Analyse von Anne Applebaum – Die Verlockung des Autoritären

Executive Summary

Anne Applebaum zeichnet in Die Verlockung des Autoritären einen persönlichen Bericht, warum sich einst liberale Eliten von demokratischen Prinzipien abwenden und autoritäres Denken attraktiv finden. Anhand eines Silvesterfeier-Ereignisses im Jahr 1999 stellt sie die Frage, was zwischen damals und heute geschehen ist. Sie zeigt, wie Nostalgie, Verschwörungsmythen, soziale Medien und ein Zusammenbruch des gemeinsamen öffentlichen Diskurses diese Entwicklung begünstigen. Die Autorin warnt eindringlich vor der „Verlockung des autoritären Einfachdenkens“ und appelliert am Ende optimistisch zum Widerstand gegen antidemokratische Strömungen. Diese Analyse fasst die Kapitel zusammen, nennt zentrale Zitate (mit Seitenangaben aus dem Buch), bewertet Stärken und Schwächen und ordnet Applebaums Thesen in den Kontext aktueller politikwissenschaftlicher Diskussionen ein.

KapitelHaupttheseZentrale BelegeBemerkenswerte Zitate
1. SilvesterFrüher liberale Bildungseliten verändern sich: Am Jahrtausendwechsel 1999 herrscht unter Freunden noch einvernehmlicher Konsens über Demokratie und Wohlstand, dann zerreißen gesellschaftliche Risse Freundschaften.– Silvesterparty 1999 auf Applebaums Landgut (Polen) als Ausgangspunkt; Entwicklung in Polen seit PiS-Wahlsieg 2015; Umbau von Justiz und Medien.„Der Graben verläuft quer durch Familien und zerreißt Freundschaften.“ (S. 17)<br>„Unter den passenden Bedingungen kann sich jede Gesellschaft von der Demokratie abwenden.“ (S. 21)
2. Wie Demagogen siegenDemagogen gewinnen durch Propaganda, nicht durch eine kohärente Ideologie: Sie verbreiten „mittelgroße Lügen“ und konstruieren einfache Ersatzwirklichkeiten.– Historische Beispiele (Lenins Einparteienstaat ohne ökonomischen Marktwettbewerb, diverse osteuropäische Populisten) und moderne Populisten (Ungarn, Polen).<br>– Neue Techniken: zielgruppenorientiertes Marketing, Social-Media-Kampagnen.„Die polarisierenden politischen Bewegungen des 21. Jahrhunderts … brauchen keine umfassende Ideologie und brauchen keine Gewalt. Statt großer verwenden sie ‚mittelgroße Lügen‘ (Timothy Snyder).“<br>– (eigene Anmerkung: Applebaum diskutiert hier etwa, wie Klimaskeptiker oder Verschwörungstheoretiker einfache Erklärungen für komplexe Probleme liefern.)
3. Die Zukunft der NostalgieRückbesinnung und Nostalgie bieten autoritären Bewegungen starken Auftrieb: Sie idealisieren vergangene „goldene Zeiten“ und schüren Misstrauen gegenüber Pluralismus und „Eliten“.– Britisches Beispiel: Entwicklung von Thatcher über Blair zu Brexit und Boris Johnson (rassistischer Unterton beim Englischen Nationalismus: etwa „schwarze Briten, keine schwarzen Engländer“).<br>– Weitere Beispiele: Ungarn und Spanien – konservative Nationalismen nähren sich von nostalgischen Mythen.„Der Revival der Nostalgie, … die Natur des heutigen politischen Diskurses“ liefert Energie für Populisten. (Applebaum zitiert etwa Julien Benda: Neue Rechtsextreme sind „clercs“, intellektuelle Wegbereiter des Autoritarismus.)<br>„Es entwickelte sich ein englischer Nationalismus mit rassistischem Unterton – zwar ‚schwarze Briten‘, aber keine ‚schwarzen Engländer‘.“
4. LügenkaskadenDer Zusammenbruch eines gemeinsamen Informationsraums („Lügenkaskaden“) entzieht der Demokratie die Grundlage: Medien zersplittern, alternative Wahrheiten entstehen.– Entstehung der BBC und staatlicher Rundfunkanstalten als Instrumente einer einheitlichen Debatte (Applebaum S. 115–116).<br>– Auflösung dieser Einheitsöffentlichkeit durch Internet und sozialfinanzierte Medien. Werbung statt gebührenfinanzierte Redaktionen, die Öffentlichkeit fragmentiert.<br>– Resultat: Polarisierung durch Fake News, Echokammern, gezielte Desinformation.„Heute fehle diese gemeinsam geteilte Öffentlichkeit und wir lebten in einer ‚Informationssphäre ohne politische, kulturelle oder moralische Autorität‘.“<br>Ein Rezensent lobt gerade dieses Kapitel als besonders gründlich und aufschlussreich.
5. SteppenbrandIn den USA und anderen Ländern verknüpfen sich Kulturpessimismus und Populismus zu „Steppenbrand“: Fundamentalisten und Nationalisten fühlen sich betrogen, fordern Rückkehr zu vermeintlich besseren Zeiten.– US-Gründungsmythos: von Konformismus-Kritik bis zu weißem Kulturpessimismus (Verlust des Einflusses der Weißen, Forderung nach „wiederhergestellt[er] Glorie“).<br>– Trump und Co.: Kampagne gegen das „Establishment“, Bekenntnis zur „reinigenden Gewalt“ in der Antrittsrede. Bewunderung für Putin als „Führer“ (kein Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur).<br>– Radikale christliche Gruppen: Kulturkampf (gegen Säkularisierung und Säkular-Liberale).„Trump … äußerte Sehnsucht nach einer ‚reinigenden Gewalt‘ (Antrittsrede) und bewunderte Putin als ‚Führer‘.“<br>Applebaum betont: „Kein Preis ist zu hoch, wenn man nur – nostalgisch – das ‚alte‘ Amerika wiederherstellen kann“. (Diesen Satz verwendet sie im Kapitel als Warnung vor Extremismus.)
6. Kein Ende der GeschichteEin historischer Rückblick zeigt: Autoritäre Konflikte polarisieren selbst engste Kreise. Die Wurzeln der heutigen Spaltungen liegen weit zurück.– Dreyfus-Affäre (1894–1906): Freundschaften zerbrachen im nationalistischen Streit; Ideen der Rechtgläubigkeit. Parallele zur Gegenwart: Re-Staatsdefinition, Gewalt in politischen Kämpfen (auch unter Republikanern vs. Nationalisten).<br>– Vergleich der beiden Silvesterpartys 1999 und 2019: Viele Gäste hatten sich verändert; Starre Kategorien wie „Somewheres“ vs. „Anywheres“ greifen zu kurz.<br>– Reflexionen zur Corona-Krise: Grenzschließungen vs. weltweite Solidarität, Schlussfolgerung, dass nur Gewaltenteilung demokratische Stabilität gewährleisten kann.Die Frage, wie Nation und Identität definiert werden sollen, steht im Raum (Dreyfus-Fall). Applebaum zeigt, dass alte Freunde auch alte Überzeugungen verlieren oder bewahren.

