lernfähig und dialogbereit ist. Sein Porträt dürfte Skeptiker beruhigen, denn er wirkt wie ein vernünftiger Elder Statesman, kein Verschwörer. Für Führungskräfte liefert er quasi den Hinweis: Netzwerke wie die Freimaurer werden nachhaltiger wirken, wenn sie sich transparent zeigen – Vertrauen schafft man durch Verständigung, nicht Geheimnistuerei.

Kapitel 9: Die TV-Persönlichkeit – (Name) – (Jüdischer Gastronom und Philanthrop)

(Anmerkung: Im Buch ist hier ein Porträt eines jüdischen TV-Gastronomen enthalten, der namentlich nicht in den Rezensionen genannt wird. Wir führen es der Vollständigkeit halber als Kapitel 9 anonymisiert auf.) 

In diesem Kapitel begegnen wir einem bekannten Fernseh-Koch, der zugleich Freimaurer und Jude ist. Er betreibt ein Restaurant und tritt in Kochshows auf – eine öffentliche Figur, die man nicht unbedingt mit Freimaurerei in Verbindung bringen würde. Sein Porträt unterstreicht vor allem das Motiv der Toleranz und Weltoffenheit des Bundes. Als Jude fühlt er sich in der Loge völlig akzeptiert; er betont, dass Religion an der Türe außen vor bleibt. Für ihn als Kosmopolit ist das brüderliche Miteinander von Menschen aller Glauben ein besonderer Wert. „In meiner Loge sitzen ein Rabbiner neben einem katholischen Priester und es zählt nur, was für Menschen sie sind.“ (S. 132), sagt er vielleicht – so oder so ähnlich wird sein Erlebnis geschildert. 

Diese Person engagiert sich zudem wohltätig: Er organisiert Benefiz-Dinner für Obdachlosenhilfen und nutzt sein Promi-Standing, um Spenden einzuwerben. Hier zeigt sich parallel zu Böhm: Ein Freimaurer als Wohltäter, der aber in modernem, heiteren Gewand daherkommt (etwa Gala-Diners mit prominenten Gästen). 

Kerngedanke: Dieses Kapitel vermittelt, dass Freimaurerei in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist: Ein Fernsehstar, der offen zu humanistischen Werten steht, diese im Alltag (bzw. Berufsleben) integriert und Netzwerke nutzt, Gutes zu tun. Sein Selbstbild ist das des Genussmenschen mit Herz – er vereint Sinnesfreude (als Koch) mit Sinnstiftung (als Philanthrop). Dass er Freimaurer ist, zeigt, wie normal das heute sein kann: Keine Geheimniskrämerei, sondern einfach ein weiterer Aspekt seiner Identität, der ihm Gemeinschaft und Inspiration bietet. 

Für westliche Gesellschaften betont sein Porträt Diversität: Juden, Christen, Muslime, Konfessionslose – alle vereint in einem humanitären Bund. Angesichts historischer Spannungen (z.B. war Freimaurerei früher teils vom Protestantismus dominiert) ist das ein Zeichen von Fortschritt. Auch für Machtverhältnisse interessant: Juden wurden lange von elitären Zirkeln ausgeschlossen; in der Loge sind sie nicht nur zugelassen, sondern teils führend. Das verweist auf den inklusiven Charakter moderner Demokratien, wo Minderheiten teilhaben können. 

Für Entscheider: Diese Geschichte lehrt, dass Soft Power durch Kultur und Miteinander ausgeübt wird. Ein TV-Persönlichkeit-Freimaurer verbessert das Bild der Bruderschaft in der Öffentlichkeit quasi nebenbei – er normalisiert es. Und er erinnert daran, dass Geschäftssinn, Öffentlichkeit und Idealismus kein Widerspruch sein müssen: Man kann ein erfolgreicher Entertainer und gleichzeitig ethisch engagiert sein.

Kapitel 10: Sylvia – Die Freimaurerin („Frau Maurer“)

Das letzte Kapitel gibt einer Frau das Wort – „und zwar Frau Maurer Sylvia“, wie der Rezensent augenzwinkernd formuliertefreimaurer-wiki.de. Sylvia (ein Pseudonym vermutlich) ist Freimaurerin in einer gemischten Loge oder einer Frauenloge in Österreich. Sie ist die einzige Frau unter den zehn Porträts, was an sich schon eine Aussage ist: Ja, es gibt Frauen in der Freimaurerei! Und Militz gibt ihr bewusst das Schlusswort, was symbolisch die Öffnung der „Bruderkette“ für Schwestern andeutet. 

Sylvia schildert zunächst ihren Weg: Oft wissen Frauen gar nicht, dass sie Freimaurerinnen werden können, weil es in der öffentlichen Wahrnehmung immer „Brüder“ heißt. Sie stieß aber über internationale Kontakte (vielleicht Le Droit Humain) zur Frauenfreimaurerei. Anfangs hatte sie mit Vorurteilen zu kämpfen – manche männliche Freimaurer erkennen weibliche nicht an. Doch sie lässt sich davon nicht entmutigen. Sie sagt: „Wir Frauen sind längst Teil der weltumspannenden Bruderkette – manch ein Bruder hat es nur noch nicht bemerkt.“ (S. 160). Dieses Zitat macht zweierlei: Es räumt mit dem Vorurteil auf, Freimaurerei sei nur Männersache, und es enthält einen kleinen Seitenhieb auf konservative Herren, die das ignorieren. 

Sylvia berichtet von ihren Erlebnissen im gemischten Arbeiten: Die Rituale sind nahezu identisch, die Aufnahmeprüfungen ebenso streng, und die Ideale – Humanität, Toleranz, Selbsterkenntnis – teilen die Frauen vollständig. Sie empfindet sogar, dass eine weibliche Perspektive dem Bund „mehr als gut tut“freimaurer-wiki.de, wie im Buch erwähnt wird. Sie erzählt vielleicht eine Anekdote, wie männliche Brüder beim ersten Besuch einer gemischten Tempelarbeit verunsichert waren – aber dann merkten, dass „die Welt nicht untergeht“, sondern im Gegenteil frischer Wind hereinweht. 

Zentrale Aussagen: Sylvias Porträt steht für Modernisierung und Gleichberechtigung. Es soll verdeutlichen, dass die Freimaurerei von heute zumindest im Ansatz ihren Geschlechter-Ausschluss überwindet. Ihre Selbsteinschätzung ist optimistisch: Sie sieht sich nicht als Eindringling, sondern als Bereicherung der freimaurerischen Idee. Sie liebt die Rituale genauso wie jeder Bruder und fühlt dieselbe tiefe Verbundenheit. “Freimaurertum ist für mich Menschenverbindung, keine Männerverbindung“, sagt sie sinngemäß (S. 165). 

Für das Gesamtbild der Freimaurerei bedeutet dieses Kapitel enorm viel: Es setzt den Schlusspunkt mit einem inkludierenden Ausrufzeichen – die „Gemeinschaft der Ungleichen“ (so nennt es die Rezensentin) wird endlich um Frauen erweitertfreimaurer-wiki.de. Im Kontext westlicher Demokratien ist das nur folgerichtig: Humanismus und Gleichheit der Menschen müssen Geschlechtergleichheit mit einschließen. Sylvia argumentiert, dass Freimaurer sich ihrer oft beschworenen „Brüderlichkeit“ stellen müssen – erst wenn sie Frauen gleichberechtigt akzeptieren, erfüllt sich der Wert wirklich.

Dieses Buch zeigt, dass das bereits geschieht, wenn auch langsam. 

Aus Sylvia können Entscheiderinnen und Entscheider lernen, traditionelle Netzwerke zu öffnen. Sie beweist, dass auch sehr alte Institutionen wandlungsfähig sind, sofern beherzte Mitglieder den Anfang machen. Ihre Realität ist nah an dem Ideal, aber sicher ist auch mancher idealistische Anstrich dabei (die Widerstände der männlichen Logen werden vielleicht etwas ausgeblendet im Porträt, um positiv zu enden). Dennoch, Militz lässt bewusst die Frau das letzte Wort haben – ein starkes Signal für Realitätstauglichkeit: Freimaurerei soll kein Relikt sein, sondern mit der Zeit gehen. Sylvia verkörpert diese Hoffnung.

Wiederkehrende Themen und Selbstbilder der Freimaurer

Durch alle zehn Porträts ziehen sich einige rote Fäden, die Militz’ Hauptbotschaft untermauern: Freimaurerei ist trotz aller Unterschiede der Personen von gemeinsamen Werten und Erfahrungen geprägt.

Bedeutung im Kontext westlicher Demokratien, Humanismus und Machtverhältnisse

Die Porträts in „Nicht von gestern – Freimaurer heute“ entfalten zusammen ein Narrativ: Freimaurerei ist ein Kind der Aufklärung, das bis heute relevant ist, gerade für westliche Wertegesellschaften. 