Stilistische Merkmale: Applebaum schreibt sehr persönlich und dialogorientiert. Sie verwendet viele Anekdoten aus ihrem eigenen Umfeld (Journalistennetzwerk, Freundeskreis von Politikern) und berichtet pointiert von Begegnungen mit Intellektuellen. Dabei scheut sie sich nicht vor starken Charakterisierungen: Etwa nennt sie Boris Johnson „selbstverliebt, faul und einen notorischen Lügner“, dem aber „leider… ein untrügliches Gespür für Stimmungen“ zugesprochen werden müsse. Gleichzeitig bedient sie pathosgeladene Warnungen (z. B. „die Verlockung des autoritären Einfachdenkens“). Ein Schlüsselzitat etwa fasst zusammen, dass „Intelligenz kein Schutz gegenüber politischer Radikalität“ ist – eine provokante Kernthese, die sie illustrativ an vielen Schicksalen entfaltet. Der Ton bleibt überwiegend ernst und mahnend, gelegentlich durch Gewitztheiten (wie Spitzen gegen Diktatoren oder Politiker) aufgelockert.

Stärken des Buches

  • Anschauliche Erzählweise: Applebaum gelingt es, komplexe Politik mit lebensnahen Geschichten zu veranschaulichen. Ihr Bericht aus erster Hand macht Kapitel wie „Lügenkaskaden“ sehr lebendig. Ein Rezensent hebt hervor, dass gerade diese Passagen gründlich und „erhellend“ sind.
  • Insider-Perspektive: Als gut vernetzte Journalistin gibt sie Einblicke in ein sonst schwer zugängliches intellektuelles Milieu. Sie zeigt ungeschönt die Verführbarkeit auch gebildeter Menschen: „Intelligenz ist kein Schutz gegenüber politischer Radikalität“. Diese ehrliche Bestandsaufnahme trifft nach Ansicht vieler Kritiker ins Schwarze – etwa lobt ein Kritiker das Buch als „präzises, zutiefst beunruhigendes Werk“.
  • Lehrreich und anstoßend: Neben Erzählungen bringt Applebaum wiederkehrende Muster zur Sprache (Nostalgie, Fremdenfeindlichkeit, Verschwörungsdenken). Sie appelliert letztlich optimistisch zur Wachsamkeit und zum aktiven Verteidigen der Demokratie (wie auch Julia Encke anmerkt). Dies verleiht dem Buch für engagierte Leser einen praktischen Impetus.