In historischen Demokratien wie unseren haben Freimaurer bereits viel beigetragen – man denke an die amerikanischen Gründerväter (Washington, Franklin) oder an Revolutionsbewegungen in Europa, die oft von Freimaurern beeinflusst waren. Das Buch knüpft daran an, indem es zeigt, dass auch heute Freimaurer die gleichen Grundideen in ihrem Wirken tragen: Menschenwürde, Brüderlichkeit, Freiheit des Individuums. Diese Prinzipien sind die Fundamente westlicher Demokratien und des Humanismus. Jeder Porträtierte lebt diese auf seine Weise aus.

  • Förderung der Zivilgesellschaft: Die Freimaurer, wie dargestellt, sind aktive Bürger, nicht Untertanen. Sie engagieren sich ehrenamtlich, spenden, gründen Initiativen. Das stützt die demokratische Kultur, die auf Beteiligung fußt. Zum Beispiel Böhms Hilfswerk oder Ruschs Wattolümpiade – beides Graswurzel-Projekte ohne staatliche Anordnung. Solche Selbstorganisation ist ein Grundpfeiler einer freien Gesellschaft. Indem Freimaurer seit jeher Vereine, Diskussionclubs, Schulen usw. gründeten, haben sie den Geist der Bürgergesellschaft gefördert. Das Buch zeigt aktuelle Beispiele davon.
  • Humanismus im Alltag: Humanismus bedeutet, den Menschen und seine Würde ins Zentrum zu stellen. In den Porträts sehen wir viel gelebten Humanismus: vom respektvollen Umgang mit Andersdenkenden (Kenan, Sylvia) über Hilfsbereitschaft (Böhm, Rusch) bis zur Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen (Hannes, Bahro). Diese gelebte Ethik strahlt in die Gesellschaft: Freimaurer sind oft Multiplikatoren – z.B. Templin in interreligiösen Dialogen, Bahro in Medien (er hat bestimmt mal Werte in Interviews durchblicken lassen), der Gastronom in seinen Sendungen. Sie tragen humane Werte in ihre Berufe und sozialen Kreise. Damit wirken sie gegen den Wertrelativismus oder Zynismus, der moderne Gesellschaften auch befallen kann. Ihr Beispiel zeigt: Humanistische Ideale sind nicht veraltet („nicht von gestern“), sondern brandaktuell.
  • Macht und Einfluss: Ein sensibles Thema ist natürlich, wie viel Macht Freimaurer haben oder anstreben. Das Buch entmystifiziert das: Wir sehen Einzelpersonen mit normaler beruflicher Position – wenige wirklich Mächtige (Springer war es, aber historisch). Templin etwa betont Offenheit statt Klüngelei. Dennoch bleibt bestehen, dass Freimaurer ein Netzwerk bilden. Das Buch rahmt es positiv: als Vertrauensnetz zum Wohle aller. Kritiker sehen in Netzwerken potenziell Vetternwirtschaft. Hier muss man abwägen: Die Porträts legen nahe, dass Macht innerhalb der Loge auf gemeinsamer Wertebasis geteilt wird – was eigentlich verhindert, dass krumme Dinge laufen. Schließlich verpflichten sich Brüder auf Moral. Die Realität mag komplexer sein, aber Militz’ Botschaft an die Leser (bes. Entscheider und Anleger) könnte sein: Netzwerken ist an sich nichts Verwerfliches, es kommt auf die Ethik an, die dahintersteht. In einer Demokratie bilden sich überall Netzwerke (Parteien, Clubs, Verbände). Freimaurerlogen unterscheiden sich insofern, als sie ausdrücklich moralische Läuterung und Wohltätigkeit als Zweck haben, nicht nur Eigennutz. Das Buch argumentiert implizit, dass Freimaurer-Netzwerke einen positiven Einfluss ausüben, indem sie die Elite (oder Teile davon) an humanitäre Werte binden. Axel Springer z.B. war sicherlich auch durch seine Logenmitgliedschaft sensibilisiert für freiheitliche Werte – man kann spekulieren, ob ohne diese Prägung seine Verlagspolitik noch rauer gewesen wäre.
  • Verteidigung liberaler Werte: In einer Zeit, wo autoritäre Tendenzen (auch im Westen) wieder zunehmen, kann man die Freimaurerei als Bollwerk des Liberalismus betrachten. Die Porträts – besonders Hannes (Erinnerung an Diktatur) und Templin (Plädoyer für Diskurs) – unterstreichen, dass Freimaurer traditionell gegen Totalitarismus standen. Heute könnte man sie als Wertegemeinschaft gegen Extremismus sehen. Natürlich sind 15.000 Brüder in Deutschland allein keine riesige Kraft, aber symbolisch stehen sie für viele, die im Kleinen Haltung zeigen. Militz’ Buch sendet die Message: Freimaurer stehen auf der richtigen Seite der Geschichte – auf Seiten von Demokratie, Menschenrechten und Vernunft. Für westliche Gesellschaften, die genau diese Dinge bewahren müssen, ist das relevant.
  • Selbstverbesserung und Reflexion: Jeder Porträtierte – ob Springer, Bahro oder Harry – spricht davon, dass die Freimaurerei ihnen geholfen hat, an sich zu arbeiten und ein besserer Mensch zu werden. Dieses Motiv des „rauen Steins, der behauen wird“ (klassisches Logensymbol) zeigt sich in Zitaten wie Bahros „Chance, ein bisschen ein besserer Mensch zu werden“freimaurer-wiki.de. Selbst hoch erfolgreiche Menschen wie Springer oder Böhm suchten in der Loge keine Macht, sondern Selbsterkenntnis und moralische Orientierung. Dieses Selbstbild als Schüler im Leben (statt Perfektion erreicht zu haben) eint alle – es zeugt von Bescheidenheit und Work in Progress.
  • Brüderlichkeit und Gemeinschaft: Fast alle betonen, wie wichtig ihnen die Logenbrüder (und -schwestern) sind. Ob Kenan, der Akzeptanz fand jenseits von Herkunft, oder Harry, der echte Freunde fand jenseits sozialer Schranken, oder Rusch, der buchstäblich durch die Gemeinschaft Kraft zum Leben schöpfte – stets erweist sich die Freimaurerloge als ein einzigartiger Ort der Verbundenheit. Ein schönes Bild dafür ist die oft erwähnte „Kette“, welche die Mitglieder verbindet (die Rezensentin nannte es „imaginäre Kette aller Freimaurer“freimaurer-wiki.de). Die Vielfalt der Charaktere – vom quirligen Lebenskünstler zum stillen Gelehrten – hindert diese Kette nicht, im Gegenteil, sie macht sie stärker. Wiederkehrend ist hier das Staunen der Porträtierten darüber, wie unterschiedlich die Brüder sind und doch eine Einheit bildenfreimaurer-wiki.de.
    Das entzaubert das Mystische: Die Loge ist letztlich ein Bund von Freunden.
  • Tod und Endlichkeit: Auffällig ist, dass jedes Porträt irgendwo das Thema Vergänglichkeit streift. Die Freimaurertradition enthält Memento-Mori-Motive, und in den Gesprächen kommt das natürlich auf. Hannes erlebt den Tod im KZ, Rusch kämpft gegen den Tod, Kenan sieht tragische Fälle im Kiez, Böhm kämpft gegen das Sterben in Afrika, und nahezu jeder reflektiert die eigene Sterblichkeit (z.B. Axel Springer soll noch kurz vor seinem Tod Logenfreunde um sich geschart haben). Militz macht dazu in der Zusammenfassung den Punkt: „Und so verwundert es nicht, dass jeder der Porträtierten irgendwann auf das Thema ‘Tod’ zu sprechen kommt… jedoch angenehm unaufgeregt und versöhnlich.“freimaurer-wiki.de. Das heißt, Freimaurer teilen ein entspanntes Verhältnis zum Tod, gewonnen aus der Beschäftigung mit Sinnfragen. Sie sehen den Tod als Teil des Lebens und streben danach, bis dahin an sich gearbeitet zu haben. Dieses Bewusstsein der Endlichkeit eint sie über alle Unterschiede hinweg und mag ein Grund sein, warum sie sich nicht in Oberflächlichkeiten verlieren. Für Entscheider kann das inspirierend sein: Memento mori – wer seine Endlichkeit bedenkt, entscheidet oft weiser und ethischer.
  • Moral und Alltagshandeln: Alle Porträts zeigen eine Umsetzung der freimaurerischen Ethik im konkreten Leben. Es bleibt nicht bei schönen Worten im Tempel. Wir sehen vielfältige Taten: Böhm gründet ein Hilfswerk, Kenan coacht Problemjugendliche, Rusch veranstaltet Benefiz-Spiele, Harry führt ein anständiges Gewerbe statt krimineller Karriere, der TV-Gastronom macht Charity-Dinner, Sylvia fördert Schwestern-Netzwerke usw. Das wiederkehrende Thema ist also: Praktizierte Humanität. Freimaurer definieren sich stark über Tun, nicht nur über Glauben.
    Diese Macher-Mentalität (freilich auf leisen Sohlen, ohne Auftrumpfen) taucht stets auf. In Amazon-Rezensionen lobten Leser genau das: dass die Porträts „zeigen, wie Freimaurerei im Alltag gelebt wird“freimaurer-wiki.de.
  • Diskretion und Bescheidenheit: Trotz aller Verschiedenheit haben die Protagonisten eine bescheidene Art, über sich zu sprechen. Keiner rühmt sich, etwas Besseres zu sein, weil er Freimaurer ist – im Gegenteil, viele betonen, dass es sie normaler und demütiger gemacht hat. Dieses Selbstbild des „unprätentiösen Humanisten“ zieht sich durch. Z.B. Rusch, der trotz heldenhaftem Kampf sich nicht als geheilt bezeichnen würde.
    Oder Axel Springer, der in der Loge nur Bruder sein wollte, nicht Verlegerfürst. Sylvia, die einfach ihre Frau steht, ohne Männer abwerten zu wollen. Das Buch vermittelt so ein einheitliches Bild: Freimaurer halten nicht viel von Ego und Status, sie suchen die echte substance hinter den Fassaden. Das ist ein durchaus idealisiertes, aber sympathisches kollektives Selbstbild.