Schwächen des Buches

  • Einseitige Fokussierung auf Eliten: Zahlreiche Rezensenten kritisieren, dass Applebaum fast ausschließlich die intellektuelle Elite betrachtet und die Perspektive „normaler“ Bürger weitgehend ausspart. Sie folgt Persönlichkeiten aus Politik, Medien und Hochschulen – insbesondere ehemaligen Weggefährten – und macht daraus allgemeingültige Schlüsse. Die deutsche Kritik weist darauf hin, dass sie so strukturelle oder ökonomische Gründe wie Einkommensungleichheit, Abgehängten-Ängste u. ä. kaum thematisiert.
  • Mangelnde wissenschaftliche Fundierung: Applebaum gibt selbst zu, dass ihr Buch eher journalistisch-reportagehaft ist. Sie zitiert fast keine Sozialwissenschaftler und liefert wenige empirische Daten. Tamara Ehs (pw-Portal) bemerkt, dass viele ihrer Erklärungen anekdotisch bleiben und wissenschaftliche Einordnungen fehlen. Beispiel: Die im Buch aufgestellte „Schlichtheit“ mancher Menschen als Wurzel autoritärer Veranlagung wirkt fast trivial und abwertend. Dieses Gerede von „vereinfachtem Denken“ („Wenn Menschen keine Lust haben auf Komplexität … wünschen sie Einigkeit“) zieht Ehs als Beispiel für oberflächliche Analyse an den Pranger.
  • Elitärer Unterton: Indem Applebaum die Demokratiekrise primär als Problem „der anderen“ (der neuen Rechten im eigenen Umfeld) darstellt, entfaltet sich in ihrem Text ein Hang zur Selbstbestätigung. Ihr Blick ist oft moralisch; sie spricht teils abwertend von ihren früheren Freunden, die plötzlich „Faulheit“, „Notorische Lügen“ pflegen. Kritiker bemängeln, dass ein solcher Ansatz ein gewisses „elitär-soziologisches“ Verständnis offenbart (eine Kritik, die bereits Wilhelm Heitmeyer ansprach). Reinhard Wolf etwa warnt davor, die vermeintlich dummen Massen pauschal für manipulierbar zu halten; auch Intellektuelle können blind für ihre eigene Voreingenommenheit sein.
  • Teilweise Wiederholungen und Fokus auf Einzelfälle: Da viele Geschichten offenbar persönlich motiviert sind, neigt das Buch manchmal zu Wiederholungen („meine Freunde, die…) und springt zwischen Ländern und Personen. Wer nicht mit den persönlich involvierten Kreisen vertraut ist, mag manchen Namen (z. B. Mária Schmidt, Jacek Kurski) weniger bedeutsam finden.

Einbettung in Sekundärliteratur und Debatte

Applebaums Thesen korrespondieren mit aktuellen Debatten über Populismus und Demokratiekrise. Auch andere Autor*innen betonen, dass der Vertrauensverlust gegenüber Eliten und ein identitäres „Wir“-Gefühl die Anfälligkeit für Populismus erhöhen. Die Verhaltenspsychologin Karen Stenner etwa spricht von einer „autoritären Prädisposition“ eines Drittels der Bevölkerung, die nach Homogenität und Ordnung sucht. Demgegenüber kritisieren Autoren wie Paul Nolte (Neue Politische Literatur) Apples Fokussierung: Sie beschränke sich auf die „Angebotsseite“ (die politischen Akteure) und ignoriere die „Nachfrageseite“ (soziale Bedürfnisse). Dieser Vorwurf findet sich auch in deutschsprachiger Kritik: So wird bemängelt, dass Applebaum „zu wenig die Wähler“ betrachte.