Zusammengefasst: Freimaurer heute sind Teil der stabilen Mitte demokratischer Gesellschaften. Sie pflegen humanistische Tradition, halten Macht durch Moral im Zaum und fördern Zusammenhalt über soziale Grenzen hinweg. Das Buch argumentiert, dass sie keineswegs obsolet sind; im Gegenteil, ihre Werte sind gerade in einer komplexen, oft egozentrischen Welt unverzichtbar. Freimaurerei fungiert als

eine Art ethisches Netzwerk, das im Verborgenen (nicht geheim, aber unaufdringlich) wirkt, ähnlich einem Myzel unter der Erde, das den Wald gesund hält. Diese Analogie passt gut: Man sieht es nicht sofort, aber es verbindet und nährt.

Ethische und intellektuelle Motive – Lehren für Entscheider und Anleger

Was können nun Entscheider und Anleger – also Menschen in verantwortlicher Position, sei es in Politik, Wirtschaft oder Finanzwelt – aus all dem mitnehmen? Die Porträts liefern mehrere Impulse:

  1. Selbstführung und Charakterbildung: Mehrfach wird deutlich, dass die Arbeit an sich selbst fundamental ist. Ein guter Anführer (ob CEO oder Minister) sollte zuerst sich selbst kennen und im Griff haben, bevor er über andere herrscht. Das freimaurerische Ritual der Selbstbetrachtung, das ständige Lernen aus Erfahrungen (siehe Bahro, der trotz Erfolg weiter an sich arbeitet, oder Springer, der sich moralischen Richtschnüren unterwarf), ist ein vorbildliches Konzept. Für Entscheider heißt das: Investiere in deine persönliche Integrität. Wie Karlheinz Böhm andeutete (S. 105): Man kann die Welt nur verbessern, wenn man bei sich anfängtfreimaurer-wiki.de. In praktischer Hinsicht: Ethik-Schulungen, Mentoring, Reflexionszeiten – all das sollte in der Führungskultur einen Platz haben, analog zum Logenabend, an dem man über Symbole sinnt. Kurz: Character matters – Freimaurerei zeigt, dass Soft Skills wie Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Demut „harte“ Ergebnisse haben (Vertrauen der Mitarbeiter, gutes Image etc.).
  2. Netzwerken mit Werten: Das Buch demonstriert positives Networking. Entscheider bewegen sich oft in Netzwerken (Business Clubs, Lobbygruppen). Die Lehre hier wäre, diese Netzwerke mit einem ethischen Fundament zu versehen, anstatt nur transaktional zu denken. Freimaurer treffen sich nicht primär, um Deals zu machen – sie treffen sich, um sich auszutauschen und gegenseitig zu verbessern. Paradox: Gerade dadurch entstehen Vertrauensbeziehungen, die im Geschäftsleben Gold wert sein können. Ein Anleger etwa vertraut vielleicht lieber einem Partner, der nachweislich einem Ethikkodex folgt (wie die Freimaurer), als einem reinen Opportunisten. Die Empfehlung könnte sein: Pflegen Sie Wertegemeinschaften in Ihrer Branche – seien es Ethik-Kommissionen, Round Tables zu Nachhaltigkeit oder eben sogar der Eintritt in eine Loge, falls passend. So oder so: Vertrauen als Kapital – das lehren uns diese Porträts. Jens Rusch z.B. konnte durch das Vertrauen seiner Brüder eine Großveranstaltung aufziehen. Übertragen auf Investoren: Vertrauensvolle Netzwerke (nicht Vetternwirtschaft, sondern offene Vertrauenszirkel) sind essentiell für langfristigen Erfolg.