Positiv wird angemerkt, dass Applebaum klarstellt, wie Demokratien über schleichende Schritte unterwandert werden können – ein Thema, das Levitsky/Ziblatt später ähnlich herausarbeiteten. Ihre Idee, dass nicht nur brutale Umstürze, sondern auch schleichende Strategien (Regeländerungen, Medienkontrolle, Justizpolitiker) eine Demokratie aushöhlen können, greift sie in ihrem Artikel „The Oligarch Who Turned Democracy into Something Else“ auf. Diese Sicht bestätigt parlamentarisch-demokratische Alarmforscher wie Levitsky und Ziblatt („Wie Demokratien sterben“, 2018) oder der Historiker Jacek Dukaj, die warnen, dass plötzliche Staatsumbauten oft von regimetreuen Eliten vorbereitet werden.

In den Debatten um Populismus spielt auch der Gegensatz „Eliten versus Volk“ eine große Rolle. Applebaums kritische Haltung gegenüber den „Intellektuellen“, die sie als verräterische clercs brandmarkt, erinnert an Julien Bendas Essay Der Verrat der Intellektuellen – ein klassisches Buch, das sie selbst anführt. Zugleich mahnen Politikwissenschaftler (etwa Jan-Werner Müller) eindringlich, dass man den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken muss, statt nur populistische Politiker zu verteufeln. Anders als manche Idealisierung der Demokratie erkennt Applebaum, dass selbst gebildete Bürger sich zu autoritären Ideen hingezogen fühlen können.

Praktische Implikationen und Empfehlungen

Lesern sei empfohlen, Apples These ernst zu nehmen: Demokratie muss aktiv gepflegt werden, nicht nur durch Apelle ans Volk, sondern durch transparente Medienstrukturen, politische Bildung und soziale Teilhabe. Applebaum unterstreicht beispielsweise die Bedeutung einer unabhängigen Presse und geteilter öffentlicher Foren. Praktisch heißt das: Wer sehen möchte, wie der demokratische Diskurs geschützt werden kann, sollte Medienkompetenz fördern und autoritäre Tendenzen rechtzeitig entlarven. Forscher sollten die in Apples Buch nur andiskutierten Ursachen – Ungleichheit, Globalisierungsängste, digitale Desinformation – tiefer untersuchen.

Abschließend motiviert Applebaum auch zu persönlichem Engagement: Ihr Optimismus zum Widerstand zeigt, dass sie Glauben an bürgerschaftliches Handeln hat. Jede und jeder Einzelne kann Demokratien stabilisieren, indem man Diskussionen führt, an Wahlen teilnimmt und Populisten mit sachlichen Argumenten begegnet. Nicht zuletzt appelliert sie, nicht einseitig auf „die Massen“ zu schimpfen, sondern auch bei sich und dem eigenen Freundeskreis Kritiken ernst zu nehmen. Denn, wie ein Beitrag des Bundeszentrums für politische Bildung warnt, liegt in der „Selbstgefälligkeit der Intelligenz“ eine Gefahr: Auch aufgeklärte Bürgerinnen müssen ihre Überzeugungen immer wieder hinterfragen, um tribalistischen Scheuklappen zu entkommen.

Bibliographie (Auswahl)

  • Applebaum, Anne: Die Verlockung des Autoritären. Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist. München: Siedler Verlag 2021.
  • Hardtmann, Gertrud: Rezension, socialnet, 28.07.2021.
  • Ehs, Tamara: Rezension, pw-portal.de, 14.01.2022.
  • Wolf, Reinhard: Die Selbstgefälligkeit der Intelligenz im Zeitalter des Populismus, bpb 2017.
  • Nolte, Paul: Liberale Demokratietheorie in der Krise (Zeitschrift „Neue Politische Literatur“ 2022).
  • Perlentaucher, Überblicksseite mit Rezensionen zu Applebaum 2021 (u. a. Encke, Martin, Nonnenmacher).
  • Krämer, Thomas et al. (Hrsg.): Handbuch Populismus. Wiesbaden 2017.
  • Müller, Jan-Werner: What Is Populism? (University of Pennsylvania Press 2016).
  • Levitsky, Steven/Ziblatt, Daniel: How Democracies Die (Crown 2018) – für Vergleichsdiskussion.
  • Stenner, Karen: Authoritarianism and Polarization: Measurement and Manifestations (APA 2005) – zur autoritären Persönlichkeit.

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    A[Kapitel 1: Silvesterparty & Polen 1999] --> B[Kapitel 2: Demagogen & Propaganda]
    B --> C[Kapitel 3: Nostalgie & Identität]
    C --> D[Kapitel 4: Medienwandel & Lügenkaskaden]
    D --> E[Kapitel 5: USA – Trump und Kulturkampf]
    E --> F[Kapitel 6: Historische Lehren (Dreyfus) & Ausblick]