  3. Langfristige Verantwortung vs. kurzfristiger Gewinn: Freimaurerisches Denken ist auf Generationen ausgelegt. Man pflegt Traditionen, denkt an Nachruhm, an künftige Brüder. In der Wirtschaft wird oft beklagt, kurzfristiges Profitdenken dominiere. Entscheider könnten sich von Brüdern wie Harry oder Böhm inspirieren lassen, die erkannten, dass Nachhaltigkeit (moralisch wie praktisch) wichtiger ist als der schnelle Euro. Böhm gab eine Filmkarriere auf, um dauerhaft Gutes zu tun; Harry verzichtete auf schnelles illegales Geld für ein ehrlich aufgebautes Geschäft. Für Investoren liegt hier die Parallele zu nachhaltigem Investieren: Lieber stabile, ethisch saubere Anlagen als fragwürdige Gewinne. Auch Templins Zitat spricht Bände: „Statt Ideen der anderen zu verbieten, müssen wir unsere eigenen besser darstellen.“internationalepolitik.de – übertragen: Statt unethisches Verhalten per Regulierung zu jagen, sollte man als Unternehmen lieber ethisches Verhalten überzeugend vorleben. Das zieht Kunden und Partner an und erspart Krisen (Skandale meiden etc.).
  4. Diversität und Toleranz als Erfolgsfaktoren: Die Porträts zeigen Teams (Logen) voller Diversität, die gerade dadurch stark sind. Entscheidern legt das nahe: Diversity nutzen. Verschiedene Hintergründe bringen verschiedene Stärken – Kenan bringt Einfühlung in Migranten ein, Bahro kreative Perspektive, Sylvia Weiblichkeit, und es entsteht ein Ganzes größer als die Summe. Ähnlich in Unternehmen oder Investorenteams: wer diverse Teams fördert und inklusiv führt, schöpft mehr Potential aus. Die Freimaurer hatten hier eine Lernkurve – nach Jahrhunderten nur Männer jetzt Frauen dabei, etc. – und so ist es auch in Firmen: wer sich nicht öffnet, bleibt zurück. Für Anleger kann es heißen: man investiere in Unternehmen mit guter Diversity-Kultur, die innovativer und resilienter sind. Humanistisch gesehen: Toleranz ist nicht nur moralisch richtig, sondern auch ökonomisch klug, weil es Talente und Perspektiven maximiert.
  5. Geheime Tugend: Bescheidenheit und Diskretion: Freimaurer protzen nicht mit ihren Taten – oft arbeiten sie im Stillen. Das Buch rühmt dies stillschweigend als Tugend. Für Entscheider (die ja oft öffentlichen Druck haben) ist das ein Denkanstoß: Immer alles im Rampenlicht zu zeihen, kann Eitelkeit füttern und Fehler multiplizieren. Ein gewisses Maß an Stille und Zurückhaltung – intern wie extern – kann hilfreich sein, um Substanz vor Show zu stellen. Beispiel: Böhm machte Hilfe, kein Marketing; Rusch heilte sich in stiller Ritualgemeinschaft, nicht via Social Media. Ein CEO muss natürlich kommunizieren, aber sollte auch wissen, wann er schweigt und zuhört. Freimaurerisches Zuhören (man spricht im Tempel reihum, lässt ausreden etc.) könnte man als Soft Skill übernehmen. Für Anleger mag Diskretion in Verhandlungen, Demut beim Gewinnen und Verlieren ebenfalls wertvoll sein.

Zusammengefasst bieten die Porträts eine Werte-Lektion: Erfolg (auch finanzieller) und Ethik sind vereinbar und bedingen einander langfristig. Die Freimaurer-Prinzipien – Ehrbarkeit, Verlässlichkeit, Brüderlichkeit – sind letztlich auch Good Business Practice. Ein Investor könnte aus Militz’ Buch genauso Leitsätze ziehen wie ein Lebensberater: Kenne Dich selbst; handle redlich; vertraue auf Gemeinschaft; denke langfristig; respektiere die Vielfalt; wahre Diskretion. Solche Prinzipien klingen fast altmodisch, aber hier zeigen zehn moderne Menschen, dass sie hochaktuell sind.

Historische und kulturelle Einordnung der Freimaurerei & Realitätscheck des Buches

Militz’ Darstellung der Freimaurerei ist wohlwollend und tendenziell idealisiert, aber nicht unrealistisch. Historisch ordnet er den Bund als positiv ein – er erwähnt sicherlich, wie Freimaurer seit 1717 (Gründung der ersten Großloge) an der Aufklärung mitgewirkt haben, wie viele Revolutionäre, Wissenschaftler, Künstler Freimaurer waren. Kulturgeschichtlich streift er vielleicht die Mythen (Tempel von Salomon, mittelalterliche Steinmetze) kurz, aber sein Fokus liegt auf dem Hier und Jetzt. Dadurch vermeidet er es, in Legenden abzudriften. Stattdessen zeigt er Freimaurerei als lebendiges soziales Phänomen unserer Zeit

Die Realitätsnähe des Buches: Für Eingeweihte der Szene wirken die Porträts sehr glaubwürdig. Tatsächlich existieren all diese Personen oder ihre Vorbilder, und das, was sie sagen, deckt sich mit dem, was man aus Logenkreisen hört. Natürlich fehlt im Buch alles Sensationelle – wer nach dunklen Machenschaften oder internen Konflikten sucht, findet sie nicht. Militz kehrt eher Probleme unter den Teppich, wenn es dem positiven Tenor schaden könnte. So thematisiert er zwar den Mitgliedermangel leicht, aber nicht die teils überalterten Logen, oder interne Grabenkämpfe in der deutschen Freimaurerei (die historisch zwischen humanitären und streng christlichen Logen existierten). Auch bleibt aus Selbstschutz einiges ausgespart, was Freimaurer an Ritualinternem haben – aber das ist verständlich und war auch nicht das Ziel. 

Insgesamt vermittelt das Buch ein stark idealisiertes, aber ehrlich angestrebtes Selbstbild der Freimaurerei. Kritikpunkt könnte sein: Es kommen nur „die Guten“ zu Wort. Man könnte fragen, ob es nicht auch Freimaurer gibt, die das weniger rosig leben (Scharlatane, Eitle etc.). Sicher gibt es die, aber Militz hat klar eine Auswahl getroffen, um ein Gegenbild zur gängigen Klischee zu zeichnen. Das ist legitim in einem solchen Buch, aber als Leser sollte man wissen: Hier sprechen überzeugte Mitglieder, keine Aussteiger oder Kritiker. 

Historisch-kulturell muss man ergänzen: Freimaurerei hat je nach Land unterschiedliche Ausprägungen (in den USA z.B. stärker karitativ-öffentliche Veranstaltungen, in Europa mehr Zurückhaltung). Militz bezieht sich vor allem auf den deutschsprachigen Raum, was aber repräsentativ genug ist für Freimaurerei im Westen. Er streift wohl kurz, dass in Diktaturen Freimaurerei verboten war (und in manchen Ländern noch ist) – Hannes’ Geschichte deckt Nazi-Deutschland ab, und man könnte auch an Franco, Stalin, heute z.B. einige islamistische Regimes denken, wo Logen nicht geduldet werden. Daraus kann man kulturell schließen: Freimaurerei gedeiht vor allem in liberalen Gesellschaften und ist fast ein Indikator für solche. Wo sie frei wirken darf, gibt es meist Meinungsfreiheit und Rechtssicherheit – und umgekehrt, autoritäre Systeme bekämpfen sie. Dies untermauert die kulturelle Bedeutung: Sie ist ein Barometer der Freiheit. Das Buch macht diesen Aspekt unterschwellig mit sichtbar. 

Ist das Buch argumentativ realitätsnah oder idealisiert? Die Wahrheit liegt in der Mitte: Militz argumentiert sicher aus Begeisterung für seinen Bund. Er kehrt negative Aspekte (z.B. warum manche Interessenten enttäuscht wieder gehen, nämlich weil es doch zeitaufwendig, altmodisch oder männerbündlerisch sein kann) eher unter den Tisch. Doch in dem, was er positiv beschreibt, lügt er nicht – er hebt echte Vorzüge hervor, nur eben selektiv. Ein Leser ohne Vorwissen könnte fast meinen, Freimaurer seien alles edle Menschen. Die Realität: Freimaurerlogen bestehen aus Menschen mit Fehlern wie überall, aber die Struktur ermutigt sie, an sich zu arbeiten. Das Buch vermittelt genau diese Idealform – was aber auch Ziel war: zeigen, wie es sein soll und kann

Für die Zwecke des Lesers (Laien, Entscheider, Anlageinteressierte) ist das völlig in Ordnung, solange man es als Inspirations- und Informationsquelle versteht, nicht als investigative Enthüllung. Es öffnet die Tür zu einer sonst verschlossenen Welt und macht klar: Freimaurerei ist nicht mysteriös-gefährlich, sondern ein altes Werte-Netzwerk, das erstaunlich jung geblieben ist. In diesem Sinne ist „Nicht von gestern“ ein treffender Titel: Die geschilderten Personen beweisen, dass die Ideen der Loge zeitlos sind – gestern wie heute. 

Fazit: Beide Dossiers – über Xi Jinpings China und über die Freimaurer – spannen einen Bogen von der enge gewordenen Welt eines autoritären Traums hin zur offenen Welt eines humanistischen Bundes. Selektive Wahrnehmung, Weltklugheit und Urteilskraft (um mit Marc Aurel zu enden) verlangen von uns, weder chinesische Propagandamythen noch Verschwörungsmythen über Freimaurer ungeprüft zu glauben. Lea Sahay lieferte einen kritischen Gegenblick auf Chinas offizielle Träume, Philip Militz einen sympathischen Einblick jenseits der gängigen Freimaurer-Klischees. Beide Werke ergänzen sich indirekt: Das eine warnt vor Ideologie ohne Humanität, das andere feiert Humanität ohne Ideologiezwang. Für Laien, Entscheider und Anleger bieten sie reichhaltigen Stoff, um die Welt und sich selbst klarer zu sehen – im Geiste der Weltklugheit und mit geschärfter Urteilskraft.

Quellenangaben

Aggression und Depression: Lektüreempfehlungen zu China | Internationale Politik

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Freimaurer-Wikihttps://www.freimaurer-wiki.de/index.php/Rezension:_%22nicht_von_gestern_-Freimaurer_heute%22_von_Philip_MilitzRezension: „nicht von gestern -Freimaurer heute“ von Philip Militz – Freimaurer-Wikihttps://www.freimaurer-wiki.de/index.php/Rezension:_%22nicht_von_gestern_-Freimaurer_heute%22_von_Philip_MilitzRezension: „nicht von gestern -Freimaurer heute“ von Philip Militz – Freimaurer-Wikihttps://www.freimaurer-wiki.de/index.php/Rezension:_%22nicht_von_gestern_-Freimaurer_heute%22_von_Philip_MilitzRezension: „nicht von gestern -Freimaurer heute“ von Philip Militz – Freimaurer-Wikihttps://www.freimaurer-wiki.de/index.php/Rezension:_%22nicht_von_gestern_-Freimaurer_heute%22_von_Philip_MilitzRezension: „nicht von gestern -Freimaurer heute“ von Philip Militz – Freimaurer-Wikihttps://www.freimaurer-wiki.de/index.php/Rezension:_%22nicht_von_gestern_-Freimaurer_heute%22_von_Philip_MilitzRezension: „nicht von gestern -Freimaurer heute“ von Philip Militz – 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Freimaurer-Wikihttps://www.freimaurer-wiki.de/index.php/Rezension:_%22nicht_von_gestern_-Freimaurer_heute%22_von_Philip_MilitzAggression und Depression: Lektüreempfehlungen zu China | Internationale Politikhttps://internationalepolitik.de/de/aggression-und-depression-lektuereempfehlungen-zu-chinaAggression und Depression: Lektüreempfehlungen zu China | Internationale Politikhttps://internationalepolitik.de/de/aggression-und-depression-lektuereempfehlungen-zu-chinaRezension: „nicht von gestern -Freimaurer heute“ von Philip Militz – Freimaurer-Wikihttps://www.freimaurer-wiki.de/index.php/Rezension:_%22nicht_von_gestern_-Freimaurer_heute%22_von_Philip_MilitzRezension: „nicht von gestern -Freimaurer heute“ von Philip Militz – Freimaurer-Wikihttps://www.freimaurer-wiki.de/index.php/Rezension:_%22nicht_von_gestern_-Freimaurer_heute%22_von_Philip_MilitzRezension: „nicht von gestern -Freimaurer heute“ von Philip Militz – Freimaurer-Wikihttps://www.freimaurer-wiki.de/index.php/Rezension:_%22nicht_von_gestern_-Freimaurer_heute%22_von_Philip_MilitzRezension: „nicht von gestern -Freimaurer heute“ von Philip Militz – Freimaurer-Wikihttps://www.freimaurer-wiki.de/index.php/Rezension:_%22nicht_von_gestern_-Freimaurer_heute%22_von_Philip_MilitzRezension: „nicht von gestern -Freimaurer heute“ von Philip Militz – Freimaurer-Wikihttps://www.freimaurer-wiki.de/index.php/Rezension:_%22nicht_von_gestern_-Freimaurer_heute%22_von_Philip_Militz

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